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Kurzrezensionen & Listen

Sieben (weitere) historische Neuerscheinungen im Herbst und Winter 2022

Wie bereits angekündigt bin ich die restlichen Herbst- und Wintervorschauen auch noch durchgegangen und habe noch einmal ganze sieben historische Romane entdeckt, die ich dieses Jahr unbedingt lesen möchte. Nachdem mich das Frühjahrsprogramm leider kaum begeistern konnte, freut es mich umso mehr, dass die zweite Jahreshälfte so tolle Überraschungen bereithält. Mit dabei sind heute fünf deutschsprachige Romane, aber auch zwei Übersetzungen, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Wie immer interessiert mich natürlich auch heute: Welche Romane möchtet ihr unbedingt lesen? Und gibt es noch andere Novitäten, die ich nicht erwähnt habe?

Wessen Leseliste im Herbst und Winter noch nicht voll genug ist, sollte sich auch nochmal meine erste Liste mit sechs Herbstnovitäten 2022 ansehen, sowie meine Liste mit spannenden englischsprachigen Neuheiten des Jahres 2022. Alles in allem freut es mich, dass das Genre doch noch etwas mehr hergibt als Familiensagas im 20. Jahrhundert. Auch in diesem Genre erscheinen ein paar interessante Titel, doch da der “klassische” historische Roman seltener geworden ist, habe ich ihm für diese Listen den Vortritt gelassen. Jetzt wünsche ich euch aber viel Spaß mit der Liste. Ich hoffe, es sind ein paar spannende Bücher für euch mit dabei.


“Die Liebenden von Bloomsbury: Virginia und die neue Zeit” von Stefanie H. Martin

Worum geht’s?: London, 1903. Die Schwestern Virginia und Vanessa haben eine Wohngemeinschaft in Bloomsbury gegründet. Für sie endet mit der viktorianischen Epoche auch die eigene Unfreiheit und bald wird ihre Wohnung zum Zentrum einer neuen geistigen Freiheit. Virginia möchte Schriftstellerin werden, doch ihr werden immer neue Steine in den Weg gelegt. Sie heiratet aus der Not heraus Leonard Woolf, doch das neue Jahrhundert hat viel mehr für Virginia zu bieten.

Darum möchte ich es lesen: Ich stehe Romanbiografien über berühmte Frauen, wie sie in letzter Zeit sehr beliebt sind, eigentlich eher kritisch gegenüber, möchte mich auf die Bloomsbury-Romane von Stefanie H. Martin aber sehr gern einlassen, denn wie es aussieht, rückt die Autorin auch in den Mittelpunkt, dass viele Mitglieder der Bloomsbury-Gruppe, unter anderem Virginia Woolf, LGBTQ waren. Ich bin gespannt, wie vor allem LGBTQ-Kultur des frühen 20. Jahrhunderts in diesem Roman eine Rolle spielen wird, und natürlich bin ich für eine komplexe Romanbiografie über Virginia Woolf immer zu haben. Auch der Folgeband über ihre Schwester Vanessa Bell interessiert mich sehr.

“Die Liebenden von Bloomsbury: Virginia” erscheint am 21. Juni 2022 im Aufbau-Verlag.


“Die Symphonie der Sterne” von Ruth Kornberger

Worum geht’s?: Bath, 18. Jahrhundert. Caroline Herschel ist ein gefeierter Opernstar, doch sie sehnt sich nach mehr. Nacht für Nacht beobachtet sie den Sternenhimmel, genau wie ihr berühmter Bruder, der Astronom Wilhelm Herschel. Caroline ist es jedoch leid, dass ihre gemeinsamen Entdeckungen nur unter seinem Namen erscheinen. Mitte des 19. Jahrhunderts fängt Agnes in Hannover bei einer hochbetagten Caroline als Dienstmädchen an und stößt bald auf ein ungeheuerliches Geheimnis …

Darum möchte ich es lesen: Ruth Kornbergers Debüt, “Frau Merian und die Wunder der Welt”, war letztes Jahr eines meiner Lieblingsbücher. Allein deshalb möchte ich auch ihren neuen Roman lesen. Auch darüber hinaus klingt diese Romanbiografie über Caroline Herschel jedoch wunderbar interessant: Allein der Blick auf Caroline als Astronomin im Schatten ihres berühmten Bruders hätte den Roman für mich lesenswert gemacht, doch die Dienstmagd Agnes, die Caroline erst am Ende ihres Lebens kennenlernt, macht “Die Symphonie der Sterne” noch ein bisschen interessanter. Wenn der Roman nur halb so schön ist wie “Frau Merian”, wird er wohl ein Highlight für mich.

