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Essays

“The Irregulars”, Sherlock Holmes und die Romantisierung historischer Armut

Seit ein paar Tagen streamt auf Netflix die britische Serie “The Irregulars”, hier in Deutschland als “Die Bande aus der Baker Street”. Das historische Mystery-Format will mitnehmen in ein London um 1890, in dem eine Gruppe bitterarmer Teenager übernatürliche Kriminalfälle löst, während ein gewisser Sherlock Holmes im Hintergrund die Füße hochlegt und den Ruhm für die gelösten Verbrechen einheimst. Ein interessantes Konzept, an sich, vor allem des inklusiven Castings wegen. Doch leider bietet die Serie vor allem eines an und das sind alte Klischees zum spätviktorianischen London und vor allem ein eher romantisiertes Bild von Armut, das mir schon nach der ersten Folge so schwer im Magen lag, dass ich an den abstrusen Plots kaum noch Spaß hatte.

An sich funktioniert “The Irregulars” nach derselben Formel wie die meisten historischen Erfolgsserien der letzten Jahre: Das Setting ist düster und gefährlich, Armut ist schmutzig und es fließt eine Menge Blut. Das “Game of Thrones”-Prinzip bleibt auch nach zehn Jahren beliebt und wird uns wohl auch in Zukunft noch lange erhalten bleiben. Und auch die Anziehungskraft des Meisterdetektivs Sherlock Holmes funktioniert noch, denn obwohl Sherlock (Henry Lloyd-Hughes) und Dr. Watson (Royce Pierreson) in dieser Serie nur Nebenrollen spielen, ist der subversierte Sherlock Holmes, der beinahe schon ein Bösewicht ist und eine Gruppe ärmster Jugendlicher ausnutzt, natürlich der Selling Point der Serie, der die Zuschauer:innen dazu verleiten soll, sie zu streamen. 

Sherlock und die “Irregulars”: Victoriana-Klischees in Hochform

Die “Irregulars” von der Baker Street

Mein Fazit nach der ersten Folge fiel auch eher wohlwollend aus: Als ich als Jugendliche angefangen habe mich für das viktorianische Zeitalter zu interessieren, vor allem auch für Gothic und Mystery, hätte ich diese Serie wohl geliebt. Und ich denke für Fans der Victoriana-Ästhetik, die sich darüber hinaus nicht unbedingt mit der Epoche befassen wollen, wird die Serie auch funktionieren. Für mich ist “The Irregulars” aber leider einfach zu viel Ästhetik und zu wenig Substanz, denn vom echten viktorianischen London sieht man hier sehr wenig. An sich ist das in Ordnung, denn solche kreativen Entscheidungen passieren selten aus Versehen. “The Irregulars” stößt aber in vielem an den Punkt, an dem ich mich frage, weshalb für die Serie überhaupt ein historischer Hintergrund gewählt wurde. 

Die vier Hauptfiguren sprechen wie moderne Jugendliche und das ist selten charmant und meistens eher unangenehm. Gleich zu Beginn der ersten Folge zieht Jessie (Darci Shaw) ihre 17-jährige Schwester Bea (Thaddea Graham) damit auf, dass sie sich noch nicht für Jungs interessiert als stünden die beiden im Flur einer Londoner Schule und nicht im seltsam luxuriösen Kellerloch (dazu später mehr), in dem sie wohnen. Unterlegt ist das ganze mit Elektro-Pop, der eher zu Tiktok-Videos passen würde als zu London um das Jahr 1890, und die Kostüme sehen zwar gut aus, gehen aber deutlich mehr in Richtung Boho-Chic als das sie die vier von der Baker Street aussehen lassen würden wie tatsächlich verarmte Jugendliche, die sogar aus einem Arbeitshaus geflohen sind. 

Die wohl merkwürdigste Entscheidung, die hier getroffen wurde, ist aber in meinen Augen die Wahl des Prinzen Leopold, im echten Leben jüngster Sohn Königin Victorias, als Beas Love Interest: Leopold (Harrison Osterfield) darf Buckingham Palace eigentlich nicht verlassen, spaziert aber ungehindert einfach aus dem Palast und schließt sich den Vieren von der Baker Street an, nachdem er sich nach einem Blick in Bea verliebt hat. Dass bitterarme Frauen in Histo-Medien Herzöge und Earls als Love Interests an die Seite gestellt bekommen, ist nichts neues, ein real existierender Prinz als Aushilfsdetektiv und Boyfriend legt aber nochmal eine Schippe oben auf und ergibt auch leider kaum Sinn, denn der echte Leopold verstarb 30-jährig 1884. Die Sherlock-Holmes-Geschichten spielen aber in den 1890ern.

