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Historienromane

“Selma Lagerlöf” von Charlotte von Feyerabend

Charlotte von Feyerabend macht in ihrem großen Roman Selma Lagerlöf mit all ihren Zweifeln und schillernden Träumen greifbar. Die Leser_innen begleiten sie, wenn ihr Zuhause wegen Geldnöten verkauft wird, sie ihre erste Freundin und Reisegefährtin Sophie Elkan trifft, mit der sie nicht nur nach Jerusalem, sondern auch durch Schweden reisen wird, um für Nils Holgersson zu recherchieren. Ständig bricht sie mit gängigen Normen und Vorgaben und erschafft dabei Großes und ist dabei von einem unerschöpflichen Glauben an sich selbst erfüllt…


Meine Gedanken

Selma Lagerlöf war mir persönlich kein allzu großer Begriff, bevor ich Charlotte von Feyerabends Romanbiografie gelesen habe, obwohl ich natürlich ihren Kinderroman “Nils Holgersson” kenne. In “Selma Lagerlöf” richtet die Autorin jetzt den Scheinwerfer auf die interessante Frau hinter dem Klassiker: Die lesbische Feministin Selma Lagerlöf, die in ihrer Heimat Schweden bald zur gefeierten Autorin wird. Einen richtigen Handlungsrahmen hat “Selma Lagerlöf” nicht. Viel eher muss man sich hier auf eine sehr stille Geschichte einlassen, die sich sehr nah an die bekannten biografischen Eckdaten der schwedischen Schriftstellerin hält und wie ein Porträt alle Facetten beleuchtet.

Auch steht Skandinavien, besonders Schweden, an der Schwelle zum 20. Jahrhundert im Mittelpunkt, besonders die Kreise der Kunstschaffenden, zu denen Selma bald gehört. Charlotte von Feyerabend ist ein beeindruckendes Bild der Epoche gelungen und wer sich mit skandinavischer Literatur dieser Zeit noch nicht auskennt, kann hier einiges mitnehmen. Für mich war es schön, über die großen Namen aus meinen Uni-Kursen zu skandinavischer Literatur zu stolpern und sie im Kontext zu Selma und ihrem Schaffen noch einmal neu zu betrachten. Von Georg Brandes bis zu Carl Larsson, das “Wer ist wer” der schwedischen Kunstwelt um 1900 ist hier vertreten.

Poetisch, romantisch und… manchmal zu langatmig

Selma Lagerlöf, gemalt von Carl Larsson, 1908 | Selma (l.) und Sophie Elkan, ca. 1900er

Charlotte von Feyerabend bringt einen poetischen, verträumten Schreibstil mit und verwebt ihre Geschichte mit Zitaten aus Selmas Briefen und Geschichten, sowie mit anderen erhaltenen Textstücken aus ihrem Leben. Das ist wohl das größte Kunststück des Romans: Man liest gern weiter, auch, wenn gerade einmal nicht viel passiert, denn vom geschäftigen Treiben in Städten wie Kopenhagen und Falun bis hin zu Schlittenfahrten durch das verschneite Schweden wird alles so atmosphärisch und romantisch beschrieben – durchsetzt mit Verweisen auf die schwedische Sagenwelt – dass sich der Roman manchmal selbst liest, wie ein skandinavisches Kunstmärchen.

Ein bisschen schade fand ich jedoch, dass sich der Roman relativ oft sehr langatmig mit Exkursen zur skandinavischen Geschichte aufhält. Die Autorin hat eindeutig gut und viel recherchiert, doch manchmal erschlagen einen die Fakten, die von Figuren heruntergeleiert werden, beinahe, die Dialoge werden hölzern und wirken künstlich. Da gehen Selma und ihre Freundin Sophie Elkan durch die Stadt und Sophie erläutert an jeder Ecke die historische Relevanz. Man hält sich kurz in Wien auf und es erfolgt ein langwieriges Gespräch über Klimt und Emilie Flöge. Selbst eine Flasche Wein ist niemals nur eine Flasche Wein, ihre Herkunft wird detailliert geschildert.

Versteht mich bloß nicht falsch, ich liebe historisches Detail hier und da, aber zu viel ist zu viel. Der Roman hat nur knapp 370 Seiten, ließ mich aber mit dem Gefühl zurück mindestens das doppelte gelesen zu haben, da so viele Infos auf mich einregneten. Leider bleiben die wirklich interessanten Dinge dabei auch öfter auf der Strecke. Besonders in der zweiten Hälfte des Romans gibt es viele Zeitsprünge, sodass unter anderem das Kennenlernen zwischen Selma und ihrer Lebensgefährtin Valborg Olander einfach übersprungen wird. Selma selbst bleibt auf emotionaler Ebene als Romanfigur deshalb oft undurchsichtig und distanziert, was ich sehr schade finde.

Ein schwedisches Märchen, historisch fundiert

Wiederum gelungen fand ich von Feyerabends Darstellung von marginalisierter Identität in der Vergangenheit. Sie erwähnt am Rande, dass die schwedische Gesellschaft eine diskriminierende ist, zeigt aber nicht nur Selmas Identität als lesbische Frau und ihre Beziehungen zu Sophie Elkan und Valborg Olander in einem positiven Licht, sondern auch Sophies Leben und Wirken als jüdisch-schwedische Frau, die Kultur der Sami in Norrland, oder auch Selma Lagerlöfs Gehbehinderung. Diese Figuren sind, ähnlich wie ihre historischen Vorbilder, einfach wer sie sind, ohne, dass sie auf ihre Diskriminierung reduziert werden. Das ist im Genre sehr selten und deshalb wertvoll.

Am Ende ist “Selma Lagerlöf” eine Romanbiografie, die sich nicht nur am Leben einer historischen Frau orientiert, sondern eine ganze Epoche und Gesellschaft porträtiert: Skandinavien um 1900. Poetisch erzählt, durchwirkt mit Zitaten, schwedischem Brauchtum und skandinavischen Legenden, wird der Roman Selma Lagerlöf gerecht, nicht zuletzt durch die sensible und empathische Herangehensweise an ihr Leben als lesbische Frau. Hier und da schweift die Geschichte zu sehr in historische Details ab, möchte einfach zu viel auf einmal erzählen, alles in allem ist “Selma Lagerlöf” aber ein sehr schöner, stiller Historienroman mit viel schwedischem Märchencharme.


Selma Lagerlöf | Knaur, 2021 | 978-3-426-28259-5 | 368 Seiten | deutsch

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