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Dressing History

Dressing “Sissi” (1955): Was hätte die junge Kaiserin Elisabeth wirklich getragen?

In dieser Reihe schaue ich mir Filmkostüme genauer an und vergleiche sie mit der tatsächlich getragenen Mode und Kleidung zum Zeitpunkt der Handlung. Dabei geht es mir nicht um “historische Korrektheit” oder darum, ob der Film und seine Kostüme gut sind, sondern darum, Modegeschichte in kleinen Abschnitten vorzustellen, ins Detail gehen zu können und die Frage zu beantworten: “Was hätten diese Menschen wirklich getragen?” Viel Spaß!


Welcher Film könnte für diese Reihe einen besseren Anfang darstellen als die “Sissi”-Filme von 1955 bis 1957? Jedes Weihnachten flimmern die drei Teile mit Romy Schneider als junge Kaiserin Elisabeth über die Bildschirme und tauchen das Leben dieser Frau in ganz viel Zuckerguss. Nicht nur die malerischen Aufnahmen Österreichs sorgen für die große Beliebtheit der Filme, sondern auch die Kostüme der Wiener Kostümbildnerin Gerdago (1906 – 2004). Der erste “Sissi” spielt in den Jahren 1853 und 1854, also fast genau hundert Jahre, bevor der Film gedreht wurde. Ich möchte mir heute anschauen, was in diesen Jahren tatsächlich getragen wurde, was davon man in “Sissi” sehen kann – und was vielleicht auch nicht.

Tatsächlich ist “Sissi” auch aus anderem Grund ein dankbarer Anfang für eine Reihe wie diese, denn ein paar Kleider aus den jungen Jahren der Kaiserin sind – im Original oder als Reproduktion – im Sisi-Museum in der Wiener Hofburg ausgestellt, wie zum Beispiel das reproduzierte “Polterabendkleid“, das sie am 20. April 1854 auf ihrem Abschiedsball von Bayern trug. Dieses Kleid ist repräsentativ für die Mode des europäischen Hochadels in der Mitte des 19. Jahrhunderts: Denn in dieser Welt bewegen wir uns heute natürlich. Sisi, die in dieser Zeit zwischen 15 und 17 Jahren alt war, hätte als debütierende Prinzessin aus einem Grafengeschlecht die neuste Mode getragen. Aber sah diese aus wie im Film? Das wollen wir uns jetzt genauer anschauen.


Der Hintergrund: Was war in im Jahr 1854?

Links: Sisi mit 14, 1853 | Rechts: Die junge Kaiserin Elisabeth mit ca. 19, 1857 | Tageskleid, ca. 1853-56 (Met Museum)

Die Mode der 1850er zeichnet sich durch ein paar sehr markante Charakteristika aus, die auch auf frühen Fotografien von der echten Sisi zu erkennen sind: Tageskleider sind hochgeschlossen und haben oft einen runden Ausschnitt, die Taille sitzt etwas unterhalb der natürlichen Taille und läuft nach unten hin spitz zu, um sie länger und somit schmaler wirken zu lassen. Um die Schultern breiter wirken zu lassen, beginnen die Ärmel unterhalb der Schulter, sind meistens oben schmal geschnitten und werden zum Handgelenk hin glockenförmig weiter: Diese Pagodenärmel werden oft mit falschen Unterärmeln – Engageantes – getragen, die meist weiß und mit Spitze besetzt sind und am Saum herausschauen.

Röcke werden im Verlauf der 1850er immer größer: Das Volumen ist in dieser Zeit gleichmäßig um den Körper herum verteilt, die Röcke fallen kuppelförmig über mehrere Lagen Unterröcke, die formgebend nachhelfen. Um noch mehr Volumen zu erreichen, können Ärmel, aber besonders Röcke, mit mehreren Volants besetzt sein, die nicht selten eine aufgestickte oder aufgedruckte Borte haben, die die einzelnen Volants voneinander absetzt. Die 1850er entdecken fröhliche Femininität als Ideal neu. Beliebt sind luxuriöse Stoffe mit Karo-, Streifen-, oder Wellenmuster, sowie florale Musterdrucke. Für ein einziges Kleid werden 10 bis 15 Meter feinster Stoff benötigt: Mode wird endgültig zum Statussymbol.

