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#KorsettGate: Die Geschichte hinter den Korsettmythen in historischer Fiktion

Dass die historische Fiktion Schnürbrust und Korsett nicht wohlgesonnen gegenübersteht, ist längst kein Geheimnis mehr. Schon seit Mitte des 20. Jahrhunderts ranken sich um das eigentlich simple Stück Unterwäsche abenteuerliche Mythen, die von Atemnot durch zu enges Einschnüren bis hin zum Tod durch gebrochene Rippen oder gar Fischbein, das sich ins Herz gebohrt hat, reichen. Paradoxerweise werden die Darstellungen des Korsetts als anti-feministisches Werkzeug des Patriacharts, das Frauen einschnüren und bewegungsunfähig machen soll, in den letzten Jahren immer übertriebener, obwohl immer mehr widerlegende Forschung zum Thema frei zugänglich einsehbar ist.

Deshalb hat Histolicious vor einiger Zeit den #KorsettGate auf Twitter ins Leben gerufen, in dem Beispiele dieses Tropes aus historischen Romanen gesammelt werden. Ich habe schon oft darüber geschrieben, weshalb diese Korsettmythen auch über “historische Authentizität” hinaus ein Problem darstellen, da sie auf meistens misogyn gefärbten Irrtümern aus dem 18. und 19. Jahrhundert basieren und so nicht selten selbst sexistische Vorurteile und Klischees in die Gegenwart transportieren. Heute möchte ich das ergänzend an ein paar Beispielen aus dem Hashtag aufschlüsseln. Nicht, um mich über die Romane oder gar die Autor_innen lustig zu machen (einige der erwähnten Bücher mag ich sehr gern), sondern, um einmal anschaulich etwas historischen Kontext zu einem abstrusen Trope zu liefern.


1300: Das Hochmittelalter kennt kein Korsett

Links: Frau in einfacher Cotte, Luttrell-Psalter, 1325-35 | Mitte: Frau in Untergewand mit eingenähten Körbchen, Braunschweiger Skizzenbuch, 1380-1420 | Rechts: Junge Frau in Cotte und Cyclas, Codex Manesse, 1300-1340

Das Korsett und ähnliche Kleidungsstücke tauchen immer wieder in historischen Medien über das Hochmittelalter auf, zum Beispiel in “Die Highlanderin” von Eva Fellner. Hier wird gleich im ersten Kapitel erwähnt, dass Taille und Brust der Heldin “fest eingeschnürt” sind und nur eine flache Atmung zulassen. Auch Disneys Animationsfilm “Merida” zerrt das Korsett in das frühe Mittelalter. Das ist eindeutig ein Fall für #KorsettGate, denn tatsächlich haben Schnürbrust, Korsett und Co. vor ungefähr 1650 nichts zu suchen, denn es gab sie noch gar nicht. Tatsächlich war die westliche Mode über weite Teile des Mittelalters eher simpel gehalten und sah keinerlei Betonung der Taille vor.

Um 1300 fielen Gewänder untailliert, oder wurden höchstens mit einem Gürtel in der Taille eingenommen, wie ihr es oben links und rechts auf den Beispielbildern sehen könnt. Ein Kleidungsstück zu tragen, das Taille oder Brust definiert oder gar einschnürt, wäre also für den rein optischen Effekt überflüssig gewesen. Erst im Verlauf des späteren 14. und 15. Jahrhunderts wird Oberbekleidung figurbetonter getragen und die Taille stärker akzentuiert, doch das Konzept des Korsetts oder der Schnürbrust zum Einschnüren der Taille ist noch Zukunftsmusik. Der rein optische Effekt ist jedoch natürlich nicht der eigentliche Zweck von Korsett und Schnürbrust: Sie stützen vor allem die Brust.

Auch um 1300 wünschten sich viele Menschen solche Hilfsmittel und es gab verschiedene Optionen: Die einfachste war es, die Brust ganz simpel mit einem Tuch oder Band festzubinden. Das wurde tatsächlich schon seit der Antike gemacht. Oben auf dem Bild in der Mitte seht ihr eine Frau in einem Unterkleid, in das “Körbchen” eingenäht sind. Auch das war eine Option. 2008 wurden in einer Müllgrube im österreichischen Schloss Lemberg sogar simple Leinen-“BHs” aus dem 15. Jahrhundert gefunden. Zu Modezwecken ein- oder hochgeschnürt werden Brust und Taille in dieser Zeit jedoch nicht, Hilfsmittel wie Bänder oder Unterkleider haben einen rein praktischen Nutzen.


