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Historienromane

“Das Land, von dem wir träumen” von Anna Thaler

Südtirol, 1925. Der 1. Weltkrieg hat auch der Familie des Südtiroler Bauern Ludwig Bruggmoser tiefe Wunden geschlagen, denn zwei der vier Söhne sind gefallen. Als Ludwig den Vorgaben der neuen italienischen Regierung gemäß allzu bereitwillig den Namen der Familie in »Ponte« ändert, bringt er nicht nur seine Tochter Franziska gegen sich auf. Ludwig ahnt nicht, dass Franziska einen gefährlichen Weg beschritten hat: Weil sie kein Italienisch spricht und deshalb nicht als Lehrerin arbeiten darf, gründet sie eine verbotene Katakombenschule, wo sie Deutschunterricht gibt …


Inhaltswarnung
Alkoholismus, PTBS/Kriegstrauma, Gewalt gegen Kinder, antisemitische Klischees, tödliche Krankheiten (Krebs), Faschismus

Meine Gedanken

Im Auftakt ihrer neuen Familiensaga nimmt sich Anna Thaler einem eigentlich sehr spannenden Thema an: Südtirol und seine bewegte Geschichte zwischen den beiden Weltkriegen. Wer sich hier jedoch eine spannende Familiengeschichte vor komplexem, historischem Hintergrund erwartet, wird ähnlich wie ich enttäuscht werden, denn es geht in “Das Land, von dem wir träumen” um vieles, aber nicht um Südtirol, nicht um den Faschismus im Italien der 1920er Jahre, nicht einmal um die Katakombenschule, die sogar im Klappentext erwähnt wird. Stattdessen geht es um Apfelbäume und um “verbotene” Liebe, angereichert mit demselben Fake Feminism, den das Genre so liebt.

Was geschah mit Südtirol nach Ende des Ersten Weltkriegs? Lasst es mich euch erzählen, denn mit so unwichtigen historischen Details hält der Roman sich nicht auf: Italien trat 1915 auf der Seite der Entente in den Krieg ein, nachdem diese dem Land die Region um den Brenner zugesichert hatte. Nach Kriegsende besetzte Italien deshalb dieses Gebiet, unter anderem Südtirol, und annektierte es 1920. Obwohl der Region noch 1919 die “Wahrung der lokalen Selbstverwaltung” zugesprochen wurde, vollzog sich in den 1920er Jahren unter Mussolini eine gewaltvolle Italienisierung des Gebiets, die unter anderem auch deutschsprachige Schulen, Zeitungen und Ortsnamen verbat.

Unangenehmer Patriotismus statt Lokalgeschichte

In “Das Land, von dem wir träumen” findet die Machtergreifung der faschistischen italienischen Rechten, die sich in den frühen 1920er Jahren vollzieht, wenig bis gar keine Erwähnung. Die politischen Unruhen im Gebiet, die Demonstrationen und Proteste, die sich rasant verändernde politische Lage in Italien, all das fällt unter den Tisch. Wir erfahren als Lesende nur, dass Südtirol mal “deutsch” war und jetzt italienisch ist und man kein Deutsch mehr sprechen darf, denn sonst kommen die Carabinieri und verprügeln einen. Die politische Situation bleibt sehr schwammig und ist absichtlich vage gehalten: Franziska will das alles laut eigener Aussage gar nicht so genau wissen.

Trotz ihres politischen Desinteresses legt sie einen deutschen Patriotismus an den Tag, der mir nach wie vor sehr schwer im Magen liegt. Sprache und lokale Traditionen spenden Identität und diese mit Gewalt zu unterdrücken, wie es in Südtirol geschehen ist, ist ein grausames Verbrechen. Doch Franziska geht es nicht wirklich darum. Sie möchte ihren deutschen Namen behalten. Sie möchte als Lehrerin auf Deutsch unterrichten, nicht auf Italienisch. Sie kritisiert ihren Vater für sein strategisches Anpassen an Italien, das ihrer Familie den Lebensunterhalt sichert, vom hohen Ross herunter sehr scharf. Und für was? So genau geklärt wird nicht, worin ihr Patriotismus nun begründet liegt.

Bald gründet Franziska eine verbotene Schule, in der sie Deutsch unterrichtet. Sie tritt einer Gruppe bei, die Flugblätter verteilt. Für welchen Zweck genau wird nie so ganz klar, Hauptsache “gegen Italien”. Dass es sich hier um eine Widerstandsgruppe handelt, die versucht den Rechtsruck in Italien aufzuhalten, muss man sich selbst aus dem Kontext zusammenreimen, genau benannt wird das nie, denn Franziska geht es ja darum gar nicht. Natürlich steht Franziska in dieser Situation auf der richtigen Seite. Doch die fehlenden Hintergrundinfos zu Italien unter Mussolini machen ihren Patriotismus, der nach der Maxim “Hauptsache Deutsch” funktioniert, sehr happig.

