Follow:
Essays

Diversity und Inklusion im historischen Roman

Vor einigen Wochen habe ich über “Bridgerton” und den Mythos der “historischen Korrektheit” in Historienmedien geschrieben. Heute am “Diversity Tag” möchte ich das Thema noch einmal auf den Tisch bringen, denn besonders in Spaces für Schreibende und Lesende wird über Diversity und Inklusion immer wieder diskutiert. Dabei fällt die historische Fiktion oft unter den Tisch, nicht selten aus der Annahme heraus, es habe im Europa der Vergangenheit nicht viele BIPoC gegeben und alle anderen marginalisierten Identitäten hätte man verstecken müssen. Die moderne Diversity-Diskussion betrifft das historische Genre nicht, so denkt man jedenfalls.

Tatsächlich ist es jedoch längst an der Zeit, dass wir uns besonders in diesem Genre mit dem Thema auseinandersetzen. Deshalb möchte ich heute darüber sprechen, warum wir die Geschichte marginalisierter Menschen zurück in die historische Fiktion schreiben müssen – und wie das gelingen kann. Denn sie fehlt in historischer Fiktion nicht etwa, weil es sie nicht gegeben hat. Sie fehlt, weil sie über Jahrzehnte bewusst ausgelassen wurde: Die Unterschlagung von positiver marginalisierter Geschichte und der Fokus auf Unterdrückung und Leid sind ein Werkzeug der Diskriminierung, das auch in der Geschichtswissenschaft viel zu lange angewendet wurde. Es nimmt modernen marginalisierten Menschen ihre historische Identität, die wichtiger für uns ist, als uns oft bewusst ist.

Geschichtsbilder: Ausgrenzung, Entscheidungen und Verantwortung

Geschichte ist etwas, mit dem wir behutsam umgehen müssen, besonders in der Fiktion. Denn für viele Leser_innen sind unsere Darstellungen von Geschichte der einzige Berührungspunkt mit historischen Menschen und Epochen, aus dem sie ihr Geschichtsbild ziehen. Ähnlich wie unsere Gegenwart sind auch historische Epochen voll von Unterdrückung, sozialen Ungerechtigkeiten, Krieg und Vertreibung und Diskriminierung. Wie wir über diese Dinge schreiben, wie wir sie für unser modernes Publikum aufarbeiten, beeinflusst nicht nur, wie unsere Leser_innen die Vergangenheit sehen, sondern auch ihren Blick auf die Gegenwart und ähnliche Problematiken, die uns bis heute verfolgen. 

Deshalb kann Repräsentation von marginalisierten Gruppen, wenn sie gut geschrieben ist, bestärken, Identität spenden und ein Geschichtsbild fördern, in dem marginalisierte Menschen einen Platz finden. Sie kann aber auch, und leider ist das im Moment deutlich häufiger der Fall, Geschichtsbilder heraufbeschwören, in denen Marginalisierte eben nicht “dazu gehören”, immer nur Leid erfahren und den Kürzeren ziehen. Das macht nicht nur etwas mit dem Selbst- und Geschichtsbild marginalisierter Leser_innen, denen ein Teil ihrer Geschichte abgesprochen wird. Es hat auch verheerende Auswirkungen auf nicht selbst marginalisierte Leser_innen, denn es grenzt aus und sagt: “Schaut, das ist unsere Geschichte und die gehören nicht dazu.” 

Schreibende haben immer eine gewisse Verantwortung für das, was sie veröffentlichen. Und wir, die historische Romane schreiben, haben immer Verantwortung für die Geschichtsbilder, die wir unseren Leser_innen mitgeben. Wer die Existenz marginalisierter Menschen in seiner historischen Fiktion auf die negativen Aspekte reduziert, tut das schließlich nicht im Dienste einer “historischen Korrektheit”, die vor allem in Fiktion niemals existieren kann. Es ist unsere eigene Entscheidung als Autor_innen was wir schreiben und wie wir Menschen darstellen und diese Entscheidungen, diese Verantwortungen, können wir nicht auf das vage Konzept der “historischen Korrektheit” abwälzen als hätte jemand unsere Hand geführt. 

Power and Agency: Historische Machtverhältnisse im Historienroman

Links: Junge Frau, 1880er | Mitte: Paar, 1880er | Rechts: Junge Frau, ca. 1900

Was passiert genau, wenn marginalisierte Menschen in historischer Fiktion auf die negativen Aspekte ihrer Existenz reduziert werden? Klischees, wie die LGBTQ-Person, die ein Leben lang unglücklich ist, weil sie ihre Identität verstecken muss, oder die BIPoC-Figur, die überall nur rassistisch motivierte Ablehnung erfährt, sollen oft Diskriminierung ankreiden, stützen am Ende aber genau die Mechanismen, aus denen auch heute noch diskriminiert wird. Denn wen zeige ich als Gewinner, wen zeige ich als triumphierend, wenn eine marginalisierte Figur an ihrer Diskriminierung zerbricht, während es für die Täter_innen keinerlei Konsequenzen gibt? Wem gebe ich damit die Macht in die Hand und wem nehme ich sie weg?

