Florenz um 1481. In einer Zeit, in der die Kunst der Renaissance ihren Höhepunkt erreicht, verdingt sich die bezaubernde Luciana Vetra als Straßenmädchen. Der Ruf ihrer ungewöhnlichen Schönheit kommt auch Botticelli zu Ohren, und er lässt sie für sein Bild „Primavera” Modell stehen. Als der Maler sie nicht entlohnen will, entwendet Luciana kurzerhand eine Miniatur des Bildes, nur um daraufhin entsetzt festzustellen, dass jemand dafür über Leichen geht. Doch was hat es mit diesem Gemälde auf sich?


Inhaltswarnung
Gewalt/Blut, Prostitution einer Minderjährigen

Meine Gedanken

Ich bin komplett falsch an dieses Buch herangegangen. “Das Geheimnis des Frühlings” ist nicht der historische Thriller, den ich erwartet habe, sondern sehr viel mehr eine einzige große Verschwörungstheorie im Stil von Dan Browns Romanen. Und sowas mag ich nicht, wenn es nicht wirklich gut gemacht ist. Und “Das Geheimnis des Frühlings” ist leider nicht gut gemacht. Es ist nicht gut recherchiert und geplottet und da geht der ganze Spaß an Verschwörungen, Verfolgungsjagden und der flapsigen Heldin sehr schnell über Bord. Sehr, sehr schnell.

Aber erst einmal zu Luciana selbst, denn ich wurde mit der Ich-Erzählerin trotz ihres Wortwitzes nicht richtig warm. Luciana muss einem nämlich immer wieder aufs Brot schmieren, wie schön sie ist und wie toll alle um sie herum sie finden. Ich bin aus dem Augenverdrehen kaum noch rausgekommen. Luciana ist schön, das habe ich dann auch verstanden. Können wir jetzt weiterma- ah ja, okay, sie muss noch einmal betonen, wie schön sie ist. Und nochmal. Und… Ja doch! Ich weiß!

Der Trend zu unfassbar schönen Heldinnen im historischen Roman stört mich ja sowieso, aber aus der Ich-Perspektive ist das irgendwie noch eine ganz andere Nummer. Es passte aber wenigstens zu Lucianas Arroganz, denn sie hält sich tatsächlich für ein Geschenk an die Menschen von Florenz und leider rütteln auch die Ereignisse der nächsten 600 Seiten nicht wirklich an ihrer himmelschreienden Selbstüberschätzung. Sie kann alles, weiß alles, löst alle Rätsel im Handumdrehen. Und so machen die Rätsel dann auch keinen Spaß.

Was mich an Luciana aber wirklich am allermeisten gestört hat, ist die Romantisierung der Prostitution einer Minderjährigen (Luciana ist erst sechzehn), die sich ebenfalls durch den gesamten Roman zieht. Luciana liebt ihr Leben als verarmte Sexworkerin, die in einem Schuppen am Fluss wohnen muss und nur für ihre Arbeit mal einen Blick in die Paläste der reichen Männer werfen darf. Luciana ist sexpositiv und das ist toll, aber diese Romantisierung von Armut und Sexarbeit einer Minderjährigen… Nein. Das ist nicht okay.

Dazu kommt natürlich, dass die schöne Luciana von ganz mysteriöser Abstammung ist. Sie ist als Baby in einem kostbaren venezianischen Gefäß gefunden worden und hat überhaupt keine Idee, wer ihre Eltern denn sein könnten. Jetzt darf jeder mal raten, was die Auflösung ist und ich kann euch sagen, dass ihr sehr wahrscheinlich richtig liegt. Das große Geheimnis um Lucianas Herkunft hatte zumindest ich direkt am Anfang bereits erraten. Nicht, weil ich so schlau bin, sondern weil der Roman immer mit dem Holzhammer arbeitet, subtil gibt es hier nicht.

Das “Geheimnis” des Frühlings

Primavera – Sandro Botticelli, ca. 1482, Öl auf Leinwand, 202cm x 314cm, Uffizien, Florenz

Die eigentliche Handlung fand ich am Anfang richtig spannend und interessant. Über einen ihrer reichen Kunden wird Luciana mit keinem geringeren als Sandro Botticelli bekannt gemacht, der gerade an seinem berühmten Gemälde “Primavera” arbeitet. Sandro lässt Luciana die Flora modeln, aber er weigert sich, sie dafür zu bezahlen, also stiehlt Luciana als Rache eine Skizze des Gemäldes und läuft weg. Dass die Skizze anscheinend wertvoller war als gedacht, wird ihr klar, als sie plötzlich verfolgt wird.

Eine richtig interessante Idee, wirklich! Ich habe so sehr auf einen spannenden historischen Thriller gehofft, auf schön viele Plottwists und spannende Geheimnisse, alles verknüpft mit Botticelli und dem berühmten Gemälde. Aber dieser Roman ist “Das Geheimnis des Frühlings” nicht. Nicht einmal im Ansatz. Der Roman setzt für meinen Geschmack zu sehr auf schockierende Szenen und zu wenig auf spannende Verwicklungen und Rätsel. Luciana stolpert praktisch über Tote, als sie vor ihren Verfolgern flieht, und das war mir zu viel des Guten.

Außerdem hat vieles für mich einfach nicht genug Sinn ergeben, sodass ich mich nicht auf die Geschichte einlassen konnte. Wieso lässt Botticelli irgendein Mädchen für sein wichtiges Gemälde Modell stehen? Die einzige Erklärung ist, dass Luciana eben einfach so schön ist. Aber das reicht nicht. “Primavera” ist sehr wahrscheinlich im Auftrag der Medicis entstanden, der einflussreichsten Familie der italienischen Renaissance, und da nimmt Botticelli einfach irgendein Mädchen als Modell her? Glaube ich nicht.

