Russland 1822. Katya kann im Eis lesen. Farbe und Klang verraten ihr, wie es beschaffen ist – eine besondere Gabe, die sie mit ihrem Bruder Grischa verbindet. Beide haben große Träume und lassen schließlich die Armut ihres Heimatdorfes hinter sich. Ihre Reise führt sie über die Nordmeere bis nach Hamburg. Zusammen mit den ehrgeizigen Kaufmannsbrüdern Thilo und Christian gründen sie ein Handelsunternehmen. Der kühne Plan: das Eis des Nordens bis in die Tropen zu verschiffen. Doch der Weg zum Erfolg ist mit Stolpersteinen gepflastert, und auch die Gefühle zwischen Katya und dem verheirateten Christian drohen die jungen Eisbarone zu Fall zu bringen …


Triggerwarnung:
Sexualisierte Gewalt, Graphische Darstellung von der Jagd auf Tiere, unter anderem Wale

Meine Gedanken

Ich hatte mich auf “Die Eisbaronin” sehr gefreut. Leider wurde ich jedoch enttäuscht, so viel kann ich gleich von Anfang an sagen. Dabei hatte das Buch gute Chancen ein Highlight zu werden: Im frühen 19. Jahrhundert fliehen Grischa und seine kleine Schwester Katya aus der russischen Leibeigenschaft. Über die nächsten Jahre reisen sie von Russland über Norwegen nach Hamburg und weiter in die Welt hinaus und bauen sich, basierend auf einer riskanten Geschäftsidee, etwas eigenes auf.

Leider ist “Die Eisbaronin” dieser Roman nur im Ansatz. Zumindest für mich lag der Fokus falsch: Die Autorin beschäftigt sich deutlich mehr mit den Beziehungen der Figuren als mit den Reisen und dem Geschäft mit dem Eishandel und für einen Großteil des Romans sind Grischa und Katya außerdem Kinder: Grischa sechzehn Jahre alt, Katya zwölf. Besonders die “Beziehungen” der beiden fand ich aus genau diesem Grund auch leider sehr problematisch.

Eis, Seefahrt und hässliche Klischees

Zuerst habe ich mich gefreut, dass Grischa ein bisexueller Protagonist ist, der mit seiner Sexualität nicht hadert und sie einfach lebt. Leider ist er aber auch das Klischee des Bisexuellen, der nicht treu sein kann und sich nicht “entscheiden” kann. Überall wo Grischa hinkommt hat er mehrere Liebschaften, die für die Handlung des Romans auch überhaupt keine Bewandnis haben, und immer wieder wird betont, dass keine_r dieser Frauen und Männer ihm genug bedeutet um zu bleiben oder die Beziehung zu vertiefen.

Wirklich problematisch wird das aber, wenn man bedenkt, dass Grischa in dieser Zeit 16/17 Jahre alt ist und viele seiner Partner_innen bereits über 30: Die Romantisierung dieser missbräuchlichen Beziehungen erwachsener Menschen mit einem Teenager lassen sich auch nicht mit dem historischen Setting entschuldigen, genauso wenig wie die Sexualisierung des 17-jährigen Grischa. Immer wieder erwähnt die Autorin wie groß, stark und muskulös er schon ist und wie sehr sich erwachsene Menschen nach ihm verzehren.

Mit Katya macht die Autorin dasselbe: Sie ist um die dreizehn Jahre alt, als sie den Eisforscher Johann kennengelernt, der bereits über 40 ist. Johann wird als sehr edel dargestellt, dafür, dass er wartet bis Katya “eine Frau ist”, bevor er eine Beziehung mit ihr beginnt. Auch Katyas eigentliches Love Interest Christian ist bereits über zwanzig, als er sie als 15-jährige kennenlernt und sich in sie verliebt. Beide Geschwister werden also als Teenager mehrmals in Beziehungen mit erwachsenen, deutlich älteren Menschen gesteckt, ohne, dass erkannt wird wie problematisch das ist.

Viel “Romantik”, kein roter Faden

Das allein hat mir den Spaß an “Die Eisbaronin” leider verdorben, dabei war ich so aufgeregt endlich mal einem positiv dargestellten LGBTQ Helden in einem historischen Roman zu begegnen. Doch auch der Rest des Romans konnte mich leider nicht überzeugen. Spannend fand ich die Beschreibungen der Reisen und der Seefahrt, doch diese kamen leider zu kurz. Der Fokus liegt eindeutig auf den Beziehungen der Geschwister mit verschiedenen Menschen, die für die Handlung zudem kaum wichtig sind.

Bis auf die Brüder Thilo und Christian, mit denen Katya und Grischa den Eishandel planen, verschwinden alle “Love Interests” relativ schnell wieder aus der Handlung, ohne diese oder die Figuren irgendwie beeinflusst zu haben. Am Ende bleibt von “Die Eisbaronin” deshalb leider sehr wenig Abenteuer, sehr wenig Eishandel, aber sehr viel problematische “Romantik” zwischen Jugendlichen und Erwachsenen, die nicht einmal Auswirkung auf die Handlung des Romans hat, sondern einfach so dahinplätschert und dann vergessen wird.

Deshalb weiß ich am Ende auch nicht so richtig, was “Die Eisbaronin” eigentlich sein möchte. Ein historischer Liebesroman, der sich leider in sehr problematischen Beziehungen verloren hat? Ein Abenteuer- und Reiseroman, der den Fokus aus den Augen verloren hat? Einen richtigen roten Faden gibt es schließlich auch nicht. Es kommt selten vor, dass ich ein Buch gar nicht empfehlen möchte, doch leider ist dieses Buch so ein Fall. Die “Liebesgeschichten”, die hier vorkommen, sind mir dafür einfach zu problematisch.


Weitere Meinungen

Histolicious | Keine Empfehlung


Die Eisbaronin | Goldmann, 2019 | 978-3-442-48395-2 | 480 Seiten | deutsch