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“Die Fotografin: Am Anfang des Weges” von Petra Durst-Benning

Minna Reventlow, genannt Mimi, war schon immer anders als die Frauen ihrer Zeit. Es ist das Jahr 1911, und während andere Frauen sich um Familie und Haushalt kümmern, hat Mimi ihren großen Traum wahr gemacht. Sie bereist als Fotografin das ganze Land und liebt es, den Menschen mit ihren Fotografien Schönheit zu schenken. Als ihr geliebter Onkel Josef erkrankt, zieht sie in das kleine Leinenweberdorf Laichingen, um vorübergehend sein Fotoatelier zu übernehmen. Ihm zuliebe verzichtet sie nicht nur auf ihre Unabhängigkeit, sondern sieht sich in Laichingen zunächst auch den misstrauischen Blicken der Dorfbewohner ausgesetzt, da sie mehr als einmal mit ihrem Freigeist aneckt…


Inhaltswarnung
Alkoholismus, Gewalt gegen Jugendliche, Erwähnung und Thematisierung von Depressionen/Burn Out

Meine Gedanken

Ich weiß nicht recht was ich von “Die Fotografin” erwartet habe. Aufgemacht ist der Roman leider wie so viele Romane in letzter Zeit und der Klappentext hat mich zuerst auch abgeschreckt. Tatsächlich verbirgt sich hinter den 0815-Formulierungen, die man auf so vielen Büchern der letzten Jahre findet, aber ein eher klassischer Historienroman, wie ich sie in letzter Zeit so vermisse: Im Mittelpunkt steht die Wanderfotografin Mimi Reventlow, aber vor allem geht es um den Konflikt zwischen Alt und Neu im sehr frühen 20. Jahrhundert, um die Gesellschaft dieser Epoche und um den Aufbruch in ein neues Zeitalter und das Brechen mit alten Traditionen.

Im Jahr 1911 ist Mimi Anfang dreißig und reist als mondäne Wanderfotografin durch die großen Städte der späten Kaiserzeit in Deutschland. Sie ist eine klassische “New Woman” und hat mich in dieser Rolle als fortschrittliche Frau der Epoche, die gleichzeitig nicht zu modern wirkt, wirklich überzeugt. Als ihr geliebter Onkel schwer erkrankt, lässt sich Mimi für ein paar Wochen in Laichingen, einem kleinen Ort in Süddeutschland, nieder. Hier, wo edles Leinen gewebt wird, steht Tradition an erster Stelle, doch einige Menschen, wie die bitterarme Webersfrau Eveline und ihr 15-jähriger Sohn Alexander, der Künstler werden möchte, sehnen sich nach Veränderung.

Zwischen Feel Good und historischen Realitäten

Links: Frau mit Kamera, ca. 1900 | Rechts: Postkarte aus Laichingen, 1902

Petra Durst-Benning ist hier eine sehr interessante Mischung aus Feel Good und richtigem Historienroman gelungen, denn während Mimi von der Schönheit der Fotografie schwärmt und für ihren Onkel lernt wie man eine Suppe kocht, rückt die Autorin auch Mimis wachsendes Bewusstsein für die Ungerechtigkeiten ihrer Gesellschaft in den Fokus: Das ländliche Laichingen ist Sitz mehrerer großer Webereien, in denen Weber:innen ausgebeutet werden. Während einige bis zu zwölf Stunden am Webstuhl sitzen, besticken andere – meist Frauen – in Heimarbeit für einen Hungerlohn körbeweise Leinen, das dann teuer weiterverkauft wird.

Die Autorin gibt dem im Genre im Moment so beliebten Konflikt Substanz zurück: Auch hier geht es darum sich selbst gegen alle Konventionen zu verwirklichen, aber in historisch authentisch. Es geht um Klassengrenzen, Ausbeutung, wachsenden Kapitalismus und darum, was das mit Menschen macht. Alexander, der Kunst studieren möchte, sieht sich der Tradition wegen gezwungen Weber zu werden wie sein Vater. Seine Mutter Eveline, reich aufgewachsen, hat aus Liebe einen einfachen Weber geheiratet und ist jetzt desillusioniert und bitter. Mimi selbst ist die berühmte Fotografin, stößt aber in Laichingen ihrer modernen Ansichten wegen auf Ablehnung und Misstrauen.

