Follow:
Historienromane

“Die Tochter des Königsmörders” von Miranda Malins

England im Jahr 1657: König Charles I. ist tot. England erlebt den beispiellosen Aufstieg des Oliver Cromwell, Feldherr des Parlamentsheeres, am Tiefpunkt seines Lebens nicht mehr als ein Pächter auf einem Landgut. Nun bietet das Parlament ihm die Krone. Mit der Welt ihres Vaters wächst auch Frances‘ Horizont: Plötzlich ist die Vermählung von Cromwells jüngster Tochter eine Staatsangelegenheit. Aber ihr Herz gehört bereits Robert Rich, Enkel des Earl of Warwick, dem ein zweifelhafter Ruf vorauseilt. Darf sie ihrer Liebe folgen, oder muss sie sie für höhere Ziele opfern? Kann ihr Vater Parlament, Armee und Royalisten dauerhaft einen?


Inhaltswarnung
Hinrichtungen, Gewalt, Krankheit mit Todesfolge, Tod von Kindern (erwähnt)

Meine Gedanken

Es ist immer schade, wenn ein Roman, auf den man sich sehr gefreut hat, weit hinter den Erwartungen zurückbleibt. Besonders natürlich dann, wenn es einer der wenigen Romane zu einem historischen Lieblingsthema ist. Ich wollte “Die Tochter des Königsmörders” lesen, seit der Roman erschienen ist, denn England in der Mitte des 17. Jahrhunderts, zwischen Bürgerkrieg, Commonwealth und Restauration der Stuart-Monarchie, ist eine meiner liebsten Epochen. Historikerin und Autorin Miranda Malins verspricht, das Cromwell-Protektorat aus einer Perspektive zu schildern, aus der man es selten erlebt: Der weiblichen. Ich-Erzählerin ist Cromwells jüngste Tochter, Frances.

Leider muss ich sagen, dass ich sehr enttäuscht bin, was die Umsetzung dieses spannenden Konzepts angeht. Malins betrachtet Oliver Cromwell interessanterweise sehr wohlwollend, meiner Meinung nach hier und da viel zu wohlwollend, und obwohl sie eindeutig ein fundiertes Wissen über die Epoche mitbringt, bleibt der englische Hochbarock in “Die Tochter des Königsmörders” sehr trocken und wird ohne jegliche Atmosphäre erzählt. Wer sich politische Intrigen und Einblicke in die strategischen Spielzüge Cromwells und seiner Gegner*innen erwartet, wird wahrscheinlich enttäuscht werden, denn darum geht es im ersten Band der “Cromwells Töchter”-Reihe nur wenig.

0815-Histo statt spannender Court Intrigue

Links: Frances Cromwell, John Michael Wright, ca. späte 1650er | Rechts: Palace of Whitehall, Hendrick Danckerts, ca. 1675

Die politischen Ereignisse der späten Jahre von Oliver Cromwells Herrschaft werden Frances höchstens von einem der vielen Freunde ihres Vaters, die alle blass bleiben, nacherzählt oder kurz am Esstisch besprochen. Ich hatte gehofft, dass der Roman die Chance nutzen würde, die das Konzept so eindeutig bietet: Er hätte Frances und ihre Schwestern hinter den Kulissen in die politischen Ränkespiele am Hof von Whitehall Palace verwickeln können, hätte sie teilhaben lassen können an der Politik des Vaters, sie in Gefahr bringen können, kurzum: Er hätte eine spannende Court Intrigue sein können, in der es für die Heldin tatsächlich spürbare Ambitionen und Gefahren gibt.

Das ist “Die Tochter des Königsmörders” jedoch nicht im geringsten. Viel eher folgt der Roman denselben Mustern, denen in den letzten Jahren so viele historische Romane mit weiblichen Heldinnen verfallen sind: Frances Cromwell wird ein sehr moderner, oberflächlicher Feminismus übergestülpt und sie verbringt große Teile der Handlung damit, darüber zu lamentieren, dass sie selbstbestimmt leben möchte, während sie die Unfreiheit anderer Frauen meist nur mit einem Achselzucken hinnimmt. Anstatt aus Frances’ historisch einzigartiger Stellung als bürgerliche “Prinzessin” Englands etwas spannendes zu machen, wird nur wieder gejammert, was sie alles als Frau angeblich nicht darf.

Wieso gibt es kaum noch Intrigen- oder Abenteuerromane über historische Frauen, die handeln? Wieso immer diese Reduzierung auf die angeblich so einschränkenden Frauenbilder und -rollen, aus denen keine Figur wirklich ausbrechen darf? Frances war für ein paar Jahre eine der einflussreichsten Frauen Englands, doch auch sie wird nur darauf reduziert, dass sie gegen ihren Willen verheiratet werden soll und keine eigenen Entscheidungen treffen darf. Feministisch kann ich das nicht finden. Feministisch wäre es gewesen, ihr im Hintergrund die Fäden in die Hand zu geben, sie Intrigen spinnen zu lassen, sie einfach nehmen zu lassen, was sie angeblich nicht haben darf.

