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Historienromane

“Die Tänzerin vom Moulin Rouge” von Tanja Steinlechner

Paris 1880. Louise Weber wächst als Tochter einer Wäscherin in bitterer Armut auf. Doch sie brennt für den Tanz. Immer wieder schleicht sie sich heimlich fort, in die Bars und Cafés am Montmartre, und steigt, gefördert von Künstlern wie August Renoir oder Toulouse Lautrec, zum Star des Moulin Rouge und zur international gefeierten Königin des Cancan auf. Doch die Angst, wieder in die Armut abzugleiten, quält sie. Und so setzt sie alles aufs Spiel: Wohlstand, Glück – und die Liebe ihres Lebens …


Inhaltswarnung
Antisemitismus, sexualisierte Gewalt, Minderjährige als Sexworker_innen (Aktfotografien), Fatshaming, ableistischer Umgang mit Henri de Toulouse-Lautrec, antimuslimischer Rassismus, Alkoholismus, LGBTQ-Klischees, N-Wort, Suizid

Meine Gedanken

C’est pour ça qu’on ne peut pas avoir de belles choses… “Die Tänzerin vom Moulin Rouge”, Tanja Steinlechners historisches Debüt, stand dieses Jahr recht weit oben auf meiner Wunschliste. Das fin de siècle in Paris ist schließlich mein historisches Steckenpferd, wegen dem ich überhaupt erst Geschichte studiert habe. Erwartet habe ich ganz viel Belle-Époque-Flair, Bohème und natürlich eine interessante Romanbiografie über Louise Weber, die als La Goulue in den 1890ern zum größten Star des heute berühmt-berüchtigten Moulin Rouge aufstieg. Doch was die Autorin aus dieser spannenden Epoche macht, ist – mon dieu – kaum in Worte zu fassen.

Im Nachwort gibt die Autorin an, dass sie gar nicht beabsichtigt hat, Louise Weber authentisch darzustellen und einfach gemacht hat, worauf sie Lust hatte. Das galt anscheinend auch für die Darstellung der Epoche selbst, denn anstelle von dekadenter Belle Époque und wilder Bohème häufen sich hier Frankreichklischees und Anachronismen. An jeder Ecke steht jemand mit einem Akkordeon, ständig werden Käse und Baguette gegessen, der Merlot fließt, und auf einer Kutschfahrt wird fröhlich “Sur le pont d’Avignon” geträllert. Als Paul Cézanne in weißem Malerkittel und mit Baskenmütze auftrat, lag ich deshalb zum Glück schon am Boden, sonst wäre ich spätestens dann vom Sofa gerutscht.

Wenig Louise Weber, noch weniger Belle Époque

Links: Louise Weber, bekannt als “La Goulue”, 1890 | Mitte: La Goulue auf einem Plakat für das Moulin Rouge, Henri de Toulouse-Lautrec, 1895 | Rechts: Das Moulin Rouge, wie es in der Belle Époque aussah, vor dem Brand von 1915

Als historischer Roman ist “Die Tänzerin vom Moulin Rouge” leider auf voller Linie ein Reinfall. Das Verständnis für den sehr speziellen Zeitgeist der Belle Époque fehlt einfach, stattdessen werden – auch noch falsche – Infos plump aneinander gereiht und Buzzwords wie Absinth, Can-Can und Jahrhundertwende eingestreut, doch die Atmosphäre stellt sich einfach nicht ein. Hier wird unverdünnter Absinth auf Ex gekippt (gute Nacht), Korsetts werden wie Tops als einzige Oberbekleidung getragen, in Paris gibt es angeblich nur wenige Straßenlaternen (In der Belle Époque war Paris nicht aus Jux als Stadt des Lichts bekannt) und Louise läuft in einer Viertelstunde vom Montmartre runter zur Seine, wofür man selbst auf grader Linie knapp 45 Minuten braucht.

Mit der Recherche war es hier wohl wirklich nicht allzu weit her, was sich schon abzeichnet, wenn man bedenkt, dass die Autorin den Namen von Louise Webers Biographin Maryline Martin (“La Goulue: Reine du Moulin Rouge” (2019)) im Nachwort falsch geschrieben hat. Alors, natürlich verstehe ich, dass man auch bei einer Romanbiografie das Recht auf ein bisschen künstlerische Freiheit hat, aber wenn beinahe der gesamte Roman aus Anachronismen und Info-Blöcken, die wirken wie aus der Wikipedia abgeschrieben, besteht, dann ziehe ich für mich persönlich einfach eine Grenze, vor allem, wenn es sich eben nicht um rein fiktive Geschichten handelt, sondern der Roman mit Schlagwörtern wie La Goulue, Moulin Rouge und Jahrhundertwende beworben wird.