1600-1700: Die Geburt der Schnürbrust

Links: Schnürbrust, spätes 17. Jahrhundert (Met Museum) | Rechts: Eleonore von Pfalz-Neuburg, ca. 1670

Auch der Barock bleibt nicht verschont: In “Im Schatten des Sonnenkönigs” von E.M. Castellan bemängelt Henriette d’Angleterre gleich im ersten Kapitel ihr “plötzlich zu enges” Korsett. Corina Bomann lässt schon 1625 ihre Heldin in “Sturmsegel” in ein schmerzhaft enges, mit Fischbein verstärktes Mieder schnüren. Ein Fall für #KorsettGate? Ja und nein. Der Begriff “Korsett” ist auch im 17. Jahrhundert noch fehl am Platz, ebenso die Vorstellung von zu eng geschnürten, unbequemen Miedern, in das man gegen seinen Willen geschnürt wird. Richtig ist aber, dass zu Beginn des 17. Jahrhunderts zu formellen Anlässen mit Fischbein verstärkte Mieder als Oberbekleidung getragen wurden.

Die moderne Linie der Epoche war ein zylinderförmiger Oberkörper, der einerseits durch ein langes, spitz zulaufendes Mieder erreicht wurde und andererseits, indem die Brust durch solche Mieder hochgeschnürt wurde. Beides könnt ihr oben auf dem Porträt rechts sehen. Aus diesen Miedern, die zu formellen Anlässen bei Hof oder unter Adeligen getragen wurden, entwickelte sich tatsächlich die Schnürbrust als separates Stück Unterwäsche: Die Schnürbrust, mit Fischbein oder auch nur mit Schilf oder Draht verstärkt, konnte zu allen informellen Anlässen unter der eigentlichen unverstärkten Oberbekleidung getragen werden und war bequemer zu tragen.

Extrem eng geschnürt werden jedoch weder verstärkte formelle Mieder noch die neue Schnürbrust: Sie sollen einerseits die Brust stützen, aber auch eine grade Haltung hervorrufen. Sehr bald werden voll verstärkte Schnürbrüste nur noch zu formellen Anlässen getragen. Ansonsten greift man auf weichere Schnürbrüste zurück oder gar auf welche, die gar nicht verstärkt sind – Je nach Belieben. Die Schnürbrust hat also neben dem praktischen auch einen optischen Effekt, sie soll vor allem die Brust hochdrücken und größer erscheinen lassen, doch schmerzhaft eng geschnürte Mieder und Schnürbrüste, die Atemnot verursachen, sind auch im 17. Jahrhundert ein klarer Fall für #KorsettGate. 


1750: Die Hochzeit der Schnürbrust

Links: Contouche, 1740er | Mitte: Blankscheit, 17. Jahrhundert | Rechts: Schnürbrust, 1740-1760 (Met Museum)

Im 18. Jahrhundert hat die Schnürbrust denselben Zweck wie im Jahrhundert zuvor und entwickelt sich nur bedingt weiter, indem sie sich neuen modischen Silhouetten anpasst. Dass die Heldin in Jasmin Kreilmanns Zeitreiseroman “Chroniken der Zeit” schon vom Anblick einer Schnürbrust Atemnot bekommt, ist also genauso ein Fall für #KorsettGate, wie die legendäre Szene aus “Fluch der Karibik”, in der Keira Knightley als Elizabeth Swann wegen ihrer zu eng geschnürten Schnürbrust erst in Ohnmacht und dann über die Brüstungsmauer fällt. Auch in diesem Jahrhundert soll die Schnürbrust vorrangig die Brust stützen und “pushen”, sowie eine grade Haltung erzielen. 

Fun Fact: Diese frühen Schnürbrüste des 17. und 18. Jahrhunderts kann man tatsächlich gar nicht so eng schnüren, dass sie das Atmen schwermachen könnten. Metallösen existieren noch nicht und die knopflochähnlichen Löcher, durch die die Schnürung in Spiralschnürung gefädelt wird, würden ausreißen, wenn man die Schnürbrust besonders eng schnüren wollte. Zudem ist die Schnürbrust auf Höhe der natürlichen Taillenlinie mit sogenannten Fingern oder Tabs gesäumt, wie ihr oben rechts sehen könnt: Diese klaffen auf, wenn die Schnürbrust getragen wird, und sollen bewirken, dass die Schnürbrust eben nicht einschnürt, sondern bequem getragen werden kann.

