Daphne du Mauriers Gothic-Klassiker “Jamaica Inn” von 1936 wurde bisher nur drei Mal verfilmt: Diese BBC-Fassung von 2014 ist die aktuellste. In drei Folgen zu je einer Stunde, die man an einem Nachmittag am Stück schauen kann, erzählt die Serie den Strandräuberstoff deutlich näher am Roman als zum Beispiel die Hitchcock-Verfilmung von 1939, nimmt sich hier und da aber auch Freiheiten, die die Geschichte deutlich mehr in die Gruselrichtung rücken und in meinen Augen sehr gut gelungen sind.

Im Mittelpunkt der Handlung steht die 23-jährige Mary Yellan (Jessica Brown Findlay), die im Jahr 1821 nach dem Tod ihrer Mutter die beschwerliche Reise nach Cornwall auf sich nimmt, um bei ihrer Tante Patience (Joanne Whalley) zu leben. Patience und ihr Mann Joss (Sean Harris) betreiben das einsame Gasthaus Jamaica Inn auf dem kargen Bodmin Moor und bald bemerkt Mary, dass es sich nicht um ein gewöhnliches Gasthaus handelt… Der atmosphärische Schauplatz ist übrigens ein realer: Das echte “Jamaica Inn” steht, umrankt von Geschichten über Schmuggel und Piraterie, seit 1750 im Bodmin Moor.


Inhaltswarnung
Krankheit/Tod (kurz erwähnt), missbräuchliche Beziehungen und häusliche Gewalt, versuchter sexueller Übergriff, Alkoholismus, Messer/Gewalt/Blut, Mord (Strangulation, Erschlagen, Ertränken, Erschießen, Erstechen), Havarie, Gaslighting, tote Tiere (Hasen, Vögel)

Atmosphärische Moore, spannende Figuren

“Jamaica Inn” ist vorrangig eine Abenteuergeschichte im Stil von typischen Piraten- und Schmugglergeschichten, hat aber, wie so viele von du Mauriers Romanen, auch einen feministischen Kern, der in der Serie recht gut herausgearbeitet wird. Marys Onkel Joss Merlyn ist ein brutaler Mann, der Patience fest in seiner Gewalt hat und auch Mary und seinen Bruder Jem (Matthew McNulty) beherrschen will. Das Leben im Jamaica Inn ist von Isolation, Gewalt, Angst und auch Gaslighting geprägt, während Joss’ Stolz und seine Machenschaften alle auf den Abgrund zusteuern.

Du Maurier arbeitet in ihrem Roman viel mit den echten Geschichten und Legenden um die Pirat_innen und Strandräuber_innen von Cornwall, die tatsächlich im Jamaica Inn ein- und ausgegangen sein sollen. Ich wünschte fast, die Serie hätte davon noch viel mehr gezeigt, denn die Szenen, die es gibt, sind spannend, erschreckend und vor allem sehr atmosphärisch, genau wie das (nicht im Roman vorkommende) Finale, dass – ohne zu viel zu verraten – von der Küste weg aufs offene Moor führt. Das Ende eines Klassikers zu verändern ist immer ein Risiko, das zumindest für mich hier komplett aufgegangen ist.

Besonders in der zweiten Folge gibt es jedoch leider einige Längen, bei denen ich mich gefragt habe, ob es sinnvoll gewesen wäre, die Serie zu einem Spielfilm zu schneiden. Trotzdem hält die Serie von Anfang bis Ende die düstere Stimmung, einerseits durch die tollen Bilder vom Moor und von der Küste, aber auch durch Mary selbst. Sie ist eine interessante Figur, die auf ihre Überzeugungen und ihr Gewissen hört, was einen tollen Konflikt zu den Piraten herstellt, aber auch zu ihrer Tante Patience, für die die Gewalt und das raue Leben auf dem Moor längst normal geworden sind.

Als Charakterstudie von Mary und von Joss, aber auch von Marys Love Interest und Joss’ Bruder Jem, der irgendwo zwischen den beiden Extremen steckt, funktioniert “Jamaica Inn” auch toll. Dass Daphne du Maurier komplexe Figuren geschrieben hat ist kein Geheimnis und der Serie gelingt es diese interessant in Szene zu setzen. Die deutsche Synchronisation, in der besonders Joss leider unfreiwillig komisch klingt und Mary den Biss verliert, den Jessica Brown Findlay im Original mitbringt, kann ich leider nicht loben, ich würde allen, die das können, ans Herz legen sich das Original anzusehen.

