Follow:
Historienromane

“Krone des Himmels” von Juliane Stadler

Im Jahr 1189 wird die Welt vom großen Religionskrieg zwischen Abendland und Orient erschüttert. Das Schicksal führt die Handwerkertochter Aveline und den Wundarzt Étienne auf den Kreuzzug von Frankreich nach Jerusalem. Während der Belagerung der Hafenstadt Akkon wachsen beide über sich hinaus – doch ihre Liebe zueinander wird im großen Kampf um das Heilige Land auf die Probe gestellt …


Inhaltswarnung
Sexualisierte Gewalt und Trauma, Tötung eines Kindes, leichtes Fatshaming, islamfeindliche Inhalte, Krieg/Gewalt/Tod, graphisch beschriebene medizinische Vorgänge/Amputation, ableistische Sprache und Gewalt, LGBTQ-feindliche Sprache

Meine Gedanken

“Krone des Himmels” stand im letzten Jahr sehr weit oben auf meiner Wunschliste, denn ich habe lange keinen dichten Mittelalterschmöker mehr gelesen. Und genau das versprach Juliane Stadlers Debüt zu sein. Wenn man es nicht allzu genau nimmt, trifft das auch zu, denn “Krone des Himmels” ist fundiert recherchiert, atmosphärisch erzählt und setzt Häkchen in allen Boxen, die Fans des Genres wichtig sind. Genau darin brilliert er, genau das macht ihn in meinen Augen jedoch gleichzeitig nicht so gut wie er hätte sein können, denn während er die altbekannten Mittelalter-Klischees durchaus gekonnt umsetzt, geht der Roman leider zu keinem Zeitpunkt über sie hinaus.

Zugegeben, das ist größtenteils ein Ich-Problem, denn ich bin es ja, die am Ende einmal mehr zu hohe Erwartungen mitgebracht hat. Trotzdem hat sich mir beim Lesen immer wieder die Frage gestellt, ob es nicht Zeit wäre, auch das “dunkle” Mittelalter, seine Kreuzzüge, seine Vorstellungen von Geschlechterrollen und Identität einmal neu zu denken. Denn, ja, die Autorin schreibt die bekannte Mittelalterthematik gut, doch es ist am Ende eben trotzdem derselbe Blick auf das Mittelalter, der spätestens seit den 1980er Jahren den historischen Roman bestimmt, und der sich – alle Problematiken mal beiseite geschoben – zumindest meiner Meinung nach überholt hat.

Raus aus Frankreich: Viel Geschichte, wenig Neues

“Krone des Himmels” serviert Mittelalter-Archetypen und lässt leider auch zu keinem Zeitpunkt von ihnen ab: Aveline, die junge Frau, die vergewaltigt und verstoßen wurde und sich nun als Junge verkleidet, um in der Armee zu kämpfen. Étienne, der wegen seiner Gehbehinderung schikaniert wird und sich zum Wundarzt ausbilden lässt. Beide Figuren lernt man leider über ihre tragischen Hintergrundgeschichten hinaus nicht allzu gut kennen, sodass sie aus der schieren Masse an Mädchen in Männerhosen und Wundarztlehrlingen, die das Genre mittlerweile hervorgebracht hat, nicht herausstechen, sondern sich oft hölzern lesen, wie Spielfiguren auf einem bekannten Brettspielplan.

Auch die Handlung folgt den alten Mustern: Der Roman ist blutig. Ob es nun der Krieg um das Heilige Land ist, der plastisch beschrieben wird, oder die medizinischen Eingriffe, die Étienne und sein Lehrmeister Caspar vornehmen. Bei einem Roman über den berüchtigten Dritten Kreuzzug habe ich natürlich auch nichts anderes erwartet, doch mir blieben vor allem die Beziehungen zwischen den Figuren auf der Strecke, die sich nicht organisch entwickeln. Deshalb fühlte sich der Roman trotz seiner 700 Seiten am Ende beinahe leer an: Da ist viel Krieg, viel historisches Detail, viel interessant beschriebene Mittelaltermedizin, aber wenig zwischenmenschliches, das Tiefe schenkt.