“Die Symphonie der Sterne” erscheint am 26. Oktober 2022 bei C. Bertelsmann.


“Blüte der Zeit” von Sabine Weiß

Worum geht’s?: Brandenburg, 1672. Max ist mit seiner Familie vor dem Krieg in den Niederlanden geflohen. In Brandenburg setzt Kurfürst Friedrich Wilhelm alles daran, auf den Zerstörungen durch den Dreißigjährigen Krieg neue prunkvolle Schlösser und Gartenanlagen entstehen lassen. Max ist hier als Landschaftsgärtner in seinem Element, genauso wie die heilkundige Elvina. Doch der unsichere Frieden in Brandenburg ist in Gefahr …

Darum möchte ich es lesen: Ich habe Sabine Weiß bisher immer recht gern gelesen und bin gespannt, was sie aus dem politisch umstrittenen Brandenburg des 17. Jahrhunderts und dem Entstehen der bis heute berühmten barocken Schlösser und Gartenanlagen dieser Zeit macht. Die Epoche ist im historischen Roman ganz generell etwas unterrepräsentiert, umso mehr freut es mich, wenn sich ihrer nicht nur angenommen wird, sondern auch ein Stück Geschichte im Mittelpunkt steht, das im Genre noch nicht “abgegrast” wurde. Jede*r kennt Versailles, aber wusstet ihr, dass Brandenburg in dieser Epoche eine europäische Großmacht war? Ich bin sehr gespannt auf diesen Roman.

“Blüte der Zeit” erscheint am 23. Dezember 2022 bei Lübbe. 


“Schatten der Schuld” von Julia Niermann

Worum geht’s?: In der Silvesternacht vom Jahr 1900 auf das Jahr 1901 verliebt sich die junge Toni in Grete, ein Mädchen aus gutem Hause. Toni glaubt, ihr Glück gefunden zu haben, doch dann wird ihr Onkel Francesco brutal ermordet. Die Polizei geht von einem Bandenkrieg zwischen den italienischen Familien in Berlin aus und stellt die Ermittlungen ein, doch Toni weiß, dass mehr dahinter steckt. Sie und Grete beginnen auf eigene Faust zu ermitteln, doch das Berlin um 1900 ist ein dunkler Ort voller Gewalt …

Darum möchte ich es lesen: Zugegeben, ich mag keine historischen Krimis, die den Fokus zu sehr auf das Düstere und auf Gewalt legen. Zwar klingt “Schatten der Schuld” ein wenig danach, doch gleichzeitig gibt es auf dem deutschsprachigen Histo-Markt viel zu wenig LGBTQ-Figuren und Toni und Grete klingen nach interessanten Figuren, die aus verschiedenen Welten kommen. Deshalb gebe ich dieser neuen Reihe natürlich nur zu gern eine Chance und bin auch sehr gespannt auf den Einblick in Tonis Berlin der Belle Époque, denn als sapphische, italienischstämmige Figur könnte sie eine wahre Bereicherung für das (deutschsprachige) historische Krimigenre sein.

“Schatten der Schuld” erscheint am 29. Dezember 2022 bei Ullstein.


“Fräulein Anna, Gerichtsmedizin: Die Prinzregentenmorde” von Petra Aicher

Worum geht’s?: München, 1912. Anna Zech beginnt als Krankenschwester in der Gerichtsmedizin zu arbeiten. Als sie dort eine ertrunkene Schauspielerin eingeliefert bekommen, glaubt sie an einen Mord, ebenso wie Fritz von Weynand, ein Skandalreporter. Obwohl Anna, die aus einfachen Verhältnissen stammt, vom adligen Fritz zuerst eingeschüchtert ist, beginnen die beiden gemeinsam zu ermitteln. Denn die Tote hatte viele Bekannte in der Münchener High Society, die einige Geheimnisse hütet …

