Essays

Haunted Pasts: Geistererscheinungen im Schauerroman

Der Geisterglaube ist so alt wie die Menschheit selbst und in allen Kulturkreisen bekannt: Die ruhelose Seele, die nach dem Tod im Diesseits verweilt, kann ein hoffnungsvoller Gedanke sein, ist aber meist mit Angst und Heimsuchungen verbunden. In der europäischen Folklore handelt es sich meist um Seelen, die noch etwas zu erledigen haben, oder einen grausamen Tod gestorben sind, der aufgearbeitet werden muss. Schon aus dem frühen Mittelalter sind in Europa Geistersagen überliefert, die Geister ganz besonders an von Gewalt gezeichnete Orte binden, wie Schlachtfelder, die Orte ihrer Ermordung oder auch alte Häuser und Schlösser mit langer, düsterer Geschichte.

Eine chronologische Geschichte der Geistergeschichte zu schreiben, ist deshalb auch von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Stattdessen möchte ich mich heute mit der europäischen Tradition der Geistergeschichte und ihrem Einfluss auf den Gothic- und Schauerroman im 18. und 19. Jahrhundert beschäftigen, der wiederum maßgeblich beeinflusst, wie wir Geistergeschichten und -erscheinungen bis heute rezipieren. Denn jede_r kennt die Geistererscheinung im wallenden Gewand, die nachts über die Gänge eines alten Herrenhauses auf dem Moor wabert. Doch woher kommt dieses Bild? Und weshalb ist ausgerechnet der Geist ein Markenzeichen des Gothic-Romans geworden?

“Shrouded Horrors”: Die Ästhetik des Spuks in europäischer Folklore

Geisterbilder des tschechischen Malers Josef Mandl, ca. 1890er

In der europäischen Folklore zeichnen sich Geister vor allem dadurch aus, dass sie wiederkehrende Seelen Verstorbener sind, die meist zum Ziel haben, den Lebenden zu schaden, oder nicht ruhen können, weil altes Unrecht sie umtreibt. Besonders in frühen Geistersagen sind sie Zerrbilder der Person, die sie im Leben waren, blass, unheimlich, aber durchaus mit einer lebenden Person zu verwechseln. Die wohl bekanntere Form ist jedoch die Geistererscheinung im weißen Gewand oder Lumpen, für die Mauern kein Hindernis darstellen und die aus dem Grab emporsteigt, um Rache zu nehmen oder als Bote eines bevorstehenden Unglücks oder Todesfalls aufzutreten.

Das weiße Gewand, das wir bis heute mit Geistererscheinungen verbinden (oder scherzhaft als Bettlaken darstellen), hat seinen Ursprung in historischen Bestattungsriten: Körper wurden meist in weiße Leichentücher (“the shroud”) gewickelt bestattet, in denen sie im Geisterglauben auch aus dem Grab zurückkehrten. Die Bedeutung dieser Leichentücher habe ich in meinem Artikel zu Kleidung im Schauerroman bereits angesprochen, denn sie haben im Gothic-Genre – aber auch schon weit früher im Volksglauben – hohen symbolischen Wert als Symbol für Trauer und den Tod. Zeitgleich symbolisiert die Farbe weiß bereits seit der späten Antike Reinheit, Unschuld und Tugend.

Besonders junge Menschen kehren in der europäischen Folklore als Geister in weißen Tüchern zurück, um mit ihrem frühen Tod abzuschließen. Ein beliebtes Motiv in Volkssagen ist der_die Verlobte, der_die keine Ruhe finden kann, bevor die Verlobung nicht gelöst wird, wie in der britischen Ballade “Sweet William’s Ghost“, die in Variationen bis ungefähr 1740 zurückverfolgt werden kann. Auch die “Weiße Frau”, die in vielen europäischen Schlössern und Adelssitzen spuken soll, ist ein beliebtes Motiv. Sie ist entweder selbst Opfer eines Verbrechens geworden oder hat eines begangen und erscheint ebenfalls in ein weißes Gewand gehüllt. 

Im historischen Volksglauben werden Geistererscheinungen jedoch nicht nur von Angst und Unglück begleitet. Eine Begegnung mit einem Geist kann besonders im europäischen Mittelalter auch eine Möglichkeit sein, etwas darüber zu erfahren, was nach dem Tod geschieht: Eine Frage, die uns bis heute umtreibt. Doch trotz allem verliert die Geistererscheinung niemals komplett ihren unheimlichen Charakter: In der europäischen Folklore kann man sich niemals sicher sein, ob man tatsächlich den Geist einer geliebten Person vor sich hat, oder einen bösen Geist oder Dämon, der sich für diesen ausgibt um zu bösen Taten zu verleiten oder anderweitig zu schaden.

“Rules of the Gothic”: Geistererscheinungen im Schauerroman

“Sprich! Sprich!”, John Everett Millais, 1895

Da Geister im europäischen Volksglauben bis ins frühe 19. Jahrhundert sehr präsent waren, sind sie natürlich auch im Schauerroman ein beliebtes Symbol für die Dualität zwischen Leben und Tod. Im späten 19. Jahrhundert kommt ein weiterer Faktor hinzu: Ein neu entdecktes Interesse an Spiritismus, der die Menschen vor die Frage stellte, ob es Geister tatsächlich geben kann und ob sie mit den neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen der Epoche vereinbar – oder gar nachweisbar – sind. Die Existenz von Geistern wurde bis ins frühe 20. Jahrhundert wissenschaftlich diskutiert, was sich natürlich auch auf das Schauerroman-Revival der Epoche auswirkte.

