Unheimlich ist es in dem alten Herrenhaus. Und dann taucht mitten in der Nacht auch noch ein Geist auf! Panisch rennt Evi aus dem Schlafzimmer. Doch der Flur sieht plötzlich ganz anders aus. Und auch Evi trägt andere Kleidung. Auf unerklärliche Weise ist sie im Jahr 1814 gelandet. Fortan muss sie als Dienstmädchen Töpfe schrubben, Kamine fegen und Bettpfannen leeren. Nur wenn es ihr gelingt, ein Familiengeheimnis zu lösen, kann sie in die Gegenwart zurückkehren …


Inhaltswarnung
Tierquälerei, Gewalt durch Erwachsene gegen Kinder und Jugendliche, Kinderarbeit/Kindesmissbrauch, Hinrichtung (erwähnt), Sklaverei (erwähnt), sexueller Übergriff/Kuss (alles reflektiert), Fatshaming, ableistische Begriffe (nicht reflektiert)

Meine Gedanken

Als ich “Mitternacht in Charlbury House” bei Nenatie gesehen habe, wusste ich: Ich brauche das. Denn in ihrem Middle-Grade-Roman vermischt Helen Peters Gruselgothic mit einer packenden Zeitreisegeschichte. Die 13-jährige Evi soll ein paar Tage bei ihrer Patentante Anna im nordenglischen Herrenhaus Charlbury verbringen: Ohne Fernseher, Internet oder Handy. Der Horror für die Londonerin. Doch dann erscheint ihr um Mitternacht der Geist einer jungen Frau und Evi stolpert ins Jahr 1814: Sie muss Sophia retten, wenn sie zurück in die Gegenwart möchte.

Mit dem Gruseltwist gibt Helen Peters der altbekannten Zeitreisegeschichte etwas Originelles, das mir sehr gut gefallen hat: Denn nicht nur der Geist in der Gegenwart ist ein klares Nicken in Richtung Gothic und Mystery, auch was 1814 in Charlbury House passiert, könnte glatt aus einem Schauerroman des frühen 19. Jahrhunderts stammen. Die schlaue Sophia, die mit einem älteren Mann verheiratet werden soll, aber eigentlich einen anderen liebt, soll ihr Leben lang eingesperrt bleiben, ihr Geliebter verschwindet auf rätselhafte Weise.

Zeitreise und Regency-Gothic

Genau das möchte Evi verhindern, nicht nur, weil sie sonst nicht in ihre eigene Zeit zurückreisen kann. Im Jahr 1814 trifft Evi auf recht markante Gestalten, von denen mir einige – zum Beispiel die Dienstmagd Polly und der feinfühlige Gärtner Robbie – auch direkt ans Herz gewachsen sind. Wie Evi ohne Vorkenntnisse in das tiefste Regency stolpert und sich erstmal zurechtfinden muss hat bei mir sogar für einige Lacher gesorgt, genauso wie Evis generell sehr trockene Ich-Perspektive und ihr Sarkasmus, der ihr im 19. Jahrhundert natürlich nicht weiterhilft.

In “Mitternacht in Charlbury House” steckt außerdem sehr viel historisches, meistens gut recherchiertes Detail. Manchmal, wenn ich ehrlich sein soll, ein bisschen zu viel, denn Evi verbringt so einige Kapitel damit Kamine zu schrubben, Pfannen zu waschen, Treppen zu fegen und Nachttöpfe auszuleeren. Den Einblick in das Leben eines Hausmädchens im frühen 19. Jahrhundert fand ich interessant und vor allem authentisch, aber es wurde mir hier und da ein bisschen zu viel, da ich schließlich eigentlich wissen wollte, wie Evi Sophia retten möchte und diese Geschichte manchmal zu lang pausierte.

Sehr gut gefallen hat mir hingegen, dass “Mitternacht in Charlbury House” mich immer wieder überraschen konnte. Die Auflösung habe ich zwar relativ schnell erraten – was auch kein Wunder ist, wenn man mit Ende zwanzig ein Kinderbuch liest – aber es gab trotzdem so einige Wendungen und Entwicklungen, die ich nicht habe kommen sehen. Helen Peters erzählt über weite Teile an sich Geschichten, die man schon kennt, doch sie tut es auf unterhaltsame, spannende Weise, sodass man sich darüber nicht ärgert, sondern es sich damit einfach gemütlich machen möchte. Auch ihren Schreibstil fand ich sehr angenehm zu lesen.

