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Historienromane

“Worte und Wunder” von Ann-Sophie Kaiser

Es geht ums Überleben, aber die junge Ruth, Tochter einer Buchhändlerfamilie, weigert sich, nur an die Butter fürs Brot zu denken. Der Vater hat für die Literatur gelebt und tüchtig war er auch. Er wollte den Namen der Familie großmachen. Die Buchhandlung erweitern. Schlimm, dass er mit ansehen musste, wie der altehrwürdige Laden am Rathaus Schöneberg ausbrannte. Das war, als würde das Feuer auch an ihm fressen. Friedrich war sein Hoffnungsträger, Ruths Ideen hat er nicht gehört. Aber jetzt ist sie am Zug. Sollen die anderen Kartoffelschalen abkochen. Berlin braucht Stimmen und Geschichten. Berlin braucht Fantasie.


Inhaltswarnung
Zweiter Weltkrieg, NS-Regime und Kriegstrauma, Shoa (erwähnt), Tod einer jüdischen Figur (angedeutet)

Meine Gedanken

Nachdem mir Ann-Sophie Kaisers Debütroman “Unter den Linden 6”, eine fiktionalisierte Romanbiografie über Lise Meitner, recht gut gefallen hatte, war ich sehr gespannt auf ihren neuen Roman “Worte und Wunder”. Familiensagas über Buchhandlungen scheinen gerade im Kommen zu sein und neben Ines Thorn und Heidi Rehn ist die Autorin in recht guter Gesellschaft. “Worte und Wunder” beginnt im Jahr 1948 und erzählt die Geschichte der fiktiven Buchhandlung Klinger bis in die frühen 1950er Jahre: Im Mittelpunkt stehen drei junge Frauen, Ruth, Rosa und Lore, die jede auf ihre Weise versuchen, die Buchhandlung Klinger nach dem Krieg aufrechtzuerhalten.

Nun. Mir juckt es etwas in den Fingern zu sagen, wer auch immer den Klappentext geschrieben hat, hat einen schöneren Schreibstil als man ihn im eigentlichen Roman findet. Der etwas sonderbar formulierte Klappentext war ein weiterer Grund, weshalb ich das Buch gelesen habe: Ich mag historische Romane mit leisem Humor, die ein bisschen aus der Rolle fallen. Das ist “Worte und Wunder” aber ganz und gar nicht. Viel eher gibt es hier dieselben Klischees wie in unzähligen Romanen des Genres zuvor, garniert mit einem Blick auf die deutsche Nachkriegszeit, der mich oft hat schlucken lassen und mir in Erinnerung rief, weshalb ich Romane, die in dieser Zeit spielen, eigentlich meide.

Opfermythos: “Wir wussten doch von nichts”

Das Genre hat den Mythos von der deutschen Opferrolle verinnerlicht und auch “Worte und Wunder” ist keine Ausnahme. Wenn das NS-Regime erwähnt wird, dann um Frauen wie Ruth als die eigentlichen Opfer darzustellen. Es wird betont, dass Berlin zerbombt wurde, dass Bruder und Ehemann nicht nach Hause gekommen sind, dass “harte Reparationen” gezahlt werden mussten. Was bleibt unerwähnt? Richtig. Warum all das passiert ist. Erst bei knapp 25% erinnert Ruth sich daran, dass ihre beste Freundin Jüdin war und “abgeholt” wurde. Aufklärung über die Taten Deutschlands während des NS-Regime ist ihr aber nur für ein paar Seiten wichtig und dann wieder vergessen.

Rosas Nazi-Vergangenheit hingegen wird beinahe schon … verniedlicht? Das HJ-Abzeichen hat sie einfach im Schutt eines zerbombten Hauses versteckt, da müsse man jetzt auch nicht mehr drüber reden. Und ihr Mann war doch so ein Lieber, auch, wenn er lachend auf der Straße stand, während jüdische Geschäfte brannten. Überhaupt, sie wusste ja von nichts, sie war so naiv damals, sie hat Berlin eigenhändig wieder aufgebaut, Trümmerfrauenmythos lässt grüßen. Kurz gesagt: Das Buch schmiert mir aufs Brot, dass Rosa ein begeisterter Nazi war, aber schiebt hinterher, dass sie doch von allen so gemocht wird und das muss doch reichen, um sie für die Lesenden zu rehabilitieren. /s

Der Umgang mit dem NS-Regime, den “Worte und Wunder” präsentiert, erinnert mich unangenehm daran, wie seit den tatsächlichen 1950er Jahren immer wieder verdrängt und verschwiegen wird und wie vor allem Täter-Opfer-Rollen vertauscht werden. Das Buch wird gar nicht satt zu erwähnen, wie sehr Ruth, Rosa und Lore nach dem Krieg gelitten haben. Hunger, Armut, Zerstörung, all das wird breitgetreten, denn wir sollen Mitleid haben. Für die jüdische Gitty bleibt gerade einmal ein Nachmittag, an dem Ruth erfolglos versucht herauszufinden, was mit ihr passiert ist, dann ist ihr doch wieder wichtiger, ob sie in der Buchhandlung nun Taschenbücher verkaufen soll oder lieber nicht.

