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Romane & Mehr

Neun englischsprachige Neuerscheinungen im Jahr 2022

Auf dem englischsprachigen Buchmarkt werde ich, was originelle historische Romane, die sich ein bisschen aus den alten Mustern heraustrauen angeht, meist eher fündig. Deshalb habe ich euch heute gleich acht neun Neuerscheinungen mitgebracht, die 2022 herauskommen werden und auf die ich mich sehr freue. Eigentlich sollten es erst einmal nur fünf werden, doch ich konnte mich einfach nicht entscheiden, welche ich auf die Liste setzen möchte. Das ist natürlich eigentlich etwas Positives, denn es bedeutet hoffentlich sehr viel historischen Lesespaß im Jahr 2022. Außerdem hoffe ich natürlich, dass möglichst viele dieser Romane auch irgendwann auf Deutsch übersetzt werden, damit sie für noch mehr Lesende zugänglich werden.

Jetzt wünsche ich euch aber erst einmal viel Spaß beim Stöbern und Bücherentdecken. Welche dieser Bücher stehen auch auf euren Leselisten? Habt ihr etwas Neues entdeckt, das ihr unbedingt lesen möchtet? Oder gibt es noch andere englischsprachige Neuerscheinungen, die ihr 2022 gar nicht erwarten könnt? Lasst es mich gern wissen!


“The Winter Dress” von Lauren Chater

Die niederländische Kleiderhistorikerin Jo kehrt auf die Insel, auf der sie geboren wurde, zurück, um ein Seidenkleid aus dem 17. Jahrhundert zu untersuchen, das Taucher in einem Schiffswrack gefunden haben. Das Kleid führt sie zu Anna Tesseltje, einer Wäscherin, und ihrer guten Freundin, der Künstlerin Catharina van Shurman. Je mehr Jo über die beiden Frauen herausfindet, umso klarer wird, dass ihre Geschichte auch Einfluss auf die Gegenwart haben könnte…

Natürlich möchte ich einen Roman, der von einer Kleiderhistorikerin handelt, lesen, ganz besonders, wenn er (zum Teil) in einer meiner Lieblingsepochen spielt und auf einem realen archäologischen Sensationsfund zu basieren scheint. Bei Geschichten auf zwei Zeitebenen bin ich zwar eigentlich immer vorsichtig, doch hier klingt es als könnte das die perfekte Herangehensweise an die Thematik sein: Die Wissenschaftlerin auf Texel in der Gegenwart und die beiden Frauen in den barocken Niederlanden, verbunden durch ein Kleidungsstück, das am Meeresgrund vierhundert Jahre überdauert hat. Wenn das nicht nach einer spannenden, ungewöhnlichen Geschichte klingt…

“The Winter Dress” erscheint am 30. März 2022 bei Simon & Schuster. 


“The Hacienda” von Isabel Cañas

Mexiko im frühen 19. Jahrhundert. Beatriz hat ihren Vater im Mexikanischen Unabhängigkeitskrieg verloren. Als Don Rodolfo Solórzano um ihre Hand anhält, ignoriert sie die Gerüchte um das Verschwinden seiner ersten Frau und heiratet ihn. Als ihr Mann zurück in die Stadt muss und Beatriz in seinem Herrenhaus alleinlässt, beginnt sie in der Nacht Stimmen zu hören und das Personal verhält sich merkwürdig. Beatriz ist sich sicher: Etwas stimmt nicht in der Hacienda – Und es ist niemand da, um ihr zu helfen.

Bei historischem Horror überlege ich nicht zweimal, besonders nicht, wenn er als Mischung aus “Rebecca” von Daphne du Maurier und “Mexican Gothic” von Silvia Moreno-Garcia angepriesen wird. Dass der Roman nicht wie die Vergleichstitel im 20. Jahrhundert spielt, sondern nach dem Mexikanischen Unabhängigkeitskrieg um 1820, habe ich erst auf den zweiten Blick erkannt. Das macht ihn für mich jedoch umso interessanter, denn diese Epoche wird im historischen Roman im Moment vernachlässigt – besonders natürlich Geschichte abseits von Europa und den USA. “The Hacienda” verspricht, ein richtiges Gothic-Highlight des Jahres zu werden, auf das ich mich sehr freue.

“The Hacienda” erscheint am 10. Mai 2022 bei Berkley. 


“Briefly, a Delicious Life” von Nell Stevens

Mallorca 1473: Die vierzehnjährige Blanca stirbt in einem Kloster auf einem Hügel. Knapp 400 Jahre später besucht George Sands mit ihrem Partner Frederic Chopin das Kloster. Blanca ist noch immer hier und verliebt sich in George, die sie jedoch nicht einmal sehen kann. Während George und Frederic wegen ihrer unkonventionellen Lebensweise mit den Dorfbewohner_innen aneinandergeraten, beobachtet Blanca und erinnert sich nach und nach an die Umstände ihres frühen Todes.

