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Historische Romane

“Die Eisbaronin: Bis ans Ende der Welt” von Nicole C. Vosseler

Russland 1822. Katya kann im Eis lesen. Farbe und Klang verraten ihr, wie es beschaffen ist – eine besondere Gabe, die sie mit ihrem Bruder Grischa verbindet. Beide haben große Träume und lassen schließlich die Armut ihres Heimatdorfes hinter sich. Ihre Reise führt sie über die Nordmeere bis nach Hamburg. Zusammen mit den ehrgeizigen Kaufmannsbrüdern Thilo und Christian gründen sie ein Handelsunternehmen. Der kühne Plan: das Eis des Nordens bis in die Tropen zu verschiffen. Doch der Weg zum Erfolg ist mit Stolpersteinen gepflastert, und auch die Gefühle zwischen Katya und dem verheirateten Christian drohen die jungen Eisbarone zu Fall zu bringen …


Triggerwarnung:
Sexualisierte Gewalt, Graphische Darstellung von der Jagd auf Tiere, unter anderem Wale

Meine Gedanken

Ich hätte dieses Buch so gern gefeiert. Und ein bisschen tue ich es auch, denn “Die Eisbaronin” ist die erste groß aufgezogene Histo auf dem deutschsprachigen Buchmarkt seit langem, die einen queeren Helden mitbringt. Grischa wird gleich in einem der ersten Kapitel als bisexuell dargestellt und ist neben seiner jüngeren Schwester Katya einer der beiden Protagonist.innen dieses Romans. Warum das so wichtig ist, habe ich vor ein paar Monaten in einem Essay erklärt. Und ich habe mich sehr darüber gefreut, wirklich.

Aber. Ja, natürlich gibt es ein Aber, denn wie das dann in der Praxis aussieht gefällt mir nicht immer gut. Ich kann den Finger nicht ganz darauf legen, aber ich finde schade, dass Grischa im Endeffekt in das Klischee des unersättlichen Bisexuellen passt. Und an sich ist es nichts Schlimmes dieses Klischee zu bedienen, natürlich nicht. Ich fand es aber trotzdem sehr unangenehm, eben auch, weil “Die Eisbaronin” Grischas Bisexualität sehr binär angeht und auch sehr cisnormativ ist. Frauen sind “weich und rundlich”, Männer sind “hart und stark”, Grischa will auf nichts verzichten und könnte deshalb nicht treu sein, ja, okay…

Ich freue mich also über die Repräsentation von Bisexualität im historischen Roman, da sie eben auch nicht wirklich schlecht gemacht ist, aber etwas daran wie der sehr junge Grischa (er ist für den Großteil des Romans so 16-19) in diese cis- und heteronormativen Ideen von Bisexualität gedrängt wird, war mir einfach sehr unangenehm. Am Ende normalisiert “Die Eisbaronin” Grischas Queerness und lässt ihn einfach machen ohne Scham, Angst oder Wertung, was mir gut gefällt, auf der anderen Seite tanzt mir der Roman aber doch wieder zu nah am Klischee.

“Historisch” ist kein Freifahrtschein für Problematisches

Wirklich schwer im Magen liegt mir allerdings, dass es zwischen den Figuren und ihren zahlreichen Love Interests immer große Altersunterschiede gibt. Als 16-jähriger hat Grischa mehrere Affären mit Männern und Frauen über 30. Auch Katya lernt ihren Love Interest Christian kennen, als sie 15 Jahre alt ist und er bereits über Zwanzig. Richtig unangenehm waren mir die durchaus detaillierten Sexszenen zwischen Grischa und seinen deutlich älteren Partner.innen, besonders Silja, mit der er sogar sowas wie eine Liebesgeschichte hat, die in der ersten Hälfte des Romans ausgewalzt wird.

Den Vogel schießt aber Katya ab, die mit 20 Jahren ihren ersten Sex mit einem Mann um die Vierzig hat – der schon seit Jahren auf sie giert. Die beiden lernen sich kennen als Katya gerade 12 oder 13 Jahre alt ist und etwas später sagt dieser Mann ihr dann, dass er erst mit ihr schlafen wird, wenn sie “eine Frau” ist. Als sie sich dann später wiedertreffen geht es natürlich auch in die Kiste. Klingt creepy? Ist es auch, wird aber leider als noble Geste seinerseits dargestellt, als wäre es irgendwie edel von ihm, dass er gewartet hat.