Leere Worte: Frances Cromwells’ Selbstbestimmung

Über Frances’ Reden über weibliche Selbstbestimmtheit hinaus, liefert “Die Tochter des Königsmörders” aber ganz generell wenig erfrischendes oder gar feministisches. Frances wird einzig über ihren Vater, Oliver Cromwell, und ihre Liebe zu ihm definiert, später über ihre Liebe zu ihrem Ehemann Robert Rich. Sie tut was sie tut für die Männer in ihrem Leben, nicht für sich, und wird darüber hinaus in unangenehm starre Geschlechterrollen gepresst, die sich eher nach 1950 anfühlen als nach 1650. Alle Frauen wünschen sich ausnahmslos Ehefrauen und Mütter zu sein und opfern sich für ihre politisch aktiven Ehemänner auf, selbst Frances fällt nach ihrer Hochzeit sofort in diese Rolle.

Ich bleibe etwas ratlos zurück, da die Autorin Frances durchaus als politisch interessierte Heldin angelegt hat: Beinahe schon besserwisserisch gibt sie zu jedem politischen Ereignis ihre Einschätzungen dazu, die natürlich immer zutreffen. Trotzdem wird sie niemals aktiv. Den Frauenfiguren in diesem Roman passieren die Dinge einfach, ohne, dass auch nur eine versucht, ihr Schicksal selbst zu lenken, wie es Frances doch von Anfang an tun will. Das geht soweit, dass am Ende Thomas Belasyse den Diebstahl von Cromwells Leichnam organisiert, um ihn vor den Royalisten zu retten. Der Anekdote nach soll das jedoch seine Frau getan haben, Mary Cromwell. Wieso wird ihr selbst das weggenommen? 

Mehr lässt sich über “Die Tochter des Königsmörders” leider kaum sagen. Der Roman bringt keinerlei Atmosphäre mit, Epoche und Figuren werden nicht lebendig, die Handlung zieht sich zu Beginn und überschlägt sich auf den letzten 200 Seiten. Er zeichnet zudem ein Bild von Oliver Cromwell als liebenden Familienvater, toleranten Herrscher und Spaßvogel, das fast glorifizierend wirkt und dem echten Cromwell wohl genauso wenig nahekommt, wie die gängige Überzeichnung als Bösewicht. Dass Malins Cromwell als Historikerin positiver sieht als andere, ist interessant, doch das Übertünchen seiner Missetaten und die Überhöhung seiner Person zum gütigen Herrscher liegen schwer im Magen.

Genrekonventionen statt lesenswerter Geschichte

Am Ende ist “Die Tochter des Königsmörders” ein Roman, von dem nach der letzten Seite kaum ein hohles Echo bleibt. Der Großteil der Handlung wird von Frances’ Streben nach Selbstbestimmtheit eingenommen, ohne, dass sie in die Richtung tatsächlich aktiv wird. Ganz generell findet eine deutliche Überhöhung der männlichen Figuren statt, während Frances’ Schwestern allesamt blass bleiben. Auch die Darstellung Oliver Cromwells als gütigen Protektor, der nie in seinem Leben etwas falsch gemacht hat, finde ich kritisch. Das Schlimmste ist jedoch, dass der Roman eine so spannende, gefährliche, ja, düstere Zeit als so nichtssagend darstellt, seine Akteur*innen als so blass. 

Ist “Die Tochter des Königsmörders” lesenswert? Wie immer gilt: Wenn euch der Roman interessiert, lest ihn und bildet euch ein eigenes Urteil. Für mich ist er am Ende ein unterdurchschnittlicher historischer Roman, der so viel mehr hätte sein können, mehr Politik, mehr Intrige, mehr Spannung, mehr Atmosphäre, und zu sehr in seinen staubigen Geschlechterrollen und den Konventionen des Genres hängenbleibt, um eine wirklich interessante Geschichte zu erzählen. Besonders schade ist das, weil Frances Cromwell und ihre Schwestern als historische Persönlichkeiten so spannend hätten sein können, so viel Neues über diese Epoche zu erzählen gehabt hätten, aber all das bleibt ungesagt.  


Die Tochter des Königsmörders | Cromwells Töchter #1 | Rowohlt, 2021 | 978-3-499-00561-9 | 512 Seiten | deutsch | OA: The Puritan Princess, 2020

Share on
Previous Post

Das könnte dir auch gefallen:

No Comments

Leave a Reply