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“Das Kaffeehaus: Bewegte Jahre” von Marie Lacrosse

Wien in den 1880er-Jahren: Die junge Sophie von Werdenfels flüchtet aus der tristen Atmosphäre ihres Elternhauses so oft wie möglich in die Pracht des Kaffeehauses ihres bürgerlichen Onkels. Dort lernt sie Richard von Löwenstein kennen, einen persönlichen Freund des Kronprinzen Rudolf. Während sich die beiden verlieben, schwärmt Sophies beste Freundin Mary für den verheirateten Kronprinzen. Ungeachtet aller Warnungen Sophies, lässt sich Mary sogar auf eine Affäre mit Rudolf ein. Und niemand ahnt, dass dadurch das Kaiserreich in seinen Grundfesten erschüttert wird …


Inhaltswarnung
Suizid, Mord, Grooming, Antisemitismus, Body Shaming und Essstörungen

Meine Gedanken

Die Kaffeehäuser der Belle Époque, Wien in den 1880er Jahren und der Mayerling-Skandal… Das ist eine Mischung, der ich nicht widerstehen konnte, weshalb ich “Das Kaffeehaus: Bewegte Jahre” angefragt habe. Seit längerem vermisse ich im Genre schließlich “richtige” historische Romane – Also historische Romane, in denen tatsächlich die Epoche und ihre Menschen im Vordergrund stehen und nicht eine lauwarm erzählte Familiengeschichte. Ich hatte gehofft, dass “Das Kaffeehaus” so ein Roman sein würde. Und das war er auch, in einigen Dingen. In anderen Dingen bleibe ich leider eher enttäuscht zurück. Und das ist vor allem mein Problem und nicht das Problem des Romans.

Es ist aber durchaus ein Problem des Genres, das nur noch sehr wenig Historie liefert, sehr wenig Eintauchen in vergangene Epochen, sehr wenig Buntes, Interessantes, aber dafür ganz viel Klischee. “Das Kaffeehaus” liefert am Ende eben doch deutlich weniger Kaffeehauskultur oder Gesellschaft des fin de siècle, aber für meinen Geschmack zu viel konstruiertes Drama und halbgare Konflikte, wie man es aus dem Genre eben leider auch kennt. Natürlich ist das immer eine Frage des Geschmacks. Am Ende habe ich mir von “Das Kaffeehaus” irgendwie mehr erwartet. Alles, was ich wollte, war im Ansatz da, aber einfach nicht da genug.

Die adelige Kellnerin und die Wiener Gesellschaft

Im Mittelpunkt des Romans steht Sophie von Werdenfels, die als Adelige im Debütantinnenalter eigentlich ganz andere Dinge tun sollte als heimlich im Kaffeehaus ihres Onkels zu kellnern. Genau das tut Sophie jedoch, ohne, dass sich die feine Gesellschaft daran stößt oder auch nur hinter vorgehaltener Hand lästert. Was Sophie tut wäre für ihre Familie extrem rufschädigend gewesen. Stattdessen lamentiert Sophie in diesem Roman jedoch, dass eine Adelige ihres Standes nichts allein darf (was so schwarz-weiß-gedacht natürlich auch nicht stimmt), in der Praxis hat Sophies Brechen der gesellschaftlichen Regeln aber keine Konsequenzen.

Ganz generell steckt in “Das Kaffeehaus” durchaus Potential für Belle-Époque-Atmosphäre und interessanten Kontext, doch beides verschwindet leider wie so oft hinter den Genreklischees, ohne die es anscheinend wirklich nicht mehr geht. Der größte Minuspunkt ist hier in meinen Augen Sophie als Protagonistin, denn sie mag als Beobachterin der Entwicklungen Ende 1888 funktionieren, hat aber selbst kaum etwas zur Handlung beizutragen. Sophie ist eine klassische Protagonistin, wie man sie aus dem Genre kennt: Jung, schön und eigensinnig steht sie dafür ein, was sie sich wünscht und knickt unter den Erwartungen von Familie und Gesellschaft nicht ein.

