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Historische Romane

“Das Dornental” von Anna Romer

Queensland: Nahe des Zeltplatzes in einem Wildpark findet die Journalistin Abby Bardot ein ohnmächtiges junges Mädchen. Abby fällt sofort deren Ähnlichkeit mit mehreren jungen Frauen auf, die vor einigen Jahren im selben Wildpark tot aufgefunden wurden. Die Fälle wurden nie aufgeklärt, der benachbarte Ort Gundara hüllt sich in Schweigen. Dann verschwindet das gerettete Mädchen spurlos, und Abby macht sich gemeinsam mit dem Krimiautor Tom auf die Suche nach ihr. Doch als beide in Toms Haus ein verborgenes Zimmer entdecken, wird Abby mit den Dämonen ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert …


Triggerwarnung:
PTBS, Traumata, sexualisierte Gewalt (angedeutet), Suizid

Meine Gedanken

Auf “Das Dornental” hatte ich mich sehr gefreut, denn Anna Romers neuer Krimi bringt vieles mit, was ich mag: Gothic-Stimmung, ein altes Herrenhaus, ein interessantes Setting und einen unheimlichen Kriminalfall, der sich über mehrere Jahrzehnte zieht. Denn im Wildpark Blackwater in Australien verschwinden seit Jahrzehnten immer wieder junge Frauen und vor zwanzig Jahren wurden die Leichen zweier der Mädchen entdeckt. Die Ich-Erzählerin Abby hat eine eigene Verbindung zu Blackwater und den Entführungen und auch den Bestsellerautoren Tom, der das alte Herrenhaus Ravenscar am Rande des Wildparks gekauft hat, verbindet etwas mit dieser Gegend.

Am Anfang war ich begeistert von “Das Dornental”: Abby und Tom entdecken in Ravenscar bald ein unheimliches, verstecktes Zimmer, in dem eine Tagebuchseite aus den 1940er Jahren liegt: Zwei Mädchen wurden schon damals in Ravenscar gefangen gehalten. Abbys Ich-Perspektive in der Gegenwart wechselt sich mit Einträgen aus Frankies Tagebuch aus den 1940er Jahren ab, sowie mit Kapiteln aus der Sicht der fast 80-jährigen Lil, die ebenfalls von der Vergangenheit Blackwaters eingeholt wird. Mir hat genau das zu Beginn sehr gut gefallen, denn durch die verschiedenen Perspektiven hat es Spaß gemacht, die Informationen, die nach und nach ans Licht kamen, zusammenzusetzen.

Leider hielt meine Begeisterung nicht allzu lang an, denn sobald sich Abby und Tom kennenlernen, wird es zumindest mir zu kitschig. Tom ergeht sich von Anfang an in Beschreibungen davon, wie toll Abby ist und als Abby etwas später auch damit anfing, hat mir das den Roman kaputt gemacht. Denn über ihre Schwärmereien für Tom, die ich übrigens auch nicht nachvollziehen konnte, denn Tom ist schlecht gelaunt und lebt im Dreck, als Abby das erste Mal nach Ravenscar kommt, vergisst sie ohne Witz für 200 Seiten komplett, dass sie nicht nur einen Entführungsfall aus den 1940ern lösen wollte, sondern auch einen sehr aktuellen.

Abby ist die einzige, die nach Shayla sucht, einem Mädchen, von dem alle denken, es wäre weggelaufen. Abby hat Shayla bewusstlos und blutend im Wildpark gefunden und wieder verloren – redet sich dann aber ein, Shayla wäre mittlerweile bestimmt wieder zuhause, damit sie ungestört in ihrem neugefundenen Liebesglück mit Tom schwelgen kann. In der zweiten Hälfte des Romans wird einem eine kitschige Romanze präsentiert, die den eigentlichen Plot komplett ausbremst. Die Höhe war das kurze Kapitel aus Shaylas Sicht, wie sie eingesperrt und hungrig um ihr Leben bangt, abgelöst von einem Kapitel von Tom und Abby, wie sie verliebt über den Herbstmarkt schlendern. Ja, alles klar.

Wenn die Liebesgeschichte den Plot aushebelt

Liebesgeschichten und Krimis können natürlich zusammen funktionieren, hier funktioniert es aber eben nicht, weil die Heldin über die Romanze komplett vergisst, was sie eigentlich tun sollte. Hinzu kommt, dass mir Toms und Abbys Herangehensweise an die Entführungen überhaupt nicht gefallen haben. Mehrere Mädchen seit den 1940er Jahren sind in Blackwater durch die Hölle gegangen und sogar ermordet worden, aber für Abby ist alles nur eine interessante Schnitzeljagd, für Tom nur die Inspiration für seinen neuen Thriller, den er schreiben will. Bei beiden hat mir einfach das Bewusstsein für den Ernst der Lage gefehlt, besonders, da Shayla während der Ereignisse verschwunden und in Lebensgefahr ist.

