Besprechungen

“Elbleuchten” von Miriam Georg

Lily Karsten ist Tochter einer der erfolgreichsten Reederfamilien Hamburgs. Sie lebt in einer Villa an der Bellevue und träumt von der Schriftstellerei. Sie glaubt, dass sie ihren Verlobten Henry liebt. An einem heißen Sommertag 1886 hält sie bei einer Schiffstaufe die Rede, als plötzlich eine Windbö ihren Hut in die Elbe weht. Ein Arbeiter soll ihn zurückholen – und gerät in einen grauenhaften Unfall. Jo Bolten lebte als Kind im Elend des Altstädter Gängeviertels, jetzt arbeitet er im Hafen für Ludwig Oolkert, den mächtigsten Kaufmann der Stadt. Jo will bei den Karstens für seinen verletzten Freund um Hilfe bitten, aber er wird kaltherzig abgewiesen. Lily will unbedingt helfen! Also nimmt Jo sie mit in seine Welt, in der der tägliche Kampf ums Überleben alles bestimmt…


Inhaltswarnung
Unfall/Blut/Amputation, Suizidgedanken, Tod/Verlust, Drogenmissbrauch/Überdosis, sexualisierte Gewalt/Missbrauch, graphisch dargestellte Operationen, Rassismus (kaum reflektiert), LGBTQ-feindliche Tropes, Ableismus (reflektiert)

Meine Gedanken

Wenn “Elbleuchten” mir eines gezeigt hat, dann ist es leider, dass ich mehr auf meinen Instinkt hören sollte, was Historienromane angeht. Denn der Roman beginnt mit einer Szene, in der die Heldin in ein “zu enges” Korsett geschnürt wird, in dem sie nicht atmen kann und spürt, wie ihre Organe sich verschieben. Hier dürft ihr euch den ersten langen Seufzer von vielen vorstellen. Das Korsett ist sowieso der große Übeltäter von “Elbleuchten”: Es sorgt unter anderem auch für verformte Wirbelsäulen und für Blut in der Lunge, und drückt der Großmutter Kitty angeblich schon seit sechzig Jahren böse auf die Milz, was wirklich beachtlich ist, wenn man bedenkt, dass der Roman 1886 spielt und das klassische Korsett zu diesem Zeitpunkt noch keine sechzig Jahre existierte.

In Zeiten, in denen Leute wie Morgan Donner oder Karolina Żebrowska diese Korsettmythen nicht nur anschaulich widerlegen, sondern ihre Ergebnisse auch frei zugänglich und leicht zu finden im Internet zur Verfügung stellen, sind Korsettmythen für mich von vorn herein immer ein schlechtes Zeichen. Trotzdem habe ich dem Roman eine Chance gegeben, denn Debütautor:innen wie Miriam Georg bringen auch immer ein bisschen Hoffnung für das sehr staubige Genre des Historienromans mit. Wo sich die altbekannten Namen in den gängigen Mustern festgefahren haben, bietet sich Debütautor:innen die Chance dem Genre etwas Neues zu geben und es ins 21. Jahrhundert zu holen. Tatsächlich habe ich kurz geglaubt, dass Miriam Georg das tun würde. Aber nur kurz.

Zwischen historischem Feminismus und Klischees

“Elbleuchten” wird zwar als “hanseatische Familiensaga” beschrieben, ist aber viel eher die Coming-of-Age-Geschichte der jungen Lily Karsten, die das hübsche Aushängeschild ihrer einflussreichen Reederfamilie ist und bald gut heiraten soll. Lily jedoch kommt in Kontakt mit feministischen und sozialistischen Theorien und beginnt ihre Rolle in der Gesellschaft, ihre eigenen Privilegien und ihren vorbestimmten Lebensweg zu hinterfragen. Klingt gut? Das war es tatsächlich auch. Miriam Georg liefert einmal nicht den hohlen Feminismus der Starken Frau ab, der sich im Historienroman so oft finden lässt, sondern lässt Lily komplex Frauengeschichte leben. Ihr feministischer Zirkel und ihre Freundschaft mit der studierten Emma haben mir am Roman tatsächlich am besten gefallen.

