London 1900: Matilda Gray ist Lehrerin an einer Mädchenschule und führt das Leben einer unabhängigen Frau. Als ihre Lieblingsschülerin Laura nicht mehr zum Unterricht erscheint, ahnt Matilda, dass diese in Gefahr ist. Zu plötzlich ist ihr Verschwinden, zu fadenscheinig sind die Begründungen des Vormunds. Eine verschlüsselte Botschaft, die ihr Laura auf einer Postkarte schickt, bringt Matilda auf die Spur des Mädchens. Ihre Suche führt sie zu dem Historiker Stephen Fleming und mit ihm zu einem jahrhundertealten Geheimnis, tief hinein in die verborgensten Winkel der Stadt.


Meine Gedanken

Ich habe erst vor ein paar Wochen Susanne Gogas anderen historischen Roman “Der verbotene Fluss” gelesen. Während ich “Der verbotene Fluss” sehr gern gelesen habe, aber eher unaufdringlich fand, geht “Das Haus in der Nebelgasse” von Seite eins an unter die Haut und handelt von Themen, die ich im historischen Roman noch nicht so oft gesehen habe. Als Historikerin und Archäologin hat mir natürlich besonders der Bezug zur Londoner Geschichte gut gefallen, aber auch darüber hinaus macht “Das Haus in der Nebelgasse” ein paar schöne Sachen, die man in der historischen Fiktion nicht so oft sieht.

Wie viele von Susanne Gogas Romanen weist auch dieser hier eindeutige Schauerromanelemente auf. Matilda Gray ist im Jahr 1900 Lehrerin an einer Mädchenschule in London. Als die intelligente, aufgeweckte Laura nach den Ferien nicht zurück an die Schule kommt und stattdessen mit einem mysteriösen Vormund nach Europa reist, macht Matilda sich Sorgen. Und bald darauf erhält sie Post von Laura, in der Laura ihr ein Rätsel stellt, das Matilda unbedingt lösen muss, wenn sie sichergehen will, dass es Laura gut geht. Die Suche nach Lauras Geheimnis führt sie dann in die Geschichte des 17. Jahrhunderts. Diese Idee ist spannend und anders und zudem wunderbar düster und interessant umgesetzt.

Kalte Herbsttage und viktorianischer Feminismus

Susanne Goga hat hier zumindest für mich genau ins Ziel getroffen, denn die Autorin verwebt Matildas Gegenwart – das fin de siècle – mit meiner anderen Lieblingsepoche: Der Restaurationszeit in England, Mitte des 17. Jahrhunderts. Im Prolog trifft man auf Katie, die im Jahr 1665 kryptische Andeutungen macht und etwas versteckt. Was, das bleibt erstmal offen. Im Jahr 1900 findet Matilda am Anfang des Romans in Lauras Zimmer versteckt einen alten Holzkasten, in dem ein nicht zu entzifferndes Buch liegt. Da beginnt für Matilda und die Leser.innen eine spannende Jagd nach Spuren quer durch London und ich habe jede Seite davon geliebt.

Goga gelingt es auch hier das England von 1900 lebendig und atmosphärisch wieder aufleben zu lassen. Wo mir in “Der verbotene Fluss” noch ein bisschen zu viel Infodump steckte, fließen Details und Informationen hier meistens sehr organisch ein, sodass ich oft das Gefühl hatte gemeinsam mit Matilda die Stadt zu durchstreifen und neu zu entdecken. Die Atmosphäre ist toll. Das neogotische Schulgebäude oder das wunderliche Archiv, in dem Matilda Antworten sucht, werden bildhaft beschrieben und sorgen für eine dichte, düstere Stimmung, die ich sehr mochte. Ebenso die Beschreibungen von London im Herbst und frühen Winter.

Auch fand ich gut, dass es sehr normalisiert dargestellt wird, dass Laura lesbisch ist und daraus kein großes Drama konstruiert wird. Laura ist zwar abwesend, doch durch Matildas Erzählungen von ihr und ihre Suche, die auch Lauras Vergangenheit ans Licht bringt, lernt man sie trotzdem gut kennen und versteht, warum Matilda für dieses sympathische Mädchen jeden Stein Londons umdreht. Es hat mir viel bedeutet, dass Laura und ihre Sexualität so positiv gezeigt wurden, sowas wünsche ich mir im historischen Roman einfach viel mehr.

