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Historienromane

“Die militante Madonna” von Irene Dische

Ein atemberaubender Roman über Männer und Frauen – und eine außergewöhnliche historische Figur, die beides war. Irene Dische erzählt die wahre Geschichte des Chevalier d’Eon de Beaumont, der 1728 in Frankreich auf die Welt kam und 1810 in London starb. D’Eon war Diplomat, Soldat, Bibliothekar, Freimaurer, Degenfechter, Schriftsteller und Spion – und verbrachte den größten Teil seines turbulenten Lebens als Frau. Bis zu seinem Tod rätselte ganz London, wer die militante Madonna, die in öffentlichen Degenkämpfen alle Männer in die Knie zwang, wirklich war. Ein ebenso abenteuerlicher wie außergewöhnlicher Roman, der das brandaktuelle Thema der Identität völlig neu verhandelt.


Inhaltswarnung
Ich zitiere in dieser Rezension u.a. transfeindliche Aussagen aus dem Roman, um zu verdeutlichen, wo ich dessen Problematiken sehe.

Meine Gedanken

In ihrem neuen Roman “Die militante Madonna” erzählt die österreichisch-amerikanische Autorin Irene Dische die Geschichte von Charles d’Éon (1728-1810): D’Éon spionierte unter anderem für den französischen König Ludwig XV. am russischen Hof, kämpfte im Siebenjährigen Krieg und machte 1764 französische Staatskorrespondenz in England öffentlich, was ein Exil in London nach sich zog. D’Éon ist außerdem eine historisch belegbare trans Person, deren Selbstbezeichnung bis heute unklar ist und deren Identität schon zu Lebzeiten Mittelpunkt von Diskussionen und gar Wetten war. Deshalb sehe ich in dieser Rezension davon ab, d’Éon Pronomen zuzuweisen1.

Irene Dische umgeht die Pronomenfrage ebenfalls geschickt, indem sie d’Éon aus der Ich-Perspektive erzählen lässt. Darüber hinaus ist “Die militante Madonna” jedoch leider ein merkwürdig altbackener Roman, der lauwarm und meist vage an die trans Identität seiner Hauptfigur herangeht und keinesfalls “das brandaktuelle Thema der Identität” neu verhandelt, wie der Klappentext großspurig verspricht. Viel eher hatte ich immer öfter das Gefühl, der Roman ergeht sich in Talking Points aus dem transfeindlichen “Gender Critical”-Diskurs und hängt in Mustern der Zweiten Welle des Feminismus fest, die heute überholt sind und alles andere als “brandaktuell” oder “außergewöhnlich”.

 Ein Exkurs ins 18. Jahrhundert

“In meiner Zeit und in meinen Kreisen sprachen wir, wie es uns gefiel. In den obersten Gesellschaftskreisen […] kleideten sich die Männer wie Frauen und die Frauen wie Männer, und niemand regte sich über solche Kinkerlitzchen auf.”

Mich beschlich zudem immer wieder der leise Verdacht, dass Dische die Ich-Perspektive gewählt hat, um sich selbst als eine Art Expertin zu stilisieren und durch d’Éon “das letzte Wort” zu haben. Immer wieder bricht ihre Version von d’Éon die vierte Wand und wendet sich an die gegenwärtigen Lesenden, um sie vom hohen Ross herunter zu erinnern, dass sie nicht “die Freiheit” erfunden haben, “ein Mann oder eine Frau zu sein”. Dabei kommt man um den Gedanken nicht umhin, dass sie über d’Éon über gegenwärtige LGBTQ-Communities und -Aktivismus urteilt, denn “damals” im 18. Jahrhundert sei alles einfacher gewesen und man hätte nicht so ein Aufsehen darum gemacht.

Das ist, beschäftigt man sich genauer mit dieser Epoche, an allen Ecken und Enden eine absurde These. Dische bringt als Beispiel die Maskeraden am russischen Hof unter Katharina II. an, bei denen Männer in Frauenkleidung und vice versa zu erscheinen hatten, macht aber zu keinem Punkt die Unterscheidung zwischen “Verkleiden” zum Spaß und tatsächlich gelebter LGBTQ-Identität im 18. Jahrhundert. Eine Unterscheidung, die in diesem Kontext nicht fehlen sollte und im 18. Jahrhundert die kleine aber feine Grenze zwischen akzeptierter Spielerei und einem Grund zur Ausgrenzung oder gar diskriminierender Verfolgung darstellen konnte.

Dieses 18. Jahrhundert als Wunderland, in dem eigentlich jede_r machen kann, was er_sie möchte, ist am Ende ein gutes Stück Revision und widerspricht sich zudem recht oft selbst. Wenn es doch so ist, dass der Ausdruck des eigenen Geschlechts auch abseits vorherrschender Normen niemanden stört, wenn “das Äußere nicht zählt”, wieso werden dann Wetten über d’Éons “wahres” Geschlecht abgeschlossen, wieso interessiert es am Ende doch jede_n und den König von Frankreich, wieso beschäftigt sich der gesamte Roman vorrangig mit dieser Frage, anstatt d’Éons politische und diplomatische Leistungen als trans Person in den Vordergrund zu rücken?