Der Serie ist das egal und das ist okay. Sie möchte uns kein authentisches spätviktorianisches London zeigen, sondern vier Teenager im Boho-Look, die übernatürliche Fälle lösen. Persönlich hätte ich mir ein bisschen mehr richtige Victoriana und weniger Klischee-Ästhetik gewünscht, denn am Ende sieht “The Irregulars” eben doch aus wie so viele ähnliche Serien zuvor: Schmutzige Straßen im Kerzenlicht (ich habe keine einzige Gaslampe gesehen), die Kathedrale St. Paul’s erhebt sich dräuend am Horizont, aus tausenden Schornsteinen quillt Rauch und es gibt sogar einen Bare-Knuckle-Boxkampf im schummrigen, überfüllten Kellerclub, ähnlich inszeniert wie in den Sherlock-Holmes-Filmen von Guy Ritchie (2009), die uns sowieso all diese Klischees auch schon serviert haben.

Armut und soziale Ungerechtigkeiten als ästhetisches Stilmittel?

Schwer im Magen liegt mir aber eher die Darstellung von viktorianischer Armut, die sich “The Irregulars” nicht ausgedacht hat, die aber durch beinahe alle Victoriana-Medien geistert. Die vier Jugendlichen werden uns als so arm präsentiert, dass sie kurz davor sind auf der Straße leben zu müssen: Sie hausen in einer Wohnung, die von Billy (Jojo Macari) als “Kellerloch” bezeichnet wird, haben verfilzte, schmutzige Haare und immer Dreck im Gesicht. Gleichzeitig ist das “Kellerloch” aber sehr geräumig – So geräumig, dass im wahren Leben wohl mehrere arme Familien gleichzeitig dort gelebt hätten. In jeder Ecke brennen mehrere teure Bienenwachskerzen und im Loftbett, das sich Jessie und Bea teilen, liegen eine Handvoll Kissen mit Samtbezug. 

Jede:r der Jugendlichen besitzt außerdem eine ganze Garderobe an Kleidungsstücken zum Wechseln und Kombinieren und zudem sogar Accessoires: In einer Szene hängt eine Uhrenkette aus Spikes (McKell Davis) Jackentasche. Die typische Victoriana-Ästhetik schlägt hier so sehr durch, dass das Gezeigte in Kombination mit dem Gesagten kaum noch Sinn ergibt. Deutlich unangenehmer finde ich jedoch den Umgang mit sozialen Unterschieden, die im viktorianischen London täglich spürbar waren. Als Prinz Leopold zu der Gruppe stößt, lässt Billy einige abfällige Kommentare fallen, was ihm von Jessie den Kommentar einbringt, er sei “rassistisch gegen reiche Leute”, woraufhin Billy beteuert, er habe nichts gegen reiche Menschen.

Die ganze Szene ist ein Feuerwerk an Ignoranz, aber einem bitterarmen Jungen den Satz “Ich habe nichts gegen reiche Menschen” in den Mund zu legen, ist der Knaller. Kann man viktorianische Armut zeigen, ohne gleichzeitig ein gesellschaftliches System zu kritisieren, in dem die Schere zwischen sehr arm und sehr reich immer weiter aufklappt? Ich finde nicht. Genau das möchte “The Irregulars” aber tun und schießt damit eindeutig am Punkt vorbei, den die Serie hätte machen können und sollen, indem sie Prinz Leopold, einen der reichsten Jungen der Welt in dieser Zeit, mit ins Boot holt. Stattdessen sind diese extremen sozialen Unterschiede nur einen schnellen Witz wert und dann vergessen, während 1848 rund 30.000 obdachlose Kinder in London lebten.

Diese Romantisierung von Armut stößt mir natürlich nicht nur in dieser Serie auf, denn sie zieht sich durch das Genre wie der sprichwörtliche rote Faden und sie begleitet uns tatsächlich schon seit dem 19. Jahrhundert. “Arm sein” und Leid als romantischer Zustand, arme Londoner:innen als noble Held:innen, die ihr Armsein ertragen und natürlich keinen Groll gegen reiche Menschen hegen, die in vielen Fällen von ihrer Armut profitieren. Das sind Symbole, die sich bereits in den “Social Novels” der viktorianischen Ära zeigen. Im Verlauf der Industriellen Revolution wuchs nicht nur die Armut an, es entstand auch ein Interesse des gehobenen Bürgertums und Adels an in Armut lebenden Menschen, das sich bald zu einer Faszination entwickelte, die wir bis heute spüren. 

Armut im 19. Jahrhundert, gefiltert durch moderne Medien

Little Collingwood Street im Osten Londons, ca. 1900

Armut galt über weite Teile des 19. Jahrhunderts als etwas Selbstverschuldetes: Wer arm war, galt als schlechter Charakter, der nicht bereit war genug zu arbeiten, um nicht mehr arm zu sein. Vor einem gesellschaftlichen System, dass es Menschen unmöglich machte aus der gesellschaftlichen Gruppe, in die sie hineingeboren waren, auszubrechen, wurden oft die Augen verschlossen. Erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts entstand ein neues Bewusstsein für Armut, besonders Kinderarmut, ausgelöst durch soziale Studien wie den Armutsreportagen von Henry Mayhew (1849) oder auch sogenannten Social Novels wie “Oliver Twist” (1838) von Charles Dickens. Wer Geld hatte, wollte nun helfen: Wohltätige Vereine und Events zum Spendensammeln kamen in Mode.

