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Historienromane

“Die Leuchtturmwärter” von Emma Stonex

In der Silvesternacht verschwinden vor der Küste Cornwalls drei Männer spurlos von einem Leuchtturm. Die Tür ist von innen verschlossen. Der zum Abendessen gedeckte Tisch unberührt. Die Uhren sind stehen geblieben. Zurück bleiben drei Frauen, die auch zwei Jahrzehnte später von dem rätselhaften Geschehen verfolgt werden. Die Tragödie hätte Helen, Jenny und Michelle zusammenbringen sollen, hat sie aber auseinandergerissen. Als sie zum ersten Mal ihre Seite der Geschichte erzählen, kommt ein Leben voller Entbehrungen zutage – des monatelangen Getrenntseins, des Sehnens und Hoffens. Und je tiefer sie hinabtauchen, desto dichter wird das Geflecht aus Geheimnissen und Lügen, Realität und Einbildung.


Inhaltswarnung
Tod (Ertrinken), Mord, Tod eines Kindes, Giftmord (versucht), Kindesmisshandlung, Tierquälerei (Tötung eines Hundes)

Meine Gedanken

Emma Stonex’ Debütroman basiert auf einer wahren Geschichte: Im Jahr 1900 verschwanden tatsächlich drei Wärter aus dem Flannan-Isles-Leuchtturm auf den Äußeren Hebriden vor der Küste Schottlands. Stonex verlegt die Handlung jedoch an die Küste Cornwalls und in die 1970er Jahre: Arthur, Bill und Vince verschwinden spurlos vom Leuchtturm in Maiden Rock und zurück bleiben drei Frauen, Jenny, Michelle und Helen, die sich auch dreißig Jahre später noch fragen, was auf dem Leuchtturm passiert ist und was mit ihren Männern geschehen ist. Als ein Krimiautor beginnt nach der Wahrheit zu suchen, kommen dunkle Geheimnisse ans Licht.

Mit “Die Leuchtturmwärter” ist Emma Stonex ein unglaublich atmosphärischer Roman gelungen, der irgendwo zwischen Drama und Mystery steckt. Die Handlung bewegt sich rasant zwischen dem Jahr 1972, wo in Bruchstücken erzählt wird, was auf dem Leuchtturm passiert, und 1992 als die Hinterbliebenen, die sich immer noch fragen, was damals geschehen ist, beginnen sich selbst mit ihren Fragen, ihrer Trauer und ihren Erinnerungen zu konfrontieren. Im Kern ist “Die Leuchtturmwärter” ein Roman über Trauer und wie wir auf verschiedene Weise damit umgehen, aber auch über Freundschaft, Liebe und alle anderen Formen zwischenmenschlicher Beziehungen.

Stürmisches Cornwall, dunkle Geheimnisse

Einen Krimi darf man sich von “Die Leuchtturmwärter” deshalb nicht erwarten, denn während es auch darum geht herauszufinden, was mit Arthur, Bill und Vincent passiert ist, geht es viel eher um diese drei Frauen und wie sie jede für sich mit der Tragödie umgehen. Vor allem geht es aber um die Geheimnisse, die ans Licht kommen und um alte Schuld und Trauer, die wieder an die Oberfläche bricht. “Die Leuchtturmwärter” ist ein sehr dichtes psychologisches Porträt von sechs Menschen – Jenny, Helen, Michelle, Arthur, Bill und Vince – und wie ihre Beziehungen zueinander, ihre Geheimnisse und ihre Taten am Ende in einer Tragödie enden.

Was diesen Roman aber zu etwas Besonderem macht, ist Emma Stonex’ sehr dichter Schreibstil, der die stürmische Küste Cornwalls perfekt widerspiegelt. Stonex schreibt angelehnt an die britische Schauerromantradition, aber “Die Leuchtturmwärter” ist kein klassischer Gothic-Roman, obwohl er düster ist, manchmal so beklemmend wie der kleine Leuchtturm, in dem die drei Männer Monate zusammen verbringen müssen. Er zieht seine Spannung nicht einmal nur aus dem Verschwinden der Männer, sondern vor allem aus den Gefahren des rauen Lebens an der Atlantikküste und aus den Figuren selbst, die alle auf ihre Weise mit diesem Leben umgehen.

Alles in allem ist “Die Leuchtturmwärter” in vielem eine typisch britische Geistergeschichte, doch anstelle von richtigem Spuk werden die Figuren von ihrer Vergangenheit heimgesucht, von Fragen ohne Antworten, von ihrer eigenen Schuld und ihren Taten. Der Roman porträtiert gleichzeitig seine komplexen Figuren und ihre Beziehungen zueinander und die raue Küste Cornwalls, die ein Eigenleben zu haben scheint. Daraus entsteht ein ruhiger, atmosphärischer aber zum Zerreißen spannender Roman, der zudem aufzeigt, was man aus Geschichte in Fiktion alles machen kann. Für mich war “Die Leuchtturmwächter” ein Jahreshighlight, das ich nur empfehlen kann.


Die Leuchtturmwärter | Fischer, 2021 | 978-3-10-397037-1 | 432 Seiten | deutsch | Übersetzerin: Eva Kemper | Britische OA: The Lamplighters, 2021

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