Am Ende erzählt Steinlechner eine komplett fiktive Geschichte, in der Personen auftauchen, die zufällig Auguste Renoir, Paul (Cézanne) und Louise Weber heißen. Dass sich Renoir und Cézanne gar nicht in Paris aufgehalten haben, als Louise sie im Roman um 1882/3 zufällig auf der Straße trifft, sei mal dahingestellt. Andere von der Autorin beabsichtigte Anachronismen sind deutlich unangenehmer: So lässt sie Louises jüdische Herkunft komplett unter den Tisch fallen und während Renoir, Cézanne und ausgerechnet Adolphe Wilette (im echten Leben bekennender Antisemit) ihre besten Freunde werden, fehlt von den Frauen der Bohème, besonders von der Malerin Suzanne Valadon und von Cézannes Frau Hortense Fiquet, jede Spur: Es kann halt nur eine geben und das ist Louise. 

Das Fin de Siècle weichgespült

Links: La Goulue mit Grille d’Égout, ca. 1890 | Mitte: “La Goulue im Moulin Rouge”, Henri de Toulouse-Lautrec, 1892 | Rechts: La Goulue, ca. 1890

Überhaupt sind andere Frauen in diesem Roman niemals Louises Freundinnen: Aus Grille d’Égout, mit der Louise in den 1890ern im Moulin Rouge tanzte, macht die Autorin komplett willkürlich eine strenge Tanzlehrerin, die Louises frivole Darbietungen nicht schätzt, während die echte Grille genauso eine berühmte Can-Can-Tänzerin war wie Louise. Aber auch hier gilt: Es kann eben nur eine geben, merci beaucoup. Während Louise zumindest wie ihr historisches Vorbild bisexuell bleiben darf, wurde das jedoch auch nur als Gimmick genutzt, um zu unterstreichen, wie freiheitsliebend und modern Louise ist – und natürlich für mehr Konkurrenz zwischen ihr und ihren Liebhaberinnen. 

Am Ende weiß ich nicht ganz, was dieser Roman überhaupt von mir möchte. Ein gut recherchierter historischer Roman über die Belle Époque mit ihrer Dekadenz, ihrem schimmernden Pessimismus und ihrer Bohème, die den eigenen Untergang feiert, ist er ganz bestimmt nicht. Eine Romanbiografie über Louise “La Goulue” Weber möchte er laut der Autorin ja auch nicht sein. Stattdessen wird diese unkonventionelle Frau auf Biegen und Brechen in das momentane Trend-Genre gepresst: Sagas, mutige Frauen zwischen Kunst, Geschichte und Liebe, nur, dass nicht einmal das wirklich gelingt, denn während sie fleißig alle Genre-Klischees abhakt, vergisst die Autorin eine gute Geschichte zu erzählen.

Das Unverzeihlichste ist jedoch, dass die Autorin in diesem Zuge eine Menge Weichspüler über Louise Weber, die Belle Époque, die Pariser Bohème und das Moulin Rouge kippt: Selbst die Ausschweifungen Louises sind allesamt harmlos im Vergleich und das führt das Vorhaben einen Roman über Louise Weber, Montmartre und das Moulin Rouge zu schreiben, dann endgültig ad absurdum. Moulin Rouge, Sex Work und Rotlichtviertel ja, aber komplett verwässert, um die Zielgruppe des Saga-Genres nicht zu verschrecken. Und das funktioniert nicht. Wenn mir dieser Roman eines mitgegeben hat, dann die Gewissheit, dass der (deutsche) historische Roman auf dem letzten Loch “Sur le pont d’Avignon” pfeifft. Bonne nuit, mes amis.


Vielen Dank an NetGalley und den Lübbe-Verlag für das Rezensionsexemplar.


Die Tänzerin vom Moulin Rouge | Lübbe, 2021 | 978-3-404-18411-8 | 431 Seiten | deutsch

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