Die interessanteste Figur kam leider in Band eins nur kurz vor: Hannes, der aus Amerika zurückgekehrte Auswanderer, der jetzt leidenschaftliche Reden schwingt und für die Gründung von Gewerkschaften argumentiert. “Die Fotografin” ist an sich kein ernster Roman. Er lässt sich leicht weglesen und nimmt sich vor allem auch nicht selbst zu ernst, der Stil ist manchmal beinahe schon etwas ironisch. Aber es gelingt der Autorin den Roman mit Substanz zu füllen, mit gelungenen Details zur Fotografie um 1910, zum Leben als Weber:in, zur Ausbeutung von Arbeiter:innen in dieser Epoche und zu gesellschaftlichen Unterschieden und Ungerechtigkeiten. 

Historien-Soap vor authentischem Hintergrund

Am Ende macht “Die Fotografin” genau das, was ich im historischen Roman so oft vermisse: Es gibt viel historisches Detail, das lebendig in die Handlung eingewoben (haha) ist, und vor allem gibt es eine Handlung. Das mag jetzt sehr deutlich formuliert klingen, aber ich habe in letzter Zeit so viele Historienromane gelesen, die zu 90% aus Füllmaterial bestanden, dass ich es positiv hervorheben möchte: “Die Fotografin” bringt interessante, dreidimensionale Figuren mit, die über die 450 Seiten eine interessante Wandlung durchlaufen und vor allem viel Konflikt und Drama zwischen diesen Figuren, das die Handlung vorantreibt. 

Mehr erwarte ich von historischen Romanen dieser Art gar nicht: Feel Good, ein paar schöne Lesestunden, aber fundiert recherchiert und mit glaubwürdigem historischen Hintergrund und vor allem ohne Romantisierung von historischen Missständen. Genau das liefert Petra Durst-Benning hier und genau deshalb bin ich so gespannt auf den zweiten Band, wie ich es bei historischen Romanen selten auf eine Fortsetzung bin. Ich möchte wissen, wie es mit diesen Figuren weitergeht und wer seine Ziele erreichen wird und wer vielleicht auch nicht. Wie sich Laichingen und seine Gesellschaft verändern werden. Wie die politischen Veränderungen sich hier niederschlagen.

Im Rahmen des deutschen Historienromans war der erste Band von “Die Fotografin” deshalb tatsächlich ein Highlight für mich: Er macht genau dasselbe, das alle anderen Familiensagas und Schicksalsromane auch machen, aber er macht es – mit Verlaub – in gut. Lockerleichte Feel-Good-Lektüre kann tatsächlich auch gut recherchiert und interessant erzählt daherkommen. Soapwürdiges Drama und Konflikte funktionieren auch vor einem authentischen historischen Hintergrund. Und Figuren können auch mehr sein als Klischees und Archetypen. Ich bin jetzt sehr gespannt, ob Band Zwei der Reihe dieses Niveau halten kann und kann es tatsächlich kaum abwarten Mimis Geschichte weiterzulesen. 


Weitere Meinungen:

Rezension bei Frau Goethe liest


Vielen Dank an BloggerPortal und Blanvalet für das Rezensionsexemplar.


Am Anfang des Weges | Die Fotografin #1 | Blanvalet, 2020 | 978-3-7341-0657-6 | 448 Seiten | Deutsch

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1 Comment

  • Reply Heike

    Das ist eine gut begründete Rezension. Vielen Dank fürs Verlinken. Vermutlich hätte ich sie sonst gar nicht entdeckt.
    Mit dem ersten Band der Fotografinnen-Saga hat Petra Durst-Benning übrigens den Bronzenen Homer (Literaturpreis für historische Romane) vom Jahr 2018 erhalten.

    19. März 2021 at 21:46
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