Im Jahr 1929 arbeitete der britische Gothic-Autor M.R. James in seinem Essay “Some Remarks on Ghost Stories” ein paar häufige Tropes des Schauerromans heraus. Ein wichtiger Punkt ist die “pretense of truth”, also das Vortäuschen von Wahrheit: James argumentiert, dass Grusel und Horror am besten funktionieren, wenn den Lesenden ein gewisser realistischer Rahmen suggeriert wird. Das ist bis heute wahr: Im modernen Horrorfilm ist das Found-Footage-Format sehr beliebt, damals gab es Rahmenhandlungen, in denen angedeutet wurde, das Erzählte würde auf alten Dokumenten basieren oder man hätte es von Bekannten gehört, die es erlebt haben.

Ein zweiter wichtiger Punkt in James’ Essay ist die Kunst, das Unerklärte auch unerklärt zu lassen: Im Gothic wird nicht erklärt, woher Geister kommen oder wie sie entstehen und tatsächlich enden viele dieser Geschichten offen. Denn das, was im Schauerroman wirklich gruselt, ist das Unbekannte, Fremde, das nicht leicht verstanden werden kann und je schwammiger es bleibt, umso deutlicher wirkt es nach und umso leichter ist es, das übernatürliche Grauen in der Realität zu verankern. Geistererscheinungen sind ein so beliebtes Stilmittel im Gothic, weil sie nicht nur die Angst vor dem Tod symbolisieren, sondern auch die vor dem Leben – und den Lebenden.

Geister sind im Schauerroman oft allmächtig: Man kann sich nicht vor ihnen verstecken oder über sie triumphieren, die Kontrolle über die Situation liegt allein bei ihnen. Die Geistererscheinung reißt die Held_innen aus ihrem geregelten Alltag und zwingt sie, das Unerklärliche, Unheimliche als ihre neue Realität zu akzeptieren. Nicht selten verkörpern Geistererscheinungen auf diese Weise die Angst vor dem “Anderen”, dem gesellschaftlich nicht akzeptierten, das die Held_innen zwingt die Sicherheit von einem Leben nach gesellschaftlichen Normen und Regeln aufzugeben. Geister stehen also immer auch für das Unausgesprochene, das die Held_innen heimsucht.

“Haunted Pasts, Haunted People”: Die Geistererscheinung als Symbol

“Erscheinung im Walde”, Moritz von Schwind, ca. 1858

Noch etwas abstrakter ist wohl einer der interessantesten Aspekte im Schauerroman: Der Geist, der die Held_innen heimsucht, muss nicht immer eine verstorbene Seele im weißen Leichentuch sein. Bis heute ist es im Gothic- und Horrorroman sehr oft die Vergangenheit selbst, die manchmal in Form einer Geistererscheinung, manchmal deutlich weniger greifbar zurückkehrt und spukt. Alte Familiengeheimnisse und Flüche lasten schwer auf Protagonist_innen, noch viel öfter ist es aber alte Schuld, die nie beglichen wurde, ein schlechtes Gewissen, das sich in Form eines Geistes manifestieren kann oder auf andere Weise heimsucht.

Wie kein anderes Genre spielen Gothic und Horror mit unseren Ängsten, Sehnsüchten und vor allem den dunklen Abgründen unserer Psyche und unserer Gesellschaft. Deshalb lesen wir Horror: Das Genre konfrontiert uns mit allem Düsteren und hilft uns, diese Themen zu verarbeiten, ohne, dass es uns tatsächlich zustoßen muss. Im klassischen Gothic-Roman des 18. und 19. Jahrhunderts war das unter anderem die Angst, dass die als einschränkender und dunkler wahrgenommene Vergangenheit zurückkehren könnte: Geister aus diesen Epochen repräsentieren immer auch diese Vergangenheiten und ihre als rückständig verstandenen Gesellschaftsmuster.

Die Vergangenheit spielt für Geistergeschichten jedoch auch darüber hinaus eine große Rolle, denn hier vereint sich zeitgenössische Literatur immer mit jahrhundertealter Folklore und unserem Bedürfnis, eine längst vergangene Zeit greifbar zu machen. Der Geist im weißen Leichentuch erinnert die Held_innen an alte Schuld und alte Geheimnisse, er erinnert jedoch auch an eine begrabene Epoche, seine Epoche, die unwiderruflich vorbei ist. Ein Stück weit ist jede Geistergeschichte also auch nostalgisch, denn sie spiegelt immer die oft komplizierte Faszination der Gegenwart mit dem, was davor kam, ob gut oder schlecht, und für uns unberührbar geworden ist. 

Die Geistererscheinung steht im Schauerroman also für die Dualität zwischen Leben und Tod – und verwischt die Grenzen zwischen beidem -, aber auch für dunkle Geheimnisse und Vergangenheiten, die zurückkommen können, um uns heimzusuchen, sowie für die Verbindung zwischen der Gegenwart und uraltem Volksglauben, der uns bis heute erhalten geblieben ist. Sie steht auch für einen Kontrollverlust, für überholte gesellschaftliche Muster und für das Akzeptieren dunkler Realitäten, die man nicht für möglich gehalten hätte. Es ist diese vielschichtige Symbolkraft, die den Geist seit Jahrhunderten so fest im Gothic-Genre verankert. 


Weiterlesen:

James, M.R.: Some Remarks on Ghost Stories. 1929.

Parnell, Edward: Ghostland. In Search of a Haunted Country. 2020.

Swanson, R.N.: Ghosts and Ghostbusters in the Middle Ages. 2009.


Beitragsbild: “Symphonie in Weiß 1 (Joanna Hiffernan)”, James McNeill Whistler, 1862 | “Das Haus in Yorkshire”, John Atkinson Grimshaw, 1878

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