Hätte ich diese Liste danach sortiert, welche Bücher ich am liebsten lesen möchte, hätte “Briefly, a Delicious Life” an erster Stelle gestanden, denn der Roman klingt nach einer bittersüßen, unkonventionellen Geistergeschichte, in der nicht nur die berühmte George Sands eine Hauptrolle spielt, sondern auch ein mallorquinisches Mädchen, das zwar von der Geschichte vergessen wurde, aber noch immer da ist. Ich bin sehr gespannt, in welche Richtung Autorin Nell Stevens diese Geschichte aufziehen wird und freue mich auf diese nachdenkliche historische Geistergeschichte, die das Potential hat ein Highlight zu werden.

“Briefly, A Delicious Life” erscheint am 21. Juni 2022 bei Scribner.


“Self-Made Boys” von Anna-Marie McLemore

New York City, 1922: Der 17-jährige trans Junge Nicolás Caraveo aus Minnesota hat keine Augen für den Glamour der großen Stadt. Hier möchte er einzig und allein Karriere machen. Als Nic Jay Gatsby kennenlernt, der in seinem riesigen Herrenhaus dekadente Partys gibt, ist er fasziniert, denn Jay ist ebenfalls trans und verliebt in Nics Cousine Daisy, die jedoch schon mit einem anderen verlobt ist. Nic beginnt mehr und mehr Zeit mit Jay zu verbringen und, während er ihm hilft seine Beziehung zu Daisy zu retten, beginnt er, sich selbst in Jay und seinen unerschütterlichen Glauben an den American Dream zu verlieben…

Muss man eigentlich mehr sagen als “LGBTQ-Retelling von The Great Gatsby“? Ich glaube nicht. Auf Social Media wurde der Wunsch nach genau so einer Geschichte bereits 2013 laut, nachdem die große Verfilmung des Klassikers in den Kinos lief, doch ganz allgemein gab es schon immer queer readings des Romans von F. Scott Fitzgerald. Umso schöner, dass diese Geschichte jetzt von Anna-Marie McLemore kommt. They ist bekannt für poetisch erzählte, magische Jugendromane und steht recht weit oben auf meiner Liste an Lieblingsautor_innen. Deshalb bin ich mir nicht nur sicher, dass they dieser Geschichte gerecht werden wird, sondern auch mehr als gespannt auf den Roman.

“Self-Made Boys” erscheint am 06. September 2022 bei Feiwel Friends. Ein Cover gibt es leider noch nicht.


“Mademoiselle Revolution” von Zoe Sivak

Haiti 1791. Sylvie de Rosiers ist gleichzeitig die Erbin eines reichen Plantagenbesitzers und die Tochter einer Schwarzen Sklavin. Als die Haitianische Revolution über ihr Zuhause hereinbricht, flieht Sylvie in das ebenfalls revolutionäre Paris. Hier freundet sie sich mit Maximilien Robespierre und seiner Geliebten Cornélie Duplay an. Doch für Robespierre ist sie nur ein Mittel zum Zweck um seine Ziele zu erreichen. Es ist Cornélie, zu der Sylvie sich bald hingezogen fühlt, doch das revolutionäre Paris ist gefährlich…

In “Mademoiselle Revolution” erzählt Own-Voices-Autorin Zoe Sivak von einer bewegten Zeit: Die Atlantischen Revolutionen toben. Die haitianische Revolution, die sonst leider oft vergessen wird, steht hier genauso im Mittelpunkt wie die französische Revolution, erzählt durch die Augen einer jungen Schwarzen Adeligen. Ich bin besonders gespannt darauf, wie die Autorin reale Persönlichkeiten wie Robespierre und seine (angebliche) Verlobte Cornélie Duplay einbindet, aber natürlich vor allem auf ihren Blick als BIPoC auf die Revolutionszeit und das Zusammenspiel der Französischen und Haitianischen Revolutionen, sowie den Kampf gegen die Sklaverei im späten 18. Jahrhundert.

“Mademoiselle Revolution” erscheint am 02. August 2022 bei Berkley.


