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Dress History

“The Index of Conscience”: Kleidung und Mode im historischen Roman

Nicht nur mir als Kleiderhistorikerin fällt es in letzter Zeit schwer, die Darstellungen von historischer Kleidung in historischen Medien ernst zu nehmen. Während sich auf Blogs, Youtube und anderen Kanälen eine immer größer werdende Szene an Kleiderhistoriker_innen und Näher_innen zusammentut, die über lästige Klischees aufklärt und authentische, realistische Blicke auf Kleidung und ihre Stellung in historischen Gesellschaften anbietet, baut das Genre weiterhin auf Altbekanntes. Und das ist nicht nur unangenehm zu lesen, weil es “falsch” ist, sondern vor allem, weil es im Kern oft misogyne Züge aufweist, selbst dann, wenn es einen feministischen Anstrich bekommen hat.

Im Zeitalter der Familiensaga, die oft um das Jahr 1900 einsetzt, ballen sich nun diese Klischees, die aber schon seit Jahrzehnten durch das historische Genre wandern: Kleider sind zu eng, Korsetts schnüren die Atemluft ab, Reifröcke verhindern Bewegungen, Hut- und Haarnadeln stechen und kratzen, Stoffe sind zu schwer. Kurz gesagt: Kleidung ist ein Gefängnis, in dem vorwiegend weibliche Figuren ihr Dasein fristen und von dem sie ihrer Freiheit beraubt werden. Kleidung ist ein Symbol für die patriarchale Gesellschaft, in der sie klein gehalten werden und nicht studieren oder Berufe ergreifen dürfen. Kleidung hält sie klein. Kleidung macht sie unmündig.

Quellenkritik und Kleidung

Links: Korsett, Chemise und Unterröcke (l), Nachthemd (m), Chemise und Unterhosen (r), alles aus Leinen, 1898 | Mitte und Rechts: Nachmittagskleid, Seide, 1890er

Der historische Kontext dieser Klischees ist komplex. Im Kern stecken misogyne Weltbilder, die bis ins 20. Jahrhundert oft von medizinischen Fehlschlüssen unterstützt wurden, zum Beispiel die Annahme, dass als weiblich erachtete Körper schwach seien und das Korsett zum Stützen unweigerlich bräuchten, um nicht krank zu werden, dass das Korsett aber gleichzeitig sehr schädlich sei, Organe und Rippenbögen zerdrücken und töten könne. Genauso stellen sexistische Karikaturen, die sich über eitle, unbescheidene “Frauenkleidung” lustig machen, historische Mode natürlich übertrieben dar. Nichts davon entspricht tatsächlich gelebtem Alltag, sitzt aber fest in unseren Köpfen, weil es bis heute in historischen Medien so gezeigt wird.

Wie so oft mangelt es hier an ausreichender Quellenkritik: Ein medizinisches Paper von 1880, das das Korsett vom misogynen Weltbild der Epoche gefärbt dämonisiert, ist keine neutrale Quelle. Eine Karikatur von 1859, in der eine Frau mit dem riesigen Reifrock in der Tür steckenbleibt, ist keine neutrale Quelle. Beides sagt deutlich weniger über tatsächliche Kleidung aus als über Frauenbilder der Epoche. Deutlich bessere Quellen sind die differenzierteren Berichte von Menschen, die tatsächlich diese Kleidung trugen, und vor allem auch die erhaltenen Kleidungsstücke selbst, die wir heute oft sogar digital im Internet erforschen können, weil viele Sammlungen und Museen sie online zugänglich machen, in Bildern, Research Papers und Videos.

Die nötigen Informationen um historische Kleidung deutlich weniger reißerisch und dafür authentischer darzustellen, werden also so einfach zugänglich wie nie zuvor an die Hand gereicht. Wieso also finden wir weiterhin Schilderungen von schmerzhaften Korsetts, sperrigen Reifröcken und generell unbequemer Kleidung in historischen Medien? Ich denke, weil “Kleidung als Gefängnis” oder “Kleidung als Symbol für das unterdrückende Patriarchat” ein so einfaches Mittel ist, um die Unterdrückung weiblicher Figuren darzustellen, ohne zu tief greifen zu müssen. Es werden selten systematische Missstände aufgegriffen, die sich teilweise bis heute durch unsere Geschichte ziehen, denn es ist leichter mit plakativen Symbolen wie diesem zu arbeiten.