Positiv hervorheben möchte ich jedoch auf alle Fälle den Schreibstil der Autorin, sowie ihr Gespür dafür, historische Hintergründe lebendig in die Handlung einzuweben. Der Roman hat mir immer dann am besten gefallen, wenn Ava und Étienne auf historische Persönlichkeiten wie den berühmten Barbarossa, Richard Löwenherz oder Saladin treffen und sich ihre fiktive Geschichte mit einem Stück echter Geschichte vermischte. Für meinen Geschmack hätte es sogar noch ein paar mehr Exkurse zu den religiösen und politischen Hintergründen des Dritten Kreuzzugs geben dürfen, aber das was da ist, basiert merklich auf dem fundierten Wissen der Autorin und hat mir gut gefallen.

Vor Akkon: Klischees und Altbackenes

Schade finde ich jedoch, dass Aveline die einzige weibliche Hauptfigur des Romans ist und hier kehren wir zurück zu meinem einen großen Problem mit “Krone des Himmels”: Er weicht nicht von längst überholten Genre-Klischees ab. Denn während Ava sich Hosen überstreift und Bogenschießen lernt, treten die wenigen anderen Frauenfiguren nur auf, um sexualisierte Gewalt zu erfahren, als politische Spielbälle genutzt zu werden oder der Gegenstand objektifizierender Gespräche der männlichen Soldaten zu sein. Selbst Isabella I. von Jerusalem ist nur ein politisches Mittel zum Zweck, dabei war die Geschichte dieser interessanten Frau deutlich komplexer als das.

Von einem historischen Roman im Jahr 2021 erwarte ich mir einen nuancierteren Umgang mit diesen Themen und mit Frauengeschichte im Mittelalter im Allgemeinen. Die Krone setzt dem Roman jedoch ein recht absurder Subplot auf, in dem die als Mann verkleidete Ava und Étienne mehrmals Opfer von LGBTQ-Feindlichkeit werden und es zwar einen “rührenden” Monolog einer Figur dazu gibt, dass Étienne trotz seines vermeintlichen Queerseins akzeptiert wird, aber keine einzige tatsächliche LGBTQ-Figur im gesamten Roman, wenn man nicht Richard Löwenherz zählen möchte, über den zwei, drei Mal hämisch konnotierte Gerüchte im Camp der Soldaten kursieren.

In Anbetracht dessen, dass Frauengeschichte und auch die Geschichte von LGBTQ-Figuren im Mittelalter deutlich komplexer ist als das, kam mir beides unnötig, unsensibel und vor allem einfach altbacken vor. Mag sein, dass man sich das Mittelalter Ende der 1990er im historischen Roman so vorgestellt hat, doch wir sind weiter als das und ich hoffe, dass sich das auch bald im historischen Roman öfter spiegelt. Die interessanten historischen Persönlichkeiten, ihre Identitäten als marginalisierte Menschen in vergangenen Epochen und vor allem die modernen Lesenden, die diese noch nicht kennenlernen durften, wären es allemal wert, dass sich bald etwas ändert.

In Jerusalem: Solide Mittelalterunterhaltung mit Abstrichen

Zusammenfassend ist der Roman dann am besten, wenn es ihm gelingt komplizierte Geschichte spannend und nah an den Lesenden lebendig zu machen (auch, wenn wir mit Ava und Étienne ein bisschen lang vor Akkon standen). Was ihm jedoch meiner Meinung nach fehlt ist die emotionale Tiefe, die besser ausgearbeitete Figuren und Beziehungen zwischen diesen hätten liefern können. So konnte mich auch leider die Liebesgeschichte zwischen Ava und Étienne nicht packen und auch die vielen Missverständnisse und Konflikte zwischen ihnen hätten mit ein paar ernsten Gesprächen wohl deutlich schneller und weniger konstruiert beigelegt werden können.

Am Ende ist “Krone des Himmels” absolut ein solider Mittelalterroman, an dem man als Fan des Genres auf jeden Fall Spaß hat. Man darf sich jedoch auch nicht mehr als das erwarten, denn der Roman nimmt alle Mittelalterklischees mit, macht sie größtenteils auch gut, aber bricht niemals aus ihnen aus. Hervorzuheben sind darüber hinaus der dichte Schreibstil der Autorin, sowie die fundiert recherchierten und lebendig beschriebenen historischen Hintergründe des Dritten Kreuzzugs und der Belagerung von Akkon. Wer auf der Suche nach neuem Mittelalter-Lesestoff ist und sich an den erwähnten Klischees nicht stört, macht mit “Krone des Himmels” wohl nichts falsch.


Krone des Himmels | Piper, 2021 | 978-3-492-07054-6 | 704 Seiten | deutsch

Share on
Previous Post Next Post

Das könnte dir auch gefallen:

No Comments

Leave a Reply