Die andere Seite des Regency… mit Schlamm

Die Kostüme in “Jamaica Inn” (von Amy Roberts) sind gut gemacht, aber sie geben ästhetisch nicht allzu viel her. Die Serie handelt von der ländlichen Bevölkerung Cornwalls und wir sehen Mary, Patience und Joss meist in dunklen Farben und robusten Stoffen. Besonders an Mary ist die Kleidung einer armen Frau des frühen 19. Jahrhunderts jedoch gut umgesetzt. Ihre Kleider sind simpel, aber halbwegs modisch und sehen selbst gemacht aus. Einige Stücke, wie eine einst prächtige Samthaube, die jetzt abgewetzt ist, schreien praktisch “second hand”, was ein schönes Detail ist.

Auch die ins Jahrzehnt passende Unterwäsche an Mary (Chemise und Stays) oder die tatsächlich einmal authentisch gearbeiteten Ledermäntel gegen das raue Wetter auf dem Moor sind gelungen. Ich hätte zwar trotzdem gern mehr robuste Wolle gesehen als Leder, aber das ist Jammern auf hohem Niveau, denn die Anachronismen, die sich hier finden, wirken gut durchdacht. Die Kostüme sehen zwar nicht besonders schön aus, tragen aber viel zur Atmosphäre bei, denn “Jamaica Inn” zeigt eine von Kriminalität und Armut geprägte, dunklere Seite des Regency abseits von Jane-Austen-Romantik.

Gestört hat mich jedoch, wie schmutzig der Look im Gesamten war. Marys Kleidung ist ständig schlammbeschmiert und genau wie ihre Tante Patience trägt sie ihr Haar eigentlich immer offen, zerzaust und fettig – Selbst bei der Arbeit auf dem windigen Moor und beim Reiten. Authentizität hin oder her, das ist unpraktisch und sieht unpraktisch aus, ein Band oder Haarnadeln hätten geholfen. Auch, dass die Figuren ständig schmutzig aussehen und die Kleidung feucht, wirkt übertrieben, denn auch ärmere Menschen in ländlicheren Gegenden besaßen Waschschüsseln (was die Serie sogar zeigt).

Gruselgeschichte mit Piraten

Trotzdem ist das Gesamtbild gelungen. Besonders das einsame Gasthaus Jamaica Inn selbst ist gekonnt düster in Szene gesetzt. Die Aufnahmen von vernebelten Mooren und kargen Zimmern im Kerzenlicht beschwören genauso eine düstere Gothic-Atmosphäre herauf, wie die Küste unter grauem Himmel, auf scharfe Riffe zusteuernde Segelschiffe und an den Strand gespülte Fässer wunderbar für Piraten- und Schmugglerspannung sorgen. “Jamaica Inn” findet eine gute Balance zwischen Schauer- und Abenteuergeschichte und liefert tolle, atmosphärische Bilder.

Wer seine Schauergeschichten klassisch und subtil unheimlich mag ist hier genauso richtig, wie alle Fans von Piratengeschichten, die “Jamaica Inn” vielleicht bisher übersehen haben. Hier treffen vernebelte Moore und alte unheimliche Häuser auf die eiskalte See und echte englische Piraten- und Schmugglerlegenden. Die Handlung baut sich über die drei Folgen langsam auf, doch die Figuren und ihre Machenschaften und Geheimnisse sorgen für leise Spannung und eine unheimliche Atmosphäre, die sich bis zum Finale immer weiter zuspitzt. “Jamaica Inn” von 2014 lohnt sich für alle Genrefans auf jeden Fall.



Jamaica Inn | GB 2014 | Regie: Philippa Lowthorpe | Drehbuch: Emma Frost | 180 Minuten | 3 Folgen zu je ca. 60 Minuten | Basierend auf: “Jamaica Inn” von Daphne du Maurier, 1936 | Alternativer Titel: Riff-Piraten