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Besprechungen

“Die Totenfrau von Edinburgh” von Oscar de Muriel

Madame Katerina, Hellseherin und Inspector McGrays enge Vertraute, hält eine Séance mit sechs Mitgliedern von Edinburghs reichster Familie ab. Am nächsten Morgen sind alle Teilnehmer tot, nur Madame Katerina selbst hat überlebt. Sie beteuert, dass der herbeigerufene Geist die Opfer aus Rache tötete. McGray glaubt ihr jedes Wort, muss aber eine weltliche Erklärung finden, um sie vor dem Galgen zu bewahren. Verzweifelt bittet er Ian Frey um Hilfe, der sich nach der grausamen Ermordung seines geliebten Onkels zurückgezogen hat. Doch in diesem mysteriösen Fall, fällt es selbst dem vernunftbegabten Engländer schwer, nicht an Geister zu glauben …


Inhaltswarnung
Mord/Gewalt, Hinrichtung, Z-Wort

Meine Gedanken

Oscar de Muriels Reihe um das ungleiche Ermittlerpaar Ian Frey und Adolphus McGray ist mittlerweile meine Guilty-Pleasure-Reihe schlechthin. Besonders in den frühen Bänden kann die Reihe sehr problematisch sein, doch irgendwas ist da auch, das mich jedes Mal wieder zum neusten Band greifen lässt. Meiner Meinung nach wird die Reihe jedoch auch mit jedem Band besser. Und “Die Totenfrau von Edinburgh” ist da keine Ausnahme. In diesem Band geht es vorrangig um das Medium Madame Katerina, das auch in den anderen Bänden immer eine Rolle spielte. Katerina ist Romnija und wurde besonders in Band eins leider sehr stereotyp dargestellt. Deshalb bin ich froh sie in diesem Band besser kennenzulernen.

De Muriel ist der Meister des Locked-Room-Mystery, wie er schon in Band eins gezeigt hat, und zu dieser Erfolgsformel kehrt er hier zurück: In einem Herrenhaus in Edinburgh werden die Leichen einer gesamten Familie entdeckt. Nur McGrays alte Freundin, das Medium Katerina, das eine Séance für die Familie abhalten sollte, überlebt gerade so… und wird sogleich als Tatverdächtige vor Gericht gestellt, denn sie behauptet, ein Geist hätte die Familie getötet. Nur Frey und McGrey können Katerinas Leben retten und lassen sich auf ein Spiel gegen die Zeit ein, bei dem sie beweisen müssen, dass Katerina unschuldig ist, bevor sie zum Tode verurteilt wird.

Gothic-Atmosphäre und Locked-Room-Mystery

Was mir an dieser Reihe schon immer gut gefallen hat ist, dass sie für eine Victoriana-Krimi-Reihe deutlich weniger auf düstere, blutige Bilder setzt, sondern eine wohlig-unheimliche Schauerromanatmosphäre mitbringt, die sehr gut zum Setting – Edinburgh 1889 – passt. Man merkt der Reihe einfach an, dass Oscar de Muriel sich nicht nur in der Stadt gut auskennt, sondern auch in dieser Epoche. Diesmal verschlägt es Frey und McGray nicht nur in die wohlhabende New Town, sondern auch unter die Erde nach Mary King’s Close und vor allem nimmt die Reihe in diesem Band ihren übergreifenden Plot wieder auf: Das Schicksal von McGrays Schwester Amy, die angeblich vom Teufel besessen ihre Eltern tötete, und die Intrigen der Hexen von Pendle Hill aus Band zwei, die im sechsten Band wieder im Mittelpunkt stehen werden.

Aber wie gesagt geht es diesmal um Katerina. Mir hat sehr gut gefallen, dass Oscar de Muriel das sehr negative Bild, das in Band eins von ihr gezeichnet wurde, hier im Detail revidiert. Wir lernen Katerina, ihre Motivation und ihre Ängste und Sorgen deutlich besser kennen und vor allem formt sich endlich so etwas wie gegenseitiger Respekt zwischen ihr und Ich-Erzähler Ian Frey. Endlich wirkt Katerina wie eine echte Frau, nicht länger wie ein Abziehbild oder Gimmick, zu dem immer gegangen wird, wenn man mal wieder einen Rat von ihr braucht. Das macht Band fünf nach Band drei auch zu meinem bisherigen Lieblingsteil der Reihe, genauso wie der recht komplexe Blick auf die ungerechten gesellschaftlichen Grenzen der Epoche und sogar koloniale Ausbeutung in Afrika.