Talking Points und Diskurs statt Romanbiografie

“Alle Subtilität wird verbannt. Alle zarten oder strudelnden Unterströmungen werden ignoriert. Und das nennen Sie “Fortschritt!” Sie tun mir leid. Sie werden nie die Freiheit kennenlernen, die uns zuteilwird, wenn das Äußere nicht zählt […]”

Dische kritisiert durchaus Denken in starren, binären Ideen von Geschlecht, tappt aber selbst immer wieder in dieselben Fallen, die sie eigentlich anzuprangern versucht und reproduziert nicht selten transfeindliche Ideen. Zumindest ihre Erzählstimme im Roman scheint dem Irrglauben aufgesessen zu sein, dass die eigene geschlechtliche Identität “eine Wahl” ist, denn sie mokiert sich über unsere Gegenwart, in der wir ihrer Auffassung nach so tun als hätten wir diese “Wahl” erfunden. Diese deutliche Abwertung moderner Konzepte zu Gender und Sexualität schwingt immer mit, lässt am Ende aber auch ein deutliches Unverständnis für diese durchscheinen.

Für den Großteil des Romans behandelt der Roman die trans Identität seiner Hauptfigur und ganz generell seine LGBTQ-Themen sehr vage, verrät sich aber nach der knappen Hälfte durch das obenstehende Zitat, in dessen Zuge geschlechtsangleichende Operationen mit Schönheitsoperationen gleichgesetzt und auf die oberflächliche Eitelkeit unserer modernen Gesellschaft zurückgeführt werden. Immer, wenn der Roman weniger konfus auf das Thema trans Identität eingeht, driftet er recht bald in transfeindliche Rhetorik ab. Die größte Problematik daran ist natürlich, dass die Autorin diese Rhetorik durch die Ich-Perspektive in den Mund einer historischen trans Person legt.

Das ist am Ende das Perfide an “Die militante Madonna”, das sich als fortschrittlich und “frei” tarnt, am Ende aber subtil (und manchmal alles andere als das) transfeindliche Talking Points serviert, legitimiert durch die Ich-Perspektive einer historischen trans Figur, die sich über die moderne Gesellschaft erhebt und lustig macht. Wie Irene Dische im wahren Leben zu trans Menschen steht weiß ich nicht, ist an dieser Stelle aber egal, denn ihr Roman transportiert sehr deutlich eine transfeindlich gefärbte Rhetorik, die einer trans Person in den Mund gelegt wird und nicht nur das Geschichtsbild vieler Leser_innen prägen wird, sondern auch ihr Verständnis von trans Identität.

Am Ende: Wessen Stimme wird gehört?

Am Ende war “Die militante Madonna” eine große Chance eine Romanbiografie über eine wichtige, aber bisher oft übersehene trans Persönlichkeit zu schreiben. Dass der Roman voller unterschwelliger transfeindlicher Rhetorik steckt, ist schlimm genug. Dass er diese Talking Points aber obendrauf seiner trans Hauptfigur mithilfe der Ich-Perspektive in den Mund legt, ist ein weiterer Beweis dafür, dass wir im Diskurs um diese Themen noch immer die Stimmen nicht selbst Betroffener über die von Betroffenen erheben. Deshalb kann ich es nur klar ausdrücken: “Die militante Madonna” ist nicht “brandaktuell” und hat auch nichts Neues zu sagen.

Schade ist das, weil Dische darüber hinaus einen interessant erzählten Abenteuerroman geschrieben hat, dessen Hauptfigur eine schillernde Persönlichkeit ist. Gefährlich ist das, weil Disches Roman die erste Romanbiografie über d’Éon ist und einer der ersten im deutschsprachigen Großverlag erschienenen Romane mit trans Hauptfigur. Schlussendlich bringt mich “Die militante Madonna” zurück an den Punkt, der seit Jahren diskutiert wird: Es geht nicht darum, wer über welche Themen schreiben “darf”. Aber es geht sehr wohl um die Frage, ob ein Thema wie dieses am Ende von betroffenen Autor_innen nicht sensibler, authentischer, aussagekräftiger behandelt worden wäre.


1. Ich bezeichne d’Éon im Folgenden trotzdem als trans Person, da eine Zugehörigkeit zum Spektrum nicht von der Hand zu weisen ist. z.B. nicht-binäre trans Identität oder agender Identität werden im Roman leider gar nicht als Möglichkeit in den Raum gestellt, ich möchte sie hier aber stellvertretend für das große Spektrum an trans Identitäten erwähnen, denn eine historische Figur wie d’Éon kann – und sollte – in all diese Richtungen interpretiert werden.


Vielen Dank an NetGalley und den Hoffmann-und-Campe-Verlag für das Bereitstellen des Rezensionsexemplars. 


Die militante Madonna | Hoffmann und Campe, 2021 | 9783455011968 | 224 Seiten | deutsch | Übersetzer: Ulrich Blumenbach

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