Darum möchte ich es lesen: Ich mag historische Krimis wie diesen, die – im besten Fall – mit buntem historischen Detail und ein bisschen Witz daherkommen. Zugegeben, die kurze Beschreibung erinnert schon sehr an “Die Totenärztin“, eine meiner Lieblingsreihen. Das muss jedoch kein Nachteil sein. Und der adlige Skandalreporter ist ein spannendes, ungewöhnliches Element, auf das ich sehr gespannt bin. Zudem ist München in der späten Belle Époque ein Setting, das ich sehr interessant finde. Da Prinzregent Luitpold von Bayern im Titel auftaucht, bin ich natürlich gespannt, ob und wie er für die Handlung wichtig sein könnte, und auf Ausflüge in die High Society dieser Ära.

“Fräulein Anna, Gerichtsmedizin” erscheint am 29. Dezember bei Ullstein.


Interessante Übersetzungen

“Miss Elizas englische Küche” von Annabel Abbs

Worum geht’s?: London, 1835. Die Dichterin Eliza Acton wird von ihrem Verleger dazu aufgefordert ein Kochbuch zu schreiben, dabei hat sie noch nie einen Fuß in eine Küche gesetzt. Um sich zu beweisen und um ihrer verarmten Familie auszuhelfen, nimmt sie den Auftrag an. Gemeinsam mit dem Dienstmädchen Ann beginnt Eliza Rezepte zu sammeln und neue zu kreieren. Zwischen den ungleichen Frauen entsteht bald eine Freundschaft, die jedoch von den Konventionen und Klassengrenzen der Epoche auf die Probe gestellt wird.

Deshalb ist der Roman lesenswert: Ich habe “Miss Eliza” bereits auf Englisch gelesen. Der Roman ist weniger eine Romanbiografie über die echte Eliza Acton, die das erste moderne, englische Kochbuch verfasste, sondern eine lyrisch erzählte Geschichte über Freundschaft abseits von frühviktorianischen Konventionen, und über die ganz unterschiedlichen Grenzen, die diese Gesellschaft Frauen wie Eliza und Ann setzt. Der Roman behandelt einige ernste Thematiken, besitzt aber vor allem eine fast gemütliche Wärme und ist so atmosphärisch erzählt, dass man Elizas Gerichte am liebsten gleich nachkochen würde. Eine detaillierte Rezension folgt Mitte Juni.

“Miss Elizas englische Küche” erscheint am 14. Juni 2022 bei btb. Die Originalausgabe erschien im Oktober 2021 als “Miss Eliza’s English Kitchen” bei William Morrow.


“Die Süße von Wasser” von Nathan Harris

Darum geht’s: Die Südstaaten, kurz nach dem Bürgerkrieg. Die Brüder Prentiss und Landry wurden aus der Sklaverei befreit und arbeiten nun auf der Farm eines Ehepaars, das um ihren gefallenen Sohn trauert. Nicht jede*r in Old Ox sieht jedoch gern, wie sich zwischen den Brüdern und den Walkers eine Freundschaft entwicklelt, die lange als unmöglich galt und bald beginnt in Old Ox eine Spirale aus Hass und Gewalt, die kaum noch aufhaltbar scheint.

Darum möchte ich es lesen: Die englischsprachige Originalausgabe liegt schon seit einer Weile auf meinem SuB, dabei möchte ich das Buch unbedingt lesen. Nathan Harris nimmt sich einer Zeit an, die im Genre oft übersehen wird: Den Jahren unmittelbar nach dem amerikanischen Bürgerkrieg und der Beendigung der Sklaverei. Er zeichnet ein Porträt einer kleinen Stadt mitten im Amerikanischen Süden und erzählt intersektionell über marginalisierte Identität, unter anderem Schwarze und LGBTQ-Identität, vor dem Hintergrund der Traumata, die die Figuren erlitten haben. Sicherlich ist “Die Süße von Wasser” kein leichter Roman, aber ein sehr lesenswerter.

“Die Süße von Wasser” erscheint am 30. September 2022 bei Eichborn. Die Originalausgabe “The Sweetness of Water” erschien im Juni 2021 bei Little, Brown. 


Beitragsbild: “Idylle”, Albert Edelfeldt, 1878

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