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Historienromane

“Die Senfblütensaga: Wege des Schicksals” von Clara Langenbach

Metz 1914: Emma hat ihr Studium beendet und will sich in die Arbeit in der Senffabrik stürzen. Doch die Familie Seidel erwartet von ihr, dass sie sich um Hochzeitsvorbereitungen kümmert. Sie versucht alles, um aus der ihr zugedachten Rolle auszubrechen. Als die Spannungen in der Fabrik Carls ganze Aufmerksamkeit fordern, will Emma helfen, wo sie kann. Doch immer mehr drängt sich ihr die Frage auf: Will Carl ihre Hilfe tatsächlich, oder sieht er in ihr nur die künftige Ehefrau und Mutter seiner Kinder? Als auch noch der Erste Weltkrieg ausbricht, steht plötzlich noch viel mehr auf dem Spiel als ihre gemeinsame Zukunft und der Fortbestand der Fabrik.


Inhaltswarnung
Krieg/Kriegsverletzungen, Gewalt/Blut, LGBTQ-feindliche Klischees, sexualisierte Gewalt (teils graphisch beschrieben), Mord (Erschießen), Ableismus, Antisemitismus, Klassismus

Meine Gedanken

In den letzten Jahren entwickelt sich der Familiensaga-Trend immer mehr in eine sehr unangenehme Richtung: Unter dem Deckmäntelchen der “historischen Korrektheit” tischt das Genre sehr altbackene, staubige Werte auf, die kaum reflektiert und oft sogar positiv dargestellt werden. Clara Langenbachs “Senfblütensaga” ist nicht nur ebenfalls davon betroffen, sondern symptomatisch für die Probleme des Genres. Während das erste Buch der Reihe, “Zeit für Träume“, auf meist noch harmlose Weise jede Konvention des Hype-Genres mitnahm, konnte ich an Emma und Carls zweitem Abenteuer, “Wege des Schicksals”, leider gar nichts Unterhaltsames mehr finden.

Das Einfache zuerst: Nein, diese Romane sind nicht “authentisch”, auch, wenn das in letzter Zeit das liebste Buzzword von Schreibenden und Lesenden zu sein scheint. Der historische Hintergrund zu den Jahren 1914-1918, in denen der Roman spielt, ist sehr dünn und zum gesellschaftlichen Leben in dieser Epoche haben sich genauso viele Klischees und “Fehler” eingeschlichen, wie zum Ersten Weltkrieg, seinen politischen Gründen und seinen Konsequenzen. Besonders die “Konventionen”, die Emma und Carl als seit sieben Jahren verlobtes Paar beeinflussen, beruhen deutlich mehr auf platten Klischees als auf tatsächlichen sozialen Konventionen der sehr späten Kaiserzeit in den 1910er Jahren.

Emma und Carl: Senf ist ihr Leben

Ähnlich wie im ersten Band wird auch im zweiten Buch der “Senfblütensaga” eine recht dünne Handlung über knapp 500 Seiten gestreckt: Emma beendet ihr Studium, es gibt Streit unter den Arbeitern in der Senffabrik, irgendetwas kommt immer der Hochzeit zwischen Emma und Carl in den Weg, bis dieser Konflikt sieben Jahre und knapp 300 Seiten später fadenscheinig und konstruiert wirkt. Bis auf diesen löst sich jeder Konflikt nach zwei, drei Seiten gefällig auf. Für “Spannung” sorgen diverse Schmugglertätigkeiten Carls, der mitten im Ersten Weltkrieg sein Leben riskiert, um Senfkörner und Maschinenteile über die französische Grenze zu schmuggeln. Absurd.

Darüber hinaus geht es sehr viel um Senf, wenn man bedenkt, wie wenig man tatsächlich über die Kulturgeschichte des Senfs erfährt. Wie der Senf tatsächlich hergestellt wird, ob er in der Gesellschaft beliebt ist, wie die Fabrik wächst… All das erfährt man nicht. Stattdessen gibt es merkwürdig erotisch aufgeladene Szenen, in denen Emma und Carl gemeinsam Senfkörner zermahlen, und genau wie in Band eins wird ausgerechnet Senf als große Leidenschaft Carls (und Emmas) dargestellt, für den in diesem Band auch alle und ihre Großeltern zu sterben bereit scheinen. Das ist leider gar nicht interessant, sondern pathetisch, dramatisch, und vollkommen überzeichnet.

