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Essays

Wie historische Medien unser Bild von der Vergangenheit formen

Seit ein paar Jahren wird die historische Fiktion, besonders auf dem großen und dem kleinen Bildschirm, immer düsterer, schmutziger, brutaler. Die Zeiten romantischer Historiendramen im Stil von Jane Austen scheinen erst einmal vorbei, stattdessen stehen dunkle Bilder, blutige Schlachten, Intrigen und Gewalt im Vordergrund. Nach dem Erfolg von “Game of Thrones” ist es auch sicherlich nicht verwunderlich, woher dieser Trend kommt, obwohl er sich bereits in den frühen 2000ern in Serien wie “Rome” (2005 – 2007) ankündigt. Doch so richtig düster, gritty und vor allem schmutzig wird es erst seit ein paar Jahren.

In Serien wie “Taboo” (2017 – ), “Ripper Street” (2012 – 2016) oder “Frontier” (2016)  laufen bärbeißige Helden, immer cis, immer männlich, allermeistens hetero, verschwitzt und ungepflegt herum, Szenen sind schummrig beleuchtet und man kann die Serien beinahe auf unangenehme Weise riechen. Das, so Serienmacher.innen und Fans, sei realistisch, historisch authentisch und deshalb sehenswert. Und ehrlich gesagt, ich habe genug davon. Von diesen Serien und von dieser Idee, dass Geschichte echter, realistischer, authentischer ist, umso schmutziger und brutaler sie dargestellt wird.


Triggerwarnung
Erwähnung und Beispiele für sexualisierte Gewalt, Erwähnung von Rassismus und Queerfeindlichkeit, Erwähnung von graphischer Gewalt

DIE MITTELALTERLICHE LEDERJACKE UND WOFÜR SIE STEHT

Mittlerweile kommt kaum eine historische Serie ohne zwei Dinge aus: Blutige, rohe Gewalt und sexualisierte Gewalt, vornehmlich, aber nicht nur, gegen weibliche Figuren.

Selbst Serien, die eigentlich nicht in die angesprochene Richtung gehen, wie “Outlander” (2014 – ) oder “Versailles” (2015 – 2018) bedienen sich an den Tropes. In graphischen Szenen werden Augen ausgestochen, Menschen gefoltert und getötet, und immer wieder vergewaltigt – auch durch Figuren, die eigentlich positiv besetzt sind. Und das meistens für den Schockeffekt, denn nur selten haben diese Taten echte Konsequenzen für die Figuren oder die Geschichte.

Von Serien wie “Vikings” (2013 – ), die praktisch von ihrer Brutalität, die dann in Recaps nach jeder neuen Folge darauf analysiert wird, ob das denn jetzt die brutalste Folge der Serie bis dato war, leben, wollen wir gar nicht anfangen.

Selbst das glitzernde Teenie-Drama “Reign” (2013 – 2017), in dem im 16. Jahrhundert moderne Designerkleider getragen werden, kommt nicht ohne blutige und sexualisierte Gewalt aus und hier wird es dann auch so richtig paradox, wenn die Serie auf “Damals war das eben so” besteht, während ihre Hauptfigur in Alexander McQueen und Valentino durch den Palast schwebt und ein François II., eigentlich mit 16 Jahren gestorben, als hotter Mittzwanziger hinterher.

Dass hier nicht wirklich “historische Korrektheit” im Mittelpunkt steht, wird da relativ schnell klar. Auch bei “Vikings”, “The Tudors” (2007 – 2010) oder “Taboo” (2017), die zwar deutlich subtiler kostümiert sind, als “Reign”, wo aber doch sehr moderne Nasenpiercings, Bikerstiefel und natürlich die obligatorische Lederkluft getragen werden, ist eigentlich sehr schnell ersichtlich, dass historische Authentizität nicht das war, was die Serienmacher.innen im Kopf hatten.

