London, 1781: Aus dem Nebel der Hafendocks schält sich das Bild eines schrecklichen Verbrechens. Eine männliche Leiche, die Brandmale aufweist. Harry Corsham, der zur oberen Gesellschaftsschicht gehört, erfährt, dass es sich bei dem Ermordeten um seinen Jugendfreund Tad handelt. Erinnerungen kommen bei ihm auf, aus Zeiten, in denen Tad und er noch voller Ideale waren. Corsham will die Mörder seines Freundes finden, um Seelenfrieden zu erlangen. Doch damit stellt er sich gegen die Mächtigen Londons. Für seine Familie und ihn geht es jetzt um Tod oder Leben.


Triggerwarnung
Thematisierung des britischen Sklavenhandels und von Rassismus, Reproduktion rassistischer Sprache, N-Wort, Tod von BPoC-Figuren, Tod einer queeren Figur, Reproduktion von Queerfeindlichkeit, queerfeindliche Tropes, Erwähnung von Kindesmissbrauch, Misogynie und misogyne Sprache, sexualisierte Gewalt, Tierquälerei

MEINE GEDANKEN

Zuerst möchte ich sagen, dass ich enttäuscht bin. Von diesem Buch, aber auch von der Aufmachung, denn das Buch lässt sich von außen nicht anmerken, dass es ein Buch über den britischen Sklavenhandel ist. Der Menschenhandel zwischen Afrika, Großbritannien und der Karibik ist keine Nebenhandlung, er steht im Fokus dieses historischen Krimis. Im Klappentext steht das leider nicht, was ich bei einem so harten Thema fast schon unverantwortlich finde, denn man wird damit ohne Vorwarnung konfrontiert.

Am Anfang dachte ich trotzdem noch, dass “Das Blut von London” großartig werden könnte. Autorin und Geschichte brachten so viel Potential mit: Durch die Augen eines weißen Mannes, der seine Privilegien immer wieder anerkennen und in Frage stellen muss, erzählt Laura Robinson eine Geschichte in deren Mittelpunkt der Sklavereihafen Deptford bei London steht. Hier wird Tad Archer ermordet, Universitätsfreund des Ich-Erzählers Henry und überzeugter Abolitionist. Henry beginnt zu ermitteln und deckt dabei düstere Geheimnisse auf, die die Sklavenhändler von Deptford lieber vertuschen wollen.

Der britische Sklavenhandel ist ein hartes Thema, das viel zu oft unter den Teppich gekehrt wird. Ebenso kommen im historischen Roman selten PoC-Figuren vor, als hätte es im England der Vergangenheit einfach keine nicht weißen Menschen gegeben. Am Anfang war ich relativ begeistert von “Das Blut von London”, denn Laura Robinson schilderte die Dynamiken in einer Stadt wie Deptford recht komplex und zeigte die georgianische Gesellschaft Londons deutlich inklusiver, als man es gewohnt ist: Schwarze Figuren tauchten nicht nur auf, sondern waren auch in beinahe allen gesellschaftlichen Klassen vertreten, wie es auch tatsächlich war.

Dazu wartete Laura Robinson mit einem wunderbaren Schreibstil auf und mit einem Kriminalfall, der mich interessiert und auch berührt hat. Denn durch Henry wird das Mordopfer Tad den Leser.innen so nahe gebracht, dass man selbst beginnt, Tads Tod zu betrauern. Man will wissen, wer ihn ermordet hat. Man fühlt mit Henry und mit Tads Schwester Amelia mit und man möchte auch wissen, was zwischen Henry und seiner Frau Caro vorgefallen ist, sodass die Beziehung der beiden so stark abgekühlt ist. Laura Robinson hatte mich. Ich wollte dieses Buch lieben. Aber dann hat sie mich verloren.

VOM REGEN IN DIE KLISCHEETRAUFE?

Der Elefant im Raum: Dies ist ein Buch über den Sklavenhandel, geschrieben von einer weißen Autorin. Und leider merkt man das immer wieder, denn Laura Robinsons Schilderung dieser Epoche und des Sklavenhandels tanzt gefährlich auf der dünnen Linie zwischen einer schonungslosen Darstellung einer furchtbaren Epoche und reinem Schockeffekt und übertritt sie auch deutlich zu oft. Man merkt, dass die Autorin beim Schreiben anscheinend weniger im Sinn hatte, dass nicht alle ihre Leser.innen weiß sein werden. Dass Menschen dieses Buch lesen werden, die dieses Thema als schwarze Menschen direkt betrifft.

Vor Henrys Augen wird Cinnamon von ihrem “Besitzer” geschlagen. Henry sieht, wie ein kleiner schwarzer Junge von seiner weißen Schwester schikaniert und misshandelt wird. Diese Szenen haben nur einen Sinn: Henry und die (nicht schwarzen) Leser.innen sollen geschockt sein, wie schlimm es doch PoC im georgianischen England geht. Dabei gibt Laura Robinson den Überlebenden dieser Gewalt aber keine Macht zurück. Sie leiden nur, werden gedemütigt, teilweise getötet, doch die Macht bleibt bei den weißen Figuren, die ihnen das antun.

Immer wieder betont die Autorin, wie rassistisch und unmenschlich die Sklavenhändler sind, indem sie sie rassistisch und unmenschlich handeln lässt, ohne, dass Überlebende und Opfer auch nur einen Hauch einer Chance bekommen, sich wirklich darüber zu erheben und sich die Agency zurückzuholen, die ihnen genommen wird. Auch das N-Wort fällt öfter und das hat in einem modernen historischen Roman für moderne Leser.innen von einer weißen Autorin meiner Meinung nach überhaupt nichts verloren. Man kann über -ismen schreiben, ohne diese -ismen zu reproduzieren.