Sophie ist in diesem Sinne mittlerweile ein Klischee, denn denselben Archetypus findet man in beinahe jedem ähnlichen Roman. Genau das macht “Das Kaffeehaus” zumindest für mich auch deutlich schwächer als der Roman hätte sein können. Denn es geht nicht nur um Sophie, das Kaffeehaus und Sophies Schritt in Richtung Freiheit. Marie Lacrosse nimmt sich außerdem einem tatsächlich passierten historischen Ereignis – und Skandal der Belle Époque – an, der mich schon lange sehr interessiert: Mayerling. Und hier gerät “Das Kaffeehaus” für mich leider wirklich ins Schleudern, denn die Umsetzung sorgt bei mir für einige Fragen. 

Mayerling: Mary Vetsera und Kronprinz Rudolf

Rechts: Mary Vetsera, ca. 1887 | Links: Kaffeehaus Griensteidl, Reinhold Völkel, 1896

Wenn es um historische Ereignisse geht, gibt es keine Spoiler. Trotzdem nehme ich in den folgenden Abschnitten Teile der Handlung des Romans vorweg, indem ich über historische Begebenheiten spreche, die erst am Ende des Buches passieren. Ihr seid gewarnt. Während die Heldin Sophie fiktiv ist, ist es ihre beste Freundin Mary nämlich nicht. Mary Vetseras Ermordung in Folge eines Suizidpaktes in Mayerling erschütterte im Januar 1889 die europäische High Society in ihren Grundfesten. Marys Leben und vor allem der auf ihren Tod folgende Skandal sind so bezeichnend für die Zweischneidigkeit der Epoche, dass sie beinahe schon symbolisch wirken. 

Mary stammte aus einer erst kürzlich in den Adelsstand erhobenen Familie und war für die Epoche sehr typisch zur perfekten adeligen Debütantin erzogen worden. Im Alter von siebzehn Jahren traf sie im November 1888 auf den 30-jährigen Kronprinzen Rudolf (Sohn der berühmten Sisi) und begann eine Affäre mit ihm. Drei Monate später waren beide tot: Am 31. Januar 1889 wurden die Leichen im Jagdschloss Mayerling entdeckt. Das Paar hatte einen doppelten Suizid geplant, der darauf hinauslief, dass Rudolf erst Mary und dann sich selbst erschoss. Was genau in Mayerling in der Nacht des 30. Januars passierte, bleibt ungeklärt. 

Während Marys Affäre mit Rudolf früher in historischen Medien oft romantisiert wurde, gilt es unter Historiker:innen als Konsens, dass Mary für Rudolf, der nicht allein sterben wollte, Mittel zum Zweck war: Er schlug den doppelten Suizid erst seiner wirklichen Geliebten, der Schauspielerin Mizzi Kasper, vor, die den Vorschlag jedoch für einen Scherz hielt. In der minderjährigen, unerfahrenen Mary, die den Kronprinzen (wie viele Mädchen damals) wie einen Popstar verehrte, fand er ein leichter manipulierbares Mädchen, dem er die große Liebe vorspielte. Der Journalist Georg Markus schrieb, dass Mary zweimal starb: Einmal in Mayerling und einmal durch die Vertuschung des Skandals, die sie unsichtbar machte. 

Die fehlende Balance: Düstere Geschichte und Kaffeeklatsch

Marie Lacrosse macht im Umgang mit Mary Vetsera viel richtig: Sie romantisiert die Affäre mit Rudolf nicht und sie zeigt Rudolf als sehr mächtigen Mann, der ein minderjähriges Mädchen in eine Beziehung mit ungleichen Machtverhältnissen zieht und schließlich ermordet. In diesen Teil des Romans ist sehr viel Recherche geflossen, sehr viel historisches Detail, was mir auch gut gefallen hat. Ich wünsche mir im historischen Roman immer mehr Fingerspitzengefühl und mehr Sensibilität im Umgang mit schwierigen Themen. Beides ist hier deutlich eher gegeben als in vielen anderen Büchern. Trotzdem bleibe ich unsicher zurück.