Auch der Blick auf Hamburger Geschichte im späten 19. Jahrhundert (wohlmerklich kurz vor der Choleraepidemie von 1892) und auf das Leben in den Gängevierteln war gelungen. Über den Hafenarbeiter Jo Bolten lernt Lily die Lebensrealität der Arbeiter:innen kennen. Ich rechne es der Autorin hoch an, dass sie hier nichts schönt, aber auch nicht reißerisch darstellt. Sie zeigt Tod, Verlust und Krankheit für die Epoche realistisch auf und zeichnet ein sehr detailliertes Bild dieses “anderen Hamburgs” abseits von Elbchaussee und Bellevue, das man gemeinsam mit Lily kennenlernt. Viel mehr als die Familie Karsten steht hier der Kampf gegen soziale Ungerechtigkeiten im Vordergrund und das fand ich im Kontext zu Lilys Coming of Age spannend zu lesen.

Für die ersten knapp 450 Seiten muss das heißen, denn leider verheddert sich “Elbleuchten” nach einem starken Anfang doch wieder in den staubigen Mustern und Klischees, die das historische Genre aus dem letzten Jahrhundert mit in dieses geschleppt hat. Miriam Georg versucht sich an Kolonialkritik, indem sie darauf aufmerksam macht, wie besonders chinesisch-stämmige Seeleute von Hamburger Reedern ausgebeutet werden. Gleichzeitig zeigt sie die chinesische Bevölkerung Hamburgs aber nur als große Masse und reduziert sie auf hässliche Weise vor allem auf Armut und Opiumhandel, als hätte es im Hamburg der 1880er nicht auch gutbürgerliche chinesische Kaufleute gegeben. Die einzige namentlich genannte chinesische Figur spricht außerdem klischeehaft gebrochenes Deutsch, das deutlich an rassistische Vorurteile erinnert.

Problematische Tropes statt Repräsentation

Achtung. Dieser Abschnitt enthält Spoiler, da ich die Problematiken nicht besprechen kann, ohne Teile der Handlung vorwegzunehmen. 

Komplett verloren hat der Roman für mich jedoch in seiner Darstellung von Lilys Bruder Franz. Franz Karsten ist das aus dem Genre altbekannte Klischee des kaltherzigen, berechnenden schwulen Mannes, der vom Selbsthass zerfressen ist. Das ist nichts neues, was dieses Trope natürlich nicht weniger problematisch macht. Noch deutlich ungeheuerlicher finde ich jedoch die Umsetzung dieses Tropes in “Elbleuchten”: Genau wie seine Schwester Lily genügt auch Franz den Ansprüchen von Familie und Gesellschaft nicht. Während Lily sich jedoch freikämpfen und stark werden darf, verbittert Franz zusehends und stumpft innerlich so sehr ab, dass er an der 70%-Marke einen sexuellen Übergriff auf das Hausmädchen Seda begeht, der explizit mit seiner Angst vor dem “Anderssein” erklärt wird.

An dieser Stelle war der Roman für mich endgültig jenseits von gut und böse. Ich denke seither darüber nach, warum es Autor:innen gelingt soziale Ungerechtigkeit und Unterdrückung so emphatisch und hoffnungsvoll aufzuarbeiten, wenn es um Frauenrechte geht oder, in diesem Beispiel, um die Rechte der Arbeiter:innen im Hamburger Gängeviertel, diese Empathie aber plötzlich komplett wegbricht, wenn es um LGBTQ-Figuren geht. Die latente LGBTQ-Feindlichkeit des Genres ist mir nichts neues. Sie so offen am Werk zu sehen ist jedoch immer wieder ein Schockmoment. Franz Karsten hätte, ähnlich wie zum Beispiel Thomas Barrow aus “Downton Abbey”, eine interessante Charakterentwicklung durchmachen können, die endlich auch mal für eine LGBTQ-Figur in einem Historienroman zum Happy End führt.

Stattdessen hat sich die Autorin dafür entschieden aus der einzigen LGBTQ-Figur einmal mehr einen Bösewicht zu machen, der in die Rolle des Unterdrückers gerückt wird und junge Frauen missbraucht, weil er mit seiner Sexualität nicht umgehen kann. Ich habe viele Gedanken darüber, was das impliziert und was eine solche Darstellung in den Köpfen der Leser:innen anrichten kann. Eins ist klar: Ich kann und möchte “Elbleuchten” nicht empfehlen. Zwar ist der Roman ein gut geschriebener Einblick in Hamburger Stadtgeschichte und die interessante Coming-of-Age-Geschichte einer jungen Feministin anno 1886, gleichzeitig bedient die Autorin jedoch rassistische Klischees und vor allem LGBTQ-feindliche Tropes, die den Roman für mich auf mehreren Ebenen ungenießbar machen.


Elbleuchten | Hanseatische Familiensaga #1 | Rowohlt, 2021 | 978-3-499-00344-8 | 640 Seiten | deutsch

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