Und an sich ist das okay, würden sie und die Fans nicht das Argument “So war das damals aber halt!” herausholen, sobald es darum geht, graphisch dargestellte sexualisierte Gewalt oder auch rassistisch und queerfeindlich motivierte Gewalt zu verteidigen.

Besonders die “mittelalterliche Lederjacke” ist mittlerweile zum Symbol dafür geworden, wenn wir es mit grim & gritty historischen Medien zu tun haben, deren Anspruch auf historische “Korrektheit” sich nur dann bemerkbar macht, wenn es mal wieder um blutige Gewalt geht oder um die Marginalisierung von Frauen, queeren Personen oder auch People of Colour.

“Da Vinci’s Demons” (2013 – 2015) kann einen jungen Leonardo mit moderner Frisur und Bart in Lederjacke auftreten lassen, aber wenn Stimmen laut werden, die einfordern, dass Leonardos historisch authentische Queerness vernünftig (!) thematisiert wird, geht das nicht, denn “Das war damals verboten.”

Leonardo demonstriert die mittelalterliche Lederjacke

“Da Vinci’s Demons” ist sowieso ein Paradebeispiel für diesen neuen Trend von düsteren, “coolen” Historienserien, die nicht “edgy” und #relatable genug sein können. Das ist ärgerlich, wenn man einfach mal wieder eine detailreiche, authentische Histo-Serie schauen möchte, es steckt aber auch etwas deutlich Düstereres dahinter, denn in beinahe allen diesen Shows werden uns männliche cis, hetero Helden präsentiert, deren toughe “Coolness” literweise in toxische Männlichkeit getränkt ist.

Sie schlagen zu, lachen dabei, und Gefühle werden nur in absoluten Ausnahmesituationen gezeigt. Dazu kommt, dass die Frauenfiguren kaum einen Platz in diesen Serien haben – und wenn, dann in oft sexualisierte und schlecht behandelte Rollen gepresst.

WAS HISTORISCH “KORREKT” IST, IST SELEKTIV

Das kulminiert in den letzten Jahren in Serien wie “Taboo” (2017), dessen “Antiheld” misogyne Gewalt ausüben und trotzdem als “sensibler” Held gefeiert werden kann, weil er nicht 100% der Zeit stark und cool ist, sondern nur 95%.

Verschwitzt, schmutzig und natürlich im Ledermantel kämpft sich Tom Hardy als James Delaney durch ein düsteres, dreckiges Regency-London, das als “authentischer” wahrgenommen wird, als die sauberen Straßen aus Jane-Austen-Verfilmungen, während die wenigen Frauenrollen auf Sex – und auf sexualisierte Gewalt – reduziert werden, allen voran Zilpha, deren einziger Zweck es ist, als sexuelles Objekt herumgereicht und gedemütigt zu werden.

Doch selbst Serien wie “Peaky Blinders” (2013 – ), die es sich zum Ziel gesetzt haben, historische Epochen wirklich authentisch darzustellen und das auch recht gut erledigt bekommen, kranken an diesen Problemen. Ja, es gibt mehr Frauenfiguren mit eigener Agency und Macht in “Peaky Blinders”, ja, es ist eine Serie über Gangkriege in den 1920ern, natürlich wird Gewalt ausgeübt. Und doch. Auch hier spritzt Blut für den Schockeffekt gern mal in besonders hohen Fontänen, auch hier wird sexualisierte Gewalt ausgeübt, auch, wenn sie zumindest nicht von positiv besetzten Figuren ausgeht (Ja, die Latte liegt so tief…).

Helen McCrory, die eine der Hauptrollen spielt, legt dann auch in einem Interview (x) die “Damals war das halt so”-Karte vor, doch es gelingt ihr und der Serie zumindest zu erkennen, dass sexualisierte Gewalt eben das ist: Gewalt, eine Machtdemonstration, nichts tatsächlich sexuell oder gar romantisch motiviertes.