Die Verurteilung der Weiblichkeit

Links: Die junge Frau ist so eitel, dass sie nicht bemerkt, wie ihr Krinolinenkleid Feuer fängt, während sie sich im Spiegel betrachtet, Karikatur, ca. 1860 | Rechts: Abendkleid, 1860/61, tatsächlich üblicher Umfang eines Ballkleids der Epoche

Dieser (Pseudo)-Feminismus hat im Genre so weit um sich gegriffen, dass man kaum noch einen Roman ohne findet, ist aber längst nicht so harmlos, wie es auf den ersten Blick wirken mag. Denn das Rebellieren gegen die bösen Kleider, die einen nur zurückhalten, mag auf den ersten Blick fortschrittlich wirken, ist bei genauerer Betrachtung allerdings alles andere als das: Oft geht damit eine deutliche Ablehnung des als feminin Wahrgenommenen einher, denn Frauenfiguren, die sich für Mode, Kleidung und Trends interessieren, werden oft als Antagonistinnen dargestellt, denen die uneitle Heldin in einfacher Kleidung, die studieren möchte, gegenüber gestellt wird.

Diese Verteufelung des mit Weiblichkeit Assoziierten und von Eitelkeit, Selbstbewusstsein und Interesse an allem Schönen ist nicht neu. Tatsächlich lässt sie selbst sich bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen und ist gar der Grund für die Klischees, die wir bis heute weitertragen: Eitle Frauen waren es, über die man sich in Karikaturen über zu große Reifröcke und zu enge Korsetts lustig machte. Aus Eitelkeit, hieß es, würden verblendete Frauen sogar das infame Korsett tragen, das ihnen schadete! Verurteilt wurde im weiteren Sinne der Versuch von Selbstbestimmtheit: Frauen, die in großen Reifröcken um 1860 auf der Straße unterwegs waren, anstatt unsichtbar im Haus zu bleiben, nahmen Platz ein, der lange (weißen cis) Männern vorbehalten war.

Tatsächlich findet man genau dieses Bild in vielen “lustigen” Karikaturen über Krinolinen und Tournüren der 1850er bis 1880er: Eitle Frauen versperren anständigen Männern mit ihren Röcken den Weg, bringen sich selbst in Gefahr oder die Krinoline verhindert, dass ein Mann einer Frau näherkommen kann. Doch vermeintliche Eitelkeit und Interesse an Trends und Mode waren besonders ab den 1860ern ein Weg, die eigene Individualität auszudrücken. In Gesellschaften, in der Frauen sehr wenig Entscheidungsgewalt zugestanden wurde, war Mode und das eigene Erscheinungsbild einer der Bereiche, in denen das ausdrücklich erlaubt war: Was ich trage, drückt aus, wer ich bin. Die Verurteilung dessen begleitet uns seit dem 19. Jahrhundert.

Kleideretikette: Zusammenhalt und Ausgrenzung

Dress, then, is something more than necessity of climate, something better than condition of comfort, something higher than elegance of civilization. Dress is the index of conscience, the evidence of our emotional nature. It reveals, more clearly than speech expresses, the inner life of heart and soul in a people, and also the tendencies of individual character. – Sarah Josepha Hale (Schriftstellerin und Aktivistin), 1866

Natürlich bedeutete Kleidung für die Menschen der Vergangenheit jedoch noch mehr als das: Kleidung verbindet bis heute, sie ist – und war – ein wichtiger Bestandteil von Subkulturen. Kleidung war vor Beginn der Fast-Fashion-Kultur, die im späten 19. Jahrhundert einsetze, vor allem aber auch Statussymbol: Wer die neusten Trends aus Paris trug, gehörte zur “besseren Gesellschaft” oder hatte zumindest die Mittel dies vorzutäuschen. So hängt Kleidung auch viel mit sozialem Stand zusammen, denn als es zum ersten Mal trendige Mode “von der Stange” zu kaufen gab, wurde sie auch für ärmere Menschen erschwinglich und verwischte die zuvor klar sichtbaren sozialen Grenzen.

