Während einer Wohltätigkeitsveranstaltung, einem prächtigen Basar mitten in Paris, bricht ein Feuer aus, das schnell auf die Kleider und Hüte der vorwiegend weiblichen Besucherinnen überspringt. Die Türen, die sich nur nach innen öffnen lassen, werden von den Massen blockiert. Innerhalb weniger Minuten sterben mehr als 120 Menschen. Für Alice und Adrienne, zwei Frauen der Oberschicht, bedeutet diese Katastrophe auch die Chance, sich von den Fesseln, die ihnen die Gesellschaft auferlegt, zu befreien, ihren ungeliebten Männern zu entfliehen und ihrem Herzen zu folgen. Währenddessen gelingt es der jungen Émeline und der Journalistin Lucile, im Chaos des Geschehens über sich hinauszuwachsen und sich neu zu erfinden.


Inhaltswarnung
Feuer/Brandstiftung, Tod, graphisch beschriebene Brandopfer, Terror/Terroranschläge, rassistische Tropes (nicht reflektiert), LGBTQ-feindliche Tropes (nicht reflektiert) 

Meine Gedanken

“Der Basar des Schicksals” ist ein sehr hochwertig produziertes Paperback. Das Cover ist gelungen und generell ist die Aufmachung sehr schön. Das ist leider auch schon alles Positive, was ich zu diesem Buch sagen kann. Ich wollte “Der Basar des Schicksals” unbedingt lesen, weil mir die Geschichte der gleichnamigen Netflix-Serie ganz gut gefallen hat, die Aufmachung aber nicht. Deshalb war ich gespannt, ob der Roman die wahre Geschichte um den Brand im Bazar de la Charité 1897 etwas authentischer erzählen würde. Die Antwort ist weder Ja noch Nein, die Antwort ist: Das ist am Ende leider auch schon egal.

Es kommt wirklich selten vor, dass mir ein Roman so gar nicht gefällt. Leider ist das hier jedoch der Fall. Zu Ende gelesen habe ich ihn nur, weil er sich tatsächlich schnell weglesen ließ – Vor allem durch den Buchsatz, der mit großer Schrift und großen Abständen daherkommt, sodass ich 50 Seiten nebenbei in zwanzig Minuten geschafft habe. Inhaltlich ist hier jedoch leider nicht viel zu holen. Platte Figuren hetzen durch ein Paris der Belle Époque, das nicht lebendig werden kann, weil sich die Beschreibungen von Orten, Gebäuden und Institutionen lesen wie aus Wikipediaartikeln kopiert. Eine richtige Handlung gibt es eigentlich gar nicht.

Architekturfan, Feuerwehrmann, Erfinder?

Mein größtes Problem war jedoch der Schreibstil. Ich denke, dass die Übersetzung hier viel kaputt gemacht hat. Der Roman ist sehr wörtlich übersetzt und ergibt deshalb hier und da nicht einmal Sinn, weil französische Grammatik und Redensarten einfach ins Deutsche übernommen wurden und es sich deshalb oft liest, als würden die Figuren aneinander vorbeireden. Wenn ich ahne, was da im Original auf Französisch steht, dann ist das ein Problem. Wenn gehäuft (!) Sätze vorkommen, die einfach keinen Sinn ergeben, dann ist das ein noch viel größeres Problem. Ich rätsele nun seit Tagen, was mir “Es war eine ruhige Nacht, fast eine Fuge” (S. 87) sagen möchte.

Es ist aber nicht nur die Übersetzung, denn für Bouhiers abgehackten, sehr einfachen Stil und vor allem für die vielen unnötigen Informationen kann diese nichts. Oh, die Informationen… Die Autorin hat ihre Recherche gemacht und sie möchte, dass wir das wissen. Von Anfang an ist der Roman vollgestopft mit trockenen Fakten rund um den Basar, das Gebäude, die Gesellschaft, die sich zu allem Übel auch noch viel zu modern lesen. Am Anfang sinniert Émeline über die Zweischneidigkeit der Belle Époque und gibt 1897 Konzepte wider, die – genau wie der Begriff Belle Époque selbst – erst nach dem ersten Weltkrieg gebräuchlich waren.

Auch mit den Figuren bin ich nicht warm geworden. “Der Basar des Schicksals” hängt eng mit der Netflix-Serie zusammen (was aus dem Marketing überhaupt nicht ersichtlich ist) und Figuren aus der Serie wie Adrienne, Alice und Rose kommen vor, im Mittelpunkt stehen aber neue Figuren. Unter anderem Mattéo, der beste Feuerwehrmann, den Paris jemals gehabt hat, denn es wird ständig betont, dass er immer schon weiß, wo es brennen wird, bevor es überhaupt brennt. Dann ist da Lucile, die wohl beste Journalistin, die Paris je gehabt hat, die gerade zufällig in Männerkleidung bei der Feuerwehr investigativen Journalismus betreibt, als der Basar abbrennt.

