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“The Irregulars”: Netflix, Sherlock Holmes und die Romantisierung historischer Armut

Auf Netflix streamt seit ein paar Tagen die britische Young-Adult-Serie “The Irregulars”, hier in Deutschland als “Die Bande aus der Baker Street”. Das historische Horror-Format will mitnehmen in ein viktorianisches London, in dem eine Gruppe ärmster Teenager übernatürliche Kriminalfälle löst, während ein gewisser Dr. John Watson im Hintergrund die Füße hochlegt und sich an den gelösten Verbrechen bereichert. Ein interessantes Konzept, an sich, vor allem des inklusiven Castings wegen, das historischen Stoffen im Jahr 2021 immer gut steht. Doch leider bietet die Serie vor allem eines und das sind alte Klischees zum viktorianischen Zeitalter und ein eher romantisiertes Bild von Armut.

“The Irregulars” funktioniert an sich nach derselben Formel wie die meisten historisch inspirierten Erfolgsserien der letzten Jahre: Das Setting ist düster, Armut ist schmutzig und es fließt eine Menge Blut. Das “Game of Thrones”-Prinzip zieht anscheinend immer noch. Und auch Meisterdetektiv Sherlock Holmes zieht noch, denn obwohl dieser Sherlock (Henry Lloyd-Hughes) und Dr. Watson (Royce Pierreson) mit den Originalen nur noch periphär etwas zu tun haben, ist der subversierte Sherlock Holmes, der beinahe schon unsympathisch ist, natürlich der Selling Point der Serie. Geht das auf? Wenn man mich fragt, leider nicht wirklich, denn dieses viktorianische London ist so sehr romantisiert, dass es fast schon unangenehm ist.

Victoriana-Ästhetik gegen Victoriana-Realitäten


“The Irregulars” streamt seit dem 26. März 2021 auf Netflix

“The Irregulars” setzt sehr auf seine Ästhetik und weniger auf Substanz. Die vier Jugendlichen von der Baker Street haben zerzauste Haare und immer Schmutz im Gesicht und leben in einer Wohnung, die sie als “Kellerloch” bezeichnen, das aber so geräumig ist, dass es sich im echten viktorianischen London wohl mehrere Familien geteilt hätten. Boho-Lagenlook trifft auf typische Victoriana, unterlegt ist das ganze mit Elektro-Pop, der eher in Tiktok-Videos passen würde, und der Love Interest der armen, aus dem Arbeitshaus geflohenen Beatrice (Thaddea Graham) ist kein geringerer als Prinz Leopold (Harrison Osterfield), im wahren Leben jüngster Sohn Queen Victorias. 

Diese Serie macht von Anfang an klar: Sie hat überhaupt keinen Anspruch auf historische Authentizität. Auf der einen Seite ist das erfrischend, auf der anderen problematisch. Denn während ein Sohn der Königin ungehindert aus dem Palast spaziert um sich in ein Straßenmädchen zu verlieben, wird – wie gewohnt – an anderer Stelle doch wieder auf “So war das damals eben” gepocht, wenn es um sexualisierte Gewalt und LGBTQ-Feindlichkeit geht (die sich übrigens unangenehm aufdringlich in Form von schädlichen Tropes durch alle acht Folgen zieht). All das wird schummrig beleuchtet, während über schmutzigen Straßen tausende Schornsteine Rauch in den Himmel spucken. 

“Racist against posh people”: Armut als stilistisches Stilmittel

Links: Blumenverkäuferinnen, Covent Garden, London, 1877 | Mitte: Milchverkäuferin, London, 1864 | Rechts: Blick in den Slum in Market Court, Kensington, London, 1860er

Ein weiteres Klischee, dass sich “The Irregulars” nicht ausgedacht hat, dass sich aber durch das Victoriana-Genre und die Serie zieht, ist die romantisiert dargestellte viktorianische Armut. Die vier Jugendlichen werden als so arm präsentiert, dass sie kurz davor sind auf der Straße leben zu müssen, besitzen aber alle mehrere Outfits, der eher an Boho-Chic erinnert und in jeder Ecke des “Kellerlochs” brennen teure Bienenwachskerzen, während im Loftbett von Bea und Jessie (Darci Shaw) liegen mehrere Decken und Kissen mit Samtbezug. Keine_r der Jugendlichen arbeitet, jeden Tag wird ausgeschlafen und irgendwie reicht es trotzdem immer für die Miete für den Keller.

Dass Armut für “The Irregulars” nur ein Stilmittel ist, dass sich gut in die schmutzig-düstere Victoriana-Ästhetik einfügt, wird spätestens klar, wenn die Serie sich an einem politischen Kommentar versucht. Als Prinz Leopold zu der Bande stößt, lässt Billy (Jojo Macari) einen abfälligen Kommentar fallen, woraufhin Jessie sagt, er sei “rassistisch gegen reiche Leute”. Diesen Vorwurf weist Billy sofort von sich: Er habt nichts gegen reiche Menschen. Die extreme Armut im viktorianischen London, unter anderem verursacht durch Ausbeutung durch die “bessere” Gesellschaft, ist der Serie nur einen schnellen Witz wert, und das ist vorm historischen Hintergrund kritisch, aber vor allem auch, wenn man bedenkt, dass Großbritannien immer noch ähnliche Probleme hat. 

