Heute möchte ich mal etwas ganz anderes versuchen. Inspiriert von Seitenglück, die sich auf ihrem Blog schon verschiedene Genres und deren Covertrends angeschaut hat, soll es hier heute um Covertrends bei historischen Romanen gehen, aber auch um die Evolution dieser Cover und vor allem um die unterschiedliche Vermarktung unterschiedlicher Inhalte. Wie werden historische Romane vermarktet? Für wen? Und vor allem: Seit wann und wieso genau auf diese Art?

Diesen Post wollte ich schreiben, weil ich das Gefühl hatte, dass historische Romane im Jahr 2020 irgendwie alle “gleich” aussehen. Das ist an sich auch normal, denn natürlich soll ein Wiedererkennungswert hergestellt werden. Ähnliche Bücher aus ähnlichen Genres haben ähnliche Cover, damit potentielle Leser_innen auf einen Blick erkennen können, welche Bücher sie in die Hand nehmen und sich näher ansehen sollten. Im historischen Roman gibt es dabei aber tatsächlich verschiedene Richtungen, in die das gehen kann: “Alle gleich” stimmt so nicht.


Der historische Roman und das Stigma der Trivialliteratur

Eine Unterscheidung, die oft im Marketing gemacht wird und die sich auch durch die Beispiele, die ich rausgesucht habe, herauskristallisieren wird, ist die zwischen “reiner Unterhaltungsliteratur” und “anspruchsvollen” historischen Romanen. Diese Unterscheidung zwischen Unterhaltungs- und ernsthafter Literatur schlägt sich im historischen Roman schon seit der Anfangszeit des Genres stark nieder, denn der historische Roman gilt schon immer als eher anspruchslose Trivialliteratur, die Geschichte verklärt und keinen größeren Mehrwert hat.

Noch vor wenigen Jahrzehnten wurden historische Romane oft mit den einschlägigen Heftromanen in Verbindung gebracht, die man am Bahnhof kaufen konnte. Hin und wieder erschien ein großer “ernstzunehmender” historischer Roman: “Der Medicus” von Noah Gordon (1987), “Die Säulen der Erde” von Ken Follett (1989), “Die Päpstin” von Donna Woolfolk Cross (1996). Alles andere fiel unter Fernerliefen. So funktioniert das Genre heute (zum Glück) längst nicht mehr und das hat sich auch auf die Cover ausgewirkt. 

Ich möchte gar nicht so tun als wäre der Vorwurf der Trivialität komplett von der Hand zu weisen, finde ihn aber besonders im Jahr 2020 nicht mehr ganz fair. Denn das ist ein Thema, das viele Problematiken mitbringt: Wer entscheidet eigentlich, was Anspruch hat und was nicht und nach welchen Kriterien? Wessen Romane werden als anspruchsvoll und ernsthaft gewertet? Wieso muss so eine Unterscheidung überhaupt gemacht werden? Dieses Thema ist ein eigenes Essay wert, doch anschneiden wollte ich es gern, da es die Covergestaltung verschiedener historischer Romane stark beeinflusst – und eben auch unsere Leseentscheidungen.


Der Schicksalsroman: Die Sehnsucht und der Blick in die Ferne

“Die Porzellanerbin: Unruhige Zeiten”, Florian Busch (Goldmann, 2020) | “Die Krankenschwester von St. Pauli: Tage des Schicksals”, Rebecca Maly (Piper, 2020) | “Der Duft der weiten Welt”, Fenja Lüders (Lübbe, 2019)

In den letzten Jahren ist dieser Covertyp wohl der beliebteste gewesen: Die Frau im historisch anmutenden Kleid, meistens als Rückenansicht, die unter blauem Himmel zu einem Gebäude, einer Stadt oder einer Landschaft hinüberblickt – je nach Inhalt des Romans passend ausgewählt. Diese Cover sind oft auffällig bunt und pittoresk gehalten. Sie zeigen meistens romantische Landschaften, brillante Sonnenuntergänge oder herrschaftliche Gutshäuser und Paläste. Auch die Titel dieser Romane ähneln sich oft. Schlagwörter wie Schicksal und Hoffnung kommen oft vor, sowie Anspielungen auf unruhige oder sich verändernde Zeiten, Aufbruch und Neuanfang.

Da dies im Moment die Trendthemen des Genres sind, ist das natürlich auch kein Wunder. Die beliebte gesichtslose Rückenfigur wird oft als eine Art Self-Insert interpretiert: Die Leser_innen sollen sich selbst in die Rolle der Protagonistin hineinträumen. Ich habe da aber persönlich eine andere Interpretation, denn die Frau, die über eine schöne Landschaft oder zu einem großen Anwesen blickt, blickt auch immer in die Ferne. In diesen Romanen geht es oft um Sehnsucht, Veränderung und Frauen, die kämpfen, um ihre Träume zu verwirklichen. Der sehnsuchtsvolle Blick in die Ferne drückt genau das natürlich sehr gut aus.