Dazu kommt, dass das Modell für Flora (die dritte Figur von rechts, im geblümten Kleid) wahrscheinlich Simonetta Vespucci war, eine italienische Adelige. Selbst, wenn es nicht Simonetta war, wir können glaube ich davon ausgehen, dass Botticelli respektable Frauen für sich hat Modell stehen lassen und nicht einfach irgendein dahergelaufenes Mädchen, das ein entfernter Kumpel ihm mitgebracht hat. Ich hätte das akzeptieren können, wenn Fiorato sich einfach die Mühe gemacht hätte, mir eine gute Erklärung dafür zu geben. Macht sie aber nicht.

Und dann die große “Verschwörungstheorie”: Fiorato hat sich eine Theorie ausgesucht, die mittlerweile von allen Kunsthistoriker.innen, die mit “Primavera” gearbeitet haben als unwahrscheinlich eingestuft wurde. Natürlich kann man in einem historischen Roman trotzdem sagen: “Okay, aber was, wenn es doch so war?” Das ist ja genau das spannende an historischen Romanen. Wenn man gut plottet, sich eine historisch authentisch wirkende Erklärung zurechtlegt und die Leser.innen dann überzeugt, dass es genau so hätte passiert sein können, dann kann man einen richtig guten historischen Thriller schreiben.

Die schöne, schlaue Luciana

Macht Fiorato aber nicht. Die Verschwörungstheorie ist folgende: Angeblich ist “Primavera” eine Karte und jede Figur ist ein Hinweis auf einen Ort in Italien, an dem weitere Hinweise versteckt sind. Das ist jetzt kein Spoiler, keine Sorge. Es kommt im Roman sehr früh zur Sprache und die Theorie ist wie gesagt eine echte Verschwörungstheorie, die auch relativ bekannt ist. Eine sehr schwache natürlich, da sie wie gesagt widerlegt ist, und auch in “Das Geheimnis des Frühlings” ist sie schwach. Und leider auch nicht spannend genug aufgearbeitet.

Mitraten ist hier nicht angesagt. Hinweise, die man selbst auszuknobeln versuchen könnte gibt es hier nicht. Luciana entschlüsselt Figur nach Figur einfach mal so, weil sie anscheinend nicht nur total schön, sondern auch total schlau ist. Sie guckt sich die geklaute Skizze von “Primavera” an und weiß einfach, was die Figuren bedeuten sollen. Sie weiß Dinge, die sie gar nicht wissen kann, da sie als armes Mädchen ohne Zugang zu Bildung einfach die Möglichkeiten nicht hat.

Mal ganz ehrlich: Moderne Kunsthistoriker.innen haben jahrzehntelang versucht die Symbolik von “Primavera” zu entschlüsseln und wir wissen bis heute nicht genau, was genau die einzelnen Figuren symbolisieren sollen. Aber Luciana, schön, sechzehn Jahre alt, entschlüsselt das Bild mal so nebenbei an einem Nachmittag. Nee. Einfach nee. Glaube ich nicht und finde ich auch nicht spannend. Ein bisschen schwerer hätte Fiorato es ihr – und den Leser.innen – doch machen sollen.

Primavera, aber leider kein prima Buch

Ich finde das einfach so schade, ehrlich. Die Idee hinter dem Roman ist so interessant und anders, aber die Umsetzung ist dann leider nicht so gut. “Das Geheimnis des Frühlings” ist schön erzählt, mit einer witzigen Ich-Erzählerin und tollen Beschreibungen von Italien in der Renaissance, aber wenn darüber hinaus nichts funktioniert, reicht das einfach nicht. Die Verschwörungstheorie wirkt zu simpel und ergibt wenig Sinn, es kommt einfach null Spannung auf, weil Fiorato Luciana alle Rätsel sofort lösen lässt.

Dazu dann noch dieses Herumreiten darauf, wie schön und geheimnisvoll Luciana ist und die Romantisierung von Prostitution einer Minderjährigen und es bleibt einfach nicht viel übrig, das Spaß macht. Ich finde die italienische Renaissance unglaublich spannend, aber es ist eine der historischen Epochen, über die ich nicht viel weiß. Aber hier habe selbst ich gemerkt, dass vieles einfach nicht passt und mit ein bisschen googeln zu Botticelli und “Primavera” wusste ich dann auch, was.

Fiorato hatte die Chance aus ihrer spannenden Prämisse einen richtig guten Renaissancethriller zu machen, aber es bleibt leider alles wirklich oberflächlich. Wen das nicht stört, der kann es gern mal mit “Das Geheimnis des Frühlings” versuchen, aber wer einen cleveren historischen Thriller oder meinetwegen eine mitreißende Verschwörungstheorie, egal wie weit hergeholt, erwartet, wird das in diesem Roman nicht finden. Ich habe von Fiorato noch “Das Herz von Siena” ungelesen zuhause und ich hoffe wirklich, dass ihr Adelsintrigen im achtzehnten Jahrhundert mehr liegen, als Renaissance-Verschwörungstheorien, denn ihr Schreibstil ist wirklich schön.


Das Geheimnis des Frühlings | Limes, 2010 | 978-3-442-37480-9 | 608 Seiten | Deutsch | Übersetzerin: Nina Bader | Britische OA: The Botticelli Secret, 2010