Auch die Auflösung hat mich enttäuscht zurückgelassen, da ich sie sehr unglaubwürdig fand und zudem dem ernsten Thema nicht wirklich angemessen, da sie sehr reißerisch und auf den Schockfaktor ausgelegt daherkam. Der Umgang mit PTBS war in meinen Augen auch eher lasch und nicht wirklich gelungen. Hier hatte ich von der Autorin einfach mehr erwartet. Es lässt sich so zusammenfassen, dass das Potential für alles an sich da war, aber die Liebesgeschichte viel zu viel Raum einnimmt und alles andere dahinter verblasst und schnell abgehandelt wird.

Hinzu kommt, dass ich das Thema des Romans – Es geht viel um Vergebung – nicht besonders toll umgesetzt fand. Zum Beispiel kommt die Theorie auf, dass Frankie ihrem Entführer vergeben und sich in ihn verliebt haben könnte, und Abby nimmt einfach hin, dass das eine Art Happy End wäre. Dass es Sachen gibt, die nicht vergeben werden können – zum Beispiel über Jahre in einem winzigen Zimmer eingesperrt werden – kommt nicht so wirklich auf den Tisch und es merkt auch niemand an, wie unheimlich die Vorstellung ist, die 15-jährige Frankie könnte mit ihrem deutlich älteren Entführer (!) glücklich geworden sein.

Generell hat der Roman absolut ein Problem mit ungesunden Altersunterschieden. Dass Lil mit 16 einen Mann in seinen späten Zwanzigern geheiratet hat, kommt auch nicht auf den Tisch. Lil und Joes lange Ehe wird als die tollste, romantischste Liebesgeschichte des Romans präsentiert. Dass es zwischen Teenie-Mädchen und erwachsenen Männern vielleicht ein ungleiches Machtgefälle geben könnte, besonders, wenn das Mädchen wie Lil traumatisiert ist… egal. Dass man sich mal fragt, was ein erwachsener Mann von einem Teenager will… egal. Tolle Romanze, oder so. Von einem Buch von 2019 hätte ich da einfach eine sensiblere Herangehensweise an ungefähr alles erwartet.

Erste Hälfte volle Punktzahl, zweite Hälfte enttäuschend

Am Ende hätte “Das Dornental” ein Volltreffer für mich werden können, denn eigentlich sind Gothic-Krimis mit interessantem Setting wie dem verwilderten Wildpark Blackwater genau mein Ding, besonders, wenn sie auch eine historische Komponente haben. Leider haben mir die lasche und oft auch in meinen Augen etwas problematische Herangehensweise an so sensible Themen wie Entführung und Tötung junger Mädchen, Traumata und soziale Missstände nicht besonders gut gefallen. Auch die Liebesgeschichte, die in der zweiten Hälfte den eigentlichen Plot komplett überschattet, fand ich zu kitschig und vor allem uninteressant, da sie den Krimiteil ausgebremst hat.

“Das Dornental” bringt viel Spannendes mit, aber alles wirkt am Ende nicht gut genug durchdacht. Sehr gefallen haben mir jedoch der Schreibstil der Autorin und die unheimliche, sehr eigene Atmosphäre. Anna Romer beschreibt den Wildpark und das Herrenhaus Ravenscar sehr lebendig. Deshalb werde ich es sicherlich nochmal mit einem anderen Buch der Autorin probieren, doch während mir die erste Hälfte von “Das Dornental” richtig gut gefallen hat, konnte die zweite Hälfte wegen der Liebesgeschichte, dem lapidar abgearbeiteten Kriminalfall und der enttäuschenden Auflösung leider nicht mithalten. Trotzdem würde ich allen Leser.innen, die sich für den Roman interessieren, raten, sich ein eigenes Bild zu machen.


Vielen Dank an BloggerPortal und den Goldmann-Verlag für das Rezensionsexemplar. 


Das Dornental | Goldmann, 2019 | 978-3-442-48715-8 | 496 Seiten | deutsch | Übersetzer.innen: Robert de Hollanda, pociao | Australische OA: Under the Midnight Sky, 2019

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