Das Land, in dem wir Äpfel anbauen

Tatsächlich rückt Franziskas halbherziger Widerstand aber auch bald in den Hintergrund: Es spielt keine einzige Szene in ihrer geheimen Schule, denn Franziska ist zu sehr damit beschäftigt eine Wirtschaft zu gründen, Äpfel auf dem Milchhof ihres Vaters anzubauen und dafür zu kämpfen den Hof statt ihres Bruders Leopold erben zu dürfen. Hier und da verteilt sie mal ein Flugblatt, von dem wir nicht erfahren was eigentlich darauf steht, meistens hat sie dafür jedoch keine Zeit, da sie sich der lauwarmen Liebesgeschichte mit dem Knecht Wilhelm hingeben muss, die keinerlei Raum bekommt, sich zu entwickeln: Sie ist verboten, bis sie es eben plötzlich nicht mehr ist.

Worauf ich hinaus möchte: Trotz der spannenden Vorlage, die der historische Hintergrund bietet, hat “Das Land, von dem wir träumen” kaum eine Handlung und plätschert vor sich hin wie ein Bergbächlein. Die Auswahl der Apfelsorten, die Franziska anbauen möchte, bekommt mehr Platz eingeräumt als ihre Tätigkeit in der Katakombenschule. Es wird sich an den gängigen Genre-Klischees entlanggehangelt: Der Vater versteht nicht, was für eine geniale Geschäftsfrau die Tochter ist. Franziska liebt den Knecht, soll aber den Sohn eines italienischen Kollegen des Vaters heiraten. Und … Ja, und mehr passiert auf den knapp 350 Seiten eigentlich auch gar nicht.

Dass Franziska eine sehr selbstsüchtige Hauptfigur ist, die andere schnell verurteilt und nur nach ihrem Nutzen für sich selbst bewertet, hat den Roman in meinen Augen von “nichtssagend” auf “unangenehm” herabgestuft. Franziska verleidet ihrem Bruder Andreas gar dessen Auswanderung nach Amerika, die sein Leben deutlich besser macht, weil was soll sie dann ohne ihn tun? Jedes Gespräch zwischen ihrer besten Freundin Leah und Wilhelm führt zu eifersüchtigen Gedanken. Die Kriegstraumata ihrer Brüder sind für Franziska auch nur ärgerliche Hindernisse für sie selbst, über die die beiden “einfach mal hinwegkommen” müssen, was Franziska mit Macht zu erzwingen versucht.

Die Kirsche auf dem Klischee-Eisbecher

Auch in anderen Belangen bietet der Roman wenig Substanz und viel Kritisches. Leopold, der mit PTBS aus dem Krieg zurückgekommen ist, wird für seine Alkoholsucht dämonisiert und am laufenden Band als nichtsnutzig beschimpft. Der Vater von Leah, die Jüdin ist, ist ein wohlhabender Goldschmied, da wühlt der Roman ganz tief in der antisemitischen Klischeekiste. Zu Beginn gibt es eine Szene, in der Leahs Erfahrungen mit antisemitischem Rassismus damit gleichgesetzt werden, dass Franziska ihrem Beruf als Lehrerin nur auf Italienisch, nicht auf Deutsch, nachgehen darf. Und natürlich ist auch die Instrumentalisierung von Queerness für die Zwecke der Heldin dabei.

Alles in allem hat “Das Land, von dem wir träumen” nichts zu bieten, das nicht in anderen Familiensagas bereits um Längen besser gemacht wurde. Der historische Hintergrund vom Aufstieg des Faschismus im Italien der 1920er Jahre und der Annexion Südtirols hätte den Roman einzigartig machen können, wird jedoch nicht nur nicht genutzt, sondern fast komplett unter den Tisch fallengelassen. Hinzu kommen nur wenig ausgearbeitete Figuren, allen voran die unsympathische Heldin, kritische Klischees, und eine Handlung, die keine ist und nichts zu sagen hat. In diesem Apfel ist also leider wirklich der Wurm drin, weshalb ich den Roman nicht weiterempfehlen kann.


Das Land, von dem wir träumen | Südtirol-Saga #1 | Knaur, 2022 | 978-3-426-52783-2 | 352 Seiten | deutsch

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1 Comment

  • Reply Neyasha

    Für eine interessante Geschichte vor komplexem, historischem Hintergrund in Südtirol kann ich “Ich bleibe hier” von Marco Balzano sehr empfehlen. Der Roman beginnt auch mit einer Lehrerin in den 20er Jahren, die nicht mehr unterrichten darf, reicht aber bis in die 50er Jahre hinein und erzählt dabei nicht nur von der politischen Situation, sondern auch vom Bau des Staudamms am Reschensee.
    Ein ganz tolles Buch, das meiner Ansicht nach viel von dem zu bieten hat, was dir bei diesem hier gefehlt hat.

    LG Neyasha

    14. April 2022 at 15:13
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