Auch “Outlander” bekommt das hin und wieder hin, obwohl die reißerischen, graphischen Darstellungen von sexualisierter Gewalt gegen Protagonistin Claire, ihren Mann Jamie und generell alle anderen Figuren als Schockeffekt bleiben, während die meisten Serien, die diese Tropes einsetzen, die wirklichen Missstände, die bis heute bestehen – eine toxisch maskulin geprägte, misogyne Gesellschaft, in der sexualisierte Gewalt relativiert und normalisiert wird – komplett verkennen.

Und da wandeln die grim, dark, edgy Histo-Serien der letzten Jahre sich dann von ärgerlich zu gefährlich, denn sie stellen unter dem Deckmantel “Damals war das so, deshalb müssen wir das so zeigen!” nicht historische Ideen von Gender, Sexualität und Gesellschaft vor, sondern sehr moderne, in denen kein Platz für alles außerhalb von cis- und heteronormativen Rollenbildern ist.

Die coolen, toughen Kerle in mittelalterlichen Lederjacken mögen auf den ersten Blick tatsächlich cool oder, je nachdem, lächerlich wirken, und doch steckt hinter ihnen ein von toxischer Maskulinität geprägtes Männlichkeitsbild, das ein anderes Verhalten überhaupt nicht zulässt. Das gilt für Henry VIII. in “The Tudors”, der schlank, dunkelhaarig und in Lederhosen sehr wenig mit dem echten Henry Tudor gemein hat und ein bisschen der Archetypus dieser Art Figur in Histo-Serien geworden ist, genauso wie für James Delaney in “Taboo”, aber eben auch genreübergreifend für einen Bash aus “Reign”.

Denn die beliebten Tropes dieser düster-brutalen Histo-Shows finden sich auch immer öfter in anderen historischen Formaten wieder. So ist auch Bash der coole Typ in Lederjacke und mit moderner Frisur und selbst hier, in einer Glitzerserie für Teenager, erfahren die Figuren ach so “historisch korrekte” sexualisierte Gewalt, die graphisch gezeigt wird.

Und die Wahrheit dahinter ist hässlich, denn Zuschauer.innen scheinen auf diese Szenen geradezu zu bestehen. Sie wollen Blut sehen, sexualisierte Gewalt, aber auch “historisch korrekte” Queerfeindlichkeit und Rassismus. Alles im Namen von “historischer Korrektheit”, aber seien wir ehrlich:

Es verlangen sehr viele dieser Personen nicht im gleichen Atemzug nach historisch authentischer Körperbehaarung, schlechten Zähnen oder Durchfall. Sie verlangen nicht einmal historisch authentische Kostüme. Und, da liegt dann auch der Knackpunkt, es geht überhaupt nicht wirklich um historische Korrektheit, sondern viel eher um moderne (!) misogyne, cis- und heteronormative Gesellschaftsbilder, die in Histo-Serien florieren, weil man immer sagen kann: “Das ist früher, das hat mit uns heute nichts mehr zu tun.”

Wenn historische Serien es so darstellen, als wären moderne Missstände “schon immer so” gewesen, dann fällt es uns deutlich leichter, sie als normal und deshalb schon irgendwie okay wahrzunehmen. Denn was schon immer so war, das kann man nicht ändern, oder? Was schon immer so war – und vor allem, was wir in jeder Serie im Fernsehen präsentiert sehen – verliert seinen Schrecken auf negative Art.

Dann sehen wir halt die hundertste graphisch dargestellte Vergewaltigung und zucken nur noch mit den Schultern, weil wir es schon so oft gesehen haben. Die kognitive Dissonanz, die wir verspüren, wenn eine positiv dargestellte Figur sexualisierte Gewalt ausübt, wird beruhigt: “Das war schon immer so und ist für diese Menschen damals sowieso normal, mach dir keine Gedanken.”

