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Historienromane

“Mercuria” von Michael Römling

Rom, 1570: Gazettenschreiber Michelangelo zieht als Mieter bei der reichen Kurtisane Mercuria ein. Bei einer Raubgrabung stößt er auf ein merkwürdiges Skelett und deckt einen Skandal auf, in dem ein zum Kardinal aufgestiegener Auftragsmörder die Hauptrolle spielt – und Mercuria selbst, die ein furchtbares Geheimnis mit sich herumträgt. Michael Römling entführt uns in das prachtvolle, chaotische, unheilige Rom der Renaissancepäpste und ihrer Kurtisanen. Starke Frauen, skrupellose Männer, Intrigen, Verführung und Gewalt – ein überwältigender Lesetrip.


Inhaltswarnung
Mord/Hinrichtung, sexualisierte Gewalt (erwähnt und thematisiert), queerfeindliche Gesellschaft (erwähnt), Gewalt/Folter (teils graphisch)

Meine Gedanken

“Mercuria” ist ein ungewöhnlicher historischer Roman in dem Sinne, dass er mich stark daran erinnert hat, wie historische Romane einmal waren und wie ich sie mag: Voller bunter historischer Details, mit abenteuerlicher Handlung und vor allem etwas abgedreht. Auf Twitter sage ich öfter, dass ich mir historische Romane zurückwünsche, die sich selbst nicht so ernst nehmen und einfach wild sind und damit meine ich Bücher wie “Mercuria”, den nun zweiten Roman von Michael Römling über die italienische Renaissance nach “Pandolfo” (2019). Dem Autor ist es hier nicht nur gelungen, Rom in der späten Renaissance erneut zum Leben zu erwecken, er nimmt die Epoche, ihre Menschen und vor allem ihre Gesellschaft auch gekonnt auf die Schippe.

Ich-Erzähler ist der junge Gazettenschreiber Michelangelo, der sich mit reißerischen Geschichten sein Geld verdient, doch im Mittelpunkt steht eigentlich jemand anderes: Die ehemalige Kurtisane Mercuria, die jetzt mit über sechzig als reiche Frau lebt und Michelangelo ein Haus vermietet. Zwischen den beiden entsteht eine ungewöhnliche Freundschaft, die dazu führt, dass Michelangelo nach und nach in Mercurias Geheimnisse eingeweiht und in einen lange zurückliegenden Mordfall hineingezogen wird, den es zu lösen gilt: “Mercuria” ist ein bisschen Abenteuerroman, ein bisschen Pastiche, ein bisschen Krimi, aber vor allem geht es um die sorgfältig gezeichneten Figuren, die Zeit, in der sie leben und die Geheimnisse, die sie miteinander verbindet.

Die späte Renaissance: Mercuria und Rom im 16. Jahrhundert

Links: “Sacco di Roma”, ca. 17. Jh. | Rechts: “Anthea”, Parmigianino, ca. 1535

Michelangelos lustige und manchmal auch recht derbe Erzählstimme trägt einen durch die über 500 Seiten als wären es nur halb so viele und macht diesen Roman zu etwas wirklich besonderem: Römling versucht gar nicht erst getragen und altmodisch zu klingeln, wie es im Genre im Moment so beliebt ist. Seine Figuren sprechen wie echte Menschen und er schreibt ein bisschen als säße man Michelangelo gegenüber und ließe sich von ihm Mercurias Geschichte erzählen. So rücken historische Persönlichkeiten und Ereignisse unheimlich nah: Wer die Renaissance bereits gut kennt, wird sich hier wie zuhause fühlen, und wer über diese Zeit noch nicht viel weiß, kann einiges mitnehmen.

Denn trotz des witzigen Schreibstils und der skurrilen Figuren steckt in “Mercuria” sehr viele Geschichte: Historische Ereignisse wie die Plünderung Roms durch außer Kontrolle geratene Söldnerheere im Jahr 1527 oder die Carafa-Affäre 1561 nehmen wichtigen Einfluss auf die Handlung, denn Mercuria war natürlich immer dabei und kann berichten. Vor allem ist “Mercuria” aber eine Geschichte über Rom im Wandel und das Ende der Renaissance: Am Ende von Mercurias Leben werden die einst geschätzten Kurtisanen geächtet und die Moralvorstellungen werden strenger. Auf jeder Seite ist spürbar, dass sich hier eine Epoche dem Ende neigt und das macht die so eigene Atmosphäre des Romans aus.

Positiv hervorheben möchte ich auch, wie positiv Sexworker_innen und ihre Arbeit in diesem Roman behandelt werden. Das ist nicht nur im historischen Roman keine Selbstverständlichkeit. Mercuria als Figur steht zu einem gewissen Teil auch für die Kurtisanen der italienischen Renaissance und für ihre wichtige Stellung innerhalb der Gesellschaft, nicht nur als Musen und Geliebte, sondern vor allem auch als Frauen mit politischer und gesellschaftlicher Macht, die im Verlauf des 16. Jahrhunderts jedoch immer weiter eingeschränkt und unterdrückt wird. Trotz des sehr leichten, oft ironischen Tonfalls des Romans geht er mit diesem Thema in meinen Augen sehr gut um, ebenfalls mit anderen schwierigen Themen wie sexualisierter Gewalt.

Witziger Schreibstil, ernste Hintergründe

Es gibt ein paar Punkte, die ich nicht ganz so gelungen fand und es gibt ein paar typische Genreklischees, allerdings hat mich nichts davon im Kontrast zu all dem Positiven so sehr gestört, dass ich es hier jetzt breitreten möchte, vor allem, da ich bei einigen Punkten auch das Gefühl hatte, dass Klischees zwar einbezogen, aber auch ein Stück weit subvertiert wurden. Ob ich das immer gelungen fand, sei mal dahin gestellt, ich fand es zumindest niemals störend oder gar problematisch. Am Ende ist “Mercuria” ein historischer Roman, in dem nicht nur viel Geschichte, Recherche und Liebe zum Detail steckt, sondern ganz eindeutig auch ein durchdachter, vorsichtiger Umgang mit schwierigen Themen, die im Genre viel zu oft zu lapidar behandelt werden.

Aus diesen Gründen fällt es mir nicht schwer zu sagen, dass “Mercuria” ein Lese-Highlight von 2021 für mich ist. Michael Römling hat einen von Anfang bis Ende spannenden, brüllend komischen und gleichzeitig berührenden Roman geschrieben, der in ein detailliert und authentisch recherchiertes Rom in der späten Renaissance entführt. Skurrile, aber liebenswerte Figuren und vor allem der kritische Blick auf die Epoche, über den sich auch leicht Parallelen zu “Fake News”, Machtmissbrauch und anderen Problematiken in unserer Gegenwart schlagen lassen, runden “Mercuria” ab. Genau so wünsche ich mir historische Fiktion. Ich werde nicht nur auf jeden Fall weitere Romane von Michael Römling lesen, sondern “Mercuria” sicherlich auch recht bald noch einmal.


Mercuria | Rowohlt, 2020 | 978-3-498-00128-5 | 512 Seiten | Deutsch

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