“Daughters of the Deer” von Danielle Daniel

Amerika 1657. Marie, eine Heilerin des Deer Clan, möchte den französischen Soldaten, der um ihre Hand anhält, nicht heiraten, tut es jedoch, um französische Hilfe gegen die englischen Siedler_innen und die Irokesen zu erhalten. Siebzehn Jahre später findet sich ihre Tochter Jeanne zwischen den Welten gefangen wieder, denn sie gilt weder als weiß, noch als Algonquin. Auch sie soll heiraten, ist aber in ein Mädchen verliebt und wird als Two-Spirit in der Gesellschaft ihres Vaters nicht akzeptiert…

Ich weiß nicht, ob ich jemals einen Roman über die Unterdrückung von Native Americans gelesen habe, der so früh spielt. Oft erzählen diese Romane vom Höhepunkt der Vertreibung im 19. Jahrhundert, doch Danielle Daniel nimmt mit in die Anfangszeit der englischen und französischen Kolonialisierung der USA im 17. Jahrhundert. Zudem basiert der Roman auf der eigenen Familiengeschichte der Own-Voices-Autorin. “Daughters of the Deer” klingt nach einem interessanten, emotionalen Roman über Vertreibung, Kolonialismus und die Folgen von Unterdrückung und Gewalt.

“Daughters of the Deer” erscheint am 08. März 2022 bei Random House Canada.


“The Wild Hunt” von Lucy Holland

Britannien 710. Herla, eine Kriegerin des keltischen Stammes der Iceni, hat drei Tage im Reich der Feen verbracht. Doch in der wahren Welt sind drei Jahrhunderte vergangen und als Herla zurückkehrt, gibt es die Iceni nicht mehr und Britannien ist in der Hand der Angelsachsen. Zeitgleich wird das Zuhause der jungen Cyrda von Ine von Wessex angegriffen. Cyrda flieht über das Moor, wo sie auf Herla trifft. Gemeinsam beginnen Cyrda und Herla zwischen den Welten zu wandeln: Leben und Tod, Feenreich und das vom Krieg gezeichnete Britannien…

“The Wild Hunt” scheint alles mitzubringen, was ich mir vom Genre schon so lang wünsche, denn das sehr frühe Mittelalter in Europa und Großbritannien ist eine meiner allerliebsten Epochen und es gibt nichts, das ich lieber lese, als Feenromane. Zudem ist “The Wild Hunt” eine LGBTQ-Geschichte. All das macht “The Wild Hunt” in meinen Augen zu einem der interessantesten neuen Historienromane, die 2022 erscheinen werden. Hollands Debüt “Sistersong”, das ebenfalls in dieser Epoche spielt und die Ballade “Twa Sisters” nacherzählt, liegt noch ungelesen auf meinem SuB, doch es kristallisiert sich heraus, dass Lucy Holland eine Autorin ist, die ich im Auge behalten möchte.

“The Wild Hunt” erscheint am 15. September 2022 bei Macmillan. Ein Cover ist leider noch nicht bekannt.


“Siren Queen” von Nghi Vo

Hollywood in den 1930er Jahren. Luli Wei weiß, wie gefährlich die glitzernde Welt von Hollywood ist und wie wenige Rollen es für chinesisch-amerikanische Mädchen wie sie gibt, doch sie setzt alles daran, ein Star zu werden. Luli würde lieber ein Monster spielen, als eins der rassistischen Klischees, die in Hollywood beliebt sind, doch die wahren Monster lauern hinter den Kulissen: Sie wollen alles besitzen, von Lulis Gesicht bis zu der Frau, die sie liebt – Und sie erreichen ihre Ziele nicht nur auf natürlichem Wege…

Nghi Vo ist die Autorin der großartigen Fantasynovellenreihe “The Singing Hills Cycle”. “Siren Queen” ist ihr zweiter historischer Roman nach dem Great-Gatsby-Retelling “The Chosen and the Beautiful”, und genau wie in diesem Roman wird sie wohl auch hier den Glamour der 1920er und 1930er mit einer düsteren Urban-Fantasy-Geschichte vereinen. An “Siren Queen” reizt mich besonders der kritische Blick auf Old Hollywood und seine misogynen und rassistischen Machenschaften, die auch im echten Leben ganz ohne dunkle Magie bis heute nachwirken. Ich bin sehr gespannt!

“Siren Queen” erscheint am 10. Mai bei Tor.


Honourable Mention: “Lavender House” von Lev A.C. Rosen

Dieses Buch hänge ich mal hinten an, da noch so gut wie gar nichts darüber bekannt ist, außer, dass es 2022 erscheinen soll. Es handelt sich um den ersten historischen Roman des Jugendbuchautoren Lev A.C. Rosen und das wenige, das bisher an die Öffentlichkeit gedrungen ist, sieht danach aus als wäre “Lavender House” ein LGBTQ-Krimi, der in den 1950er Jahren spielt: “Knives Out meets Carol” hieß es, was zumindest meiner Meinung nach sehr vielversprechend klingt. Zwar gibt es bisher weder ein Cover, noch eine offizielle Inhaltsangabe, noch einen Erscheinungstermin, doch alles, was ich bisher über dieses Buch weiß, klingt großartig. Deshalb steht es an neunter Stelle als Honourable Mention auf dieser Liste.


Beitragsbild: “Mädchen in Hängematte”, Ruth Sutherland, ca. 1910

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