Historienromane

“The Corpse Queen” von Heather M. Herrman

Philadelphia, 1850s. After her best friend Kitty msteriously dies, orphaned Molly Green is sent away to live with her wealthy aunt. Ava intends to share her wealth and her secrets with Molly – for a price. She has built her empire by robbing graves and selling the bodies to medical students who need them to practice surgical procedures. Ava wants Molly to help fetch the bodies, but Molly is soon deeply fascinated by the anatomy lessons held by Ava’s friend Dr. Francis LaValle. Molly wants to study anatomy as well but the cost of inclusion is steep with a murderer loose in the city. Soon the pursuit of knowledge and power becomes a deadly dance …


Inhaltswarnung
Graphische Beschreibungen von Leichen, Tod und Obduktionen, Blut/Gewalt, Body Horror, Tod von Kindern, Tod eines Hundes, Ableismus (reflektiert), Suizid, sexualisierter Missbrauch

Meine Gedanken

Wer auf der Suche nach einem unheimlichen Gothic-Leseerlebnis ist, der sollte sich zweimal überlegen, ob “The Corpse Queen” das richtige Buch ist, denn hinter dem düsteren Cover versteckt sich vor allem ein blutiger Medizinthriller mit Anleihen aus dem Horror-Genre. Die tatsächliche historische Praxis des “Body Snatching” um Medizinschulen gegen gutes Geld mit Körpern zum Üben zu versorgen ist leider nur Beiwerk. Im Mittelpunkt steht ein im Genre altbekannter Konflikt: Molly möchte Ärztin werden, doch als Frau im Philadelphia der 1850er Jahre ist ihr das nicht erlaubt. Gleichzeitig muss sie einen Serienmörder stoppen, der junge Frauen tötet.

Heather M. Herrman macht aus dieser Geschichte, die man schon oft gelesen hat, auch leider nichts Neues, doch zumindest kreiert sie eine spannende Geschichte, die ich vor allem des dichten Schreibstils und der düster-makabren Atmosphäre wegen sehr gern gelesen habe. Interessant fand ich vor allem die Philosophie der Grabräuber_innen und des Mediziners LaValle, die den Körper respektieren und von ihm lernen wollen, im Gegensatz zu anderen Figuren, die weniger respektvoll mit den Toten (und den Lebenden) umgehen. Dieser Konflikt schwingt immer mit, sowie einige interessante Gedanken zum Tod und dem gesellschaftlichen Umgang mit ihm.

Historischer Medizinthriller mit Gothic-Atmosphäre

Leichte Kost ist “The Corpse Queen” aber auf keinen Fall, denn nicht nur das Stehlen der Körper wird graphisch und oft blutig beschrieben, auch die Anatomievorlesungen von Dr. LaValle und die Opfer des Serienmörders. Der Roman ist nichts für schwache Nerven und die Einordnung durch den Verlag als Jugendbuch ab zwölf Jahren meiner Meinung nach unverantwortlich. Bis auf Mollys Alter, sie ist siebzehn, ist nichts an den Inhalten für Jugendliche geeignet, viel eher ähnelt der Roman den gängigen historischen Medizinthrillern für Erwachsene, wie zum Beispiel “Die Tinktur des Todes” von Ambrose Perry. Der Roman ist düstere Victoriana durch und durch.

Wer das mag, wird mit “The Corpse Queen” viel Spaß haben, besonders dank des feministischen Blickwinkels, der vielen ähnlichen Titeln oft fehlt und auch gelungen ist. Besonders viel historischen Kontext darf man sich jedoch leider nicht erwarten, denn das Setting – Philadelphia in den 1850er Jahren – bleibt sehr blass und wird auch oft über stark überzeichnete Klischees transportiert. Die Szene, in der Ursula gezwungen wird mit der Leiche ihrer Schwester, der man die Augenlider angenäht hat, für ein Foto zu posieren ist zwar durch und durch makaber, unheimlich und abstoßend, basiert aber auf alten Klischees zu viktorianischen Trauerriten, die zum Augenrollen einladen. 