Mattéo und Lucile sind die plattesten Figuren, die ich je in einem historischen Roman gelesen habe, und sie wissen und können alles. Mattéo läuft in den brennenden Basar und erklärt erst einmal die Architektur des Gebäudes, da er sich nebenbei total für Architektur interessiert und das in seiner Freizeit recherchiert hat. Sure, Jan. Lucile betrachtet die Toten des Brandes und erwähnt nebenbei, dass sie sich schon lange für Zahnmedizin interessiert und auch schon an internationalen Kongressen zum Thema teilgenommen hat, weshalb sie helfen kann die Toten anhand der Zähne zu identifizieren. Sure, Jan. Dann schüttelt Mattéo noch ein neues, von ihm erfundenes Stirnlicht aus dem Ärmel. Ich war sehr müde.

Was bin ich lesend?

Der Roman bemüht sich ein Stück weit um Diversität, um das mal neutral auszudrücken: Mattéo ist Schwarz und Émeline ist lesbisch. Gut umgesetzt fand ich das jedoch überhaupt nicht. Émeline ist eine Attentäterin, die gleich zu Beginn mit dem Basar abbrennt und dann kaum noch vorkommt, nachdem sie noch kurz Zeit hatte sich für ihre Gefühle für Alice zu schämen, und Mattéo ist auf ganzer Linie eine Karikatur. Er kann alles, er sieht total gut aus, er weiß alles. In einer Szene steht er, nachdem er mit Lucile geschlafen hat, auf um gleich noch ein paar Klimmzüge am Türrahmen zu machen, weil wieso nicht.

Wo “Der Basar des Schicksals” aber wirklich durchfällt, ist seine Art die spannendsten und erschreckendsten Szenen zu erzählen, als wäre nichts passiert. Der Basar brennt, Menschen kommen ums Leben, die Decke fällt in Flammen herunter: Die Polizisten stehen mitten im Geschehen und unterhalten sich gemütlich über Pariser Klatsch und Tratsch. Handwerklich ist “Der Basar des Schicksals” zumindest in meinen Augen eine Katastrophe: Eine Spannungskurve gibt es nicht, dafür etliche Perspektivsprünge, nicht nur im selben Absatz, sondern im selben Satz und viel zu viele Figuren, von denen die meisten nur kurz auftauchen, man aber dennoch die gesamte Lebensgeschichte erfährt.

Und um dann doch nochmal auf den historischen Hintergrund zu sprechen zu kommen: Dass es in den späten 1890er Jahren in Paris anarchistischen Terror gab, ist richtig. Das hat mit dem Brand im Bazar de la Charité jedoch überhaupt nichts zu tun. Der Roman dichtet der Brandkatastrophe jedoch an ein Terroranschlag gewesen zu sein und das finde ich im Kontext zur Pariser Geschichte, zur Katastrophe im Bazar de la Charité und zu realem Terror in Paris um 1900 ziemlich problematisch, unnötig reißerisch aufgebaut und einfach irgendwie… respektlos? Schließlich geht es hier um eine reale Begebenheit, die über 100 Todesopfer forderte.

Am Ende bleibe ich nicht nur enttäuscht, sondern regelrecht fassungslos zurück, dass ein Roman wie dieser so wie er ist im Großverlag erschienen ist. Romane sind immer Geschmacksache und deshalb schreibe ich sowas hier eigentlich nie, egal wie wenig mir persönlich ein Buch gefallen hat. Aber “Der Basar des Schicksals” ist eine Ausnahme, denn hier häufen sich viel zu viele objektiv problematische Dinge, von denen die seltsame Übersetzung nur der Gipfel des Eisbergs ist. Ein so tragisches Ereignis wie der Brand im Bazar de la Charité hätte eine behutsame, interessante, gut erzählte Aufarbeitung verdient. Dieser Roman ist jedoch leider nichts davon.


Vielen Dank an BloggerPortal und den Heyne-Verlag für das Bereitstellen des Rezensionsexemplars. 


Der Basar des Schicksals | Heyne, 2020 | 978-3-453-42496-8 | 416 Seiten | deutsch | Übersetzer: Antoinette Gittinger | OT: Le Bazar de la Charité, 2019