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Dress History

Dressing the Rococo: Haarige Irrtümer, Mythen und Moden aus dem 18. Jahrhundert

Vor allem im kontinental-europäischen Kontext ist das 18. Jahrhundert beinahe infam: Wenn das Schlagwort “Rokoko” fällt, entstehen in vielen Köpfen Bilder von hoch aufgetürmten, weiß gepuderten Perücken, grellem Make-Up, ausladenden Kleidern und vom Adel, der rauschende Feste feiert, während andere hungern. So wird die Epoche auch zumeist in historischen Medien dargestellt. Doch was ist eigentlich dran an diesen Rokoko-Klischees? Woher der schlechte Ruf kommt, ist schnell geklärt: Das 18. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Aufklärung und mündet in der Französischen Revolution (1789 – 1799), die das politische und gesellschaftliche System in Europa neu definiert.

Während der Adel an Ansehen und Macht verliert, gewinnt die Bourgeoisie, geleitet von aufklärerischen Idealen wie Vernunft und Selbstbestimmung, an Einfluss. Die Konventionen und Moden des in Ungnade gefallenen Adels werden bald zu Symbolen für ein veraltetes, unterdrückendes System, das nun beendet ist, und als dekadent, genusssüchtig und liederlich wahrgenommen. Sie sind der unerwünschte Gegenentwurf zum neuen Vernunftverständnis. Dieser sehr negative Blick auf die Ästhetik des Rokoko ist uns bis heute erhalten geblieben, auch, wenn der historische Kontext oft fehlt. Deshalb lohnt sich ein Blick auf den echten Rokoko, abseits von Überzeichnung und Revolutionssatire.


Frisurentrends des Rokoko: “Tête de Mouton” und “Pouf”

Links: “Françoise-Renée de Carbonnel de Canisy”, Jean-Marc Nattier, 1738 | Mitte: “Madame Saint-Pol”, Jean-Étienne Liotard, 1757 | Rechts: “Marie Antoinette”, François-Hubert Drouais, 1775

Denn oft basiert das, was wir über das Rococo zu wissen glauben, nicht auf modischen Tatsachen der Ära, sondern auf den ironisierenden Schmähschriften der Aufklärungs- und Revolutionszeit. Die meisten dieser Klischees ranken sich um die extravaganten Perücken des Jahrhunderts, weshalb ich gleich zu Beginn mit dem wohl hartnäckigsten Klischee aufräumen möchte: Frauen haben in den allermeisten Fällen keine Perücken getragen, sondern ihr Echthaar. Die Trendfrisur der Epoche ist auch nicht die Turmfrisur, die am ehesten mit ihr verbunden wird, sondern der überraschend schlichte “Tête de Mouton” (dt. “Schafskopf”). Doch beginnen wir von vorn.

Zu Beginn des Rokoko, um 1730, wird das Haar recht schlicht und ohne Höhe in sanften Wellen frisiert und eng am Kopf anliegend eingedreht oder zu einem Zopf geflochten aufgesteckt. Um 1750 entwickelt sich daraus der “Tête de Mouton”: Das in straffe Sechserlocken gelegte Haar wird in Reihen festgesteckt, während die Längen ebenfalls aufgedreht oder geflochten zurückgesteckt werden. Dafür kann das Fronthaar kürzer geschnitten werden, um das Frisieren mithilfe eines Papilloteisens zu erleichtern. Für den Großteil der Epoche sind also schlichte Frisuren in Mode, verziert mit künstlichen Blumen oder Perlen, die bescheidene Eleganz in den Vordergrund rücken.

Erst Mitte der 1760er Jahre wird der “Tête de Mouton” langsam von in die Höhe wachsenden Frisuren abgelöst,  die in den 1760er Jahren jedoch weiterhin recht simpel verblieben: Das Echthaar wurde mithilfe von Schwämmen, Kissen und Haarteilen aufgepolstert und von etwas Draht gehalten, verziert wurde höchstens mit Bändern oder künstlichen Blumen. Erst in den 1770er Jahren wachsen die Frisuren in abenteuerliche Höhen (“Pouf”), entstehen aber ähnlich: Ein Schwamm oder Kissen wird auf dem Kopf festgesteckt und das gewellte oder gelockte Echthaar darum herum nach oben hin auffrisiert. Am Hinterkopf wurde das Haar oft zusätzlich zu Locken gedreht.