Links: Sisi, ca. 15, vor ihrer Hochzeit, Porzellanminiatur, Wien, 1854 | Mitte: Tageskleid, 1855 (LACMA) | Rechts: Abendkleid, Frankreich, 1855 (Kyoto Costume Institute)

Abend- und Ballkleider haben in dieser Zeit kurze Ärmel und einen großzügigen Ausschnitt, der die Brust immer bedeckt, aber die Schultern freilässt und kurz unterhalb ansetzt. Der Ausschnitt kann ebenfalls mit Volants besetzt oder mit Rüschen, Kunstblumen oder Schleifen verziert sein. Das Abend- oder Ballkleid wird immer mit langen Handschuhen getragen. Sisis “Polterabendkleid” ist ein gutes Beispiel für ein sehr formelles Kleid der Epoche: Während die Brust bedeckt ist, bleiben die Schultern frei, mehrere kleine Volants mit Borte geben den Röcken noch mehr Volumen, florale Stickereien auf weißer Seide unterstreichen Sisis Jugend, die schmale Taille läuft spitz zu. Auch die Fransen am Schultertuch sind ein typisches Dekorationsmerkmal der Epoche.

Natürlich verfügten die prächtigen Abend- und Ballkleider dieser Epoche über besonders volle Röcke, während Alltagskleider etwas bescheidener daherkamen, wie auch auf den Fotografien der jungen Sisi ersichtlich ist. Die echte Sisi, damals ein Teenager, der sich plötzlich mit dem Thronfolger Österreichs verlobt wiederfand, trug gern dezente Farben und schlichtere Stile. Wenn man den wenigen Fotos von Sisi aus dieser Zeit und den Gemälden Glauben schenken darf, dann war die echte Sisi ein junges, dunkelhaariges Mädchen in einfarbigen oder karierten Kleidern und Spitzenblusen und mit schlicht zum Mittelscheitel frisiertem Haar (wie es damals tatsächlich modern war). Zur Modeikone mit aufwendiger Zopfkrone und Edelweiß-Sternen im Haar wurde sie erst deutlich später, in der zweiten Hälfte der 1860er.


Der Unterbau: Struktur und Silhouette

Links: Korsett aus Baumwolle, ca. 1855-65 (Augusta Auctions) | Mitte: Pferdehaar-Krinoline, 1840er (Met Museum) | Rechts: Unterrock aus Baumwolle, ca. 1850-60 (Met Museum)

Das wichtigste an der Kleidung der frühen 1850er ist jedoch das, was man von außen nicht sieht: Der Unterbau. Unter dem eigentlichen Rock und Mieder wird immer eine Chemise getragen: Eine Art Hemdkleid aus weichem Stoff. Darunter trägt man lange Unterhosen, darüber kommt ein Unterrock. Diese beiden Kleidungsstücke bieten eine weiche, gemütliche Basis für die restlichen Kleidungsstücke. In den 1850ern ist ein kurzes Stundenglaskorsett in Mode, das die Taille kaum bis gar nicht einnimmt, aber eine grade Haltung verschafft und vor allem Brust und Rücken stützt. Die Stundenglastaille ist vor allem Illusion: Sie wirkt durch das lange Mieder, die weiten Röcke und die großen Ärmel, die die Schultern breiter wirken lassen, besonders schmal.

Über das Korsett kommt der Reifrock: Zum Zeitpunkt, zu dem der erste “Sissi”-Film spielt, also um 1854, gibt es die berühmte separate Käfigkrinoline noch nicht. Um den Röcken ihre Glockenform zu geben, werden stattdessen mehrere Lagen Unterröcke getragen, unter anderem mit Reifen, Walknochen oder auch festem Stoff aus Pferdehaar verstärkt. Diese Kleidungsstücke geben dem eigentlichen Kleid erst seine berühmte Struktur und die Silhouette der Epoche. Zu einem gelungenen Ensemble gehören natürlich auch wärmende und schützende Strümpfe, sowie dem Anlass angemessene Schuhe. Im Alltag werden Stiefelletten mit oder ohne Absatz getragen, auf Bällen meist hochhackige Seidenslipper.