Covertrends haben natürlich auch immer etwas mit den Trends innerhalb des Genres zu tun. Der dramatische, episch aufgezogene Schicksalsroman war im historischen Genre schon immer beliebt, hat aber in den letzten Jahren richtig an Fahrt aufgenommen. Die Geheimzutat ist wohl eine gewisse Prise Nostalgie und – in vielen Fällen – auch romantische Verklärung von gerade noch so greifbaren Vergangenheiten. Beides lässt sich auch gut an den gewählten Covermotiven erkennen. In dieser “neuen” Richtung des historischen Romans verwischen sich nicht umsonst endgültig Genregrenzen: Sind diese Romane überhaupt noch historische Romane? Dazu gibt es viele unterschiedliche Meinungen.


Der Mittelalterroman: Ein Genre bleibt sich treu

“Die Kräuterhändlerin”, Beate Maly (Ullstein, 2020) | “Das Spiel der Ketzerin”, Manuela Schörghofer (HarperCollins, 2021) | “Der Chirurg und die Spielfrau”, Sabine Weiß (Bastei Lübbe, 2020)

Der deutsche Mittelalterroman ist spätestens seit Iny Lorentz’ Erfolgsroman “Die Wanderhure” von 2004 nicht mehr wegzudenken und tatsächlich ist sich dieses Untergenre des historischen Romans – zumindest was die Cover angeht – treu geblieben. Das (spätestens) unterhalb der Augen abgeschnittene Gesicht einer jungen Frau in mittelalterlich anmutender Kleidung ist seit bald 20 Jahren beinahe schon ein Muss des Mittelalterromans. “Neu” ist in dem Sinne nur, dass mittlerweile Fotos von echten Frauen in Kostümen genutzt werden, nicht mehr Bildausschnitte aus historischen Porträts (dazu später mehr). 

Der “Mittelalterroman” hat im Genre nicht umsonst fast schon eine Art Sonderstellung, denn zu Beginn des 21. Jahrhunderts war er das Trendthema im historischen Roman. Wer erinnert sich nicht an die Diskussionen über die immer gleichen “-innen”-Titel? Zum typischen Mittelalterroman gehört neben dem mittelalterlichen Setting allerdings auch schon ein Plot, der sich um ein dramatisches Frauenschicksal dreht, eine Liebesgeschichte und auch recht oft eine Art Cinderella-Effekt, bei dem eine Frau aus einfachen Verhältnissen am Ende das Herz eines reichen Mannes gewinnt und selbst zu Geld und Ansehen kommt.

Die Vermarktung des Mittelalterromans funktioniert im Prinzip ähnlich wie das Phänomen des Mittelaltermarktes: Ein bisschen romantisiertes Mittelalter muss dabei sein (was nicht heißen soll, dass das auch auf die Inhalte der Romane immer zutrifft). Auch diese Cover sind sehr oft auffällig bunt – die Farben wirken leuchtend und intensiv – und deshalb sehr ansprechend. Eines ist bei einem gut gemachten Cover dieser Art immer auf den ersten Blick glasklar erkennbar: Hier geht es, in irgendeiner Weise, um das Mittelalter. Und das ist natürlich auch der Sinn dieser Cover.


Der “anspruchsvolle” historische Roman: Wappen und Siegel

“Glencoe”, Charlotte Lyne (Bastei Lübbe, 2012) | “Das Salz der Erde”, Daniel Wolf (Goldmann, 2013) | “Der erste König”, Sabrina Qunai (Goldmann, 2020)

Ein historischer Roman, der als “anspruchsvoller” vermarktet werden soll, ist meistens daran zu erkennen, dass keine Figuren auf dem Cover abgebildet sind: Stattdessen wird ein neutraler Hintergrund gewählt, sehr oft eine antik wirkende Papier- oder Pergamentoptik. Im Mittelpunkt steht meistens der Titel selbst und/oder ein schlichtes Deko-Element, das etwas über den Inhalt aussagt, wie ein Wappen, ein Schmuckstück, ein illuminierter Buchstabe oder dergleichen. Diese Formel wird schon relativ lang angewendet um einen Roman als anspruchsvoller und somit besser recherchiert, weniger trivial und ernstzunehmender zu kennzeichnen.

Der Unterschied zur reinen Unterhaltungsliteratur liegt allerdings selten in der Umsetzung, sondern oft eher im gewählten Schwerpunkt: Habe ich einen Roman mit einem solchen Cover in der Hand, weiß ich, dass sich der Roman sehr wahrscheinlich eher mit historischen Hintergründen und einschneidenden Ereignissen beschäftigen wird als mit dem Einzelschicksal seiner Figuren. Es wird um Dynastien gehen, um große Kriege und Schlachten, um politische Entwicklungen und vor allem meistens entweder um historisch belegbare Persönlichkeiten, oder um fiktive Personen, die viel mit historisch belegbaren Persönlichkeiten zu tun haben und in reale historische Ereignisse hineingezogen werden.