Auch im 18. Jahrhundert werden nur zu formellen Anlässen voll verstärkte Schnürbrüste mit Blankscheit getragen: Der Blankscheit ist ein Stab aus Holz oder Metall, der über dem Brustbein in eine Tasche gesteckt wird und die grade Haltung unterstützt. Zu informellen Anlässen können sogar unverstärkte Schnürbrüste getragen werden, deren einziger Zweck es ist, die Brust zu stützen: Sie sind meist aus festerem oder gestepptem Stoff. Im 18. Jahrhundert ist jede schmerzhaft enge Schnürbrust, die vielleicht sogar in Ohnmacht sinken lässt, also ein klarer Fall für #KorsettGate: Die Schnürbrust des späten Barocks und Rokoko ist ein sehr bequemes, auf Komfort ausgelegtes Kleidungsstück. 


1810: Korsett und Schnürbrust im Umbruch

Links: Abendkleid, ca. 1810 (Met Museum) | Mitte: “Corset Elastique”, ca. 1820 (Palais Galliera) | Rechts: Eine Frau schnürt ihre Schnürbrust, Costume Parisien, 1810

Die Empire-Zeit, im britischen Kontext auch Regency genannt, ist nicht nur sehr oft beliebtes Setting für historische Liebesgeschichten, sondern auch für allerlei #KorsettGate-Vorfälle. Während es diese auch zuhauf in historischen Romanen gibt, die in dieser Epoche spielen, reicht die mittlerweile infame Szene aus der Netflix-Serie “Bridgerton” als Beispiel aus, in der eine junge Frau schmerzhaft in ein Korsett geschnürt wird, nicht atmen kann, und später noch vom Korsett aufgeriebene Druckstellen gezeigt werden. Das ist nicht nur in dieser Epoche ganz klar ein Fall für #KorsettGate, aber vor allem in dieser Epoche, denn auch hier macht die Mode das Einschnüren überflüssig. 

Existiert “das Korsett” um 1800 überhaupt schon? Jein. Die Schnürbrust ist auf dem besten Wege sich zum Korsett zu entwickeln, ist aber auch um 1800 noch eine Schnürbrust. Da Empire-Mode eine erhöhte Taillennaht beinhaltet, die gleich unter der Brust ansetzt, wie ihr es oben links sehen könnt, hätte das Einschnüren der Taille keinerlei sichtbaren Effekt und wurde deshalb auch unterlassen. Dass im Empire überhaupt keine Schnürbrust getragen worden wäre, ist aber ebenso ein Mythos: Es war möglich, aber kurze und lange Schnürbrüste, in dieser Zeit jedoch meist nur leicht oder gar nicht verstärkt, je nach Notwendigkeit und Geschmack, wurden zum Stützen der Brust getragen.

Der Beginn des 19. Jahrhunderts ist für die Mode eine sehr ungewöhnliche Zeit, die neue Ideen mitbringt, und das wirkt sich auch auf die Schnürbrust aus, die sich an neue Ideale – zum Beispiel weiche, natürliche Körperformen im Kontrast zum kegelförmigen Körper des 18. Jahrhunderts – anpasst. Ob lange Schnürbrust, kurze, BH-ähnliche Schnürbrust, oder das “Corset Elastique”, das ihr oben in der Mitte und links sehen könnt und das in Wickeltechnik getragen wird: Es gibt viele Optionen zum Stützen der Brust, doch keine davon soll die Taille schmaler schnüren, sie sind selten voll verstärkt und lassen weder in Ohnmacht fallen noch den Atem wegbleiben. 


1850: Das Stundenglaskorsett auf dem Vormarsch

Links: Abendkleid, 1850-55 (Met Museum) | Mitte: Korsett, 1810-50 (Met Museum) | Rechts: Sängerin Jenny Lind mit Idealfigur der Epoche, 1850

In “Die Tinktur des Todes” von Ambrose Perry möchte eine Figur trotz Gefahr von Atemnot und Ohnmacht so eng in ihr Korsett geschnürt werden, wie möglich. Die Mitte des 19. Jahrhunderts beschert uns so einige dieser #KorsettGate-Klunker, doch auch in dieser Epoche ist das “gefährliche Korsett” nur ein Gerücht. Um 1850 hat sich tatsächlich endlich die Stundenglas-Taille als Trend herauskristallisiert, die oft mit dem Korsett assoziiert wird. Das neue Korsett dieser Zeit gibt dem Körper jedoch bloß sanft die gewünschte Form, es schnürt nicht ein: Der Effekt der schmalen Taille wird viel eher durch Tricks wie weite Reifröcke und stark betonte Schultern hervorgerufen.

