Historienromane

“Stranwyne Castle: Das trügerische Flüstern des Windes” von Sharon Cameron

Intrigen, Ränkespiele, Gerüchte – bei den Tulmans geht man nicht zimperlich miteinander um. Schon gar nicht mit einer vorlauten jungen Frau, von der man kaum noch hoffen kann, sie zumindest gewinnbringend zu verheiraten. Also wird Katharine vor die Wahl gestellt: Armenhaus oder sie erbringt den Beweis, dass ihr reicher Onkel, Frederick Tulman, das Familienvermögen zum Fenster hinauswirft. Was sie vorfindet, ist jedoch kein seniler alter Mann, sondern ein Exzentriker, der wahre Wunder vollbringt und eine surreale Welt geschaffen hat, die Katharine immer mehr in ihren Bann zieht. Doch das Schicksal ist so trügerisch wie das Flüstern des “Stranwyne”, und plötzlich ist es Katharine, die um ihr Leben fürchten muss.


Inhaltswarnung
Fatshaming (Katharines Cousin wird öfter als “Fat Robert” bezeichnet)

Meine Gedanken

“Stranwyne Castle” ist brontësque: Sharon Camerons Jugendroman verbindet gekonnt Schauerromanelemente mit Anleihen aus den Romanen der Brontë-Schwestern zu einem modernen Gothic-Abenteuer: Katharine Tulman ist eine klassische Jane Eyre: Sie ist die ungeliebte Nichte, die man am liebsten loswerden würde. Die Chance bietet sich an, als die Tulmans sich vornehmen den exzentrischen Onkel Frederick als unzurechnungsfähig erklären zu lassen, um sich sein Vermögen und sein Herrenhaus – Stranwyne Castle – unter den Nagel zu reißen. Katharine soll Frederick besuchen und Beweise sammeln, doch sie findet etwas ganz anderes vor.

Stranwyne Castle ist ein Gothic-Herrenhaus, wie man es sich wünscht: Uralt, feucht, dunkel, schaurig. Es macht richtig Spaß das zugige Gemäuer gemeinsam mit Katharine zu erkunden. Und natürlich gibt es auch einen Heathcliff: Lane, Onkel Fredericks verschlossener Assistent, der aber ganz anders als die klassischen Schauerromanhelden weniger eine dunkle Vergangenheit mit sich herumträgt, sondern eher zu einem Vertrauten für Katharine wird. Alles in allem ist “Stranwyne Castle” eine großartige, moderne Hommage an das Gothic-Genre, aber natürlich ist der Roman noch sehr viel mehr als das und bringt sogar ein paar Steampunk-Anleihen mit.

Subtiler Grusel im blauen Kleid

Links: Porträt einer jungen Frau, Adolphe Yvon, 1850 | Rechts: Nachmittagskleid, 1855 (Met Museum)

Der Grusel in “Stranwyne Castle” kommt subtil daher, wirkt aber genau deshalb nach, denn er kommt aus Katharines eigener Familiengeschichte: In “Stranwyne” lebt sie im Zimmer ihrer verstorbenen Mutter, zu der sie besonders über ihre alten Kleider eine Verbindung aufbaut. Doch es sind vor allem die zwischenmenschlichen Dinge, die dieses Buch zu einem gelungenen Gothic-Roman machen: Dem feuchtkalten Grusel des alten Herrenhauses stehen die aufkeimenden Freundschaften gegenüber, die Katharine zu den Menschen von Stranwyne knüpft. Der Roman hat etwas sehr Warmes, Gemütliches, trotz des unheimlichen Grundtons.

Ein Highlight ist natürlich Frederick Tullman, Tully genannt, selbst: Katharines Onkel ist (wahrscheinlich) auf dem Autismus-Spektrum und hat sich in Stranwyne Castle seine eigene Welt geschaffen, die er mit seinen Freund_innen teilt, und in die er Katharine bald einlädt. Ich möchte nicht zu viel verraten, aber wer die Atmosphäre von Charles Dickens’ Romanen und die von viktorianischen Spielzeuggeschäften mag, der wird seine wahre Freude mit “Stranwyne Castle” haben. Auch historisch macht der Roman etwas her: Das Setting, die 1850er, ist solide recherchiert und Katharine ist eine Heldin, die zwar selbstbewusst ist, aber ein Kind ihrer Zeit in Krinolinenröcken und Korsett.

Im Kern ist “Stranwyne Castle” eine Geschichte über Akzeptanz und Selbstfindung und nimmt damit den Faden des Gothic-Genres erneut auf. Es ist eine Hommage an das Genre und ganz besonders an die Brontë-Schwestern, es ist aber auch ein eigenständiger, moderner Neo-Victoriana-Roman voller Geistergeschichten, viktorianischer Spielzeug-Wunder, Intrigen, und vor allem atmosphärischer Beschreibungen des alten Herrenhauses und seiner Bewohner_innen. “Stranwyne Castle” dürfte ein wundervoller Roman für lange, gemütliche Herbstabende sein, den ich allen Genre-Fans nur wärmstens empfehlen kann.


Die Reihe

1. Stranwyne Castle: Das trügerische Flüstern des Windes
2. A Spark Unseen (leider nicht übersetzt)


Das trügerische Flüstern des Windes | Stranwyne Castle #1 | Egmont Ink, 2014 | 9783863960094 | 352 Seiten | Deutsch | Amerikanische OA: The Dark Unwinding, 2012
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