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Essays

“Children of the Night”: Eine kurze Geschichte des Vampirromans

Vampirliteratur ist heute alles andere als eine Seltenheit. Spätestens seit “Gespräch mit einem Vampir” (1976) von Anne Rice stehen Vampire auch in der modernen Popkultur hoch im Kurs, nicht zuletzt auch durch “Twilight” (2005) von Stephenie Meyer, das bis heute die moderne Vampirliteratur stark beeinflusst. Die Geschichte des Vampirs als literarische Figur ist jedoch deutlich turbulenter als man meinen möchte und hat seinen Ursprung, natürlich, im Gothic- und Schauergenre des 18. und 19. Jahrhunderts. Deshalb möchte ich mir heute mit euch anschauen, woher der Vampir als Romanfigur kommt – und wohin er vielleicht zurückkehren könnte.

Denn der moderne literarische Vampir, wie wir ihm in “Twilight” begegnen, hat mit dem ursprünglichen Vampir der Fiktion vergangener Jahrhunderte gar nichts und gleichzeitig alles zu tun. Wie das sein kann? Darum soll es heute gehen. Doch bevor wir uns Lestat, Edward, Bella und co. anschauen, müssen wir fast genau dreihundert Jahre zurückspulen, denn der Vampirtrend beginnt im frühen 18. Jahrhundert mit einem Bauern namens Petar Blagojević in Serbien, das damals zum Habsburgerreich gehörte, und ist tief im osteuropäischen Volksglauben verwurzelt, der den Vampir als Folk-Horror-Figur maßgeblich formte und beeinflusste.

1725: Der Fall Blagojević und die deutsche Dichtung

Petar Blagojević verstarb im Jahr 1725 im serbischen Dorf Kisilova. Nach seinem Tod kam es jedoch zu einer Reihe weiterer mysteriöser Todesfälle, deren Opfer, der Überlieferung nach, auf dem Totenbett angegeben hätten, Blagojević wäre ihnen erschienen und hätte sie gewürgt. Vampirismus ist ein alter osteuropäischer Volksglaube, sodass die Bewohner_innen von Kisilova annahmen, Blagojević könnte als Vampir zurückgekehrt sein: Sie exhumierten deshalb seinen Körper und stellten tatsächlich die Symptome fest, die laut diesem Volksglauben auf Vampirismus hinwiesen: Der Körper zeigte keine Verwesungsspuren und frisches Blut ließ sich im Mund des Toten nachweisen.

Im Beisein des österreichischen Kameralprovisoren Frombald wurde ein Pflock durch das Herz des Toten gestoßen und der Leichnam daraufhin verbrannt. Von den Einwohner_innen erfuhr Frombald, wie er in seiner Korrespondenz zu dem Fall auch schrieb, dass es einige Jahre zuvor bereits zu einem ähnlichen Vorfall gekommen war. Der Bericht, der in der “Wiener Zeitung” veröffentlicht wurde, zog großes Interesse auf sich und löste eine erste Vampirmanie im deutschsprachigen Raum, sowie in Frankreich und Großbritannien aus. Besonders im deutschen Raum wurde der Vampir zum beliebten Motiv in der Dichtung, besonders der düster-romantische Vampir.

Die verstorbene Person, die aus dem Grab aufsteigt, um eine geliebte Person zu sich zu holen, findet sich unter anderem bei Goethe in “Die Braut von Corinth” (1798) wieder: “Aus dem Grabe werd ich ausgetrieben, noch zu suchen das vermißte Gut, noch den schon verlohrnen Mann zu lieben, und zu saugen seines Herzens Blut.” Der Vampir steht hier jedoch nicht für eine tragische Liebesgeschichte, sondern ist Symbol für den Konflikt zwischen menschlicher Sexualität und einer Gesellschaft, die diese unterdrückt: Diese erotische, und oft gesellschaftskritische, Komponente wohnt der Vampirliteratur von Anfang an inne und spiegelt gesellschaftliche Ängste der Epoche.

1819: Christabel, Polidoris “Vampyr” und Byron

Links: Illustration zu “Christabel”, 1891 | Mitte: George Gordon Byron, ca. 1813 | Rechts: John William Polidori, frühes 19. Jahrhundert

Es ist daher auch kein Wunder, dass der Vampir sich als ebensolches Symbol bald auch im Gothic- und Schauergenre des ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhunderts festbeißt und sehr bald zum Ausdruck von besonders queerer Sexualität wird. Der wahrscheinlich erste Vorstoß in diese Richtung ist Samuel Taylor Coleridges unvollendete Ballade “Christabel” (um 1800 verfasst), in der die titelgebende Christabel sich in die mysteriöse Geraldine verliebt und erst nach und nach erkennt, dass Geraldine eine Vampirin ist. Der Moment, in dem Geraldine sich vor Christabel entkleidet und ihr Vampirmal sichtbar wird, ist erotisch aufgeladen:

Then drawing in her breath aloud, Like one that shuddered, she unbound, The cincture from beneath her breast:
Her silken robe, and inner vest, Dropt to her feet, and full in view, Behold! her bosom and half her side—
A sight to dream of, not to tell! O shield her! shield sweet Christabel!