(Zudem frage ich mich gerade, warum Katya warten muss und es bei ihr so halbwegs als falsch erkannt wird, würde sie mit 15 mit einem älteren Mann schlafen, bei Grischa aber nicht, ohne, dass das auch nur angesprochen wird. Weil es bei Jungen “was anderes” ist? Hier sind leider ziemlich viele solcher Problematiken am Werk, die Katyas “Ich kann auch als Frau Händlerin werden!”-Feminismus, den ich eigentlich mochte, aushebeln.)

In jedem Roman, der in der Gegenwart spielt, würden solche Beziehungen zurecht in Grund und Boden kritisiert und nur weil das hier ein historischer Roman ist, sollte das auch hier nicht einfach übergangen werden. Dieser Roman stammt von einer modernen Autorin und die Zielgruppe sind moderne Leser.innen. Sexszenen zwischen Teenagern und Partner.innen über 30 gehen gar nicht und, dass das nicht nur einmal passiert, sondern eigentlich jedes Paar, das hier vorkommt, einen so unmöglichen Altersunterschied hat, macht mich ziemlich sprachlos.

Zu viel Drama, zu wenig Geschichte

Darüber hinaus hat mir nicht gefallen, wie besonders Christians Ehefrau Henny behandelt wird. Henny ist die gute Hausfrau und Mutter, so wird sie auch einmal explizit im Roman beschrieben, und wird von Christian und Katya eigentlich von Anfang an betrogen, denn Christian heiratet sie nur, weil er Katya nicht haben kann. Und anstatt zu dieser Entscheidung dann zu stehen, baggert er Katya natürlich weiter hinterher. Christian und Katya sind eindeutig die star-crossed lovers dieses Romans und es ist nicht so, dass ich das nicht spannend fand, aber es tat weh die vergessene, betrogene Henny als hilfreiche, gute Seele an der Seite stehen zu sehen, die benutzt wird, wenn man sie gerade braucht.

Am Ende ist mein größtes Problem mit “Die Eisbaronin” wohl, dass der Fokus für meinen Geschmack deutlich zu sehr auf dem Drama zwischen den Figuren liegt. Das “Wer mit wem?” wird hier um einiges breiter getreten, als es nötig gewesen wäre, und es gab mir auch zu viel konstruierten Konflikt, der aus der Luft gegriffen wirkte. Grischa allein hat mehr als eine Handvoll Partner.innen, von denen über die Hälfte keinerlei Bewandnis für den Roman haben. Einige dieser Figuren hätte ich gern genauer kennengelernt, zum Beispiel das Inuitmädchen, das Grischa in Grönland kennenlernt, doch sie waren nur Namen, mit denen Grischa schläft, dann verschwanden sie wieder.

“Die Eisbaronin” hat hier sehr deutlich das “deutsche Histo”-Syndrom. Irgendwo in diesen fast 500 Seiten stecken ca. 300 Seiten spannender Abenteuerroman über zwei Geschwister, die sich aus der russischen Leibeigenschaft befreien, sich ein Imperium aufbauen und die Welt bereisen. Der Roman wird aber von dem ganzen Drama unnötig langgezogen, wie Kaugummi. Bis zum Ende war mir nicht bewusst, was Grischas kapitellange Romanze mit der Isländerin Silja jetzt sollte, wieso ich gelesen habe, wie er und Wolf sich näherkommen, wenn Wolf und Silja danach für immer aus dem Roman verschwinden.

Es kommt mir leider vor wie vergeudete Lesezeit, es hat Grischas Charakterentwicklung und auch sonst nichts vorangetrieben. Und das ist, wo ich so darüber nachdenke, sowieso ein Problem des Romans: Es gibt kaum Charakterentwicklung. Katya ist am Anfang neun Jahre alt und am Ende um die zwanzig, aber ich könnte nicht sagen, wie sie sich verändert hätte. Grischa ist von Anfang an recht selbstbewusst und forsch, auch da entwickelt sich nichts. Das ist einfach nicht spannend und nimmt dem Roman viel weg.

