Follow:
Historienromane

“Signorina Vivaldi” von Verena Maatman

Venedig, Weihnachten 1702: Das Waisenmädchen Anna Maria wünscht sich vom Christkind Vater oder Mutter. Kurz darauf geht ihr Wunsch in Erfüllung, als Antonio Vivaldi seinen Dienst als Maestro di violino im Waisenhaus antritt. Er entdeckt Anna Marias außergewöhnliche Musikalität und gibt ihr Geigenunterricht. Er behandelt sie mit so viel Liebe und Verständnis, als wäre sie seine eigene Tochter. Doch den Menschen um sie herum ist dies ein Dorn im Auge. Als Vivaldi infolge knapper finanzieller Mittel entlassen wird, bricht für Anna Maria eine Welt zusammen. Wird sich ihr Traum von einem Leben voller Musik trotzdem erfüllen?


Inhaltswarnung
Tod [Krankheit], Ertrinken, Gewalt gegen Kinder, Fatshaming, sexualisierte Gewalt

Meine Gedanken

Ich sag’s mal vorsichtig formuliert so: “Signorina Vivaldi” ist deutlich mehr Barockmärchen als Historienroman oder gar Romanbiografie über Anna Maria dal Violin (1696 – 1782). Verena Maatman erzählt eine romantische Geschichte über ein bettelarmes Waisenkind, das in der Musik Erfüllung und das findet, was sie sich schon immer gewünscht hat: Eine Familie. Mit historischem Detail hält sie sich, leider, nicht allzu viel auf. Wer mehr über die europaweit berühmten venezianischen Musikerinnen des Ospedale della Pietà erfahren möchte, über Antonio Vivaldi (1678 – 1741) oder über Venedig im Hochbarock, wird hier leider nichts davon finden.

Das Ospedale della Pietà, eine soziale Einrichtung mit angehängter Musikschule, in der elternlose Mädchen zu Musikerinnen ausgebildet wurden, wird hier zum von herrischen Nonnen geführten Waisenhaus, in dem die Mädchen eben auch Geigenunterricht bekommen, wenn sie nicht gerade das Einmaleins lernen oder kalten Brei essen müssen. Wie diese recht eigentümliche Einrichtung tatsächlich funktionierte und wie das Leben in der Klosterschule aussah, welchen besonderen gesellschaftlichen Stand seine Lehrenden und Schülerinnen innehatten und warum hier überhaupt Waisenmädchen ein in Europa berühmtes Orchester bilden, wird gekonnt umschifft.

Die beste Violinistin von Venedig?

Leider wird der Roman auch seiner Heldin Anna Maria nicht gerecht, denn man begleitet sie nicht auf dem Weg nicht nur die Violine zu meistern, sondern auch unter anderem Laute, Cembalo und Mandoline, sie kann es einfach von Anfang an, was beachtlich ist, wenn man bedenkt, dass wir sie mit sechs Jahren kennenlernen. Als ihr ein Stück von Vivaldi vorgehalten wird, spielt sie es sofort so gut wie fehlerfrei, sodass Antonio Vivaldi, der neue Musiklehrer, sie natürlich direkt zu seiner liebsten Schülerin auserkiest. Mit zehn unterrichtet sie bereits andere Mädchen auf Instrumenten, die sie zumindest im Roman gar nicht selbst spielt.

Zumindest mir macht das keinen Spaß, denn es geht hier nicht darum eine nuancierte Romanbiografie Anna Maria dal Violins zu erzählen: Stattdessen ist Anna Maria von Anfang in allem die Beste, tut immer das Richtige, wird von allen Seiten bewundert und als etwas Besonderes herausgestellt. Mit elf spielt sie bei knapp 25% als “jüngste Solistin aller Zeiten” Vivaldi vor adeligem Publikum und ich bin ganz ehrlich, ich habe mich gelangweilt, denn über Anna Marias stetes Triumphieren hat “Signorina Vivaldi” keine Geschichte zu erzählen. Einen Spannungsbogen gibt es nicht, viel eher werden (komplett fiktive) Episoden aus dem Leben Anna Marias aneinandergereiht.

Darüber hinaus bedient auch dieser Roman die biederen, beinahe wie desinfiziert wirkenden Geschichtsbilder, die der deutschsprachige historische Roman in den letzten paar Jahren hervorgebracht hat. Wir befinden uns in Venedig im Hochbarock. Wo sind die Intrigen, die Skandale, wo ist der bunte Karneval, wo ist die dekadente Gesellschaft, die gefährliche Politik, die Abenteuer, die das Setting für jemanden wie Anna Maria, die sich außerhalb jeglicher Standesgrenzen bewegt, bereithält? Stattdessen tanzt sie Schmetterlinge jagend über Blumenwiesen und himmelt einen engelsgleichen Antonio Vivaldi, der ebenfalls keinerlei Ecken und Kanten hat, an.

Klischees statt Atmosphäre

Hinzu kommt leider, dass sich die anachronistischen Begriffe, die im Venedig von 1700 nichts zu suchen haben, häufen (Büro, Affenzahn, “nicht alle Tassen im Schrank”), sowie historisch fragwürdige Aussagen – Die Ponte dei Sospiri heißt zum Beispiel nicht Seufzerbrücke, weil dort Ehefrauen ihre Männer, die zur See gefahren sind, verabschiedet haben, wie Anna Maria behauptet, sondern, weil sie den Dogenpalast mit dem Neuen Gefängnis verbindet und von Gefangenen als letzter Moment in Freiheit überquert werden musste. Aber das ist natürlich nicht halb so romantisch wie die Version, die in “Signorina Vivaldi” erzählt wird.

Was bleibt ist eben genau das: Ein komplett fiktives Barockmärchen über ein perfektes Mädchen und einen Antonio Vivaldi wie aus dem Bilderbuch, die durch ein desinfiziertes Venedig schwirren, in dem es höchstens die typischen Genre-Klischees wie den unliebsamen Ehemann oder die grundlos intrigante Mitschülerin (die dann auch noch Nonne wird, weil sie “keinen Mann abkriegt”, na danke) gibt, nicht aber historisches Detail, Atmosphäre oder Figuren mit Nuancen und Ecken und Kanten. Am Ende ist “Signorina Vivaldi” sehr gefällig und ein bisschen lasch. Schade ist das vor allem, weil aus der wahren Geschichte Anna Marias viel mehr hätte gemacht werden können.


Vielen Dank an Netgalley und den Piper-Verlag für das Rezensionsexemplar.


Signorina Vivaldi | Piper, 2021 | 978-3-492-50509-3 | 456 Seiten | Deutsch

Share on
Previous Post Next Post

Das könnte dir auch gefallen:

No Comments

Leave a Reply