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Historienromane

“Die Eisbaronin: Bis ans Ende der Welt” von Nicole C. Vosseler

Russland 1822. Katya kann im Eis lesen. Farbe und Klang verraten ihr, wie es beschaffen ist – eine besondere Gabe, die sie mit ihrem Bruder Grischa verbindet. Beide haben große Träume und lassen schließlich die Armut ihres Heimatdorfes hinter sich. Ihre Reise führt sie über die Nordmeere bis nach Hamburg. Zusammen mit den ehrgeizigen Kaufmannsbrüdern Thilo und Christian gründen sie ein Handelsunternehmen. Der kühne Plan: das Eis des Nordens bis in die Tropen zu verschiffen. Doch der Weg zum Erfolg ist mit Stolpersteinen gepflastert, und auch die Gefühle zwischen Katya und dem verheirateten Christian drohen die jungen Eisbarone zu Fall zu bringen …


Triggerwarnung:
Sexualisierte Gewalt, missbräuchliche Beziehungen zwischen Jugendlichen und Erwachsenen, Graphische Darstellung von der Jagd auf Tiere, unter anderem Wale

Meine Gedanken

“Die Eisbaronin” möchte viel, aber liefert wenig. Ich hatte auf ein spannendes Lese-Highlight gehofft, einen Abenteuerroman, und bekam stattdessen eine weitere Familiensaga, zudem gespickt mit problematischen Inhalten, wie man sie so gehäuft selbst in diesem Genre selten findet. Aber worum geht es hier eigentlich? Zu Beginn des 19. Jahrhunderts fliehen Grischa und seine kleine Schwester Katya aus der russischen Leibeigenschaft. Über die nächsten Jahre treibt es sie von Russland über Norwegen nach Hamburg und weiter in die Welt hinaus, bis Grischa eine riskante Geschäftsidee hat, die ihre Zukunft sichern oder zerstören könnte.

“Die Eisbaronin” (Wer soll das eigentlich sein, die für den Großteil des Romans 12-jährige Katya?) hätte ein packender Historienroman sein können, ist das aber nur im Ansatz, denn der Fokus hängt schief: Die Autorin beschäftigt sich deutlich mehr mit den Beziehungen der Figuren als mit ihren Reisen und dem neuen Geschäft mit dem Eishandel, über das ich eigentlich lesen wollte. Da Katya und Grischa für den Großteil des Romans Kinder bzw. Jugendliche sind, fand ich das nicht nur nicht schön zu lesen, sondern vor allem sehr problematisch, denn beide treibt es immer und immer wieder in sexuelle Beziehungen mit deutlich älteren Erwachsenen.

Grooming und Missbrauch anstatt abenteuerlicher Seefahrt

Natürlich hatte ich mich zuerst gefreut, dass “Die Eisbaronin” mit Grischa einen bisexuellen Protagonisten hat, der mit seiner Sexualität nicht hadert, das ist im Genre leider sehr selten. Doch fürchtet euch nicht, die Genre-Klischees sind nicht fern, denn sofort wie Grischa in das Klischee des bisexuellen Mannes verwiesen, der nicht treu sein und sich nicht “entscheiden” kann. Überall, wo der ca. 16-jährige Grischa aufschlägt, hat er mehrere Liebschaften, die für die Handlung des Romans keinerlei Bewandnis haben. Dafür sind all diese Partner_innen weit über 30 und die Autorin lässt es sich auch nicht nehmen diesen Jugendlichen an jeder Ecke zu sexualisieren.

Immer wieder beschreibt sie Grischa als groß, muskulös und “männlich” und betont, wie sich deutlich ältere Menschen regelrecht nach ihm verzehren. Eine dieser Szenen hätte mir schon ausgereicht, denn in einem Roman einer modernen Autorin für moderne Leser_innen hat eine solche Sexualisierung eines Minderjährigen nichts zu suchen, da kann er noch drei Mal ein Historienroman sein. Dass sie es aber immer und immer wieder macht, mit allen neuen Partner_innen Grischas, setzt dem ganzen die Krone auf. Und natürlich bleibt auch die noch jüngere Katya nicht von derselben Behandlung verschont.

Katya ist 13 Jahre alt, sich der über 40-jährige Eisforscher Johann in sie verliebt, viel Zeit mit ihr verbringt und ihr ganz edelmütig verspricht, erst eine Beziehung mit ihr zu Beginnen, wenn sie “eine Frau ist”. Das ist nicht gutmütig und heldenhaft, das ist Grooming. Katya lässt sich im Alter von ca. 17 oder 18 dann auch tatsächlich darauf ein. Auch ihr eigentliches Love Interest Christian ist bereits über zwanzig, als er die 15-jährige Katya kennenlernt, sich in sie verliebt und sie als schönste Frau weit und breit bezeichnet. Wenn ein Roman einmal einen Jugendlichen in so eine missbräuchliche Beziehung steckt, ist das problematisch genug. Hier passiert es am laufenden Band.

Der rote Faden verschwindet im Eismeer

Egal wie gut das Buch darüber hinaus gewesen wäre, diese Romantisierung und beinahe schon Idealisierung von missbräuchlichen Beziehungen zwischen Erwachsenen und – in Katyas Fall – sehr jungen Jugendlichen hätte mir den Spaß verdorben und ist auch der Grund, weshalb ich dieses Buch niemandem empfehlen möchte. Ja, die Beschreibungen der Reisen und Seefahrt waren spannend und atmosphärisch, kamen aber deutlich zu kurz. Der Fokus liegt eindeutig auf den “romantischen” Beziehungen der Geschwister, die – bis auf die Brüder Thilo und Christian – für die eigentliche Handlung nicht einmal wichtig sind.

Am Ende ist “Die Eisbaronin” deshalb tatsächlich sehr wenig Abenteuer, sehr wenig Eishandel, aber sehr viel problematische “Romantik”, mit einer sich über mehrere Jahre erstreckenden Handlung, die zwar über mehrere Kontinente bis ins Eismeer führt, aber trotzdem ohne roten Faden dahinplätschert. Deshalb kann ich nicht einmal genau sagen, was “Die Eisbaronin” überhaupt sein will. Ein historischer Liebesroman, der sich in Problematiken verstrickt? Ein Abenteuer- oder Reiseroman, der den Fokus aus den Augen verliert? Eine Familiensaga, die sich viel zu lang an Nebenschauplätzen aufhält? Eines weiß ich jedoch: Ich werde von dieser Autorin kein weiteres Buch lesen und spreche eine meiner seltenen Nicht-Empfehlungen für “Die Eisbaronin” aus.


Vielen Dank an BloggerPortal und den Goldmann-Verlag für das Bereitstellen eines Rezensionsexemplars. 


Die Eisbaronin | Goldmann, 2019 | 978-3-442-48395-2 | 480 Seiten | deutsch

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