Wahrheit oder Klischee? Ein reines Klischee ist die hoch aufgetürmte Frisur also nicht, doch es handelt sich bei ihr um einen im Vergleich kurzlebigen Trend, der sich auf die 1770er Jahre beschränkt. Für den längsten Teil des Rokoko waren deutlich schlichtere Frisuren beliebt. Tatsächlich braucht das Styling keiner dieser Frisuren Stunden, sodass es sich bei Geschichten von Frauen, die im Sitzen schliefen um ihre Frisur nicht auflösen zu müssen, um einen Mythos handelt. Für schlichte Variationen von “Tête de Mouton” und selbst des Poufs der 1770er braucht man keine fünfzehn Minuten. Auch aufwendigere Versionen können in unter einer Stunde jeden Morgen neu entstehen.


Die Perücke: “Bob”, Haarbeutel und Taubenflügel

Links: “Louis de France”, Maurice Quentin de La Tour, 1745 | Mitte: Pferdehaarperücke mit Haarbeutel, ca. 1780 (Met Museum) | Rechts: “Victor Amadeus III von Sardinien”, Johann Heinrich Schmidt, 1773

Für viele Männer waren Perücken aus Pferde-, Ziegen- oder teurem menschlichem Haar zu Beginn des Rokoko um 1730 längst ein modisches Muss: Das liegt daran, dass langes, gesundes Haar für alle Geschlechter seit dem 17. Jahrhundert ein Schönheitsideal war, viele Männer aber besonders im Alter nicht von Natur aus darüber verfügten. Zu Beginn des Rokoko ist die teure und gut gepflegte Perücke aber auch ein Statussymbol geworden. Langes, gesundes Echthaar kann getragen werden, gilt aber als wenig modebewusst und etwas unkonventionell. Falls das eigene Haar getragen wird, ist es deshalb unerlässlich, es zu frisieren als wäre es eine modische Perücke.

Zwei Trends überwiegen für einen großen Teil des Rokoko. Für den “Bob”, der in den 1730ern beliebt wird, wird das Perückenhaar gestutzt. Das gekürzte Haar kann in straffen Locken über den Kopf verteilt frisiert werden. Der “Bob” wurde vor allem vom “gemeinen Volk” getragen, besonders von Ärzten oder Anwälten. Der Adel bevorzugte ab den 1720er Jahren die Perücke mit Haarbeutel: Auch hier kann das Fronthaar gelockt werden, während die Haarlängen im Nacken zusammengebunden und in ein Säckchen aus schwarzem Stoff gelegt werden. Wahrscheinlich sollte das verhindern, dass das mit Pomade und Puder behandelte Haar die Kleidung beschmutzte.

Ab den 1750er Jahren bürgert sich langsam der bis heute bekannteste Stil ein: Das Haar wird über den Ohren gekürzt und straff gelockt (“Taubenflügel”) und im Nacken mit einem Band oder einer Schleife zusammengefasst. Der Zopf kann weiterhin in einem Haarbeutel stecken, aber auch sanft gewellt frei den Rücken herabfallen. Auch der “Ramillies”-Stil wird ab den 1740ern beliebter: Die Haarlängen werden zu einem festen Flechtzopf frisiert. In den 1770er Jahren können Perücken den “Pouf” spiegeln, indem sie ein wenig in die Höhe gehen. Herrenfrisuren bleiben im Großen und Ganzen jedoch über die gesamte Epoche hinweg ähnlich und verändern sich nur geringfügig.

Wahrheit oder Klischee? Echte Perücken aus dem 18. Jahrhundert haben mit den strahlendweißen, meist wie Nylon glänzenden Perücken, die wir in vielen historischen Medien sehen, nichts gemeinsam. Während graue und mattweiße Perücken beliebt waren, gab es sie auch in natürlichen Haarfarben, vor allem Blond und satte Brauntöne, zu kaufen. Ein Porträt eines Mannes mit dunklen Haaren zeigt demnach nicht unbedingt einen Mann, der sein Echthaar trägt. Dass die Perücke ein Luxusgegenstand war, wird deutlich, wenn man Perückenpreise aus dem 18. Jahrhundert in moderne Europreise umrechnet: Ein Adeliger würde für eine gute Perücke zwischen 5.000 und 10.000 moderne Euro ausgeben.


Haarpflege: Puder und Pomade

Links: Das Haar ist oben grau gepudert, der Zopf auf der Schulter ist jedoch natürlich dunkelblond belassen. “Eine Dame”, Jean-Marc Nattier, 1753 | Mitte: Das Haar ist dunkelgrau gepudert, “Elizabeth, Lady Forbes”, Joshua Reynolds, ca. 1775 | Rechts: Dieser Mann trägt einen Mix aus weißem und rosafarbenem Haarpuder, “James Hamilton”, John Smart, 1784

Die angebliche mangelnde Hygiene des Rokoko ist das wohl infamste Klischee über die Ära, dabei handelt es sich dabei natürlich um einen weiteren Mythos, der recht leicht auszumerzen ist, denn nicht nur in modernen Zeiten fühlen wir uns gern sauber. Geschichten von Flöhen, Läusen oder gar Ratten, die in Perücken hausen, oder von Frisuren, die für mehrere Wochen nicht aufgelöst wurden, entstammen eher der zeitgenössischen Klatschpresse und unserem modernen Unverständnis für die Gepflogenheiten der vergangenen Epochen und sind keineswegs in historischen Realitäten verankert. Natürlich haben sich die Menschen auch im 18. Jahrhundert gewaschen und ihr Haar gepflegt.