Mary Vetsera hat im echten Leben immer die zweite Geige gespielt: Für ihre Familie, für Kronprinz Rudolf, für die Österreichische High Society, die ihren Tod und den Skandal um jeden Preis vertuschen wollte: Sie brachten Marys Leiche heimlich aus Mayerling fort und beerdigten sie genauso still und heimlich in einer Nacht-und-Nebelaktion, ließen selbst ihre Mutter Eleni lange im Dunkeln über das Schicksal ihrer Tochter. Auch in “Das Kaffeehaus” ist Mary nicht die Heldin – das ist die fiktive Sophie – sondern beinahe schon eine Nebenfigur, deren Geschichte zwar gut recherchiert und angemessen düster erzählt wird, aber doch eher ein Nebenschauplatz ist.

Für mich geht die Rechnung, die “Das Kaffeehaus” aufstellt, leider nicht auf. Eine Geschichte wie die von Mary Vetsera und Mayerling ist kompliziert. Sie hat gesellschaftliche und politische Zusammenhänge und Konsequenzen, die in einem historischen Unterhaltungsroman mit Kaffeehaus-Feel-Good nur zu kurz kommen können. Und genau das passiert hier leider. Das Potential schimmert überall zwischen den Seiten hervor, doch zumindest für mich wurde vieles viel zu oberflächlich behandelt, besonders im Hinblick darauf, dass das Erzählte tatsächlich geschehen ist. Mary Vetseras Fall ist sehr düster, sehr traurig, doch das geht zwischen Torte und Kaffee etwas unter.

It’s me, not you… Wirklich

Mary Vetsera verdient es, die Heldin ihrer eigenen Geschichte zu sein: Aktiv, nicht länger passiv, in einem Roman über Mary und Kronprinz Rudolf und Mayerling, nicht über ein Kaffeehaus und eine fiktive Sophie. Am Ende sind Mary und ihre Geschichte ein Ergebnis der Gesellschaft und des Frauenbilds der Belle Époque und genau deshalb sollten sie – und eine komplexe Auseinandersetzung damit – im Mittelpunkt stehen. “Das Kaffeehaus” ist gut recherchiert und gut erzählt. Doch der Roman möchte am Ende trotzdem ein typischer Historienroman über eine eigenständige junge Frau – Sophie – sein, gemütlicher Kaffeehausschwank, und das passt für mich nicht zusammen.

Deshalb bleibe ich zwischen den Stühlen zurück, denn ich bin nicht ganz sicher, was ich hier mitnehmen sollte. Und auch das liegt sicherlich vor allem an mir, denn für mich geht entweder Kaffee-und-Kuchen-Feel-Good oder das Aufarbeiten einer realen historischen Figur wie Mary Vetsera und ihrer gesellschaftlichen und politischen Umstände. Am Ende wünsche ich mir wohl, dass dieser Roman ein Roman über Mary gewesen wäre und über die Ereignisse und gesellschaftlichen Muster, die zu Mayerling geführt haben, aber natürlich heißt das Buch nicht umsonst “Das Kaffeehaus”, denn auch darum geht es und das nicht wenig. 

“Das Kaffeehaus” ist einer der besseren Historienromane, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Er ist gut recherchiert und gut erzählt und liefert vor allem gute Unterhaltung, wenn man dramatische Verwicklungen und zwischenmenschliche Konflikte mag, was ich tue. Gleichzeitig lässt mich der Roman aber auch schlicht und ergreifend ratlos zurück, denn ich kriege die Thematik rund um Mary und Mayerling einfach nicht mit leckerem Kuchen, Sophie als typisch quirliger Histoheldin und dem Kaffeehaussetting auf eine Karte. Der Roman ist lockere Unterhaltung. Aber sollte ein Roman über so ein Thema lockere Unterhaltung sein? Diese Frage bleibt bei mir. Allen Interessierten würde ich das Buch aber trotzdem nicht ausreden wollen.


Weitere Meinungen

Rezension bei Histolicious


Vielen Dank an BloggerPortal und Goldmann für das Rezensionsexemplar. 


Bewegte Jahre | Das Kaffeehaus #1 | 978-3-442-20597-4 | 736 Seiten | deutsch

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