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Wie geht Recherche?: Wie ein historischer Roman entsteht

Ganz vorweg das Offensichtliche: Ich kann euch natürlich nicht sagen, wie ihr recherchieren müsst, damit ein guter historischer Roman dabei herauskommt. Jede_r Autor_in hat am Ende seine_ihre eigene Methode, die für ihn_sie funktioniert und die nicht allgemeingültig sein kann. Trotzdem hatte sich diesen Post letztens, als ich die Histo-Klischees, die mich am meisten stören, abgearbeitet habe, jemand gewünscht und ich fand die Gelegenheit ganz gut, um einfach mal darzulegen, wie ich recherchiere. Vielleicht kann ich ja jemandem von euch auf diese Weise helfen eine eigene Methode für erfolgreiche Recherche zu entwickeln.

Jetzt bin ich selbst (noch) keine veröffentlichte Histo-Autorin, aber ich bin Historikerin und vor allem beschäftige ich mich sehr viel mit Geschichte – und vor allem mit historischen Medien. Ich denke, ich habe mittlerweile ein Auge dafür entwickelt, wie Autor_innen historischer Medien recherchieren und wie sich das in Romanen, Filmen und Serien niederschlägt. Denn tatsächlich lassen sich da gewisse Muster erkennen. Das hier wird also keine Anleitung, der man Schritt für Schritt folgen kann, um den perfekten historischen Roman zu recherchieren. Die kann euch niemand geben. Tipps geben, damit ihr einen sinnvollen Startpunkt finden könnt, kann man aber und das ist es auch, was ich heute machen möchte. Sich eine komplette Epoche erschließen zu wollen ist ein nämlich ambitioniertes Vorhaben.


Historische Romane bedeuten viel Arbeit

Das ist auch direkt mein erster Tipp: Macht euch klar, was ihr vorhabt. Ich glaube, das ist ganz am Anfang das wichtigste, um einen guten historischen Roman zu recherchieren. Geschichte ist sehr komplex. Vielleicht wollt ihr ja “nur” einen Roman über Frauen in schönen Ballkleidern schreiben und kein detailliertes Epos über den Österreichischen Erbfolgekrieg. Aber es reicht nicht, sich dafür ein paar schöne Ballkleider von anno dazumal anzuschauen, leider. Denn egal welche Epoche ihr euch dafür aussucht, sie hat ganz eigene, komplizierte Regeln, die ihr nicht außen vor lassen solltet – Es sei denn natürlich, genau das ist euer Ziel. Aber selbst dann ist es immer gut zu wissen, wie die echte Geschichte aussieht, um sie gekonnt verdrehen zu können.

Einen historischen Roman zu schreiben – egal worum es im Endeffekt wirklich geht – ist ein riesiger Aufwand. Es ist längst nicht damit getan, sich ein paar Spielfilme anzusehen oder andere historische Romane zu lesen. Natürlich kann man das zur Einstimmung machen, aber lasst es bloß nicht darauf beruhen, denn besonders Filme und Serien nehmen sich immer ganz bewusst einige Freiheiten. Das ist auch okay, aber die solltet ihr nicht einfach in euren eigenen Roman übernehmen. Erstens merkt man das als Leser_in (Oh, die ganzen Romane, die während des “Downton Abbey”-Trends entstanden sind…), zweitens werdet ihr sehr bald ins Schleudern geraten, wenn es um Dinge geht, die eure Lieblingsserie nicht angesprochen hat.

Am Ende ist es fast einfach: Ihr müsst eure Epoche kennen. Besonders natürlich die Zeitspanne, in der euer Roman spielt. “Ich recherchiere das viktorianische Zeitalter” ist ein Anfang, aber “Ich recherchiere die Weltausstellung von 1851” ist deutlich besser, wenn euer Roman 1851 in London spielen soll. Epochen sind Epochen, weil sie einen Zeitabschnitt eingrenzen, in dem Zeitgeist, Gesellschaft etc. grundlegend gleich oder zumindest ähnlich sind. Das bedeutet aber nicht, dass sie im viktorianischen Zeitalter (1837 – 1901) stagniert und sich nicht verändert hätten. Sie haben sich jährlich, monatlich, wöchentlich verändert und was 1851 gilt, gilt schon 1861 nicht mehr und ist 1871 komplett veraltet. Ein allgemeines “Ich recherchiere die ganze Epoche” bringt euch nicht ans Ziel.