Die Haarpflegeroutinen des Rokoko mögen heute befremdlich wirken, sind aber keinesfalls unhygienisch. Echthaar wurde seltener gewaschen, doch Pomade und Haarpuder hatten nicht nur ästhetischen Nutzen. Bevor das Echthaar am Morgen frisiert wurde, wurde es zuerst mit Pomade behandelt: Diese bestand unter anderem aus abgekochten Tierfetten, Wachs, Mandelpaste und Rosenwasser und wurde gründlich im Haar verteilt. Durch das gründliche Waschen und Abkochen verlieren die tierischen Fette ihren Geruch und locken auch, anders als oft behauptet wird, kein Ungeziefer an. Die Pomade gibt dem Haar mehr Halt, was das Frisieren einfacher macht, und lässt es glänzen.

In Verbindung mit dem Haarpuder aus Stärke oder günstigerem Mehl, das Öl aufnimmt, lässt die Pomade das Haar dichter und gesünder aussehen. Grau gepudertes Haar war sehr beliebt, doch auch Schwarz und Braun oder unnatürliche Farben wie Blau, Rosa und Orange wurden viel getragen. Am Abend wird die Frisur gelöst und die Pomadenpudermixtur in der Regel gründlich ausgebürstet: Das reinigt das Haar zusätzlich und hat einen ähnlichen Effekt wie modernes Trockenshampoo, sodass das Haar seltener gewaschen werden muss. Wird es gewaschen, dann meist mit reinem Wasser, da die Säure in den meisten Seifen das Haar angreift und spröde macht.

Wahrheit oder Klischee?: Es ist also grundsätzlich wahr, dass Haar im 18. Jahrhundert seltener gewaschen wurde, doch das bedeutet lange nicht, dass es nicht gepflegt wurde oder schmutzig war. Das berühmte Haarpuder der Epoche war nicht nur ein für das Haar schonender Weg modische Haarfarben zu tragen, sondern entfernt auch Öle und Fette aus dem Haar. Perücken wurden genauso gepflegt wie Echthaar, waren jedoch noch einfacher zu reinigen, da sie nicht wie Echthaar fettig wurden. Sie regelmäßig gründlich auszukämmen reichte meist aus um sie sauber zu halten. Im Ernstfall konnten Perücken durchaus ausgekocht werden, doch das war meist gar nicht nötig.


Make-Up: Bleischminke und Rouge

Links: “Junge Dame”, Louis Michel van Loo, 1759 | Mitte: “Carlos IV. von Spanien”, Anton Raphael Mengs, 1765 | Rechts: “Madame du Barry”, François-Hubert Drouais, ca. 1770

Auch die Make-Up-Trends des Rokoko werden oft recht exzentrisch dargestellt: Nicht nur in vielen historischen Medien, sondern auch in Youtube-“Tutorials” sieht man dicke Schichten weißer Schminke, knallrote Wangen und Lippen und herzförmige Schönheitspflästerchen. Dass auch das ein Mythos ist, wird recht deutlich, wenn man sich zeitgenössische Porträts anschaut. Ich verrate schon einmal so viel: Man wird kein einziges finden, das so ausufernde Make-Up-Looks zeigt. Tatsächlich war das modische Make-Up im 18. Jahrhundert für alle Geschlechter beinahe sanft und setzte auf rosige, verträumte Looks, nicht etwa schreiende Extravaganz.

Der beliebte Teint im Rokoko war tatsächlich blass, kontrastiert mit rosafarbenen oder roten Wangen und Lippen, oft kombiniert mit etwas dunkler gefärbten Augenbrauen. Der Effekt erinnert weniger an ein schreiendbuntes Faschingskostüm, sondern an Rococo-Porzellanfiguren. Die Basis dieses Make-Ups, die weiße Schminke, bestand meist aus Bleicarbonat, das zu einem Pulver zermahlen und mit Öl verflüssigt wurde. Diese Schminke wurde jedoch nicht so dick aufgetragen wie oft angenommen wird – oder überhaupt von allen Menschen benutzt. Wer keine Narben oder andere Makel verdecken wollte, nutzte oft simple weißliche Gesichtscreme aus Wachs und Mandelöl.