Gleichzeitig entstand natürlich dieses sehr romantisierte Bild von Armut, das wir in vielen historischen Serien und Romanen finden: Der arme Mensch nicht länger als schlechter Charakter, sondern als Opfer des Schicksals, über dessen Leid man in schockierter Betroffenheit schwelgen sollte. Auch das begleitet uns bis heute und wird oft als “trauma porn” bezeichnet: Das Weiden am oft reißerisch dargestellten Leid anderer Menschen unter dem Deckmantel der Betroffenheit. Auf der einen Seite entstand also ein neues Bewusstsein für Armut und der Wille zu helfen, um die Lebenssituationen anderer zu verbessern. Auf der anderen Seite fand jedoch auch eine Romantisierung von Armut statt, die in vielen Romanen des 19. Jahrhunderts spürbar ist. 

Serien wie “The Irregulars” nutzen ganz ähnliche Motive, wie zum Beispiel Schmutz im Gesicht und verfilzte Haare als Zeichen für Armut, eine Darstellung, die schon beinahe respektlos ist, denn auch ärmste Menschen besaßen Waschschüsseln und wollten sich sauber und gepflegt fühlen. Das interessanteste Motiv ist jedoch Prinz Leopold, der umgeben von seinen Reichtümern in Buckingham Palace wie im goldenen Käfig gezeigt wird. Er möchte seine dutzenden Geburtstagsgeschenke nicht, er möchte den Palast verlassen und die “richtige Stadt” kennenlernen. Armut ist für ihn wie ein Abenteuer, in dem er Selbstverwirklichung und Freiheit findet, die ihm als reichem Jungen verwehrt bleibt: So paradox es auch ist, auch dieses Motiv ist beliebt.

Das alles ist kein Problem dieser einen Serie: Viel eher ist sie der neuste Vertreter von etwas, das sich durch unzählige historische Medien zieht. Muss eine Unterhaltungsserie über einen moralisch grauen Sherlock Holmes Kritik am viktorianischen – und aktuellen – britischen Gesellschaftsbild üben? An sich nicht. Ist es angebracht eine romantisierte Version von viktorianischer Armut zu zeigen, die beinahe schon erstrebenswerter wirkt als Leopolds Leben in Saus und Braus? Natürlich nicht. Aber “The Irregulars” bleibt auf sicherem Boden: Armut ist schon irgendwie okay, solang niemand “rassistisch gegen reiche Leute” wird. Denn wo kämen wir hin, wenn jemand tatsächlich versuchen würde, die Schere zwischen arm und reich zu schließen, die unser romantisches Bild vom viktorianischen London so sehr prägt?


Ansehen? “The Irregulars” mag an denselben Minuspunkten leiden wie so viele Victoriana-Medien, kann aber Spaß machen, wenn man bereit ist darüber hinwegzusehen. Erwartet euch deutlich mehr Victoriana-Ästhetik und Gothic-Klischees als eine interessante Darstellung der Epoche, dann zünden die teilweise wirklich abstrusen Plots. Positiv hervorzuheben ist auf jeden Fall auch der inklusive Cast. Die Serie nimmt sich selbst nicht allzu ernst, was die kritischen Aspekte nicht in Ordnung macht, aber es zumindest leichter macht sie als reine Victoriana-Unterhaltung hinzunehmen. Wer sich mehr historischen Hintergrund wünscht, wird sich aber wohl nicht mit der Serie anfreunden können.  


Beitragsbild: “Armut und Reichtum”, William Powell Frith, 1888


Mehr zum Thema:

Paris 1899 | Das kriminelle Kind: Armut, Kindheit und Industrielle Revolution 

Paris 1899 | Kleidung, Mode und ihre Bedeutung für ärmere Menschen im 19. Jahrhundert

Betensky, Carolyn: Feeling for the Poor. Bourgeois Compassion, Social Action, and the Victorian Novel. 2010.

Mayhew, Henry: The London Underground in the Victorian Period. 2005.

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1 Comment

  • Reply Blogophilie März 2021 | Miss Booleana

    […] „The Irregulars“, Sherlock Holmes und die Romantisierung historischer Armut Auf Zeitfäden schildert Katlin (nicht nur) am Beispiel der jüngst veröffentlichten Netflix-Serie den sogenannten „Trauma Porn“ (und alles was daran falsch ist) […]

    11. April 2021 at 10:00
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