Aus eigener Erfahrung kann ich jedoch sagen, dass ein nüchternes, anspruchsvoll wirkendes Cover kein Garant dafür ist, dass der Roman auch gut recherchiert und erzählt ist. Stattdessen ist auch dieser Covertyp eher ein Hinweis auf den Inhalt. Historische Romane mit dieser Art Cover sind sehr oft groß aufgezogene Epen, die sich viel mit Gesellschaft und Politik einer Epoche befassen, weniger mit den Einzelschicksalen der handelnden Figuren. Am Ende erfüllen auch diese Cover vorrangig denselben Zweck, wie andere Cover: Sie sollen den Leser_innen auf den ersten Blick verraten, was sie vom Inhalt des Romans erwarten können.


Die (kurze) Evolution des historischen Romancovers

“Die Safranhändlerin”, Helga Glaesener (Weltbild, 1997) | “Die Puppenspieler”, Tanja Kinkel (Goldmann, 1995) | “Die Hexe von Paris”, Judith Merkle Riley (Ullstein, 2003)

Dass die Cover von historischen Romanen heute anders aussehen als vor zwanzig Jahren, hat natürlich vor allem damit zu tun, dass Romancover heute generell einen anderen Stellenwert haben, als in den 1990ern und frühen 2000ern. Das liegt daran, dass Bildbearbeitung heute so einfach ist wie nie zuvor, es liegt aber wohl auch daran, dass das Angebot ebenfalls größer ist als nie zuvor: Die Konkurrenz auf dem Buchmarkt ist größer und das Cover ist das Aushängeschild eines Romans, das die Leser_innen dazu überreden soll, genau diesen Roman in die Hand zu nehmen (oder in Onlineshops anzuklicken), nicht den, der daneben liegt.

Sich die Entwicklung der Cover im historischen Roman anzusehen, ist genau deshalb sehr spannend, denn bis in die frühen 2000er waren die Cover historischer Romane tatsächlich “alle gleich”: Es wurde ein Gemälde ausgewählt, das ungefähr zur Epoche der Geschichte passte und entweder eine Person oder eine Stadtansicht zeigte. Irgendwo hier um das Jahr 2005 kristallisiert sich dann langsam der neue Trend heraus: Entweder eine Frauenfigur, oft immer noch gemalt, oder eben das schlichte Cover mit dem Wappen, Siegel oder einzelnen Gegenstand.

Dass die Cover des historischen Romans seit den 1990er Jahren hochwertiger geworden sind, hängt sicherlich auch damit zusammen, dass besonders die “reine historische Unterhaltung” nicht mehr auf Groschenromanniveau als Heft am Kiosk reduziert wird, sondern als schön aufgemachtes Taschenbuch mit mehr Inhalt. Ob das gut oder schlecht ist, kommt stark auf die Leser_innen an, die man fragt, und natürlich auch auf die Inhalte der einzelnen Romane, denn sie sind nicht alle gleich, auch, wenn die Cover sich ähneln. Eine Problematik, die daraus jedoch entstanden ist, spricht Histolicious in ihrem Post Generationenwechsel an. 


Schlusswort: Was kommt als nächstes?

Die gebundene und die Taschenbuchausgabe im Vergleich: “Schwert und Krone: Meister der Täuschung”, Sabine Ebert (Knaur 2017 & 2018)

Am Ende bleibt deshalb natürlich zu sagen, dass Cover eben doch einfach eine Marketingstrategie sind. Nicht immer kann man am Cover wirklich ablesen, welchen Inhalt das Buch tatsächlich hat, denn das Buch soll schließlich von einer bestimmten Gruppe Leser_innen gekauft werden, auch, wenn der Inhalt vielleicht anders ist als das, was die Leser_innen gewohnt sind. Cover sind oft das erste, was wir von einem Buch kennenlernen und der erste Eindruck zählt: Stimmt das Cover nicht, lesen wir oft gar nicht erst den Klappentext.

Und manchmal ändern sich auch die Zielgruppen, die ein Cover ansprechen soll: So war das Cover der Hardcoverausgabe von Sabine Eberts Roman “Schwert und Krone: Meister der Täuschung” für eine komplett andere Zielgruppe gestaltet als das Cover der Taschenbuchausgabe. Der Inhalt blieb natürlich gleich. Und auch ältere Titel, die beliebt bleiben, durchlaufen hin und wieder verschiedene Cover, die den neuen Covertrends im Genre entsprechen und auch nicht immer dieselbe Zielgruppe ansprechen sollen, wie das Cover der letzten Ausgabe: Der Markt verändert sich schließlich ständig.

Ich bin gespannt, welche Trendthemen, -epochen und Covertrends der historische Roman in den nächsten Jahren noch erkunden wird. Hier und da zeichnen sich jetzt, Ende 2020, nämlich schon wieder neue Covertrends ab, die ich im Auge behalten werde. Ich hoffe, euch hat dieser kleine Exkurs in die Welt der historischen Romancover gefallen. Welche Covertypen mögt ihr am liebsten? Und deckt sich das mit eurem Geschmack bei historischen Romanen? Lasst es mich ruhig in den Kommentaren wissen.


Beitragsbild: Historische Romancover, chronologisch aufgereiht von 2008 bis heute