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“Die Senfblütensaga: Zeit für Träume” von Clara Langenbach

Metz, Elsass-Lothringen, 1908: Emma möchte mehr im Leben erreichen, als Ehefrau und Mutter zu sein. Am liebsten würde sie in Straßburg studieren. Stattdessen soll sie mit dem Sohn des Fuhrunternehmers Seidel verkuppelt werden. Emma und Carl sind einander – zu ihrer eigenen Überraschung – sofort sympathisch. Emma ist von Carls Leidenschaft für Aromen und Düfte begeistert und ermutigt ihn, seine eigene Senffabrik zu gründen. Und auch Emmas Unternehmerinnengeist ist geweckt. Während er die Vorbereitungen trifft, lässt Carl Emma an allen Entscheidungen teilhaben, fragt sie um Rat. Aber liebt sie Carl wirklich? Und warum ist sie so fasziniert von Carls Freund Antoine? Mit seinem Charme droht er einen Keil zwischen Emma und Carl zu treiben.


Inhaltswarnung
Sexismus, Antisemitismus, homofeindliche Sprache und Klischees, Tod/Gewalt, sexuelle Gewalt, Feuer

Disclaimer, 29.06.2021: Ich möchte an dieser Stelle anmerken, dass mir die Autorin in den letzten Wochen sehr positiv und sympathisch u.a. auf Instagram aufgefallen ist, wo sie auch mal Stellung zu Problemen im Genre bezieht und diese offen benennt, was sonst kaum jemand macht. Auch, wenn dieses Buch im wahrsten Sinne des Wortes nicht mein Senf war, werde ich ganz bestimmt trotzdem nochmal etwas von der Autorin lesen, denn ich möchte sie gern unterstützen. Wer Familiensagas mag und wem nicht egal ist, wer hinter den Büchern, die man liest, steht, sollte hier also trotz allem zugreifen. 


Mein Senf

Mein erster Gedanke, als ich die Ankündigung zur “Senfblütensaga” von Clara Langenbach gesehen habe, war: Ist das ernstgemeint? Mein zweiter: Kann Senf romantisch sein? Beide Antworten lauten anscheinend “Ja”, denn “Zeit für Träume” ist der erste Teil einer neuen Familiensaga, in der es um ein Familienunternehmen wie kein anderes geht: Senf. Schokoladen-, Tee- und Kaffeehandel sind wohl mittlerweile ausgeleiert, also muss was Neues her, und so treffen wir im Jahr 1905 in Düsseldorf auf Carl. Seit ein vorlautes Mädchen ihm Senfkörner auf den Tisch gelegt hat, weiß er: Senf ist seine Leidenschaft, Senf ist sein Leben. Die Körner stets in der Jackentasche, macht sich Carl daran seinen großen Traum zu verwirklichen: Die eigene Senfmanufaktur.

Klingt unfreiwillig komisch? Ist es leider auch oft, wenn ich mal meinen Senf dazu geben darf. An Carls Seite steht bald Emma, die obligatorische “feministische” Heldin, die eigentlich doch so gern studieren würde, aber nicht darf, ihr Korsett ist zu eng, die Hutnadel sticht ihr in den Kopf, es sind dieselben Klischees, die man in jeder Familiensaga findet, eins zu eins. Emma ist perfekt für Carl, denn Carl ist überzeugt: Er kann keine oberflächliche Frau heiraten, die sich für Schmuck und schöne Frisuren interessiert, er braucht eine bescheidene, die immer ehrlich zu ihm ist und sich für Senf interessiert. Alle Frauen außer Emma sind praktischerweise sowieso als unsympathisch und oberflächlich dargestellt. Bei so vielen Klischees steigt einem irgendwann echt der Senf in die Augen, das sag ich euch.

Mustard Mania: Die Romantisierung des Senfs

Senf ist in diesem Roman nicht nur ein Geschäftsmodell, mit dem ein junger Bürgerlicher zu Ruhm und Ehre kommen möchte, sondern natürlich viel mehr: Ein Held einer Familiensaga macht nichts nur für das Geld, sondern aus Leidenschaft. Was man bei einer Saga über Teehandel noch einigermaßen verstehen kann, wirkte hier leider für mich nicht nur ein bisschen komisch, wenn Carl einen langen Senf darüber macht, wie sehr er Senf liebt, wie schön doch die Körner sind, wie er immer genau die richtige Mischung aus Gewürzen findet und – ich denke mir das nicht aus – wie ihn die Augen seiner Angebeteten an Senf erinnern, denn sie sind braun mit goldenen Sprenkeln darin.

Ich möchte das Buch eigentlich gar nicht so sehr durch den Senf ziehen, aber ich kann nicht anders, denn langsam fühle ich mich als Leserin von dem Genre veralbert. Die immer gleichen Geschichten, die immer gleichen Figuren, mit Mühe in ein historisches Setting gezwungen, das wirkt als hätte die Recherche allein daraus bestanden, andere Bücher aus dem gleichen Genre zu lesen. Dazu eine Liebesgeschichte, ein altbackenes Weltbild und natürlich ein bisschen sexualisierte Gewalt und LGBTQ-Feindlichkeit (hier zumindest reflektiert dargestellt), denn “damals war das halt so”, völlig konsequenzlos für die Täter_innen, die teils POV-Figuren sind. Das ist ganz großer Senf, der besorgniserregend oft im Genre zu finden ist.