Seit den 1820ern, als die Ideale wieder konservativer werden und sich die Mode auf das 18. Jahrhundert zurückbesinnt, ist das Korsett stets in Bewegung. Mittlerweile sind Metallösen möglich, doch sie werden nicht zum besonders engen Schnüren des Korsetts missbraucht, sondern machen das Schnüren per Kreuzschnürung komfortabler. Auch ist nun der Blankscheit Geschichte. Stattdessen kommt langsam das zweiteilige, eingenähte Planchette über dem Brustbein in Mode, das mit Haken und Ösen ausgestattet ist und es so möglich macht, das Korsett vorn zu öffnen, ohne jedes Mal die gesamte Schnürung zu lösen. Das An- und Ablegen des Korsetts ist also nun sehr einfach geworden. 

Um 1850 ist das neue Korsett längst zum ganz normalen Stück Unterwäsche geworden. Nicht nur feine Damen tragen es, sondern auch Arbeiter_innen bei der Arbeit in Fabriken, auf Feldern oder im Haushalt. Es muss nicht voll mit Fischbein verstärkt sein, sondern kann auch Draht enthalten, Seil oder ganz einfach Kordfaden oder feste Schnüre, je nach Belieben und Anlass. Das Korsett wird außerdem nicht im Unterbrustraum geschnürt, sondern höchstens in der Taille: Es lässt Platz für Brust und Bauch und die Schnürung wirkt sich nicht auf die Lungen aus. Atemnot und Ohnmacht sind also tatsächlich Mythen und selbst um 1850 ein Fall für #KorsettGate. 


1900: Der Tight-Lacing-Mythos und die Wespentaille

Links: Abendkleid, Worth, 1897 | Mitte und rechts: Korsett, Madame Warren’s, ca. 1885 (Met Museum)

Keine Epoche birgt so viel #KorsettGate-Potential wie die Wende auf das 20. Jahrhundert. In historischen Romanen ist von “Fischbeinstäben” die Rede, die “den Leib ruinieren” (“Das Lichtenstein” von Marlene Averbeck), in “Elbleuchten” von Miriam Georg sind es dann auch direkt “Stahlträger”, die die “Gedärme verformen” und “auf die Milz drücken”. In “Palais Heiligendamm” von Michaela Grünig lernen wir, dass das Korsett nur zum “gut aussehen” getragen wird, damit Männer was zum Gucken haben, und in “Das Geheimnis der Themse” von Susanne Goga kann die Heldin sich im Korsett nicht einmal richtig hinknien, ohne, dass sich die “Korsettstangen in ihr Fleisch bohren”. 

Auch um 1900, der Zeit, die für das angeblich übertrieben enge Schnüren des Korsetts berühmt ist, gilt: Das Korsett schnürt weder Bauch noch Unterbrustraum ein. Ganz im Gegenteil ist es dafür gemacht, Brust, Hüften und Bauch Platz zu lassen und Brust und Rücken zu stützen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird die Taille tatsächlich hier und da schmaler geschnürt: Allerdings nur sanft um wenige Zentimeter. Die 50cm-Taille ist eine Legende, die schon um 1900 durch Tricksereien und Fotomontagen hervorgerufen wurde, nicht durch “Tight-Lacing”. Auch in dieser Zeit ist die schmale Taille eine durch Auspolsterung von Hüften und Brust ausgelöste optische Illusion.

Selbst um 1900, der Hochzeit des extravaganten Tight-Lacing, sind Geschichten von schmerzhaften Korsettstangen, Atemnot, Ohnmacht oder gar Tod ein klarer Fall für #KorsettGate und nicht in der Realität verankert. Statt mit harten “Stahlträgern” waren die meisten Korsetts mit biegsamen Walbarten verstärkt, die sich dem Körper anpassen, oder – wie in den Epochen zuvor auch schon – mit dünnem Draht oder gar nur Kordfaden. Das Korsett oben in der Mitte und rechts ist ein gutes Beispiel für ein nicht voll verstärktes Korsett. Auch im Korsett der Jahrhundertwende kann man also problemlos atmen, sich bewegen und seinem Alltag nachgehen.