Dass der Vampir, der von Anfang an für verbotene Liebe und Sexualität steht, so bald auch zum Symbol für in dieser Epoche unterdrückte und dämonisierte queere Sexualität werden würde, ist an sich ein logischer Prozess und endet auch nicht mit “Christabel”. 1819 veröffentlicht John William Polidori den ersten richtigen Vampirroman: “Der Vampyr” entstand, genau wie Mary Shelleys “Frankenstein” (1818), 1816 in der Villa Diodati am Genfersee und basiert auf einer Idee von Polidoris gutem Freund Lord Byron. Der titelgebende Vampir, Lord Ruthven, basiert außerdem auf Byrons Charakter und übernimmt viele seiner biographischen Daten.

Während George Gordon Byrons Identität als queerer Mann, nach modernem Verständnis wohl pan- oder bisexuell, mittlerweile kaum noch ein Streitthema ist, ist John William Polidori eine deutlich obskurere Figur. (Auch, wenn seine Tagebücher aus der Zeit in der Villa Diodati durchaus nicht erhörte Gefühle für Byron andeuten und in jedem Fall seine Bewunderung, die sich durch Byrons Ablehnung in einer Art Hassliebe äußerte, offenlegen.) Festzuhalten ist jedoch, dass sein Text, “Der Vampyr”, durchaus Bezug auf Byrons LGBTQ-Identität nimmt und in bester Tradition des Genres die Grenzen zwischen akzeptierten homosozialen Beziehungen und queerer Sexualität verwischt.

Victorian Vampires: “Carmilla” und “Dracula”

Die erste ganz explizit queere Vampirin ist jedoch die titelgebende “Carmilla” aus der mittlerweile berühmten Novelle (1872) des irischen Schriftstellers Sheridan Le Fanu. Was an Carmilla bemerkenswert ist, ist die Tatsache, dass sie zwar die blutdurstige Antagonistin der Geschichte ist, ihre Zuneigung der Protagonistin Laura gegenüber wird jedoch nicht negativ gewertet. Im Kern ist “Carmilla”, wie sehr viel Gothic-Fiktion des späteren 19. Jahrhunderts, feministisch gefärbt, denn Le Fanu nimmt Abstand von viktorianischen Normen von Weiblichkeit und lässt Carmilla und Laura außerhalb dieser Normen existieren und eigenständig agieren.

[A]nd with gloating eyes she drew me to her, and her hot lips travelled along my cheek in kisses; and she would whisper, almost in sobs, “You are mine, you shall be mine, and you and I are one for ever.”

Interessant ist an dieser Stelle auch, dass “Carmilla” nicht nur vom osteuropäischen Vampirglauben und der Geschichte der “Blutgräfin” Elisabeth Báthory (1560-1614) inspiriert ist, sondern sehr sicherlich auch von Coleridges “Christabel”: Gothic-Literatur beeinflusst sich immer auch gegenseitig und so kommen wir zum wohl berühmtesten Vampir der Literaturgeschichte: Bram Stokers “Dracula” (1897). Stoker erschuf seinen Vampir keinesfalls aus dem Nichts: “Dracula” basiert in vielem auf “Carmilla” und Le Fanus Vorstellungen des Vampirdaseins, sowie auf der frühen deutschen Vampir-Dichtung des 18. Jahrhunderts: Stoker zitiert direkt aus “Lenore” (1773) von G.A. Bürger.

“Dracula” ist also bei Weitem nicht der erste Vampirroman der Literaturgeschichte, sein großer Erfolg prägte das Genre aber stark: Der bluttrinkende Dracula in seinem weiten Cape, der sich in eine Fledermaus verwandelt, im Sonnenlicht verbrennt und Angst vor Knoblauch hat, gibt im Verlauf des 20. Jahrhunderts Vampire-Tropes vor, die schnell zu Klischees werden, die wir bis heute mit Vampirgeschichten in Zusammenhang bringen. “Dracula” bringt osteuropäische Folklore, die markanten Charakteristika des Gothic-Romans und die Gemeinsamkeiten des Vampir-Genres auf eine Weise zusammen, wie keine Vampirgeschichte vor ihm.