Diese Normalisierung von Gewalt, besonders von sexualisierter Gewalt, in historischen Serien, aber auch in historisch inspirierter Fantasy mit Anspruch auf “historische Korrektheit” wie “Game of Thrones”, ist ein riesiges Problem, denn sie verzerrt nicht nur unser Bild von der Vergangenheit, sondern auch unser Bild unserer Gegenwart.

Denn was “schon immer so” war, kann man nicht ändern, oder? Das muss man so hinnehmen, oder? Und das ist das Perfide, denn es war nicht “schon immer so”. Wir sehen dort unsere modernen gesellschaftlichen Missstände relativiert, keine historischen. Wir sehen eine bestimmte Narrative von Gewalt und Unterdrückung immer wieder, während historisch authentische andere Möglichkeiten als “historisch nicht korrekt” abgelehnt werden.

WAS FRÜHER “SO” WAR, IST NICHT SO SCHLIMM?

Und es wird noch hässlicher. Denn nicht einmal in Serien wie “Reign” oder auch Starz’ “The White Princess” (2017) und natürlich in “Outlander”, die weibliche Leads haben und für ein weibliches Publikum bestimmt sind, wird auf diese Tropes verzichtet. Auch hier erleiden Frauen sexualisierte Gewalt, um ihnen “Stärke” zu verleihen oder, und das passiert noch öfter, um den männlichen Figuren in ihrem Leben weh zu tun und ihnen Motivation zum Handeln zu geben.

Unter dem Vorwand “historische Korrektheit” sind die Rollen, in denen sich Frauen in historischen Serien sehen dürfen, sehr beschränkt und oft mit Leid verbunden. Und das beeinflusst auch, wie wir mit sexualisierter Gewalt und dergleichen in unserem modernen Alltag umgehen.

“Reign”: Designerkleider, Tudor-Traumwelt und sexualisierte Gewalt?

Die Frage, die sich stellt ist, wie weit wir als Zuschauer.innen noch abstumpfen können. Gewalt gegen Frauen, gegen queere Menschen und PoC, ist besonders in historischen Serien (und in historisch inspirierter Fantasy) mittlerweile so normalisiert, dass sie für uns dazu gehört, genauso wie der oft sexualisierende Blick auf die oft wenigen weiblichen Figuren.

Wir sind es so gewohnt, Frauenfiguren in sexuellen Rollen zu sehen, als laszive Modelle in “Da Vinci’s Demons”, als manipulative Sex Workerinnen in “Ripper Street”, als verführerische Anne Boleyn in “The Tudors”, dass wir uns oft gar nicht fragen, warum wir so selten Geschichten zu sehen bekommen, in denen Frauenfiguren nach eigener Agency streben, abseits vom Interesse männlicher Figuren existieren.

Wir sind es außerdem gewohnt, graphische Gewalt zu sehen, Unmengen fließendes Blut, Folter und überall raue Typen, die sich durch historische Szenerien treten und schlagen. Was zu Beginn von “Game of Thrones” 2011 oder zu Zeiten von “Rome” 2005 noch eine schockierende Grenzüberschreitung war, über die groß berichtet wurde, gehört zu Historienserien heute längst dazu und findet sich eben sogar in Serien wie “Reign” wieder, deren Zielgruppe junge Teenager sind.

Es scheint nicht mehr ohne zu gehen. Historische Serien, die diese Tropes nicht bedienen, die nicht blutig, schmutzig und düster sind, werden schnell als “langweilig” und zu lasch abgestempelt, wo sie in den frühen 2000ern (Die Zeiten von historischen Romantic Comedies und Dramen) noch die Norm waren.

Ich denke, dieser allgemeine Wunsch nach düsteren Szenarien und coolen Held.innen kommt einerseits daher, das wir in schwierigen Zeiten leben und uns von pastellbunter Jane-Austen-Romantik nicht mehr so leicht einhüllen lassen können, wie noch vor einigen Jahren. Trotzdem sind auch hier noch dunklere Mechanismen am Werk, denn Medien formen, wie wir unsere Realität sehen, auch historische Medien. Und in historischen Medien ist es besonders leicht, archaisch wirkende Rollenbilder mit dem Argument “So war das halt” zu präsentieren – und eben auch, oft sicherlich unbewusst, zu legitimieren.