Lippen- und Wangenrouge konnte ebenfalls giftige Metalle enthalten, bestand jedoch deutlich öfter aus pflanzlichen Komponenten wie Färberdistel oder Sandelholz, ebenfalls zermahlen und oft mit Öl, Essig oder Pomaden verflüssigt. Die Augenbrauen wurden mit Asche von angebrannten Gewürznelken dunkler gefärbt. Auch das Make-Up der Epoche lässt sich in wenigen Minuten auftragen. Klischees von Menschen, die jeden Morgen mehrere Stunden mit dem Herrichten von Frisur, Make-Up und Kleidung verbrachten, sind jedoch kein Mythos. Allerdings war es viel eher eine freiwillige Entscheidung sich viel Zeit zu lassen und natürlich auch ein Luxusgut, sich diese Zeit nehmen zu können.

Wahrheit oder Klischee?: Im Kern sind Geschichten vom blassen Teint und kontrastierenden Lippen und Wangen also wahr, doch der im Rokoko beliebte Look ist lange nicht so extravagant und grell wie oft angenommen wird, sondern eher rosig. Auch stimmt es, dass einige Kosmetik giftige Stoffe enthielt. Kosmetik aus natürlichen und harmlosen Bestandteilen wurde jedoch ebenfalls verwendet. Das schreiend-grelle, alberne Make-Up, das wir heute oft in historischen Medien gezeigt oder beschrieben sehen, stammt jedoch viel eher aus Satire- und Schmähblättern der Epoche, die eine ironisierende, überzeichnete Version des tatsächlichen Make-Up-Trends des Rokoko zeigen.


Das Rokoko: Die infame Epoche

“Die Schaukel”, Jean-Honoré Fragonard, 1767-68 (Detail)

Das Rokoko ist die wohl infamste europäische Mode-Epoche, die seit ihrem Ende vor ungefähr 240 Jahren immer wieder überzeichnet und veralbert dargestellt wird. Dafür gibt es verschiedene politisch-historische Gründe, aber auch einen noch naheliegenderen: Die Ästhetik des Rokoko, sein Verständnis von Schönheit, Gesellschaft und Geschlecht, widerspricht unserem modernen stark. Nicht umsonst hat es sich als Trope in historischer Fiktion eingebürgert, dass die Held_innen die “albernen” Trends ihrer Epoche ablehnen und auf “Natürlichkeit” setzen. Streift man die Vorurteile aber einmal ab, hat das Rokoko so viel zu bieten, nicht zuletzt eine historisch einzigartige Ästhetik.

Da es zum Rokoko, vor allem zu seinen Moden, so viele Mythen, Klischees und Irrtümer gibt, dass man sie unmöglich in einem einzigen Post bearbeiten kann, ist dieser Artikel der Auftakt zu einer Reihe. In Zukunft werde ich auf die Kleidung des Rokoko, sowie auf sein Geschlechterverständnis, das sich ebenso wie vieles andere in dieser Epoche im Umbruch befindet, näher eingehen. Ich hoffe, ich konnte heute schon einmal mit ein paar Mythen zu dieser Epoche aufräumen und euch einen Einblick in tatsächliche Trends und Haar- und Make-Up-Routinen des 18. Jahrhunderts geben, der über schrille Schminke, weiße Turmperücken und giftige Kosmetik hinausgeht.


In diesem Artikel steckt viel Zeit, Recherche und Mühe. Falls er dir bei deiner Recherche für eigene Projekte weitergeholfen hat, würde ich mich über eine Nennung als Quelle sehr freuen. 


Weiterlesen:

Cox, Abby/ Stowell, Lauren: The American Duchess Guide to 18th Century Beauty. 40 Projects for Period-Accurate Hairstyles, Makeup and Accessories. 2019.

English Heritage: Georgian Make-Up Tutorial. (Video)

Krünitz, Johann Georg: Oeconomische Encyclopädie. 1778.

Kwass, Michael: Big Hair. A Wig History of Consumption in Eighteenth‐Century France. In: The American Historical Review, vol. 111. 2006. S. 631-659. 

van Kleve, Kendra: 18th Century Hair & Wig Styling. History & Step-by-Step Techniques. 2014.


Beitragsbild: “Marie-Émilie Baudouin”, François Boucher, ca. 1760

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1 Comment

  • Reply [Die Sonntagsleserin] Februar 2022 - Phantásienreisen

    […] Kleider und überhaupt Zucker und Verschwendung. Oder? Katlin hat sich auf Zeitfäden mit den Klischees des Rokoko auseinandergesetzt und klärt auf, was Tatsache und was Überzeichung […]

    6. März 2022 at 09:13
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