Kostüme in “Sissi” (1955 – 1957): Kaiserin Elisabeth im “New Look”

Bei Sisis Kleid (r.) drückt sich der moderne Reifrock durch den Rock

Während die Ereignisse, die in den “Sissi”-Filmen gezeigt werden, in Wirklichkeit zwischen 1853 und circa 1870 geschahen, nehmen die Filme es mit der Chronologie nicht so genau und lassen höchstens ein paar Jahre vergehen. Auch die Kostüme orientieren sich in allen drei Filmen an der Mitte des 19. Jahrhunderts und verändern sich über die Trilogie hinweg nicht. Das ist natürlich bewusst geschehen, denn Gerdagos opulente Kostüme sollen nicht Sisis tatsächliche Garderobe um 1855 abbilden, sondern den romantischen Prinzessinnentraum unterstützen, den der Film zeigt. Zudem sollten sie Romy Schneiders Rolle als neues It-Girl der 1950er zementieren. Aber was ist Fantasie und was hätte die echte Sisi getragen?

Tatsächlich entsprechen Gerdagos Kostüme nicht von ungefähr eher dem kurvigen “New Look”, den Christian Dior in den späten 1940ern vorstellte und der in den 1950ern beliebt wurde. Während die Silhouette der 1850er hier und da angedeutet wird, steckt unter den Kostümen kein historisch authentischer Unterbau: Auf Korsett und Unterröcke wurde komplett verzichtet, getragen werden BHs und moderne Reifröcke, die den Kleidern eine härtere Silhouette geben, als es ein Krinolinenrock getan hätte: Das Fehlen der auspolsternden Unterröcke wird besonders deutlich, wenn sich die harten Kanten des Reifrocks durch den dünnen Stoff des Kleides drücken.

Generell ist es das Strukturlose der Kostüme in “Sissi”, das die Illusion von echter 1850er-Mode zerstört, aber das passiert bewusst: Romy Schneiders “Sissi” soll dem Schönheitsideal der 1950er entsprechen, deshalb entspricht ihre Silhouette dem damals modernen “New Look”. Im Kontext zu den 1950ern, also der Nachkriegszeit, ergibt Sisi als schöne junge Kaiserin, die im beschaulichen Österreich im Reichtum schwelgt, wandern geht und auf Berge steigt, Sinn: Die vom Krieg gezeichneten Zuschauer_innen sehnten sich nach “einfacheren Zeiten”, Beschaulichkeit und Romantik. All das liefern “Sissi” und seine Kostüme als Historien- und Heimatfilm.

Links: Die echte Sisi im Alter von ca. 19 Jahren, 1857 | Mitte: Romy Schneider als “Sissi”, 1955-57 | Rechts: Der “New Look”, aus Diors Sommerkollektion, 1954

Die echte Sisi hätte im Alltag bei Hof wohl eher schlichte, hochgeschlossene Kleider mit langen Pagodenärmeln getragen, dafür aber aus kostbaren Stoffen wie Seide gefertigt. Im Film trägt “Sissi” beinahe zu jeder Tag- und Nachtzeit Abendmode: Die freien Schultern und kurzen Ärmel erinnern tatsächlich an die Abendmode der 1850er und auch das ist kein Versehen: Opulente Abendmode passt besser zum Bild der verträumten Prinzessin als bescheidene Alltagsmode. Der herzförmige Ausschnitt ist allerdings wieder ein Nicken in Richtung des “New Look”. Auch der Kunstfaserschimmer, den Sisis Roben oft aufweisen, ist natürlich nicht authentisch, aber auch kein Fehler. Denn selbst ein groß angelegter Historienfilm wie “Sissi” hat selten das Budget für meterweise echte Seide.

Gerdagos Kostüme sollen am Ende nicht nur den Mythos Sisi zeigen (und haben ihn auch nachhaltig stark beeinflusst), sondern die junge Kaiserin Elisabeth vor allem als romantische Heldin eines typischen Heimatfilms aus der Nachkriegszeit kreieren. Deshalb zeigt der Film schon die 16-jährige Sisi, die im echten Leben die der Mode der Epoche entsprechenden schlichte Frisuren mit Mittelscheitel trug, bereits als die elegante Kaiserin mit fersenlangem Haar, das zur Zopfkrone oder zu anderen aufwendigen Frisuren aufgetürmt wird. Zu dieser Frau wurde Sisi erst im Verlauf der 1860er – Als diese extravaganten, voluminösen Frisuren auch überall in Europa modern wurden und Individualität und Kreativität die alte Bescheidenheit endgültig als Ideal ablösten.