Denn was früher “so” war, kann nicht so schlimm sein. Wenn es früher “so” war, ist es normal, dass es noch immer so ist. Natürlich haben nicht alle Creators dieser düsteren Histo-Shows Böses im Sinne. Die Creators von “Vikings” zum Beispiel wollten mit Lagertha, die den Mann tötet, der sie beinahe vergewaltigt, eine bestärkende Botschaft bringen. Das geht aber schief, wenn man gleichzeitig wieder legitimiert, dass sexualisierte Gewalt “damals normal” war, dass es gar nicht möglich ist, dass Lagertha so etwas nicht erleben muss.

Hier greifen alte Genre-Klischees, die von Show zu Show weitergereicht werden und mittlerweile als Allgemeinwissen und “historisch korrekt” gelten, weil man es ja so überall sieht. Hinzu kommt diese Idee der “starken” Frau, die nur nach dem Trauma sexualisierte Gewalt stark sein kann – eine sehr toxische, in sich misogyne Idee, die nicht viel weiter tut, als tatsächlichen Überlebenden zu schaden.

Und deshalb finde ich die düsteren, blutigen, edgy Histo-Serien, mit denen wir in den letzten Jahren regelrecht beworfen werden, besorgniserregend. Nicht, weil ich finde, dass man Gewalt und Trauma nicht zeigen sollte. Sondern, weil sie uns auf eine Art präsentiert werden, die nicht historische Gesellschaftsbilder abzeichnet, sondern moderne – aber so tut, als wären es historische. Und in diesen Gesellschaftsbildern haben meistens nur cis, hetero, weiße Männer das Recht stark, cool und tough zu sein.

Frauen, PoC und queere Menschen sind Opfer und Überlebende von (sexualisierter) Gewalt, ihr Streben nach Agengy endet meistens in Leid oder sogar mit ihrem Tod, dass ihnen diese Gewalt widerfährt wird als unausweichlich dargestellt. Vor allem haben diese Serien selten Platz für Narrativen abseits dieser Tropes. Selbst mächtige, weiße, cis, hetero Frauen wie Mary von Schottland (“Reign”) und Elizabeth von York (“The White Princess”), die als Königinnen die wohl privilegiertesten Positionen einnehmen, die möglich sind, sind keine Ausnahmen.

Auch das britische Historienepos “Downton Abbey”, das sich für seine historische Authentizität in allen Dingen von den Kostümen bis zu den Regeln der Gesellschaft rühmt, bedient die Narrative, dass selbst in der Glitzerwelt des britischen Adels in den 1910ern und 1920ern sexualisierte Gewalt gegen Frauen unausweichlich ist, und präsentiert sie reißerisch als Schockfaktor. Die Botschaft ist klar: Es geht nicht anders, niemand ist sicher, so war das halt für Frauen “damals”, leb damit.

Es ist weder für eine sensible, authentische Aufarbeitung dieser Gewalt Platz, noch für Geschichten, die ohne sie auskommen (was sie nicht “historisch nicht korrekt” machen würde). Diese Histo-Serien erheben Anspruch darauf die eine historische Wahrheit zu zeigen. Dabei werden, und das ist es, was ich gefährlich finde, dutzende Blickwinkel, Narrativen und Möglichkeiten ausgelassen, die positiver, bestärkender und interessanter wären, besonders für marginalisierte Zuschauer.innen. Und das ist sicherlich nur selten ein Versehen.