Der Mythos von der gemütlichen Nachkriegszeit

Achtung: In diesem Abschnitt gibt es leichte Spoiler

Das ist die größte Problematik des Romans, die sich wie ein roter Faden von Anfang bis Ende zieht, doch es ist nicht die einzige Problematik. Lore, zu Beginn des Romans 16 Jahre alt, verliebt sich in einen Mann Ende zwanzig, der von Anfang an Interesse an ihr bekundet. Das wird nicht als heikel, sondern als romantisch präsentiert. Eine andere Figur bekommt eine Liebesgeschichte mit dem Zwillingsbruder ihres im Krieg gefallenen Mannes angedichtet. Kriegsflüchtende werden als laute, nervige Mitbewohner*innen beschrieben, ein Kriegsheimkehrer mit PTBS und Shell Shock als emotional kalt, aggressiv und störend. Empathie gibt es in diesem Roman wahrlich nur für Ruth und co.

Und die eigentliche Handlung? Leider kann ich auch hier nicht viel gutes schreiben. Wie im Genre üblich gibt es keinen Spannungsbogen. Viel eher werden im Stil von Slice-of-Life ein paar Jahre aus dem Leben von Ruth, Rosa und Lore erzählt, die die Buchhandlung wieder aufbauen wollen. Konflikte lösen sich meist in Wohlgefallen auf. Dann hat Ruth halt verbotene Ostliteratur verkauft, wieso sollte ihr etwas passieren? Sie meinte es doch gut. Die spannendste Frage in der zweiten Romanhälfte ist, ob Ruth Taschenbücher ins Sortiment aufnehmen will oder nicht, um konkurrenzfähig zu bleiben, weil gefühlt gegenüber eine andere Buchhandlung aufgemacht hat.

“Worte und Wunder” möchte gemütlich sein. Die Figuren sitzen nachts gemeinsam in der Küche und trinken Tee. Amerikanische GIs schenken Kindern mit leuchtenden Augen Süßigkeiten. Die alte Dame, die immer im Laden sitzt und liest, führt Gespräche über Literatur mit Ruth und Rosa. Knapp gesagt: “Worte und Wunder” ist eine weitere Familiensaga, die auf die nostalgische rosarote Linse setzt, auf cosy slice of life, auf das “Der Krieg ist vorbei und jetzt wird alles wieder gut”, auf herzerwärmende Unterhaltung. Am Ende stellt sich hier aber eine ganz bedeutende Frage: Kann ein Roman über die unmittelbare deutsche Nachkriegszeit gemütlich und whimsical sein?

Symptome eines Trendgenres

Natürlich, “Worte und Wunder” möchte keine pointierte Aufarbeitung des NS-Regimes sein. Aber kommt ein Roman, der Ende der 1940er und Anfang der 1950er in Deutschland spielt, darum herum? Nein. Schon gar nicht, wenn ein Roman so sehr im selbstgerechten Opfermythos aufgeht, wie “Worte und Wunder”. Romane wie dieser sind gefällig. Sie zwingen uns nicht, uns mit dem NS auseinanderzusetzen oder mit der etwaigen Mitschuld von Leuten wie Ruth und Rosa. Sie verwaschen eine komplizierte, schwierige, in vielem sehr regressive Epoche zum nostalgischen Setting eines gemütlichen Romans über Familie und Freundschaft – In dem für Opfer und Überlebende aber kein Platz ist.

Dass “Worte und Wunder” keine Ausnahme ist, sondern sich viel eher nahtlos in ein Genre voller ähnlicher Titel einreiht, macht mir schon lange Sorgen. Die Verdrängung, den Opfermythos, all das gibt es seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Doch in den letzten Jahren verschiebt sich deutlich, wie vor allem in Unterhaltungsmedien damit umgegangen wird. Im Jahr 2021 lesen wir also gemütliche, romantische Romane über die Nachkriegszeit, in denen Frauen wie Rosa Heldinnen sind und die Verbrechen des NS so gut wie möglich aus der Handlung gebügelt. Das ist also eines unserer Trendgenres. Mir fehlen die Worte und auf Wunder hoffen hat noch nie viel bewirkt.


Worte und Wunder | Dtv, 2021 | 978-3-423-26309-2 | 336 Seiten | deutsch

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