Diese Romantisierung von Armut stößt mir natürlich nicht nur in dieser Serie auf, denn sie zieht sich durch das Genre wie der sprichwörtliche rote Faden und sie begleitet uns tatsächlich schon seit dem 19. Jahrhundert. “Arm sein” und Leid als romantischer Zustand, arme Londoner:innen als noble Held:innen, die ihr Armsein ertragen und natürlich keinen Groll gegen reiche Menschen hegen, die in vielen Fällen von ihrer Armut profitieren. Das sind Symbole, die sich bereits in den “Social Novels” der viktorianischen Ära zeigen. Im Verlauf der Industriellen Revolution wuchs nicht nur die Armut an, es entstand auch ein Interesse des gehobenen Bürgertums und Adels an in Armut lebenden Menschen, das sich bald zu einer Faszination entwickelte, die wir bis heute spüren. 

Armut im 19. Jahrhundert, gefiltert durch moderne Medien

Little Collingwood Street im Osten Londons, ca. 1900

Armut galt über weite Teile des 19. Jahrhunderts als etwas Selbstverschuldetes: Wer arm war, galt als schlechter Charakter, der nicht bereit war genug zu arbeiten, um nicht mehr arm zu sein. Vor einem gesellschaftlichen System, dass es Menschen unmöglich machte aus der gesellschaftlichen Gruppe, in die sie hineingeboren waren, auszubrechen, wurden oft die Augen verschlossen. Erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts entstand ein neues Bewusstsein für Armut, besonders Kinderarmut (Im Jahr 1848 lebten rund 30.000 obdachlose Kinder in London), ausgelöst durch soziale Studien wie den Armutsreportagen von Henry Mayhew (1849) oder auch Social Novels wie “Oliver Twist” (1838) von Charles Dickens. Wer Geld hatte, wollte nun helfen: Wohltätige Vereine und Events zum Spendensammeln kamen in Mode.

Gleichzeitig entstand natürlich dieses sehr romantisierte Bild von Armut, das wir in vielen historischen Serien und Romanen finden: Der arme Mensch nicht länger als schlechter Charakter, sondern als Opfer des Schicksals, über dessen Leid man in schockierter Betroffenheit schwelgen sollte. Auch das begleitet uns bis heute und wird oft als “trauma porn” bezeichnet: Das Weiden am oft reißerisch dargestellten Leid anderer Menschen unter dem Deckmantel der Betroffenheit. Auf der einen Seite entstand also ein neues Bewusstsein für Armut und der Wille zu helfen, um die Lebenssituationen anderer zu verbessern. Auf der anderen Seite fand jedoch auch eine Romantisierung von Armut statt, die in vielen Romanen des 19. Jahrhunderts spürbar ist. 

Serien wie “The Irregulars” nutzen ganz ähnliche Motive, wie zum Beispiel Schmutz im Gesicht und verfilzte Haare als Zeichen für Armut, eine Darstellung, die schon beinahe respektlos ist, denn auch ärmste Menschen besaßen Waschschüsseln und wollten sich sauber und gepflegt fühlen. Das interessanteste Motiv ist jedoch Prinz Leopold, der umgeben von seinen Reichtümern in Buckingham Palace wie im goldenen Käfig gezeigt wird. Er möchte seine dutzenden Geburtstagsgeschenke nicht, er möchte den Palast verlassen und die “richtige Stadt” kennenlernen. Armut ist für ihn wie ein Abenteuer, in dem er Selbstverwirklichung und Freiheit findet, die ihm als reichem Jungen verwehrt bleibt: So paradox es auch ist, auch dieses Motiv ist beliebt.

Das alles ist kein Problem dieser einen Serie: Viel eher ist sie der neuste Vertreter von etwas, das sich durch unzählige historische Medien zieht. Muss eine Unterhaltungsserie über einen moralisch grauen Sherlock Holmes Kritik am viktorianischen – und aktuellen – britischen Gesellschaftsbild üben? An sich nicht. Ist es angebracht eine romantisierte Version von viktorianischer Armut zu zeigen, die beinahe schon erstrebenswerter wirkt als Leopolds Leben in Saus und Braus? Natürlich nicht. Aber “The Irregulars” bleibt auf sicherem Boden: Armut ist schon irgendwie okay, sie ist gemütlich im mit Samtkissen gefüllten Keller, solang niemand “rassistisch gegen reiche Leute” wird. Denn wo kämen wir hin, wenn jemand tatsächlich versuchen würde, die Schere zwischen arm und reich zu schließen, die unser romantisches Bild vom viktorianischen London so sehr prägt?


Beitragsbild: Detail aus “Nameless and Friendless”, Emily Mary Osborne, 1857


Mehr zum Thema:

Paris 1899 | Das kriminelle Kind: Armut, Kindheit und Industrielle Revolution 

Paris 1899 | Kleidung, Mode und ihre Bedeutung für ärmere Menschen im 19. Jahrhundert

Betensky, Carolyn: Feeling for the Poor. Bourgeois Compassion, Social Action, and the Victorian Novel. 2010.

Mayhew, Henry: The London Underground in the Victorian Period. 2005.

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1 Comment

  • Reply Blogophilie März 2021 | Miss Booleana

    […] „The Irregulars“, Sherlock Holmes und die Romantisierung historischer Armut Auf Zeitfäden schildert Katlin (nicht nur) am Beispiel der jüngst veröffentlichten Netflix-Serie den sogenannten „Trauma Porn“ (und alles was daran falsch ist) […]

    11. April 2021 at 10:00
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