Charlotte wagt einen großen Schritt, als sie 1890 Berlin verlässt und eine Stelle als Gouvernante in einem herrschaftlichen Haus bei London antritt. Dort ist sie für die junge Emily verantwortlich, die seit dem tragischen Verlust ihrer Mutter von schlimmen Albträumen verfolgt wird und den nahe gelegenen Fluss fürchtet. Besorgt um das Wohl des Mädchens versucht Charlotte, mehr über den Tod von Lady Ellen herauszufinden, doch niemand im Haus ist bereit, das Schweigen zu brechen. Erst mithilfe des Journalisten Tom kommt Charlotte einer dunklen Wahrheit auf die Spur …


Inhaltswarnung
Thematisierung von Suizid, Gebrauch von transfeindlicher Sprache  (Einmalig verwendetes Slur, wirkt eher unüberlegt als böswillig verwendet)

Meine Gedanken

“Der verbotene Fluss” ist der erste Schauerkrimi aus der Feder von Susanne Goga, die mittlerweile noch weitere Romane dieser Art veröffentlicht hat. Der Roman bringt alles mit, was man sich von einer guten gothic novel wünschen kann: Ein altes Haus, einen rätselhaften Todesfall, interessante Figuren, atmosphärische englische Landschaften und mit Charlotte Pauly außerdem eine astreine “gothic heroine”. 1890 kommt die Hauslehrerin nach Chalk Hill bei London, nur ein paar Monate nach dem Tod der Hausherrin Lady Ellen.

Charlotte soll Ellens Tochter Emily unterrichten, doch das Mädchen leidet unter schlimmen Albträumen, ihr Vater ist verschlossen und streng und auch die Bediensteten von Chalk Hill sind Charlotte nicht immer wohlgesonnen, sodass sie auf sich allein gestellt ist, als Emilys Albträume sich mit einem Mal als mehr als das und vielleicht gefährlich für das Mädchen herausstellen. Die Freundschaft, die sich zwischen Charlotte und Emily entwickelt, hat mir sehr gut gefallen.

Zeitgleich findet der Theaterkritiker Thomas Ashdown in London zur Society for Psychical Research, die es sich vorgenommen hat, herauszufinden, ob es tatsächlich Geister gibt und ob unter den vielen Betrüger.innen, die sich in diesem London gegen Ende des 19. Jahrhunderts als Medien ausgeben um den Trauernden das Geld aus der Tasche zu ziehen, auch echte Medien befinden. Die Kapitel von Thomas und Charlotte wechseln sich ab, bis die beiden Geschichten, wie sollte es anders sein, in Chalk Hill aufeinander treffen.

Unaufdringliche Mystery mit Nebelwetter

Dass die Autorin sich in der Epoche, dem fin de siècle in England, auskennt, merkt man jeder Seite an. Sie lässt die typischen Klischees links liegen und zeichnet stattdessen ein überzeugendes, interessantes Porträt dieser Zeit. Auch der Kontrast zwischen Thomas’ Leben im geschäftigen London und Charlottes Aufenthalt auf dem Land war sehr gelungen. Darüber hinaus ist der Roman auf beste Weise unaufdringlich. Er ist ruhig und gemütlich und erzählt einfach eine unterhaltsame Gothic-Geschichte, ohne zu viel zu wollen.

Hin und wieder fand ich den Schreibstil zwar etwas hölzern, was besonders durch Wiederholungen kam – Alles ist “hübsch”, ohne genauer beschrieben zu werden, Charlotte muss sich ständig “stärken”, Emily wird auffällig oft als “das Mädchen” bezeichnet – aber diese Holprigkeiten sind fast nur am Anfang zu finden. Nach und nach entfaltet der Roman eine eigene Atmosphäre und die Landschaft von Surrey im Herbst, das Herrenhaus Chalk Hill und die Wälder und der Fluss werden lebendig.

Zum Zerreißen aufgeladene Spannung darf man sich hier aber nicht erwarten. Einerseits, weil der Roman einfach ein subtiler, eher leiser Mysterykrimi mit düsterer Atmosphäre ist. Andererseits wird aber auch leider viel Spannung verschenkt. Das Pacing ist nicht immer ganz rund und vor allem nimmt Susanne Goga viel voraus und macht die Auflösungen von Geheimnissen zu offensichtlich, wie zum Beispiel warum Charlotte nicht zum Fluss gehen soll, sodass es kaum eine Wendung gibt, die man nicht kommen sieht.

Darüber hinaus war ich ein bisschen enttäuscht, dass der Grusel kaum zündet. Der Roman ist, wie gesagt, düster, aber er ist nicht unheimlich, dabei hätte er alles gehabt, was guter historischer Grusel braucht: Séancen, ein Haus mit dunkler Vorgeschichte, Herbstwetter und Regen, ein kleines Mädchen, das die Stimme seiner verstorbenen Mutter hört… Das alles ist atmosphärisch und interessant, aber leider kann ich nicht behaupten, dass ich mich gegruselt hätte, obwohl mir der Roman dank seiner Atmosphäre trotzdem gut gefallen hat.

Sherlock Holmes, du hier?

Manchmal trug mir der Roman außerdem ein bisschen zu dick auf. Thomas begeistert sich sehr für Sherlock Holmes und wird schon beinahe selbst zu Arthur Conan Doyles Detektiv, als er zu ermitteln beginnt. Auch die viktorianische “Popkultur” wird eher plump in den Roman eingebunden. Ich mag solche historischen Details eigentlich sehr gern, aber hier liest es sich oft, als würde Thomas zum Beispiel aus Fachliteratur zu Sherlock Holmes zitieren, anstatt tatsächlich über etwas sprechen, das ihm gefällt.

Diese kleinen Problematiken habe ich aber gern in Kauf genommen, denn alles in allem ist “Der verbotene Fluss” ein wunderbar düsterer historischer Roman, der Fans des Gothic-Genres vielleicht nichts Neues bieten kann, aber auf jeden Fall ein paar Stunden gemütlich unheimliche Unterhaltung mit treffsicherer fin-de-siècle-Atmosphäre. Ich würde den Roman deshalb allen Fans von Schauergeschichten und dieser Epoche empfehlen, mit kleinen Vorbehalten.

Richtigen Grusel oder eine allzu komplexe Geschichte hat “Der verbotene Fluss” leider nicht zu bieten. Aber wer das Genre und/ oder die Epoche mag und gern ein paar Nachmittage in ein düsteres, herbstliches England eintauchen möchte, ist hier mehr als richtig. “Der verbotene Fluss” ist eine ruhige, unterschwellig düstere Mysterygeschichte. Der Fall, den Charlotte lösen muss, ist zwar nicht allzu komplex und leider etwas vorhersehbar, doch die tollen Figuren, die Herbstatmosphäre und das überzeugende fin-de-siècle-Setting machen das wieder wett.


Der verbotene Fluss | Diana, 2014 | 978-3-453-35650-4 | 464 Seiten | deutsch