“The Awakening” ist ein kleines Juwel von einem Gothichorrorfilm. Ich bin eher zufällig auf einer Streamingplattform über den Film gestolpert und habe ihn mir mit dem Gothic-Herbst im Hinterkopf angesehen (unter anderem, weil mich Rebecca Hall schon in “Dorian Gray” von 2009 überzeugt hat). Umso schöner natürlich, dass der Film für mich genau ins Schwarze getroffen hat. Ich sage es gleich vorweg: “The Awakening” liefert subtilen Grusel, keinen blutigen Horror, und eine Geschichte, die dicht mit dem historischen Kontext des Settings verwoben ist.

Es ist 1921: Die Journalistin Florence (Rebecca Hall) glaubt nicht an Geister und hat es sich zur Aufgabe gemacht, zu beweisen, dass es keine gibt. Sie schreibt Bücher über das Thema und lässt falsche Medien auffliegen, die mit der Trauer von Angehörigen der im ersten Weltkrieg Gefallenen das große Geschäft machen. Doch dann sucht sie der Geschichtslehrer Robert (Dominic West) auf, der fest davon überzeugt ist, dass es in dem Internat, in dem er lehrt, spukt. Und als Florence beweisen möchte, dass es sich nur um einen Streich der Schüler handeln kann, treiben ihre Ermittlungen sie langsam an ihre Grenzen.


Inhaltswarnung
Tod von Kindern, Gewalt gegen Kinder, selbstverletzendes Verhalten, Wunden/Narben/Blut, Tierquälerei (Vogel), Mobbing, versuchter sexueller Übergriff, Mord/Blut, Suizid

Gothichorror und emotionales Drama

Wer seinen Gothichorror voller kleiner Details, historisch authentisch und mit dichter, dunkler Atmosphäre mag, der sollte sich “The Awakening” auf jeden Fall etwas genauer ansehen, denn hinter dem eher generischen Horrorfilmtitel versteckt sich ein intensives, düsteres Drama, das weit mehr zu bieten hat, als eine Spukhausgeschichte – auch, wenn diese sehr gut gemacht ist. “The Awakening” nimmt viele Gothic-Tropes mit: Der Geist, der unscharf auf Fotos zu sehen ist, Geräusche in der Nacht, unheimliche Puppen, aber der Film setzt diese Klischees gekonnt um und bindet sie in eine Geschichte ein, die viele Überraschungen zu bieten hat.

Ich bin nicht auf die Auflösung gekommen, bis der Film sie mir verraten hat, auch, wenn es im Nachhinein viele gut eingebundene Hinweise auf das Ende gab. Der Film erzählt eine Geschichte, die mich voll und ganz überzeugt hat: Unheimlich, spannend und auch auf emotionaler Ebene deutlich komplexer, als ich es von einem Gruselfilm erwartet habe. Auch die Figuren, die von Florence bis hin zur Haushälterin Maude (Imelda Staunton) alle sehr vielschichtig wirken und ihre Geheimnisse und Schattenseiten mitbringen, waren gut geschrieben und ich wäre ihnen am liebsten noch länger gefolgt, als nur knapp 110 Minuten.

Das Setting als Hauptdarsteller

Man merkt vielleicht, dass ich zur Handlung nicht so viel sagen kann, denn ich möchte auf keinen Fall etwas vorwegnehmen. Nur so viel noch dazu: “The Awakening” bietet gleichzeitig die vertrauen Gruselklischees, die man ja auch sehen möchte, wenn man einen solchen Film schaut, und viele Überraschungen, die man nicht kommen sieht. Auch das historische Setting überzeugt: Der Film wurde in Schottland und Nordengland auf verschiedenen Anwesen gedreht und das Gesamtbild ist ein unheimliches ehemaliges Herrenhaus, in dem jetzt das Jungeninternat untergebracht ist.

Hinzu kommen düstere Landschaftsaufnahmen mit grauem Himmel und Nebel und auch die Musik von Daniel Pemberton untermalt die Geschehnisse hier so gekonnt, dass sie selbst mir aufgefallen ist. Am Ende spricht die eigene Ästhetik des Films für sich und macht ihn anders als viele seiner Genrekollegen: Der Film sieht sein Setting nicht nur als Setting, sondern als eine Art Hauptdarsteller in der erzählten Geschichte und das geht sehr gut auf, es macht den Film auf einer ganz eigenen Ebene umso interessanter. 

Auch die Kostüme von Caroline Harris sind gelungen. Sie zeigen Florence selbst als fortschrittliche Frau, die auch mal – aber nicht immer – im Anzug auftritt. Maude hingegen wirkt altmodisch mit ihrem Haarknoten, der um 1900 – als Maude jung war – beliebt war. Die Kostüme sind schlicht, aber einfache Blusen, dunkle Röcke und robuste Blazer unterstreichen die düstere Atmosphäre des Films und hier und da gibt es schöne, historisch authentische Details, die auch hier zeigen, dass viel Recherche und Arbeit in den Look des Films geflossen ist.

Subtiler Grusel vor düsterer Kulisse

So gesehen ist “The Awakening” ein Horrorfilm auf die altmodische Art. Es gibt nur wenige Jumpscares und der Film ist auch nicht besonders blutig. Er zieht seinen Grusel aus seiner dichten Atmosphäre und vor allem aus seinen Figuren, dem Haus und seiner Geschichte und den rätselhaften Ereignissen, die Florence und die Zuschauer_innen beschäftigen. Eines ist “The Awakening” auf alle Fälle: Durch und durch britischer Gothic. Hinzu kommt der detailverliebte historische Hintergrund, der auch immer eine Rolle spielt und mehr als ein Setting ist. 

Ich würde den Film deshalb allen empfehlen, die atmosphärischen Grusel mit überzeugenden Figuren und einer umwerfenden Gothic-Ästhetik mögen. Richtig gruselig fand ich “The Awakening” nicht, stattdessen bietet der Film eher sehr viel Atmosphäre, ein ausgeklügeltes Drama und vor allem eine Geschichte, die von ihrem historischen Setting Gebrauch macht und die düstere Zeit kurz nach dem ersten Weltkrieg sinnvoll und authentisch in die Handlung einbindet. Heraus kommt ein dicht erzählter, subtil unheimlicher Gothicfilm, der Genrefans sicherlich gefallen wird.


 


The Awakening: Geister der Vergangenheit | GB, 2011 | Regie: Nick Murphy | Drehbuch: Stephen Volk, Nick Murphy | 107 Minuten | OT: The Awakening