Dracula Revisited: “Dracula” als Spiegel seiner Epoche

Links: Henry Irving, Vorbild für Dracula, 1892 | Mitte: Erstausgabe von “Dracula”, 1897 | Rechts: Bram Stoker, ca. 1906

Auch weit darüber hinaus ist “Dracula” ein Roman, den wir uns noch einmal genauer anschauen sollten, denn während er außer dem ähnlichen Namen sehr wenig mit dem “historischen Dracula”, Vlad Dracul (ca. 1431-1477), zu tun hat, ist er eng verbunden mit dem späten viktorianischen Zeitalter, besonders dem fin de siècle in Großbritannien, seiner zweischneidigen Gesellschaft – und mit Stokers Biografie selbst. Stoker begann zwar bereits Jahre zuvor mit der Planung von “Dracula”, doch es ist kein Zufall, dass er den Schreibprozess – nach deutlichen Änderungen am Plot und an den Figuren – nur einen knappen Monat nach Oscar Wildes Verurteilung 1895 aufnahm.

Bram Stoker war ein guter Freund Wildes, aber außerdem sehr wahrscheinlich selbst queer: Die Figur des Grafen Dracula und sein dramatisches Auftreten erinnern wohl nicht umsonst an Stokers viel bewunderten Freund und Theaterkollegen, den legendären Schauspieler Henry Irving (1838-1905), ein Superstar seiner Epoche. Zudem stellt Stoker die Männlichkeitsbilder seiner Epoche in Frage, die nüchterne Stärke und Dominanz verlangen. “Dracula” ist ein direktes Produkt der Moralpaniken des Fin de Siècles und von Stokers Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität. Aus diesem historischen und biografischen Kontext lässt sich der Roman nicht lösen.

Auch darüber hinaus steckt in “Dracula” sehr viel Fin-de-Siècle-Kontext, der sich hier kaum verkürzt wiedergeben lässt: Kontrastierende Frauenbilder der Epoche spiegeln sich in Mina, Lucy und den drei Vampirinnen in Draculas Schloss, wobei Mina als intelligente, eigenständige “New Woman” deutlich hervorgehoben wird. Auch der xenofeindliche, britisch-imperialistische Blick auf Osteuropa, der im Roman nicht reflektiert wird, spiegelt britisch-viktorianische Ängste einer “umgekehrten Kolonialisierung” durch andere erstarkende europäische Nationen. Dracula ist nicht nur ein Vampir. Er ist durch und durch “the Other”, das die breite Allgemeinheit im Fin de Siècle fürchtet.

1976: Anne Rice und die Tradition des Vampirromans

Im 20. Jahrhundert durchlebt der Vampirroman viele Inkarnationen, bleibt aber auch dem Gothic- und Horrorgenre treu. 1966 vereint die US-Serie “Dark Shadows” in ihrer Vampirfigur Barnabas Collins viele Eigenschaften, die der Vampir bereits im 19. Jahrhundert hatte: Collins ist als tragischer Gothic-Held angelegt, der moralisch grau agiert. Ein Gothic-Revival erlebt der Vampir in den 1970er Jahren in den Bestseller-Reihen von Chelsea Quinn Yarbro (Die “Saint-Germain”-Reihe hat 27 Bände und erschien ab 1978) und natürlich ab 1976 in der “Chronik der Vampire” von Anne Rice, die mit dem heutigen Kultklassiker “Gespräch mit einem Vampir” begann.

Besonders die “Chronik der Vampire” knüpft außerdem an den Vampirroman als Ausdruck queerer Sexualität und Geschlechtsidentität an, die von der Mehrheitsgesellschaft unterdrückt wird. In mehreren Interviews gab Rice an, dass Sexualität und Gender in ihren Romanen ganz bewusst transgressiv dargestellt sind. Seit nunmehr knapp fünfzig Jahren identifizieren sich viele Lesende genau deshalb stark mit Rices Romanen. Der Vampir, der seit seiner literarischen Entstehung im 18. Jahrhundert, Ausdruck für verbotene und unterdrückte Sexualität, und vor allem auch für LGBTQ-Identität, ist, verliert diesen Charakter jedoch zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

Stephenie Meyers Bestseller “Bis(s) zum Morgengrauen” (2005) mag zwar der beliebteste Vampirroman dieser Art sein, ist jedoch längst nicht der erste. Schon Ende der 1990er fügen sich Vampirfiguren nach und nach in konventionelle Vorstellungen von Sexualität: Sie mögen unnahbare Bad Boys sein, doch sie sind cis und heterosexuell, passen in Normvorstellungen von Männlichkeit und erfüllen diese auch in Beziehungen zu den cis weiblichen Heldinnen dieser Romane. Viele dieser neuen Klischees lassen sich schon in der “Tagebuch eines Vampirs” Reihe von Lisa Jane Smith finden, die in den USA seit 1991 erschien und ab 2009 die Vorlage zur US-Serie “The Vampire Diaries” bot.