Wirklich übel nehme ich dem Roman jedoch, dass auch er sich – wie so viele weitere Titel des Genres – in LGBTQ-feindlichen Klischees ergeht. Clara Langenbach tut das deutlich weniger reißerisch, aber allein dafür gibt es keine Pluspunkte, wenn eben doch dieselbe alte Leier von schwulen Männern abgespult wird, die “jeden Tag” unglücklich und in Angst verbringen und “niemals wirklich frei” sein können. Das Wörtchen “authentisch” ist auch hier fehl am Platz, denn echte LGBTQ-Erfahrungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind deutlich nuancierter als dieses ständige Hochziehen am Leid queerer Menschen – Denn mehr als das sind diese Klischees nicht.

Antoine, noch mehr Klischees und der Erste Weltkrieg

Diese Klischees sind uralt und nicht etwa aus historischen Tatsachen entstanden, sondern aus LGBTQ-feindlichen Vorurteilen, die anscheinend bis heute nicht hinterfragt werden. Echte, authentische LGBTQ-Geschichte, die eben nicht nur aus Unglück und Diskriminierung besteht, sondern oft auch aus eigener Subkultur, sowie Rebellion gegen und Triumph über Diskriminierung, bilden diese Romane niemals ab. Nicht selbst betroffene Lesende sollen damit wohl betroffen gemacht werden, aber wir brauchen schon längst keine Romane mehr, die marginalisierte Menschen in die ewige Opferrolle verbannen, wie es eben auch “Wege des Schicksals” tut.

Mein zweites großes Problem mit diesem Roman ist Antoine, der auch hier wieder eine eigene Erzählperspektive hat. Antoine, der im ersten Band unter anderem versucht hat Emma zu vergewaltigen, seine Frau schikaniert und ganz generell ein toxischer Zeitgenosse ist, ist hier plötzlich ein guter Kumpel und Verbündeter, dessen Verhalten nicht nur verharmlost, sondern beinahe romantisiert wird, denn natürlich bekommt er eine Chance sich zu “bessern” (die ungenutzt bleibt, was aber auch niemanden so wirklich stört). Was genau die Autorin mit Antoine als Romanfigur bezwecken wollte, ist mir nicht ganz klar, doch es hat keinen Spaß gemacht über ihn zu lesen.

Last but not least würde ich gern über den Ersten Weltkrieg sprechen, denn auch dieser kommt mir in diesem Roman beinahe schon verharmlost vor. Clara Langenbach hält sich kaum mit politischen Hintergründen auf, springt von 1914 direkt nach 1917, beschreibt unnötig graphisch ein paar Instanzen von Tod, Vergewaltigung und Kriegsgefangenschaft, aber all das rückt in den Hintergrund, denn im Vordergrund stehen natürlich Carls Senfschmuggel, die Hochzeit und Emmas Probleme in der Fabrik in Metz. Ich möchte hier jetzt keine Abhandlung dazu schreiben, finde aber, dass mit Themen wie diesem Krieg nicht so lapidar umgegangen werden sollte.

Der Senf hat seinen Biss verloren

Es gibt noch so viel, über das man sprechen könnte und müsste. Den wahllos eingestreuten Antisemitismus, die Art, wie eine Figur mit Behinderung hergenommen wird, um aufzuzeigen, wie schwer es ihr nicht behinderter Bruder doch im Leben hat, die psychische und tatsächliche Gewalt, die Emmas Schwägerin Louise in ihrer Ehe mit Antoine erfährt und die kaum als solche angesprochen wird… Die Liste ist lang und sie ist so lang, weil all diese Problematiken unausgereift und unbedacht wie nebenbei in den Roman geflossen sind, weil niemand sich wirklich Gedanken über das Warum und das Was jetzt? gemacht zu haben scheint, Hauptsache die Themen sind im Text, fertig.