Deshalb sind positive Darstellungen, die über Diskriminierung und Leid weit hinausgehen, so wichtig. Liegt am Ende die Macht und vor allem die Selbstbestimmung in den Händen der marginalisierten Figuren, triumphieren sie über ihre Unterdrücker_innen, erschafft das nicht nur Geschichtsbilder, in denen Platz für positive marginalisierte Geschichte ist, es setzt vor allem auch ein Zeichen gegen moderne Diskriminierung: Täter_innen gewinnen nicht immer und sie werden vor allem nicht durch ein Geschichtsbild validiert, das auf ihrer Seite ist, indem es sie als ständige Gewinner_innen darstellt, die für ihre diskriminierenden Taten und teilweise Verbrechen keinerlei Konsequenzen erfahren, während ihre Opfer daran zu Grunde gehen. 

Wer marginalisierte Figuren im historischen Roman positiv und vor allem komplex und facettenreich repräsentiert, wer ihnen die eigene Selbstbestimmung und die Chance auf ein glückliches Leben lässt, gibt marginalisierten Leser_innen im gleichen Zug die Chance, sich ein Stück ihrer historischen Identität zurückzunehmen. Natürlich ist in diesem Kontext auch hier die Förderung von Own-Voices-Autor_innen wichtig: Autor_innen, die selbst marginalisiert sind und endlich die Chance bekommen, die Geschichte ihrer Community aus der eigenen Perspektive und ohne Fremdzuschreibungen zu erzählen. Auch das ist ein Stück Power, ein Stück Agency, das zu lange gefehlt hat. 

“Historische Korrektheit” als Werkzeug der Unterdrückung

Links: Junge Frau, ca. 1910 | Mitte: Der britische Box-Star Peter Jackson, 1889 | Rechts: Paar, ca. 1900

Der Gedanke, dass positiv gezeigte marginalisierte Geschichte nicht “historisch korrekt” sei, hält sich jedoch leider hartnäckig. Wir sollten uns hierbei aber überlegen, für wen wir schreiben. Wir sind Menschen des 21. Jahrhunderts, genauso wie unsere Leser_innen, und im besten Fall sollten wir inklusiv für alle schreiben wollen. Tatsächlich sind Romane, in denen marginalisierte Menschen nur Diskriminierung und Leid erfahren, für selbst marginalisierte Leser_innen aber oft unlesbar: Denn ähnliche Diskriminierung besteht heute auch noch und kaum jemand liest gern über Leid, das er_sie selbst erfährt, besonders, wenn alles auf ein negatives Ende hinausläuft.

Darüber hinaus ist das Konzept der “historischen Korrektheit” außerdem komplett kaputt, denn es wird auffällig oft angewandt, wenn es um die negative Darstellung marginalisierter Figuren geht oder gar um die Verteidigung eigener diskriminierender Denkmuster (viele Histo-Autor_innen bestehen zum Beispiel auf das Nutzen von diskriminierender Sprache), und auffällig selten, wenn zum Beispiel das arme Bauernmädchen den reichen Grafen heiratet. So selektiv, wie das Konzept “historische Korrektheit” angewendet wird, hat es so oder so keinen Nutzen mehr, schon gar nicht aber, wenn das, was für “historisch korrekt” gehalten wird, ebenfalls stark von diskriminierendem Bias, der natürlich auch in der Geschichtswissenschaft existiert, beeinflusst wird.

“Historisch korrekt” ist am Ende nicht, was 100% so passiert ist, denn in einem fiktiven Roman können wir diesen Anspruch niemals erfüllen. “Historisch authentisch” ist, was so passiert sein hätte können. Und in historischen Welten ist genug Platz für positiv dargestellte marginalisierte Figuren, die genau wie alle anderen Figuren trotz Rückschlägen ihr Glück finden dürfen und am Ende triumphierend aus der Geschichte gehen. Vor allem ist im historischen Roman immer Platz für positive Aspekte von marginalisierter Geschichte: Sehr reale historische (Sub)kulturen, Errungenschaften und Erfolgsgeschichten. Wer diese unterschlägt um nur Leid und Diskriminierung zu zeigen, ist nicht besonders “historisch korrekt”, sondern vor allem selbst diskriminierenden Mustern auf den Leim gegangen.

Ausblick: Das Genre in Zukunft

Die Geschichte marginalisierter Menschen gehört zur Europäischen Geschichte dazu, und zwar nicht nur die negativen Seiten, sondern auch alles Positive. Es ist ein Armutszeugnis, dass die historische Fiktion diese historische Realität bis heute nicht spiegelt. Vor allem aber ist es an der Zeit, die negative Behandlung marginalisierter Menschen im historischen Roman als das zu benennen, was sie ist: Diskriminierung. Kein Kavaliersdelikt, schon gar kein notwendiges Übel im Namen irgendeiner selektiv angewendeten “historischen Korrektheit”. Das sollten nicht nur Autor_innen verinnerlichen, sondern auch Leser_innen, die viel zu oft beide Augen zudrücken.

Tatsächlich tut sich seit einigen Jahren etwas, aber vor allem auf dem englischsprachigen Markt, wo marginalisierte Autor_innen immer öfter die Chance bekommen, aus eigener Perspektive über die Geschichte ihrer Communities zu schreiben. Auch auf der großen und der kleinen Leinwand wird marginalisierte Geschichte immer positiver und bestätigender in historische Filme und Serien einbezogen. Besonders im deutschsprachigen historischen Roman ist es aber noch ein langer Weg weg von diskriminierenden Klischees und Darstellungen hin zu komplexen, positiven Geschichten über marginalisierte Menschen. Ich hoffe, ich konnte euch heute ein wenig helfen zu verstehen, warum diese Entwicklung so wichtig und notwendig ist. 

Share on
Previous Post Next Post

No Comments

Leave a Reply