#KorsettGate anno 1900: Woher kommen Korsettmythen? 

Links: Misogyne Satire aus dem 18. Jahrhundert | Mitte: Tight-Lacing als Todesbote, ca. 1900 | Rechts: “Ideale Frau” gegen die eitle Frau im Korsett, ca. 1900

Korsettmythen haben sich natürlich nicht aus dem Nichts entwickelt und begleiten uns tatsächlich schon seit dem 18. Jahrhundert. Im Kern sind sie allermeist misogyn gefärbt: Im 18. Jahrhundert zeichnet es die zu eitle, oberflächliche Frau aus, dass sie ihre Schnürbrust zu eng trägt und für die Schönheit gar ihre Gesundheit gefährdet. Dieses sexistische Klischee verfolgt Schnürbrust und Korsett auch tatsächlich bis ins frühe 20. Jahrhundert. Hinzu kommen medizinische Irrtümer (oft ebenfalls auf misogynen Annahmen über den als weiblich verstandenen Körper getroffen), die die Symptome von allerlei damals unbekannter Krankheiten wie Morbus Crohn oder Fibromyalgie auf das Korsett schoben.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kommt zu diesen auf falschen Tatsachen basierenden Ängsten vor dem Korsett eine Moralpanik hinzu: Die Gesellschaft wird offener, die Moral lockerer und die Frau mit der Wespentaille, die aktiv am öffentlichen Leben teilnimmt, flirtet und arbeiten geht, wird zum Symbol einer Gesellschaft, die ihren Zerfall fürchtet. Die “medizinische” Zeichnung oben rechts macht deutlich, was hinter dieser Moralpanik wirklich steckte: Die “ideale Frau” ohne Korsett wird der eitlen, vom Korsett verformten Frau des späten 19. Jahrhunderts gegenübergestellt. Mit echten Schnürbrüsten und Korsetts, ihrer Beschaffenheit und dem Alltag ihrer Träger_innen hat all das wenig zu tun.

Deshalb ärgert mich #KorsettGate so sehr: In historischen Romanen wird das Korsett zum Symbol der Unterdrückung durch das Patriarchat stilisiert, obwohl zutiefst misogyne Irrglauben und Klischees direkt aus dem 19. Jahrhundert reproduziert werden. Das Korsett ist nicht der anti-feministische “Bösewicht”, es ist ein Stück Unterwäsche, das von Anbeginn Brust und Rücken stützen sollte und dem Patriarchat, als es zum Mode-Accessoire wurde, tatsächlich eher ein Dorn im Auge war, weil es den Körper “unnatürlich” verformte und eine angebliche Eitelkeit von besonders Frauen ausdrückte, die nicht mehr bereit waren, sich bescheiden und still unterzuordnen. Wer darüber mehr wissen möchte, sollte auf meiner Website Paris 1899 zur Korsettkontroverse weiterlesen.


Dandys, Hausmädchen und Fahrradtouren: Was die historische Fiktion nicht zeigt

Links: “Dandy’s Toilette”, Karikatur, 1818 | Mitte: Eine Magd in Chemise und Schnürbrust bei der Arbeit, John Atkinson, 1771 | Rechts: Modezeichnung, idealisiert dargestellte Trendfigur der 1830er Jahre

Zu guter Letzt möchte ich noch auf ein paar weitere Fun Facts zu Schnürbrust und Korsett eingehen, die historische Fiktion in 99% der Fälle zugunsten von #KorsettGate unterschlägt. Der größte Elefant im Raum ist wohl, dass bis ins 19. Jahrhundert auch cis Männer Schnürbrust und Korsett getragen haben. In der Armee war es zum Beispiel Gang und Gäbe, dass für die grade Haltung Korsett getragen wurde, die modische Linie des Herrn des frühen 19. Jahrhunderts mit den breiten Schultern und der schmalen Taille wäre ohne Korsett oder Hüftgürtel nicht möglich gewesen und auch der Dandy oder Macaroni des 18. Jahrhunderts trug Schnürbrust und Korsett.