Lesen, Lesen, Lesen?

Wie sich Recherche oft anfühlt | “Gelehrter mit Büchern, Globus und Totenschädel”, Simon Luttichuys, 1644

Viele Historiker_innen und Autor_innen werden euch sagen, dass ihr sehr viel Fachliteratur lesen müsst, um einen guten historischen Roman zu recherchieren. Und ja, da schließe ich mich auch grundsätzlich an. Allerdings mit Vorbehalten. Bevor hier jetzt jemand denkt, er_sie kann die Bücher in der Bibliothek lassen: Leider nein. Besonders, wenn ihr über eure Epoche oder das historische Ereignis, über das ihr schreiben möchtet, noch nicht so viel wisst, bieten Überblickwerke aus der Fachliteratur einen sehr guten Startpunkt, der nicht zu vernachlässigen ist. Auch detaillierte Infos zu spezielleren Themen wie zum Beispiel dem Abwassersystem und der Nutzung der Themse im Jahr 1851 findet man vorrangig noch in Fachliteratur, meist in Aufsätzen.

Aber lesen ist nicht gleich lesen und das ist zumindest für mich extrem wichtig: Schaut euch an, was ihr lest. Im Geschichtsstudium lernt man: Jede_r Historiker_in hat einen Bias. Er_sie möchte nicht einfach klare Fakten präsentieren, sondern den_die Leser_in von seinem_ihrem Standpunkt überzeugen. Und das ist auch sinnvoll, denn die “klaren Fakten”, die man sich vielleicht wünscht, gibt es nicht. Geschichtsforschung ist immer Interpretation, genauso, wie auch die fiktive Aufarbeitung im historischen Roman Interpretation ist. Deshalb ist es wichtig, nicht nur ein Überblickswerk zu lesen, sondern sich vielleicht auch mit einer gegensätzlichen Position vertraut zu machen und einfach verschiedene Interpretationen derselben Epoche zu kennen.

So kann man sich nach und nach seine eigene Interpretation bilden, die man dann im Roman präsentieren möchte. Das ist ein Schritt, der oft vernachlässigt wird, aber meiner Meinung nach sehr wichtig ist: Was möchte ich eigentlich sagen? Wieso habe ich mir diese historische Epoche ausgesucht und wie möchte ich sie darstellen? Genau das machen schließlich auch Historienfilme und -serien. So authentisch “Downton Abbey” in vielem ist, dahinter steht neben detaillierter Recherche auch eine ganz klare Vorstellung vom Ton und von der Ästhetik der Serie, die transportiert werden soll. Historische Romane sind, zumindest meiner Meinung nach, am besten, wenn man ihnen anmerkt, dass auch sie auf so einem Konzept basieren.

Und jetzt weiche ich mal ein bisschen vom Grundkonsens ab: Ihr dürft auch das Internet benutzen. Nur solltet ihr natürlich nicht jede x-beliebige Internetseite aus den 1990ern als sinnvolle Quelle betrachten. Geht sicher, dass das, was ihr im Internet zu eurer Epoche lest, seinerseits gut recherchiert ist. Historiker_innen online sind oft etwas weiter und offener, was “kontroverse” Geschichtsforschung angeht. Ihr findet online aktuellere, detaillierte Informationen zu historischen Konzepten von Identität, zur Wahrnehmung von BIPoC oder LGBTQ Menschen im historischen Europa, zu Feminismusgeschichte und so weiter und so fort. Wer Internetquellen verwendet muss jedoch sehr quellenkritisch sein, denn im Gegensatz zur gedruckten Fachliteratur, gibt es oft niemanden, der hier sicherstellt, dass nur gut Recherchiertes veröffentlicht wird.