Am Ende bleibe ich mit sehr vielen Fragen und einem unguten Gefühl zurück. Im Nachwort erwähnt die Autorin, dass sie größtenteils mit zeitgenössischen Quellen recherchiert hat und das merkt man, denn eine moderne Einordnung und Bewertung dieser Quellen fehlt komplett – Und die darf in einem Roman aus dem 21. Jahrhundert für moderne Lesende einfach nicht fehlen. So sind die Deutschen hier aus Carls Perspektive die “armen Deutschen”, die in Metz von den Franzosen unterdrückt werden, mit nur wenig Kontext zum Ersten Weltkrieg und der deutsch-französischen Geschichte davor. Ich sage es immer wieder. Lesende. Verdrehte Geschichtsbilder. So entstehen diese.

Politische Ereignisse wie diese sind kein Spielplatz für das Histo-Genre. Die oft schmerzhafte Geschichte von LGBTQ-Diskriminierung ist kein Spielplatz für das Histo-Genre. Der oft steinige und durch Gewalt geprägte Weg zur Gleichberechtigung und vor allem zur Selbstbestimmung von allen Frauen ist kein Spielplatz für das Histo-Genre. All das sollte nicht als platte, von Klischees geprägte, meist romantisierte Kulisse für Familien- und Liebesgeschichten hergenommen werden. Genau das passiert aber immer und immer wieder, angereichert mit Weltbildern und Wertvorstellungen aus den 1950er Jahren. Und das wird uns noch lange begleiten, über diese Romane hinaus.


Wege des Schicksals | Die Senfblütensaga #2 | Fischer, 2021 | 978-3-596-70084-4 | 512 Seiten | Deutsch

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1 Comment

  • Reply Viktoria

    Sehr gute Kritik, mir gehen diese Historomane auch auf den Geist. Ich werfe sonst keine Bücher weg, aber so ein Null recherchierter Histoschund landet dann wirklich in der Papiertonne.
    Das bildet oft die Historische Realität in keinster Weise ab. Ich habe noch die Erzählungen meiner Oma Jahrgang 1891- nein kein Schreibfehler.) im Ohr, mit denen sie uns gegruselt hat. Geschichten aus dem Schützengraben mit Männer die die Eingeweide vor sich hergetragen haben- 1. Weltkrieg. Die Ungewissheit, der Hunger, der Mangel an wirklich allem, die Krankheeiten Typhus, Ruhr, Cholera, die rachitischen Kinder. Die Arbeit in den Fabriken ab 14. Es gab kein Handy, kein Hartz 4, keine Krankenkasse und keine Witwenrente in der heutigen Form. Aber das gilt auch für ander Zeitebenen. Ich kann sowas meistens nicht zuende lesen, weil es mich aufregt. Es gab mal einen Olgaroman (Königin von Württemberg) so ein Schmarren, und das von jemand der Geschichte studiert hat? Hä? Mir sind Biorafien oder Autobiografien lieber. Auch ein Negativbeispiel, irgendwas über Sissi und Ihren Master of the Hunt, also der Mann der ihre Pferde trainiert hat. Gruselig. Das ist Geschichtsfälschung, leider. Die Leute bekommen ein vollkommen falsches Bild von den Realitäten. Wobei die Fakten die man hat,oft viel spannender sind wie so ein Schwulst. Hab eine anderes Buch über ihre Reitwut gelesen, kenn aber den Titel nicht mehr. Wieviele Pferde sie hatte, was das gekostet hat etc. Das die Brüder der Vetsera mit Sissi in Irland geritten sind (fand aber nur in einem Nebensatz Erwähnung). Also Sissi kannte die Brüder recht gut von der Reiterei. Das sind Details die mich interessieren. Das sie von der Reiterei Knochenschmerzen bekommen hat. Sie ist ja im Damensattel Jagdrennen geritten mit Männern. Also die Formel 1 des 19. Jahrhunderts und sie ist an der Spitze mitgeritten, in einem Männersport. Natürlich hat das irrsinnig viel Geld, Kraft und Nerven gekostet aber sie hat das gemacht. Also so wie wenn Schumi dauernd eine Frau neben sich gehabt hätte, die genauso gut wie er gewesen wäre. Heftig sowas. Man hätte so einen schönen Roman mit den Fakten machen können……..

    24. November 2021 at 18:29
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