Natürlich wurde sich, ähnlich wie über Damenmode, auch ausgiebig über diese “femininen” Herrenmoden lustig gemacht. Ein Grund mehr sie neutral oder sogar positiv in moderner historischer Fiktion darzustellen. Ein weiterer Punkt, der gern unterschlagen wird, ist, dass nicht nur reiche Menschen Korsett und Schnürbrust trugen. Seit dem 18. Jahrhundert, als sich das Kleidungsstück als Unterwäsche endgültig eingebürgert hatte, trug auch jede Dienstmagd Schnürbrust oder Korsett, arbeitete problemlos darin und meisterte ihren Alltag, der viel Bewegung und anstrengende Arbeit beinhaltete. In den 1890ern gab es eigens für Dienstmädchen das “Pretty Housemaid“-Korsett.

Worauf ich hinaus möchte ist, dass ein genauerer Blick auf die Geschichte dieses Kleidungsstücks ausreicht, um ablesen zu können, dass an all den Klischees, Horrorgeschichten und #KorsettGate-Vorfällen nicht viel dran sein kann. Wir haben Fotografien und frühe Videoaufnahmen von Menschen, die im 19. Jahrhundert im Korsett nicht nur reiten, Fahrrad fahren, Tennis spielen oder lange Wanderungen unternehmen, sondern auch als Dienstpersonal, auf dem Feld und in Fabriken arbeiten. Das Korsett als patriarchalisches Folterinstrument ist ein Mythos. Ich wünschte, die historische Fiktion könnte das Korsett als das sehen, was es eben ist: Der Vorgänger des BHs, der die Brust stützte und den Alltag für viele Menschen angenehmer machte, nicht zum Albtraum. 


Beitragsbild: “Markttag”, Frederik Henrik Kaemmerer, spätes 19. Jh. | Romantisierte Szene aus dem 18. Jahrhundert in Detailansicht, eine junge Frau in Chemise und Schnürbrust

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2 Comments

  • Reply Rhena Nützler

    Hallo, ich habe Ihren Artikel mit Interesse gelesen, habe nur etwas einzuwenden: in der autobiografischen Erzählung “Little house in the big woods” schildert Laura Ingalls Wilder folgende Begebenheit vor einem Tanzabend:
    https://www.goodreads.com/quotes/9745414-they-helped-each-other-with-their-corsets-aunt-docia-pulled

    Und auch in einem späteren Band, ich weiß nicht mehr welchem, kommt das Korsett-schnüren vor. Da geht es ums Nähen eines Kleides von Laura oder Mary und bei der Anprobe geht das Kleid nicht zu, droht zu reißen und dann fällt ihnen auf, dass das Korsett diesmal nicht so eng war, wie bei der vorigen Anprobe! Leider hatte ich die Bücher nur ausgeliehen, sonst würde ich eine genauere Quellenangabe liefern 😅

    17. Juli 2021 at 12:57
    • Reply Katlin Morris

      Hi und danke für den Kommentar! Bei solchen Textstellen muss man unbedingt den Kontext beachten, in dem sie entstanden sind. Ingalls Wilder hat das 19. Jahrhundert zwar erlebt, ihre Bücher jedoch erst ab den 1930ern geschrieben als das Korsett seinen heutigen Ruf bereits weghatte. Ich denke schon, dass das beeinflusst hat, wie sich die Autorin an das Korsett erinnert hat, bzw. wird auch ihre relativ freie Kindheit auf einem Bauernhof abseits von allzu strikten gesellschaftlichen Regeln dazu beigetragen haben, dass sie jene als befremdlich und einengend empfand.

      Von Ingalls Wilder stammt übrigens auch der Irrglaube, die ideale Taille hätte man mit beiden Händen umfassen können – Ihre Mutter sagt das in einem der Bücher zu ihr und das hat sich ins allgemeine Gedächtnis eingefräst. Das ist längst widerlegt, allein schon anhand erhaltener Korsetts, von denen die allermeisten natürliche Taillenmaße aufweisen.

      Am Ende basieren die Romane zwar auf Ingalls Wilders eigenen Leben, sind aber trotzdem immer noch historische Fiktion, da ca. 50 Jahre später verfasst (und romantisieren ihre Kindheitserinnerungen demnach auch stark), und ich wäre vorsichtig damit, die Romane als Quelle für die tatsächliche Epoche anzusehen.

      19. Juli 2021 at 11:59

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