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Historische Romane

“Im Bann der Fledermausinsel” von Oscar de Muriel

Die Highlands 1889. Als der junge Erbe der betuchten Familie Koloman eine Todesdrohung erhält, reisen Inspector Frey und sein Kollege McGray unverzüglich zum nebelverhangenen nördlichen Zipfel des Landes. Dort, am abgelegenen Loch Maree, kommen sie im unheimlichen Herrenhaus der Kolomans unter. Die nahegelegene Insel ist von Fledermäusen befallen, und jeder der Bewohner scheint etwas zu verbergen. Als kurz darauf ein grausamer Mord im Wald geschieht, ist den Ermittlern klar: Um die Geheimnisse des mysteriösen Loch Maree zu wahren, geht jemand über Leichen …


Triggerwarnung
Sexualisierte Gewalt, unreflektierter Umgang mit queeren Figuren

Meine Gedanken

Frey und McGray sind at it again… Oder besser: ICH bin at it again, denn diese Reihe bleibt mein Guilty Pleasure, es ist einfach so. Umso schöner, dass die problematischen Elemente, die mir in den ersten beiden Bänden so schwer im Magen lagen, von Band zu Band weniger werden. Nicht, dass sie weg sind. Ich-Erzähler Ian Frey ist immer noch manchmal sexistisch, McGray ist immer noch unerträglich gewalttätig und die Figur der Katerina ist ein wandelndes rassistisches Klischee, die kann man leider nicht mehr retten.

Aber es wird besser und ich erwarte es ja mittlerweile schon so. Was die Bücher aber weiterhin liefern sind schön verzwickte, ungewöhnliche Kriminalfälle und gemütliche Gothic-Victoriana und dafür bin ich hier. Nachdem Band drei so überschwänglich gut anfing und dann stark nachgelassen hat, war dieser vierte Band eine positive Überraschung, denn er stellt einmal mehr einen gut durchdachten Fall in den Vordergrund, schräge Figuren und – das ist de Muriels Stärke – ein tolles Setting.

Diesmal geht es in die Highlands, ins gotisch anmutende Herrenhaus der Familie Koloman, wo ein plötzlich aufgetauchter Erbe Morddrohungen erhalten hat und jedes Familienmitglied verdächtig ist, denn für alle steht das Erbe auf dem Spiel. Die Beschreibungen des düsteren Hauses, des nebeligen Wetters und besonders des Lochs und seiner mysteriösen Inseln haben mir richtig gut gefallen. Spätestens seit Band drei hat Oscar de Muriel dieses viktorianische fin-de-siècle-Feeling richtig drauf und das beweist er auch hier wieder.

Interessante Figuren und schillerndes fin de siècle

Und da muss ich de Muriel auch einfach loben, denn er verzichtet auf das dreckige, düstere viktorianische Setting, das viele andere Autor.innen von Victoriana-Krimis bevorzugen. Ja, es gibt Gewalt, Blut und Tod, denn die Reihe ist immer noch eine Krimireihe, aber bei de Muriel stehen dann doch andere Sachen im Vordergrund und es gelingt ihm ganz gut Zeitgeist einzufangen. In Band drei glänzte viktorianisches Theater, hier sind es die exzentrischen Kolomans.

Veronika und Natalja Koloman zum Beispiel sind Wissenschaftlerinnen, die sich eigene Anti-Fashion entwerfen, nähen und tragen und während ich mich daran erstmal gewöhnen musste, fand ich die beiden als wohlhabende Töchter gegen Ende des 19. Jahrhunderts in ihrer Emanzipation, die trotzdem nach gesellschaftlichen Regeln verläuft, deutlich überzeugender, als die braven, stillen Töchter, die durch andere Romane mit ähnlichem Setting huschen.

Bruder Dominik ist ein Dandy, wie er im Buche steht und verschleudert Zeit und Geld mit Reisen, Partys und Alkohol, die Eltern sind Besitzer eines Weinguts in Böhmen, die Bediensteten sind skurrile Typen, von denen jede.r einzelne genauso verdächtig ist, wie die Familie selbst. Und ganz klassisch müssen Frey und McGray (und Ians Onkel Maurice, der aus mir unerfindlichen Gründen mit von der Partie ist) natürlich auf engstem Raum mit all diesen Menschen leben, während sie den Drohungen – und bald auch einem Mord – auf den Grund gehen.