Es kommt wohl aber auch stark darauf an, was man von “Die Eisbarnonin” möchte. Vom Marketing her sieht der Roman aus wie die typische Familiengeschichte, über eine junge Frau, die sich ein Geschäft aufbaut. Das ist er nicht. Er ist aber auch nur im Ansatz der spannende, epische Abenteuerroman, den ich gern gelesen hätte. Es geht deutlich mehr um die Beziehungen der Figuren untereinander und es gibt eine Menge recht detaillierte Sexszenen, die ich so oder so in einem historischen Roman nicht brauche (das ist persönlicher Geschmack), aber schon gar nicht so umgesetzt wie hier (und das ist kein persönlicher Geschmack).

Von allem ein bisschen, aber ohne Balance

Deshalb habe ich am Ende einfach irgendwie den Satz “This is why we can’t have nice things” im Kopf. Denn Nicole C. Vosseler macht hier viel richtig. Grischa ist der einzige queere Protagonist in einer deutschen Mainstream-Histo der letzten Jahre, der mir jetzt einfällt, und seine Queerness ist wunderbar normalisiert, wird nicht zum Drama aufgebauscht und darf auch problemlos ausgelebt werden. Ich mochte außerdem den Schreibstil und ich habe die Beschreibungen von Seereisen und vom Entdecken fremder Länder sehr gemocht, sowie Grischa und Katyas Weg aus der Leibeigenschaft zu einflussreichen Händler.innen.

Aber die vielen Sexszenen, die vielen Beziehungen zwischen Grischa und Katya und Figuren, die kaum vorgestellt werden, das ganze Drama und Hin und Her zwischen den Figuren… Das war nicht meins. An sich ist daran natürlich nichts Verkehrtes, aber es ist nicht das, was ich von einem Roman wie diesem persönlich möchte. Richtig übel nehme ich dem Roman aber, dass er immer wieder Jugendliche in sexuelle Beziehungen mit Menschen über 30 drängt und daran nichts Problematisches oder Unangenehmes zu finden scheint.

Ich finde es vor allem schade, dass der Roman vor lauter Nebenschauplätzen einfach irgendwie seinen Plot aus den Augen verliert. Alles, was im Klappentext steht, passiert erst in der zweiten Romanhälfte und auch dann dauert es noch sehr lang, bis das mit dem Eishandel endlich mal wichtig wird. Auch Katyas Gespür für Eis kommt nur wenig vor. Die meiste Zeit wird eben doch über eher Belangloses geredet, hier gearbeitet, da mit irgendwem geschlafen, bis man sich irgendwann fragt, was genau einem “Die Eisbaronin” jetzt eigentlich geben möchte. Historische Romance? Einen Abenteuerroman? Eine Familiengeschichte? Ich weiß es nicht.

Ich möchte “Die Eisbaronin” niemandem ausreden. Der Roman hat richtige Highlights, er hat aber auch sehr problematische Stellen. Am Ende bin ich ein bisschen enttäuscht, dass der einzige deutsche Histo-Roman mit größtenteils vernünftig dargestellten queeren Held.innen, der mir dieses Jahr untergekommen ist, an anderen Ecken so problematische Sachen macht. Ich möchte mehr normalisierte queere Figuren in deutscher historischer Fiktion sehen, aber ich möchte sie natürlich in Romanen sehen, die auch in anderen Dingen keine Bauchschmerzen bereiten.

Empfehlen möchte ich den Roman deshalb eher nicht. Ich habe ihn am Ende doch ganz gern gelesen, aber ich bin einfach sprachlos, dass ein historischer Roman von 2019 vollkommen unreflektiert Beziehungen zwischen Jugendlichen und Erwachsenen darstellt und teilweise romantisiert. Darüber hinaus war es mir einfach zu viel romantisches, aber auch anderweitiges Drama und zu wenig spannende Beschreibungen vom Reisen, Handeln und sozialem Aufstieg im frühen 19. Jahrhundert. Die Balance gelingt hier einfach nicht, sodass ich eher nicht so begeistert zurückbleibe. Leider, denn so oft findet man queere Held.innen im historischen Roman eben nicht.


Die Eisbaronin | Goldmann, 2019 | 978-3-442-48395-2 | 480 Seiten | deutsch

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