Senf beiseite: Am Ende macht “Zeit für Träume” nichts neues und das habe ich auch eigentlich nicht erwartet. Das Genre recyclet seit Jahren dieselben Klischees, Archetypen und Plots und auch dieser Roman lässt sich problemlos in die alten Muster einordnen: Die junge Frau, die sich mit dem vorgezeichneten Leben als Ehefrau nicht zufrieden gibt. Der junge Mann, der seinem Vater nicht gut genug ist, das Familienunternehmen zu übernehmen. Derselbe platte “Feminismus”, bei dem nicht systematische Unterdrückung angeprangert wird, sondern höchstens mal wie störend das Kleid ist, bis sich vor lauter Freiheit die Hochsteckfrisur gelöst wird, während alle anderen Frauen dämonisiert werden (Die Mutter ist kalt und lieblos, die Nachbarin gehässig, die eigentliche Freundin plötzlich hinterhältig…).

Diesem Senf fehlt die Würze

Darüber hinaus scheint auch hier wie so oft jegliches tiefere Verständnis für die Epoche zu fehlen. Die Autorin kann Fakten (oder was man dafür hält) über Metz um 1900, das Frauenstudium und natürlich Senf widergeben, aber das Verständnis für den Zeitgeist und die gesellschaftlichen Regeln der späten Kaiserzeit und Belle Époque ist einfach nicht da, sodass das Setting blutleer und trocken bleibt (wozu ich fairerweise sagen muss, dass das auch an den Vorgaben des Genres liegen kann und nicht zwingend an der Autorin gescheitert sein muss). Selbst Käthe Bergmann, die angeblich streng auf Konventionen achtet, begeht deshalb einen sozialen Faux Pas nach dem anderen, gesellschaftliche Grenzen gelten immer nur dann, wenn es für den Plot gerade genehm ist, ansonsten tanzt Emma auf Bällen des Wirtschaftsbürgertums.

Emmas gesellschaftlicher Stand bleibt sowieso vage: Ihre Mutter besitzt nur ein gutes Kleid, der Vater ist “nur” Kanzlist, man hat nicht einmal eine Haushälterin und jeden Abend gibt es gestampfte Kartoffeln (sogar ohne Senf), aber man verkehrt in den höchsten Kreisen und hofft auf eine Hochzeit Emmas in die wirtschaftsbürgerliche Familie Seidel, die lebt wie die Senfmacher des Papstes und Pariser Mode und teure Kunst in ihrer neu erbauten Villa hortet. Das ganze Buch über habe ich mich gefragt, weshalb ständig reiche, gutbürgerliche Familien ihre Söhne mit Emma – keine Mitgift, kein guter Name, kein Garnichts – verheiraten wollten. Und das war längst nicht der einzige Punkt, der historisch mehr als fragwürdig daherkam. 

Das nehme ich dem Buch – und dem Genre – am Ende noch am übelsten: Klischees statt lebendiger Geschichte, leere Schauplätze statt interessanter Details zum Leben in dieser Epoche, schwammiges Herumeiern immer dann, wenn wirklich Kenntnis von Zeitgeist, Gepflogenheiten, Trends und vor allem sozialen Regeln und Grenzen gefragt wäre. Ich glaube der Autorin, dass sie, wie sie im Nachwort berichtet, viel Literatur aus der Epoche gelesen und recherchiert hat, wie viel eine Brezel im Jahr 1905 gekostet hat. Aber solche trockenen Fakten machen lange keinen historischen Roman. Wenn der Zeitgeist der Epoche nicht durchschimmert, wenn ich das Gefühl bekomme, das Verständnis dafür, wie diese Menschen gelebt haben, fehlt komplett, dann ist mir die Brezel am Ende auch völlig Senf. 

Ich bin mit meinem Senf am Ende

Ich mache mir langsam wirklich Gedanken darüber, wie all diese Bücher das Geschichtsverständnis der Leser_innen verzerren, denn mit der echten Jahrhundertwende haben diese klischeebelasteten Romane wirklich nicht mehr viel zu tun. Diese spannende, progressive Zeit, immer wieder heruntergebrochen auf alte Tropes von strengen sozialen Regeln, Frauen als Hausfrauen und Mütter in zu engen Korsetts, Nachmittagstee und erzwungenen Ehen. Zugegeben, ich lasse meinen Frust über das Genre als kollektiv enttäuschend gerade an einem einzelnen Buch aus. Aber, wenn ich ehrlich sein soll, hat das Genre mit diesem Buch wirklich den Senf überzuckert, denn hier finden sich nun einmal leider die allermeisten dieser Klischees zusammen. 

Über 500 Seiten leere Klischees, leere Dialoge und leere Szenen später, die alle auf die Liebesgeschichte hinauslaufen, die man von Anfang an kommen sieht, frage ich mich einmal mehr, was genau ich jetzt eigentlich gelesen habe. Auf jeden Fall keine interessante Familiensaga mit authentischem historischen Setting. Auch keine Coming-of-Age-Geschichte einer vielschichtigen Heldin. Nicht einmal viel über Senf habe ich gelernt, denn nach den ersten paar Kapiteln ist’s mit dem Senf auch erstmal vorbei, weil das Buch sich auf konstruierte Dramen, “Skandale”,  Familienfehden und die eiskalte Liebesgeschichte konzentriert. Aber wie sagte Karl May noch? “Die Liebe ist der Senf für die Pfeffergurke des Lebens.” Na dann. Mal sehen, was für Senfblüten das Genre in Zukunft noch treibt. 


Zeit für Träume | Die Senfblütensaga #1 | Fischer, 2021 | 978-3-596-70083-7 | 528 Seiten

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