Gestört hat mich am Ende eigentlich nur das ständige Fatshaming, das sich gegen zwei unangenehme Figuren richtet: Die gemeine Köchin und den arroganten, reichen Mr. Ellerdale, den Sophia heiraten soll. Auf das Klischee, dass ausgerechnet die bösen Figuren dick sind und sich darüber lustig gemacht wird, hätte ich verzichten können. Hinzu kamen ein paar Klischees, die mich oft in historischen Jugendbüchern stören: Dass Mädchen angeblich nicht lesen durften zum Beispiel. Diese Klischees beißen sich mit dem eigentlich gut recherchierten und detailliert beschriebenem historischen Hintergrund.

Ernste Themen und die Altersempfehlung

“I simply think, sir”, said Sophia, “that we ought to treat people with dignity and respect. After all, it is a mere accident of birth that we were born into privilege and others into poverty.”
Kapitel 21

Tatsächlich schlägt der Roman für ein Kinderbuch auch ein paar sehr ernste Töne an. Sehr gelungen fand ich die feministischen Untertöne und wie Evi über ihren Ausflug in die Realität eines Dienstmädchens um 1800 ihre Privilegien zu erkennen und zu schätzen lernt. Auch Sophia hinterfragt die Klassenunterschiede ihrer Epoche. Diese Botschaften fand ich sehr gut und auch für Kinder verständlich umgesetzt. Ganz kurz thematisiert der Roman auch britischen Imperialismus und Sklavenhandel im frühen 19. Jahrhundert.

Andere Themen fand ich jedoch nicht ganz kindgerecht, weshalb ich mich gefragt habe, ob “Mitternacht in Charlbury House” wirklich als Kinderbuch ab neun oder zehn Jahren durchgeht. Evi ist schon 13 und verhält sich auch eher wie ein Teenager als wie ein Kind. Hinzu kommt, dass Gewalt eine große Rolle spielt. Evi wird von der Haushälterin geschlagen, Tierquälerei kommt vor, es werden Hinrichtungen von Kindern erwähnt und Figuren wird der Tod angedroht. Diese Gewalt wird immer verurteilt, aber doch in vielen Fällen on page gezeigt.

Auch die Themen des Romans fand ich nicht immer ganz passend für die Altersgruppe. Ob zehnjährige Leser_innen wissen wer William Blake ist, den Sophia verehrt, ist zweifelhaft. Hinzu kommt, dass die Liebesgeschichte zwischen Sophia und Robbie sehr viel Platz einnimmt und auch recht “erwachsen” wirkt, da die beiden sechzehn und achtzehn Jahre alt sind. Ich würde “Mitternacht in Charlbury House” deshalb persönlich eher ab 12 für jüngere Jugendliche empfehlen, aber natürlich kommt das auch immer auf das Kind selbst an.

Als Jugendbuch betrachtet hat mir “Charlbury House” jedoch bis auf ein paar Ausreißer sehr gut gefallen. Helen Peters ist eine spannende Zeitreisegeschichte mit Schauerromanflair und vor allem mit Substanz gelungen, die nicht nur Kinder/Jugendliche begeistern kann, sondern auch erwachsene Leser_innen abholt. Ich würde das Buch daher allen Leser_innen ab ca. 11 oder 12 Jahren ans Herz legen, die sich eine gemütliche historische Abenteuergeschichte mit ein bisschen Schauerromanatmosphäre wünschen.


Weitere Meinungen:

Nenatie | Positive Rezension


Ich habe die englischsprachige Ausgabe des Romans gelesen, weshalb ich leider nichts dazu sagen kann, wie gut die Übersetzung gelungen ist.


Mitternacht in Charlbury House | Thienemann, 2020 | 978-3-522-18515-8 | 368 Seiten | deutsch | Übersetzerin: Cornelia Panzacchi | OA: Evie’s Ghost, 2017