Egal ob arm oder reich, eine gewisse Kleideretikette galt für alle Mitglieder einer Gesellschaft und die sah natürlich von Epoche zu Epoche und Gesellschaft zu Gesellschaft anders aus. Diese Kleideretikette ist ein weiterer Punkt, der in historischen Medien oft fehlinterpretiert wird, denn während sie natürlich mit einer Art “Zwang” richtig angezogen zu sein, einhergeht, steht auch hier eigener Geschmack oft im Fokus: Im 19. Jahrhundert war das Ballkleid besonders für unverheiratete junge Frauen kein lästiger, von der Mutter aufgedrängter Zwang, sondern fast schon ein Rite of Passage: Zuvor hatte man noch Kinderkleidchen getragen, jetzt schillernde Erwachsenenmode, die oft nach den eigenen Wünschen (und natürlich neuen Trends) auf den Leib geschneidert war.

Kleidung ist politisch, sie hat immer auch soziale Bedeutung, sie drückt individuellen Geschmack und Persönlichkeit aus, sie kann einen als einer bestimmten Gruppe zugehörig markieren, sie kann aber auch ausgrenzen, wenn sie nicht einfach zugänglich ist. Vor allem ist sie im historischen Kontext aber ein wichtiges Werkzeug die eigene Individualität auszudrücken, besonders für Menschen, die dazu im anderen Rahmen kaum Chancen bekommen. Das “Pretty Housemaid“-Korsett der Dienstmagd zum Beispiel ist kein lästiges Folterinstrument, sondern zeichnet sie als Mitglied ihrer Gesellschaft aus, erlaubt ihr ein Stück Trendmode zu besitzen und verschafft ihr auch ein Stück Respektierlichkeit, die in dieser Epoche so wichtig ist. 

Pariser Mode: Eine weiblich dominierte Industrie

Links: Abendkleid, Madame Paquin, 1905 | Mitte: Korsett, Madame Warren’s, 1885 | Links: Kleid, Callot Sœurs, 1911 (Met Museum)

Besonders Frauen waren jedoch nicht nur als Zielgruppe und Käuferinnen für die Modeindustrie wichtig: Für große Abschnitte der europäischen Geschichte machten Frauen Trends für Frauen – Deshalb ist die Idee von Korsett und Kleidung als patriarchaler Käfig auch so unangenehm, denn diese Kleidung ist von Frauen gemacht. Die Berufe der Schneiderin und später Modistin oder Corsetière boten Frauen die Chance selbstständig zu arbeiten und Geld zu verdienen. Obwohl viele Namen leider nicht überliefert sind, waren viele Schneiderinnen im kleineren und größeren Kreis bekannt und renommiert. Eine bekannte Schneiderin war Rose Bertin, die am Leib der französischen Königin Marie Antoinette selbst Trends erschuf und Kleidung in ihrem Geschäft mit dreißig Angestellten verkaufte. 

Als im Paris des 19. Jahrhunderts die ersten Mode-Designhäuser nach modernem Verständnis entstanden, schaffte es nicht nur der britische Designer C.F. Worth zu internationalem Ruhm: Auch weiblich geführte Häuser wie Paquin oder Callot Sœurs waren hoch geachtet. Dieses Feld – die Modebranche – kommt in modernen Familiensagas über mutige Unternehmerinnen auffällig selten vor. Ob eine selbstständig und selbstbestimmt arbeitende und lebende Frau außerhalb von als Männerdomänen erachteten Räumen weniger interessant wirkt? Oder beißen sich Frauen als Schneiderinnen, Designerinnen und Modeikonen zu sehr mit Ideen von Mode und Kleidung als aufgezwungenes Gefängnis?

