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Historienromane

“Das Geheimnis des Frühlings” von Marina Fiorato

Florenz um 1481. In einer Zeit, in der die Kunst der Renaissance ihren Höhepunkt erreicht, verdingt sich die bezaubernde Luciana Vetra als Straßenmädchen. Der Ruf ihrer ungewöhnlichen Schönheit kommt auch Botticelli zu Ohren, und er lässt sie für sein Bild „Primavera” Modell stehen. Als der Maler sie nicht entlohnen will, entwendet Luciana kurzerhand eine Miniatur des Bildes, nur um daraufhin entsetzt festzustellen, dass jemand dafür über Leichen geht. Doch was hat es mit diesem Gemälde auf sich?


Inhaltswarnung
Gewalt/Blut, Prostitution einer Minderjährigen

Meine Gedanken

Ich bin komplett falsch an dieses Buch herangegangen. “Das Geheimnis des Frühlings” ist nicht der historische Thriller, den ich erwartet habe, sondern sehr viel mehr eine einzige große Verschwörungstheorie im Stil von Dan Browns Romanen. Das kann Spaß machen, doch dafür muss nicht nur die Recherche stimmen, sondern auch die große Intrige gut durchdacht und plausibel sein. Beides war hier meiner Meinung nach leider nicht der Fall: Marina Fiorato nimmt sich ausgerechnet einer Verschwörungstheorie an, die von Kunsthistoriker_innen längst widerlegt ist. Natürlich könnte das “Was wäre wenn…” trotzdem funktionieren, doch leider fällt es hier flach.

Mein größtes Problem mit dem Roman war jedoch seine Ich-Erzählerin, die 16-jährige Kurtisane Luciana. Luciana ist eine ganz typische Historienheldin: Sie ist schön und schmiert es den Leser_innen auch immer wieder auf’s Brot, sie ist von mysteriöser Abstammung, denn sie kennt ihre Eltern nicht (auch, wenn sich leicht erraten lässt, was es damit auf sich hat) und sie ist eine fortschrittliche, flapsige Ich-Erzählerin, die sich nichts gefallen lässt. Ich bin mit ihr leider nicht warm geworden. Hinzu kommt, dass diese 16-jährige eine der beliebtesten Kurtisanen von Florenz ist und ich diese Romantisierung der Prostitution einer Minderjährigen in einem modernen Roman ziemlich fehl am Platz finde.

Das “Geheimnis” des Frühlings

Primavera – Sandro Botticelli, ca. 1482, Öl auf Leinwand, 202cm x 314cm, Uffizien, Florenz

Die Handlung fängt spannend und interessant an: Über einen ihrer Kunden trifft Luciana auf Sandro Botticelli, der gerade an seinem berühmten Gemälde “Primavera” (oben) arbeitet. Sandro lässt Luciana für die Flora Modell stehen, weigert sich aber, sie zu bezahlen, also klaut sie die Skizze und läuft weg. Dass die Skizze jedoch wertvoller ist als gedacht, wird ihr klar, als sie plötzlich verfolgt wird. Ich liebe historische Abenteuerromane und war absolut bereit, mich auf diesen hier einzulassen, musste aber bald feststellen, dass der Roman viel eher auf Gewalt und Schockmomente setzt, weniger auf spannende Rätsel und clevere Intrigen, die es zu entschlüsseln gilt.

Auch die Verschwörungstheorie an sich ist fadenscheinig: Angeblich ist “Primavera” eine Karte und jede Figur ein Hinweis auf einen Ort in Italien, an dem weitere Hinweise versteckt sind. Mitraten ist hier jedoch leider nicht angesagt, denn Luciana löst jedes Rätsel sofort, mit einem einzigen Blick auf die gestohlene Skizze, was keinen Spaß macht und auch keinen Sinn, denn Luciana ist auf der Straße aufgewachsen und hatte keinerlei Zugang zu Bildung, holt aber aus den Untiefen ihres Verstands Wissen hervor, dass man als moderner Mensch mit Kunsgeschichtestudium haben kann, aber nicht als 16-jährige Kurtisane 1481: Hier ist die Recherche der Autorin wohl direkt in Lucianas Hirn geflossen.

Darüber hinaus gibt es zu viele ungeklärte historische Schwammigkeiten für meinen Geschmack. Wieso lässt Botticelli überhaupt eine Fremde von der Straße für Flora Modell stehen, wenn das Gemälde für die Medicis gedacht ist? Es ist tatsächlich nicht geklärt, wer Flora wirklich ist, aber sie wird – ähnlich wie die Modelle für andere Figuren – eine Medici-Adelige gewesen sein, wahrscheinlich Semiramide Appiani, Frau von Lorenzo di Pierfrancesco de’ Medici. Auch darüber hätte ich hinwegsehen können, wenn die Autorin mir eine richtig gute Erklärung dafür geliefert hätte, weshalb Botticelli stattdessen Luciana wählt – Die kommt aber nie.

Primavera, aber leider kein prima Buch

Alles in allem ist “Das Geheimnis des Frühlings” zwar ein gut geschriebener Roman, dessen Renaissance-Atmosphäre durchaus überzeugen kann, dessen Handlung aber leider einfach nicht aufgeht. Die Idee, die reale Verschwörungstheorie rund um Botticellis “Primavera” als Plot zu nutzen gefällt mir sehr gut, die Umsetzung lässt aber einfach zu wünschen übrig, denn sie wirkt sehr wenig durchdacht und es gibt keine Chance, selbst mitzurätseln, wovon solche Romane doch eigentlich leben. Auch Luciana als Heldin funktioniert kaum, besonders unangenehm ist die Romantisierung des Lebens als Kurtisane einer Minderjährigen.

Fiorato hatte die Chance aus ihrer spannenden Prämisse einen richtig guten Renaissancethriller zu machen, aber es bleibt leider bei Oberflächlichkeiten. Wen das nicht stört, der kann es gern mal mit “Das Geheimnis des Frühlings” versuchen, aber wer einen cleveren historischen Thriller oder meinetwegen eine mitreißende Verschwörungstheorie, egal wie weit hergeholt, erwartet, wird das in diesem Roman nicht finden. Ich habe von Fiorato noch “Das Herz von Siena” ungelesen hier und ich hoffe wirklich, dass ihr Adelsintrigen im achtzehnten Jahrhundert mehr liegen, als Renaissance-Verschwörungstheorien, denn ihr Schreibstil ist wirklich sehr schön.


Das Geheimnis des Frühlings | Limes, 2010 | 978-3-442-37480-9 | 608 Seiten | Deutsch | Übersetzerin: Nina Bader | Britische OA: The Botticelli Secret, 2010
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