Das Problem ist, wie Nadine es so schön ausgedrückt hat, vor allem, dass Laura Robinson dieses kollektive Trauma von BPoC hernimmt, um sie als Kulisse für die Ermordung eines weißen Mannes zu nutzen. Im Vordergrund steht für Henry immer sein Freund Tad. Dass er einem großen Skandal auf die Schliche kommt und “nebenbei” in die Machenschaften der Sklavenhändler von Deptford verwickelt wird, tangiert ihn meistens eher weniger. Und das geht in meinen Augen nicht. Man kann eines der größten Verbrechen gegen die Menschlichkeit doch nicht so hernehmen und dann herunterspielen, um wieder weiße Männer in die Hauptrollen zu rücken.

Aber nicht nur die schwarzen Figuren werden in die ewige Opferrolle gedrängt, müssen durchgängig leiden und sich von Rassist.innen misshandeln lassen. Nach ungefähr 50% kommt natürlich raus, dass der grausamst ermordete Tad schwul war, denn auch queere Figuren sind nur erlaubt, wenn sie leiden oder brutal ermordet werden. Um das dann richtig deutlich zu machen, wird der tote Tad im Nachhinein noch für seine Homosexualität verurteilt und in die Rolle des “predatory gay man” gerückt, der das Eheglück Henrys aus Eifersucht zerstören wollte.

Nein, nichts davon ist “historisch korrekt”. Die Geschichte marginalisierter Gruppen wie BPoC oder queeren Menschen ist deutlich komplexer als das und niemals nur auf die Opferrolle beschränkt. Es ist aber eben einfach das Privileg weißer, cis, hetero Autor.innen, dass sie sowas immer wieder schreiben und veröffentlichen dürfen, weil sie marginalisierte Menschen anscheinend nur als leidende Opfer von Gewalt sehen können, nie als Menschen darüber hinaus. Das finde ich wirklich sehr schade, weil hier so gute Ansätze auf diese Weise untergehen.

ENDE “GUT”, ALLES IRGENDWIE ENTTÄUSCHEND

Links: Kleid mit Fichu (Schultertuch), ca. 1780 (LACMA) | Mitte: Anzug, wahrscheinlich britisch, ca. 1780 (LACMA) | Rechts: Britisches Kleid ohne Fichu mit eckigem Ausschnitt, ca. 1780 (Met Museum)

Darüber hinaus war ich auch davon enttäuscht, wie stark die Geschichte zur Mitte hin abnahm. Sie begann so spannend, so atmosphärisch, und wurde mir leider von Seite zu Seite langweiliger, denn die meiste Zeit läuft Henry von einer Person zur nächsten, findet etwas heraus, läuft wieder zurück, findet noch etwas heraus, findet sich in einer konstruierten Szene wieder, die keinen Sinn ergibt, ihm aber wieder ein neues Puzzleteil gibt und hat dann noch die Frechheit sich zu freuen, dass der Zufall ihm Informationen zuspielt.

“Das Blut von London” ist nicht schlecht recherchiert, aber irgendwie selektiv. Die politische Lage, Deptford, Londons Infrastruktur, alles wunderbar lebendig in Szene gesetzt, aber andere Dinge wirken eher nachlässig recherchiert. Ich hätte diesem Buch wohl ein “hm” in Form von so zwei bis drei Punkten gegeben, wäre da nicht noch das Ende. Denn trotz des langatmigen Pacings und der vielen mehr als problematischen Tropes im Umgang mit den marginalisierten Figuren hatte Laura Robinson mich am Anfang und das wollte ich ihr zugute halten. Aber das Ende fand ich leider sehr problematisch. Es versteckt sich im Spoiler:

Achtung, Spoiler!
Es stellt sich heraus, dass der Mörder eine der wenigen freien schwarzen Figuren des Romans ist. Und das sendet eine mehr als ignorante, fast schon grausame Botschaft: Der schwarze Mann, der seine Freiheit bekommen hat, geht los und tötet Menschen. Der Roman hat seine Momente, in denen Henry seine Privilegien überdenken und zurückstecken muss, er hat einige gute Ansätze, die Laura Robinson mit diesem Ende und seinen Implikationen aber umreißt wie ein Kartenhaus.

Alles in allem steckt in “Das Blut von London” viel verschenktes Potential. Was als atmosphärisch düsterer Thriller beginnt, mit einem spannenden Ich-Erzähler und einer schwierigen Thematik, verliert sich bald in vielen Wiederholungen, schädlichen Klischees und, ja, ignoranten und beinahe schon rassistischen und queerfeindlichen Handlungssträngen, denen das Ende die Krone aufsetzt.

Wie immer gilt natürlich: Bildet euch eure eigene Meinung, falls das Buch euch interessiert, aber mir liegt so vieles viel zu schwer im Magen. “Das Blut von London” beginnt ein bisschen wie ein typisches BBC-Kostümdrama und ich war begeistert davon, aber es endet wie viel zu viele historische Romane zwischen Klischees, künstlich in die Länge gezogenen “Ermittlungen” und einfach durch und durch problematischen Darstellungen marginalisierter Figuren.


Weitere Meinungen:

Histolicious | Keine Empfehlung


Vielen Dank an den Heyne-Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.


Das Blut von London | Heyne, 2019 | 978-3-453-43937-5 | 512 Seiten | deutsch | Übersetzer: Robert Brack | Britische OA: Blood and Sugar, 2019