Und übrigens: Natürlich dürft ihr auch Dokumentationen anschauen oder auf andere Weise recherchieren. Gedruckte Fachliteratur ist das wohl informativste Medium, aber nicht das einzige. Nicht jede_r kann viel lesen oder hat Zugriff auf Fachliteratur, die oft der akademischen Geschichtswissenschaft vorbehalten bleibt. Es gibt aber auch andere Medien, die euch helfen werden, zum Beispiel Dokumentationen im Fernsehen oder auch auf Youtube. Hier gilt dasselbe, wie bei Literatur und dem Internet: Wer hat das gedreht und geschrieben, mit welchen Hintergrundgedanken? Schaut nicht nur eine Doku, sondern verschiedene. Vermeidet vielleicht allzu populärwissenschaftliche Dokus, die eher zur Unterhaltung als zur Information dienen. Aber darüber hinaus sind Dokus ebenfalls eine sehr gute Recherchequelle.


Die tausend Gesichter einer Epoche: Gesellschaft und Zeitgeist

Zwei Gesichter einer Epoche | Links: Lady Salisbury-Trelawny mit ihren Töchtern, britische Adelige, ca. 1900 | Rechts: Ein Londoner Slum, 1903

Es ist soweit: Ihr habt Fachliteratur gelesen und/oder Dokumentationen angeschaut und/oder euch ein paar vertrauenswürdige, gute Blogs zu euer Epoche und euren Themen herausgesucht. Ihr wisst Bescheid. Würde man euch in eine Zeitmaschine setzen und in eure Epoche schicken, ihr könntet sie wohl gut genug navigieren, um nicht allzu unangenehm aufzufallen. Also ist es jetzt endlich Zeit zu schreiben, oder? Für einige vielleicht. Für mich persönlich noch nicht, denn es stehen noch ein paar Überlegungen an, die einen historischen Roman in meinen Augen, und das ist jetzt wirklich meine persönliche Einschätzung, noch besser und vor allem komplexer und einzigartiger machen können.

Denn genau wie Historiker_innen und andere Autor_innen habt ihr euch jetzt eure eigene Interpretation eines historischen Zeitpunkts erarbeitet. Ihr wisst, wie ihr eure Epoche darstellen wollt. Abrundend ist es jetzt in meinen Augen wichtig, ein paar Dinge im Kopf zu behalten und euer Konzept von eurer Epoche zu verfeinern. Zum Beispiel sollte bedacht werden, dass jede Epoche tausende Gesichter hat und ihr die Atmosphäre eures Romans schärfen könnt, indem ihr euch bewusst macht, welches ihr in den Vordergrund rücken wollt. Denn “meine” Epoche, das fin de siècle, zum Beispiel kann man glitzernd-schillernd und dekadent darstellen – oder schmutzig, gefährlich und traurig. Oder sogar beides. Oder irgendwas dazwischen. Es ist viel möglich.

Das geht mit jeder Epoche, denn es kommt darauf an, wer eure Held_innen sind, wo sie leben, welche Seite ihrer Epoche sie erleben. Sind sie Gesellschaftsdamen? Gelehrte? Künstler_innen? Arbeiter_innen aus den Slums? Hier schließt sich der Kreis, denn wir sind wieder beim ersten Punkt: Deshalb reicht es nicht, sich einen Spielfilm anzugucken, denn die Macher_innen des Films wissen genau, was sie tun. Die Atmosphäre ist meist perfekt abgestimmt – Und wie alles eine einzigartige Interpretation. Kopiert nicht die Interpretation eures Lieblingsfilms, recherchiert und entwerft euch eure eigene. Ja, ihr kennt jetzt alle “Fakten”: Die Daten, die Etikette euer Gesellschaft, den Aufbau, politische Ereignisse, ihr wisst, wie lang man 1788 mit dem Pferdewagen von Berlin nach Heiligendamm braucht. Das ist wichtig. Ihr kennt euch aus.

Aber viele Autor_innen lassen die Details links liegen und ich finde das immer so schade, weil es eine verpasste Chance ist, die Atmosphäre einzigartig zu machen. Was sind Details? Das, was so oft als “unwichtig” erachtet wird: Mode. Trends in Architektur, Möbeln, Dekoration. Bücher, Theater, Musik, “Popkultur”. Das ist jetzt ganz klar persönlicher Geschmack. Es ist aber auch ein Hinweis, eure Recherche nicht als komplettes Gerüst eures Romans zu nutzen, sondern als Basis. Denkt von eurer Epoche beim Schreiben nicht als etwas Abstraktes und kopiert nicht den nüchternen Ton der Fachliteratur, die ihr gelesen habt. Versucht, euch in die Epoche zu versetzen und überlegt euch nicht, wie viele coole Fakten ihr in den Text einfließen lassen könnt, sondern was für eure_n Erzähler_in wichtig gewesen wäre.