Sisi, Gerdago und der Mythos “Sissi”

Links: Elisabeth von Österreich mit ca. 17, Lithographie von Eduard Kaiser, ca. 1855 | Mitte und rechts: Haube, ca. 1860 (Met Museum)

Abschließend bleibt zu sagen, dass sich Gerdagos Kostüme für “Sissi” zwar durchaus an der Mode orientieren, die Sisi Mitte der 1850er tatsächlich getragen hat, aber vor allem den “New Look” der 1950er zeigen. Das wird auch daran ersichtlich, dass Romy Schneiders Make-Up im Film – Eyeliner und rote Lippen – durch und durch Trends aus der Mitte des 20. Jahrhunderts folgt. Auch die Hüte, die Sisi im Film trägt, erinnern eher an breitkrempige Sonnenhüte der 1950er. Richtige Hauben, wie sie Mitte des 19. Jahrhunderts modern waren und auch von Sisi getragen worden wären, sieht man im Film überhaupt nicht. Hauben der späten 1850er waren schmalkrempig und oft aufwendig mit Bändern, Schleifen und Blumen verziert. Auch ein flacher, runder Sonnen- oder Schlapphut mit Bändern wäre im Sommer eine Option gewesen.

Was hätte Romy Schneider als Sisi also getragen, wenn der Film hätte historisch authentisch sein sollen? Vor allem hätte auf Korsett, Unterröcke und Strümpfe nicht verzichtet werden dürfen. Bei Tag hätte Sisi schlichtere Kleider mit langen Pagodenärmeln und schmal zulaufender Taillennaht getragen, die kurzärmeligen Roben hätte sie sich für Bälle aufgespart. Auf der Straße hätte sie eine Haube und Handschuhe getragen. Bei Sisi kommt hinzu, dass bekannt ist, dass sie als junge Frau auch als Kaiserin von Österreich schlichte Kleider und Farben bevorzugte: Oft wird sie in ihren jungen Jahren ganz in Weiß dargestellt, nur hin und wieder lassen sich bunte Akzente oder kleine Dekorationen wie Schleifen, Rüschen, Blumen oder Borten an ihren Kleidern feststellen.

Gerdagos Kostüme für “Sissi” sind jedoch ganz bewusst nicht historisch authentisch, sondern orientieren sich mehr am New Look der 1950er als an Sisis tatsächlicher Garderobe. Nicht umsonst hat die Filmtrilogie Kaiserin Elisabeth von Österreich zum Mythos gemacht, der mit der echten Sisi nur noch wenig zu tun hat und auch Gerdagos opulente Prinzessinnenkostüme, die Romy Schneider gleichzeitig zu “Sissi” und zur Modeikone der späten 1950er gemacht haben, haben dabei eine Rolle gespielt. Und genau das wollte die Kostümbildnerin schließlich auch erreichen: Eine junge, schöne Kaiserin für die Generation der Nachkriegszeit, die sich beschauliche Heimatfilme und pastellbunte Prinzessinnenkleider wünscht.


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Beitragsbild: Kleider, 1853-56 (Met Museum & LACMA) | Sisi im Alter von 15 Jahren, 1853

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1 Comment

  • Reply Dana

    Danke für diesen Artikel! Habe tatsächlich länger etwas gesucht, in dem jemand die Filmkostüme mal genauer unter die Lupe nimmt. Natürlich sind Filme immer von der Zeit geprägt, in der sie gemacht wurden und die Kleider sind immer noch wunderschön. Ich muss aber immer wieder an den dritten Film denken, in dem der Doktor Sissi untersucht und ihr der Reißverschluss des Kleides geöffnet wird, den es ja erst im 20. Jahrhundert gab… 🙂

    5. Januar 2021 at 23:59
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