Generell gelingt es der Autorin meistens sehr gut die “Kontroversen” der Epoche in den Roman einzubinden. Auch der Wilde-Skandal und Wildes Tod in Armut im Jahr 1900 spielen eine Rolle, sowie die Frauenrechtsbewegung der Epoche. Susanne Goga bleibt dabei historisch authentisch: Matilda ist eine selbstständige Frau, die allein lebt und arbeitet. In Laura sieht sie das Potential zu studieren. Ihre Vermieterin Bea Westlake lebt allein, schreibt Abenteuergroschenromane und war eine Bekannte von Wilde, und Stephen Fleming, der Historiker, der Matilda bald bei ihrer Suche hilft, unterrichtet an einer Universität, an der auch Frauen zugelassen sind.

Britische Mythen und historische Wahrheiten

Wenn ich ein Problem hatte, dann wohl den Umgang mit den Burenkriegen. Susanne Goga bindet über Matildas Angst um ihren Bruder, der in Südafrika kämpft, den zweiten Krieg zwischen den Buren und Großbritannien ein. Einerseits macht sie das sehr gut: Mrs Westlake übt direkt am Anfang des Romans Kritik am britischen Imperialismus. Emily Hobhouse, die Pazifistin, die um 1900 tatsächlich auf das Leid aufmerksam machte, das Frauen und Kinder in Südafrika unter den Briten erlitten, spielt eine wichtige Rolle. Was mir aber fehlt, ist die Tatsache, dass die Buren ebenfalls Kolonialisten und Sklavenhalter.innen waren.

Auf die schwarze Bevölkerung von Südafrika wird leider gar nicht eingegangen. Dabei verschweigt die Autorin keineswegs, dass London um 1900 eine sehr multikulturelle Metropole war, in der nicht nur weiße Menschen gelebt haben. Sicherlich ist es schwer, gleichzeitig aufzuzeigen, was die Buren durch die Briten erlitten haben und darauf zu verweisen, dass die Buren trotzdem ihrerseits auch Unterdrücker.innen sind, die auf Land leben, dass sie ebenfalls durch Krieg und Vertreibung erhalten haben. Es wäre meiner Meinung nach aber unbedingt notwendig gewesen.

Ich möchte das jetzt nicht zu einem langen Exkurs ausweiten. Für die Interessierten habe ich unten einen Text verlinkt, der noch einmal im Detail verdeutlicht, warum man über britischen Imperialismus in Südafrika, Emily Hobhouse (die 1913 selbst davor warnte, die Geschichte der schwarzen Opfer des Krieges zu ignorieren) und die Burenkriege nicht schreiben kann, ohne auch auf das Leid und die Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung einzugehen. Das fällt hier – wie so oft, Goga macht das nicht als einzige – komplett unter den Tisch.

“Das Haus in der Nebelgasse” macht viel richtig. Er lässt queere Figuren und Themen vorkommen, ohne sie zu problematisieren. Er rückt authentischen viktorianischen Feminismus in den Vordergrund. Doch leider geht er über die weiße Perspektive auf die Burenkriege nicht hinaus, was ich sehr schade finde. Und deshalb bleibe ich jetzt ein bisschen zwiegespalten zurück. Denn ja, als Gothicgeschichte mit spannender Spurensuche durchs späte viktorianische London hat mir der Roman so unglaublich gut gefallen. Aber gleichzeitig liegt mir das schwer im Magen.

Ich würde “Das Haus in der Nebelgasse” daher als sehr spannenden Mysterykrimi mit wunderschöner Herbstatmosphäre empfehlen, aber erwartet euch keinen allzu komplexen Umgang mit den politischen Themen. Die Einbindung von queeren und feministischen Themen ist sehr gut gelungen, doch leider ist das komplette Ignorieren der schwarzen Opfer der Burenkriege nicht so schön, denn dieser eher selektive Umgang mit Geschichte stört mich im historischen Roman schon lang. Trotzdem ist “Das Haus in der Nebelgasse” ein stimmungsvoller Gothic-Roman, der vieles richtig macht. Nur eben nicht alles.


Vielen Dank an den Diana-Verlag und BloggerPortal für das Bereitstellen eines Rezensionsexemplars.


Weiteres Material:

The Guardian | Black Victims in a White Man’s War


Das Haus in der Nebelgasse | Diana, 2017 | 978-3-453-35885-0 | 448 Seiten | deutsch