Abschließend: Mut zur Lücke

Viele Autor_innen lassen sich von schwarzen Flecken auf der Recherchelandkarte ausbremsen. “Ich kann nicht rausfinden, ob diese historische Persönlichkeit am 23. Juli 1779 in Paris war, was mache ich denn jetzt!” Hier würde ich euch raten, Mut zur Lücke zu beweisen. Das ist keine Ausrede, um nicht recherchieren zu müssen. Aber manche Dinge sind einfach nicht historisch belegt, andere sind schwammig, zu anderen gibt es dutzende verschiedene Interpretationen, und wer sind wir um sagen zu können, welche davon der Wahrheit am nächsten kommt? Wenn eure Recherche bis hierher gut verlaufen ist, wisst ihr genug über eure Epoche, um so eine Lücke mit eigenen Interpretationen zu füllen und sie als Chance zu sehen, nicht als Stoppschild.

Am Ende kann ein historischer Roman nie ein “Genau so war das!” sein. Das geht nicht. Alles, was ihr erreichen könnt, ist eine überzeugende Illusion. Ein “So hätte es sein können“. Und, wenn ihr etwas partout nicht herausfinden könnt, ist die Chance, dass irgendein_e Leser_in genau das weiß und es euch ankreidet auch sehr gering. Wie gesagt, Mut zur Lücke. Wenn ihr euch in der Epoche jetzt auskennt, könnt ihr die Lücken mit Eigenem füllen. Und selbst wenn dann jemand kommt und sagt: “Hey, das ist mein Spezialgebiet und das ist falsch“, was soll’s? Fehler passieren immer. Man kann sie nicht vermeiden. Wichtig ist, dass das Gesamtbild überzeugen kann.

Es gibt eben nicht die eine Anleitung, die euch zum perfekt recherchierten historischen Roman verhilft. Kleine Fehler und Anachronismen gehören dazu, denn den perfekten historischen Roman gibt es gar nicht. Selbst das sehr komplex recherchierte “Downton Abbey”, an dem im Gegensatz zu eurem Roman nicht nur eine Person gearbeitet hat, liegt hier und da – mit Absicht und auch mal ohne – daneben. Das kann ich abschließend noch sagen: Viele Autor_innen haben Angst vor Recherche und gehen ihr Herzensprojekt deshalb nie an. Deshalb ist der in meinen Augen wohl wichtigste Tipp: Nehmt die Recherche locker, lasst euch Zeit und setzt euch nicht unter Druck. Habt Spaß mit eurer Epoche und eurem Projekt. Es gibt sicherlich einen Grund, warum ihr historisch schreiben wollt. Erinnert euch an den, wenn die Recherche mal wieder stockt.


Beitragsbild: “Lesende junge Frau”, Alfred Stevens, 1870er

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3 Comments

  • Reply AS Renner

    Vielen Dank. Sehr ermutigend, weil ich auch historische Stoffe in meinem Ideenkasten hätte, mich da aber noch nicht so ganz ran getraut habe. Hat Lust gemacht, Dein Artikel ☺️, LG, Anja

    21. Juli 2019 at 17:28
    • Reply Katriona

      Ah, das freut mich! Viel Spaß mit deinem Projekt! lG, Kat

      22. Juli 2019 at 11:48
  • Reply Marie

    Das hat mich jetzt wirklich nochmal motivert weiterzumachen! Ich kann nicht alle meiner Figuren auf historischen Vorblidern basieren da es eine Zeitreise Geschichte ist aber auch wenn solche Dinge wie das Zeitreise ja mit nicht existenter Magie u.s.w. zusammenhängen. Das schließt für mich aber nicht aus die Epoche historisch korrrekt darzstellen!
    Ich finde deine Blogs echt immer super hilfreich!
    LG
    Marie 🙂

    2. April 2021 at 01:09
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