Oscar de Muriel ist es mit diesem Band gelungen mich wirklich für fast 600 Seiten zu fesseln, sodass ich das Buch in nur drei Tagen gelesen habe. Wie immer war die Mischung aus Ians teils lustiger Ich-Erzählung (die de Muriel seit einigen Bänden auch etwas selbstironisch schreibt, sodass man merkt, dass Ian nicht immer Recht hat, auch, wenn er der Ich-Erzähler ist und es selbst nicht bemerkt), der unheimlichen Atmosphäre und den historischen Details zu Edinburgh und dem Themen des Bandes – Séancen, Fotografie, das Rechtssystem in Schottland zu dieser Zeit – wirklich gelungen. Sein Schreibstil ist großartig und passt perfekt zum Genre und zur Epoche (was man übrigens leider für den Stil der deutschen Übersetzung nicht sagen kann).

Figurenentwicklung und endlich eine Empfehlung

Ebenfalls gefällt mir die Entwicklung gut, die Ian Frey im Verlauf der Reihe gemacht hat. Nachdem ich die Reihe nach Band eins beinahe abgebrochen hätte, weil er so misogyn wirkte, hat sich das Gott sie Dank im Verlauf der Bände geändert. Nicht nur spricht Ian nicht mehr abwertend über Frauen, vor allem schreibt de Muriel spätestens ab Band drei auch interessante Frauenfiguren mit eigener Motivation. Auch in Band fünf ist es nicht nur Katerina, die mich in dieser Hinsicht überzeugt hat. Natürlich ist die Reihe nicht mit einem Mal völlig unproblematisch, aber im Vergleich zu anderen Büchern aus dem Victoriana-Genre hält es sich hier mittlerweile doch sehr in Grenzen, sodass man die Bücher trotzdem genießen kann. Dass mir Ian als Erzähler mal sympathisch wird, hätte ich nie gedacht.

Mich konnte die Mischung aus einem originellen Locked-Room-Kriminalfall, der Gothic-Atmosphäre, den historischen Details und den angedeuteten übernatürlichen Elementen wieder überzeugen und während ich die Reihe immer noch ein Guilty Pleasure nennen würde, kann ich auch nicht abstreiten, dass sie mir mittlerweile wirklich, wirklich gut gefällt. Vor allem möchte ich natürlich unbedingt wissen, wie der Plot, der sich über alle Bände spannt, aufgelöst werden wird. Ich bin jetzt sehr gespannt auf Band sechs, “The Dance of the Serpents”, der auf Englisch schon erschienen ist, in dem die Hexen von Pendle Hill wieder eine Rolle spielen werden. Eine deutsche Ausgabe ist leider noch nicht angekündigt, wird aber bestimmt kommen.

Für alle, die sich fragen, ob sich die Reihe insgesamt lohnt, habe ich jedoch jetzt schon eine Antwort: Ja. Ich würde raten sie, falls möglich, im englischsprachigen Original zu lesen, denn mittlerweile glaube ich, dass meine Kritik an Band eins und Band zwei auch viel mit der Übersetzung zu tun hatte, in der durchwegs deutlich heftigere Schimpfwörter und Slurs genutzt werden, als im Original enthalten sind. Trotzdem sollte man vielleicht nicht mit zu hohen Erwartungen an den ersten Band rangehen, aber spätestens ab Band drei wird sie sehr gut. Deshalb muss ich auch meine Prognose aus der Rezension zu Band eins revidieren: “Frey & McGray” ist doch die Victoriana-Reihe, die ich immer wollte.


Die Reihe:

1. Die Schatten von Edinburgh | Rezension
2. Der Fluch von Pendle Hill | Rezension
3. Die Todesfee der Grindlay Street | Rezension
4. Im Bann der Fledermausinsel | Rezension
5. Die Totenfrau von Edinburgh
6. The Dance of the Serpents 


Die Totenfrau von Edinburgh | Frey & McGray #5 | Goldmann, 2020 | 978-3-442-49111-7 | 580 Seiten | deutsch | Übersetzer: Peter Beyer | Britische OA: The Darker Arts, 2019

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