Auch darüber hinaus sollte man den Roman nicht zu sehr auf Anachronismen und historische Details abklopfen, denn auch die Anatomievorlesungen und vor allem die medizinischen “Fakten” sind im besten Falle zweifelhaft. Der historische Hintergrund ist keinesfalls nur eine Kulisse für die Handlung, doch er wirkt oft leider nur halbherzig oder sogar gar nicht recherchiert. Wie die Gesellschaft dieses Amerikas in den 1850er Jahren – Eine Nation, die sich noch im Aufbau befindet und Europa als Zentrum der westlichen Welt noch nicht überholt hat – funktioniert, bleibt auf der Strecke, viel eher wirkt vieles klischeehaft und aus klassischen Victoriana-Romanen kopiert.

Die eingenähte Krinoline und andere Seltsamkeiten

Links: Krinoline aus Baumwolle und Pferdehaar, ca. 1840er | Mitte: Unterrock aus Baumwolle, ca. 1850er | Rechts: Nachmittagskleid aus Seide, ca. 1855 (Met Museum)

Wir wären nicht auf Zeitfäden, würde ich zur im Roman beschriebenen Kleidung nicht einen kleinen Exkurs machen, denn die ist abenteuerlich und zeugt ebenfalls von mangelnder Recherche. Molly beschreibt ihre Kleidung viel, was mir eigentlich gefallen würde, doch leider schleichen sich immer wieder Anachronismen ein, die mich irritiert haben. So bestehen Mollys Kleider alle aus einem Stück: Mieder, Rock, Krinoline, Unterröcke – alles eingenäht. Die “oberste Lage” Rock besteht “aus Krinoline”. In einer Szene reißt Molly diese obere Lage ab, um sich freier bewegen zu können. So funktioniert Kleidung im gesamten 19. Jahrhundert nicht, denn das wäre durch und durch unpraktisch.

Zu Beginn der 1850er Jahre wird zum Auspolstern der Röcke ein mit Pferdehaar verstärkter Unterrock getragen – Dieser nennt sich Krinoline. Darüber trägt man – separat – Unterröcke. Und darüber kommt das eigentliche Kleid, in der High Society meist aus Seidenstoffen. Diese Unterwäsche – Krinoline, Unterröcke – wird mit allen möglichen Röcken und Miedern getragen und natürlich nicht in jedes einzelne Kleid extra eingenäht. Es ist mir schleierhaft wie ein so großer Recherche-Faux-Pas seinen Lauf nehmen konnte, besonders, da diese Fantasiekleidung so oft erwähnt wird. Aber das ist stellvertretend für den historischen Hintergrund des Romans.

Am Ende ist “The Corpse Queen” ein makabrer, düsterer Medizinthriller mit Gothic-Atmosphäre, der eine altbekannte, aber interessant aufgearbeitete Geschichte erzählt. Ich bereue es nicht den Roman gelesen zu haben und würde ihn Fans des Genres auch vorsichtig empfehlen, besonders solchen, denen der “historisch korrekte” Sexismus im Genre zu viel geworden ist. Richtigen Gothic-Grusel, eine Geschichte über Body Snatching und vor allem ein überzeugendes historisches Setting liefert “The Corpse Queen” aber leider nicht. Als düstere Halloween-Lektüre für zwischendurch macht der Roman aber – wenn man die blutigen Szenen abkann – durchaus Spaß. 


Wer ganz genau wissen möchte, wie Kleidung in den 1850er Jahren funktioniert und aus welchen – separaten – Lagen sie besteht, sollte bei Prior Attire auf Youtube vorbeischauen.


The Corpse Queen | Putnam’s Sons Books, 2021 | 9781984816702 | 416 Seiten | Englisch

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