Im historischen Roman wird das verhasste Korsett oder das als hässlich und unbequem wahrgenommene Kleid der Heldin oft von strengen Eltern aufgezwungen und erscheint aus dem Nichts: Es liegt plötzlich auf dem Bett oder das Dienstmädchen trägt es ins Zimmer. Selten wird darauf eingegangen, wo diese Kleidungsstücke herkommen, wer sie hergestellt hat, oder darauf, dass sie einem wohlhabenden Mädchen eigentlich von professioneller Hand bequem wie eine zweite Haut auf den Leib geschneidert worden wären. Auch ein ärmerer Mensch hätte sich Korsett und Kleidung selbst genäht, angepasst an den eigenen Körper und die eigenen Bedürfnisse im Alltag und Job. 

Der Alltag: Kleidung in Bewegung

Frauen in Bewegung, um 1900 | Alle diese Frauen tragen Korsett und andere für die Zeit übliche Unterwäsche und Kleidung

Die Mythen von unpraktischer, unbeweglicher und manchmal sogar gefährlicher Kleidung basieren also zum größten Teil auf misogynen Vorurteilen und medizinischen Irrtümern aus dem 19. Jahrhundert, die oft unreflektiert ihren Weg in moderne Romane, Filme und andere Medien finden. Die Kleidung, die uns historische Medien als patriarchales Gefängnis zeigen, in dem gelitten wird, war tatsächlich die Kleidung, in der Menschen aller gesellschaftlichen Gruppen problemlos ihren Alltag meisterten. Reiten, Tennis spielen, Fahrrad fahren, aber auch in der Fabrik oder auf dem Feld arbeiten – All das geschah in Korsett und langen Röcken.

Die Kleidung, die uns aus heutiger Perspektive, geprägt von Klischees und Mythen, sperrig, voluminös und unbequem vorkommt, war Alltag für die Menschen vergangener Epochen. Ich wünsche mir von Autor_innen historischer Medien nicht nur ein bisschen mehr Wertschätzung für Kleidung als Handwerk und soziales und politisches Medium, sondern vor allem auch Verständnis für das Herzstück dieses Artikels. Wenn ihr euch heute eins mitnehmt, dann lasst es das sein: Es war nicht ihre Kleidung, die den Alltag historischer Frauen einschränkte. Es waren zweischneidige Gesellschaftsmuster, die auf systematischer Unterdrückung von Frauen basierten, und ungleiche Machtverhältnisse in der Gesellschaft, im Alltag, in Ehe und Familie und vor Gericht.

Das Umleiten der “Schuld” auf Kleidung und Mode ist besonders kritisch, weil ausgerechnet dieser Bereich lange in der Hand von Frauen selbst lag und mit der Abwertung und Verurteilung von mit Weiblichkeit assoziierten Dingen Hand in Hand geht. Egal, wie sehr wir alten Klischees zu unbequemer und gefährlicher Kleidung einen feministischen Anstrich geben wollen – Die misogynen Ursprünge werden immer durchschimmern und ein komplexer, informierter Blick auf die soziale und politische Bedeutung von Kleidung und Modeindustrie ist immer deutlich interessanter als alte, platte Klischees und Sexismus verkleidet als “Girl Power”. 


Weiterführendes:

Von mir | Die Korsett-Kontroverse: Warum wir immer noch über das Korsett diskutieren
Von mir | Kleidung, Mode und ihre Bedeutung für ärmere Menschen im 19. Jahrhundert
Von mir | Mörderische Moden?: Wie gefährlich war die Mode des 19. Jahrhunderts wirklich?
Von mir | Anti Fashion: Mode und Frauenbewegung?

Prior Attire | Moving in a Crinoline 1 (Video, Englisch)
Karolina Żebrowska | How Victorian Men Taught Us to Hate Corsets (Video, Englisch)
Nicole Rudolph | 100 Years of Corset History (Video, Englisch)


Beitragsbild: “Mrs Lockett Agnew”, Sir Samuel Luke Fildes, 1887-88

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