Wirklich überzeugt hat mich aber tatsächlich der Umgang mit sexualisierter Gewalt. Es kommt sehr bald raus, dass Benjamin, der plötzlich auftauchende Erbe, der Sohn der Bediensteten Millie ist, die vom mittlerweile verstorbenen Bruder von Konrad Koloman sexuell missbraucht wurde. Es war beinahe erfrischend eine Histo zu lesen, in der die Überlebende nicht in Frage gestellt wird. Die Figuren glauben Millie und das Trauma, das sie erlitten hat, wird nicht klein geredet, wie es leider oft der Fall ist.

Auch Natalja und Veronika sind interessante Frauenfiguren, auch, wenn sie leider doch wieder durch Ians “Sie sind so schööön”-Brille gefiltert werden, genauso wie Millie oder auch die Mutter der Zwillinge, Minerva Koloman. Wo die Frauenfiguren in Band Eins noch ein Albtraum waren, können sie hier überzeugen, haben eigene Agency und bleiben einem im Kopf. Da ist eindeutig eine tolle Entwicklung passiert und ich bin sehr gespannt, was für tolle Figuren wir im nächsten Band noch kennenlernen werden.

Schöner Grusel, hässliche Klischees

Auch der Fall selbst konnte mich diesmal wieder überzeugen. De Muriel nimmt diesmal die Abfahrt Gothic und Mystery, so viel kann ich verraten. Mysteriöse Inseln im schottischen Loch, eine Fledermausplage und düstere Geheimnisse stehen im Mittelpunkt und Ians und McGrays Ermittlungen decken Dinge auf, die ich teilweise lieber gar nicht gewusst hätte. Alles führt zu einem mehr als fulminanten Finale, das diesmal mit Twists aufwartete, die ich wirklich nicht habe kommen sehen.

Minuspunkte bekommt der Roman für mich einzig und allein für die Darstellung seiner queeren Figuren, die dann eben doch in typischer de-Muriel-Manier irgendwie ignorant daherkommt. Es gibt zwei queere Figuren und es liest sich ein bisschen, als hätte de Muriel eine Checkliste mit problematischen Klischees auf dem Schreibtisch liegen gehabt, als er die beiden und ihr Schicksal in diesem Roman geplant hat. Das fand ich enttäuschend, nachdem er bei anderen sensiblen Themen diesmal so viel richtig gemacht hat.

Ein bisschen schade finde ich auch, dass Ian und McGray diesmal nicht so viel gemeinsame Page Time haben, wie sonst. Die Entwicklung der angespannten Freundschaft zwischen den beiden interessiert mich, stagniert aber seit Band Zwei leider, genauso wie die Geschichte um Amy McGray und warum sie ihre und McGrays Eltern umgebracht hat. Ich hoffe, dass de Muriel bald damit anfangen wird, diese Dinge mehr in den Fokus zu rücken, denn selbst wenn das hier eine Endlosreihe werden sollte, ein paar mehr Antworten auf diese übergreifenden Fragen wären toll.

Alles in allem ist “Im Bann der Fledermausinsel” jedoch bisher mein Lieblingsband der Reihe. Wäre de Muriel mit seinen queeren Figuren besser umgegangen, wäre ich vielleicht sogar voll auf zufrieden gewesen. Jetzt bin ich sehr gespannt auf Band Fünf, in dem ein Fall im Mittelpunkt stehen wird, in den Katerina verwickelt ist. Da de Muriel sie in den ersten drei Bänden sehr rassistisch dargestellt hat, kann ich mich im Moment noch nicht richtig auf das Buch freuen, hoffe jedoch das beste.


Die Reihe:

1. Die Schatten von Edinburgh | Rezension
2. Der Fluch von Pendle Hill | Rezension
3. Die Todesfee der Grindlay Street | Rezension
4. Im Bann der Fledermausinsel
5. The Darker Arts


Im Bann der Fledermausinsel | Frey & McGray #4 | Goldmann, 2019 | 978-3-442-48887-2 | 560 Seiten | deutsch | Übersetzer: Peter Beyer | Britische OA: The Loch of the Dead, 2018

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