After receiving a frantic letter from her newlywed cousin begging for someone to save her from a mysterious doom, Noemí Taboada heads to High Place, a distant house in the Mexican countryside. She’s not sure what she will find – her cousin’s husband, a handsome Englishman, is a stranger, and Noemí knows little about the region.

Noemí is also an unlikely rescuer: She’s a glamorous debutante, and her chic gowns and perfect red lipstick are more suited for cocktail parties than amateur sleuthing. But she’s also tough and smart, with an indomitable will, and she is not afraid: not of her cousin’s new husband, who is both menacing and alluring; not of his father, the ancient patriarch who seems to be fascinated by Noemí; and not even of the house itself, which begins to invade Noemi’s dreams with visions of blood and doom.


Inhaltswarnung
Der Roman behandelt Themen wie Eugenik und Rassismus, Tod von Kindern, Schimmel/Pilze/Bewuchs, Body Horror, Inzest, Kannibalismus, sexueller Übergriff (versucht), Krankheit/Wunden/Blut

Meine Gedanken

Im Jahr 1950 verlässt das It-Girl Noemí Taboada Mexico City, um ihre frisch verheiratete Cousine Catalina im ländlichen Hidalgo zu besuchen. Catalina hat den Engländer Virgil Doyle geheiratet, der mit seiner Familie im alten Herrenhaus High Place lebt, und vor kurzem einen besorgniserregenden Brief an Noemís Vater geschrieben. Noemí ist auf alles gefasst, doch was sie in High Place hoch oben auf dem Berg über der Kleinstadt El Triunfo vorfindet, übersteigt ihre Vorstellungskraft…

Mit “Mexican Gothic” ist Silvia Moreno-Garcia ein ungewöhnlicher Gothic-Roman gelungen, der subversiv mit den Klischees des Genres spielt und eine Spukhausgeschichte erzählt, die ich so noch nie gelesen habe. Sie vermischt Gothic-Traditionen gekonnt mit mexikanischer Folklore und erzählt im Kern eine Geschichte über Rassismus, Imperialismus, Privilegien und wie schädlich es ist an alten Traditionen festzuhalten. Für mich ist “Mexican Gothic” bisher mein Lesehighlight von 2020.

Die Silberminen von Hidalgo

Moreno-Garcia beschreibt in düsteren und gleichzeitig bunten Bildern das viktorianische Herrenhaus High Place, in dem schwarzer Schimmel an den Wänden klebt und eine britische Familie lebt, die ihren Reichtum lang verloren hat: Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Doyles durch die Ausbeutung mexikanischer Arbeiter_innen in ihrer Silbermine reich, doch die Mexikanische Revolution der 1910er und 1920er Jahre hat die Familie viel gekostet. Trotzdem halten sie an ihrem alten Ansehen fest.

Vorstand der Familie ist der beinahe hundertjährige Patriarch Howard Doyle, der an rassistische Eugeniktheorien glaubt, und auch seine Nichte Florence lässt Noemí, die unter anderem mazatekische Wurzeln hat, spüren, dass sie in High Place nicht willkommen ist. Virgil, der Mann ihrer Cousine Catalina, ist kalt und arrogant. Nur sein Cousin Francis scheint auf Noemís Seite zu stehen. Gemeinsam mit ihm muss sie herausfinden, welche Geister der Vergangenheit in High Place umgehen, wenn sie Catalina – und sich selbst – aus den Fängen der Doyles retten will.

Obwohl High Place und die Doyles von der Zivilisation abgeschnitten leben und deshalb beinahe zeitlos wirken, ist der historische Kontext sehr gut gelungen: Es ist 1950 und die Welt verändert sich schlagartig. Noemí ist ein It-Girl, das am liebsten Partys feiert, flirtet und sich wünscht Anthropologie zu studieren. Die Doyles hingegen haben sehr veraltete misogyne und rassistische Werte, in die sie Catalina und bald auch Noemí zu drängen versuchen. Auch der Kontext der Mexikanischen Revolution ist interessant und spannend in die Handlung eingebunden.

Während El Triunfo eine fiktive Kleinstadt ist, basiert sie laut der Autorin auf der realen Silberminenstadt Real del Monte in Hidalgo, Mexiko. Auch die Ausbeutung durch die Briten der Region ist in der echten Geschichte dieses Ortes gespiegelt und selbst der unheimliche, vom Nebel verschluckte Englische Friedhof, der in “Mexican Gothic” an High Place angrenzt, existiert wirklich. Es ist dieser reale historische Hintergrund, den die Autorin sehr dicht und atmosphärisch in ihren Roman einbindet, der “Mexican Gothic” zu einem so tollen Leseerlebnis macht.

Folk Horror und Gesellschaftskritik

“Mexican Gothic” hat viel zu bieten, wenn es darum geht etwas über mexikanische Geschichte und Folklore zu lernen. Der Roman behandelt diesen Aspekt genau wie die sensiblen Themen Rassismus, Imperialismus und Eugenik aus Own-Voices-Perspektive, was “Mexican Gothic” allein deshalb schon zu einer großen Bereicherung für das Genre macht. Doch auch darüber hinaus ist der Roman innovativ und originell, erzählt nicht einfach dieselbe Spukgeschichte wie so viele andere Schauerromane, und bietet außerdem eine komplexe, interessante Heldin, die deutlich mehr ist als die naive Schauerromanheldin im weißen Nachthemd. 

“Mexican Gothic” liefert außerdem düsteren Folk Horror und Body Horror, der eher erschreckend ist als gruselig, gerade weil er so eng mit historischen (und modernen) -ismen verbunden ist. Der Horror ist subtil und gerade deshalb funktioniert er so gut: Man weiß nicht, was in High Place lauert, doch es ist gerade diese unsichtbare Bedrohung, die es einem eiskalt den Rücken hinunterlaufen lässt. Wie in den allerbesten Schauerromanen stehen auch hier menschliche Abgründe im Fokus, ungesühnte Verbrechen und tragische Schicksale, die High Place regelrecht in den Wänden stecken.

“Mexican Gothic” ist außerdem Silvia Moreno-Garcias Antwort auf die rassistischen Tendenzen in, zum Beispiel, den Horrorgeschichten von H.P. Lovecraft (nach dem Patriarch Howard benannt ist) und anderen Horrorklassikern. Das Ergebnis ist ein subversiver und innovativer Gothic-Roman, der nicht nur mit seiner dichten, düsteren Gruselgeschichte überzeugen kann, sondern auch mit seiner Aufarbeitung von mexikanischer Geschichte, Rassismus/Eugenik und nicht zuletzt mit interessanten, vielschichtigen Figuren, über die ich gern noch einmal 300 Seiten gelesen hätte. 

Eine deutschsprachige Ausgabe ist leider noch nicht angekündigt, doch schon 2019 wurde bekanntgegeben, dass eine Serienverfilmung des Romans in Planung ist. Ich bin sehr gespannt, was dabei herauskommen wird. “Mexican Gothic” ist bisher der beste Roman, den ich 2020 gelesen habe und vor allem eine düstere Horrorgeschichte, die wirklich etwas zu sagen hat. Ich bin mir sehr sicher, dass ich den Roman relativ bald noch einmal lesen werde und werde mir auch so schnell wie möglich alle anderen Romane der Autorin zulegen.


Mexican Gothic | Del Rey, 2020 | 9780525620785 | 301 Seiten | Englisch