2021: Der Vampirroman im 21. Jahrhundert

Links: “Im Zwielicht”, Band eins der “Tagebuch eines Vampirs”-Reihe von Lisa J. Smith, Ausgabe von 2008 | Mitte: “Bis(s) zum Morgengrauen” von Stephenie Meyer, Ausgabe von 2021 | Rechts: “The Beautiful” von Renée Ahdieh, März 2022

Ironischerweise handelt es sich bei der “Tagebuch eines Vampirs”-Reihe um eine Auftragsarbeit, die sich an Rices Romanen orientieren und den Vampirroman für ein jugendliches Publikum aufarbeiten sollte. Der Vampirroman als übernatürliche Romanze wird gegen Ende der 1990er langsam zum Mainstream und spätestens 2005 mit “Bis(s) zum Morgengrauen” zum Trend. Während auch Edward und co. noch viele äußerliche Charakteristika des Gothic-Vampirs beinhalten und oft sexualisiert sind, fehlt ihnen allermeist der sozialkritische Charakter, den Vampirfiktion in ihren Ursprüngen meist innehatte, und eben auch das Abbilden von marginalisierter Identität.

Wo also steht der Vampirroman im Jahr 2021, fast dreihundert Jahre nachdem ein Todesfall auf einem serbischen Dorf den ersten europäischen Vampirtrend auslöste? Tatsächlich heißt es, der Vampirroman kehrt zurück. Während “Crave” von Tracy Wolff (2021) die Tradition des heteronormativen Romantasy-Romans des frühen 21. Jahrhunderts verfolgt, haben sich der Diskurs und der Aktivismus rund um Diversity und Inklusion der 2010er Jahre auch auf den Vampirroman ausgewirkt. Caleb Roehrigs “The Fell of Dark” (2020) zum Beispiel ist eine Horror-Romanze mit LGBTQ-Figuren und im März 2022 wird “The Beautiful” (2019) von Renée Ahdieh auf Deutsch erscheinen.

“The Beautiful” ist interessanterweise ein Vampirroman mit vielen BIPoC- und LGBTQ-Figuren, der ähnlich wie Teile von “Gespräch mit einem Vampir” im New Orleans des späten 19. Jahrhunderts spielt. Auf dem US-Buchmarkt sind außerdem “The Deathless Girls” (2019) von Kiran Millwood Hargrave und “A Dowry of Blood” (2021) von S.T. Gibson erschienen. Beide Romane sind queerfeministische Bearbeitungen der drei Vampirinnen, die in “Dracula” in Draculas Schloss leben. Ebenfalls mit queerfeministischem Blickwinkel erzählt Lana Popović in “Blood Countess” (2020) das Leben der “Blutgräfin” Elisabeth Báthory nach.

Darüber hinaus wird es sicherlich spannend sein zu beobachten, in welche Richtung der Vampirroman sich im Verlauf der nächsten Jahre entwickeln wird. Ich denke, das Potential den Vampir abseits vom großen Romantasy-Trend des 2000er wiederzubeleben ist da und ich bin gespannt, ob er zum Symbol für unterdrückte Sexualität und LGBTQ-Identität zurückkehren wird – Im 21. Jahrhundert natürlich offener und expliziter als das im 19. Jahrhundert möglich war. Eines ist jedoch klar: Der Vampir ist nicht nur für die europäische Literaturgeschichte wichtig, sondern auch für die Geschichte der Repräsentation von LGBTQ-Identität. Und das sollten wir nicht vergessen.


Weiterlesen:

Keller, James R.: Anne Rice and Sexual Politics. The Early Novels. 2000.

Skal, David J.: Something in the Blood. The Untold Story of Bram Stoker, the Man Who Wrote Dracula. 2016.


Beitragsbild: “Dame im roten Kleid”, Sir Geoffrey Kneller, ca. 1710 | “Kügelgens Grab”, Caspar David Friedrich, 1821/22

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1 Comment

  • Reply Blogophilie Oktober 2021 | Miss Booleana

    […] “Children of the Night”: Eine kurze Geschichte des Vampirromans Katlin setzt die jahreszeitgemäßen Themen für lauschige (oder schaurige) Abende auf der Couch fort. Auch den Artikel Haunted Pasts: Geistererscheinungen im Schauerroman habe ich sehr gern gelesen. […]

    8. November 2021 at 20:02
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