ZEIT ALS GRENZE

Am Ende stellt sich mir die Frage, warum wir als Zuschauer.innen diese düstere, brutale Darstellung von Geschichte als authentischer wahrnehmen, als eine positivere. Warum es Blut, Dreck, schummriges Licht und sexualisierte Gewalt braucht, damit wir sagen: “Ja, das ist historisch authentisch”, während wir eine gut kostümierte und recherchierte Jane-Austen-Verfilmung als bloßes romantisches Popcornkino wahrnehmen.

Wollen wir vielleicht, dass die Vergangenheit “so” war? Weil es uns dann leichter fällt, unsere Gegenwart hinzunehmen? Weil wir dann sagen können: “Guck mal, früher war es ja noch schlimmer!”, weil es uns das Gefühl gibt, wir sind weiter, als wir es wirklich sind?

Die Wahrheit ist, dass historische Epochen komplexe historische Einstellungen zu diesen Problematiken hatten, die sich nicht mit “Früher war das alles ganz schlimm!” zusammenfassen lassen. Im dunklen Mittelalter(tm) wurde zum Beispiel lange nicht so viel und konsequenzlos sexuell missbraucht, wie diese Shows es uns weismachen wollen. Trotzdem stellen Histo-Shows besonders sexualisierte Gewalt gegen Frauen als unausweichlich dar. Einerseits sicherlich aufgrund von alten, immer weiter getragenen Klischees dazu, was “historisch korrekt” ist. Andererseits aber sicherlich auch, weil es von den Zuschauer.innen gewollt wird.

Und vielleicht auch, weil “Das ist so lange her” eine Grenze erzeugt, die uns ein bisschen von der dargestellten Gewalt abschirmt, genauso, wie es fiktive Welten tun. Das ist gar nicht mehr unsere Realität, deshalb wirkt das, was wir dort gezeigt bekommen, weniger schlimm. Deshalb nehmen wir eine graphisch dargestellte Vergewaltigung in “Outlander” oder “Reign” irgendwie einfach hin, während wir es in Serien, die heute spielen – und somit nah dran an unserer eigenen Realität sind – nicht tun würden.

Aber ich finde, wir müssen damit aufhören. Denn auch, wenn es weit weg erscheint, was wir in Histo-Serien (und historischen Fantasyserien) sehen, beeinflusst uns genauso, wie andere Medien und formt unser Bild von der Vergangenheit und unserer Gegenwart. Auch hier ist “Das ist aber historisch korrekt!” kein Argument, mit dem man sich zufriedengeben sollte, wenn man die beinahe schon inflationär eingesetzte Gewalt – besonders gegen Marginalisierte – in modernen historischen Serien kritisiert.

Viel eher sollten wir besonders historische Serien kritisieren, die mit ihren cis- und heteronormativen Rollenbildern und mit sexualisierter Gewalt durchkommen, weil “Das war damals so” von vielen immer noch als gültiges Argument akzeptiert wird. Denn am Ende sind auch diese Shows von modernen Menschen für moderne Zuschauer.innen gemacht. Und dieses “Damals war es auch schon so oder noch schlimmer!” trägt am Ende einiges dazu bei, dass sich Gewalt, besonders sexualisierte Gewalt, in unseren Köpfen normalisiert.

Also denkt daran, wenn ihr das nächste Mal einen coolen Helden in mittelalterlicher Lederjacke ordentlich draufhauen seht. Oder, wenn mal wieder eine weibliche Figur sexualisierte Gewalt erlebt, die als unausweichlich dargestellt wird. Oder, wenn eine Show euch mal wieder einreden möchte, dass sie keine queeren Figuren oder PoC unterbringen kann, weil “Das ginge nicht ohne historisch korrekte Diskriminierung!”, während der Held moderne Bikerstiefel, Bart und Gelfrisur trägt.

Das sind keine historischen Gesellschafts- und Rollenbilder. Es sind unangenehm moderne. In keinem Genre zeichnen sich die Missstände des 21. Jahrhunderts so deutlich ab, wie in historischer Fiktion und historischer Fantasy. Und darüber sollten wir uns bewusst sein, wenn wir sie konsumieren.


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