Hundreds Hall, ein majestätisches Anwesen im ländlichen England. Hier wohnt die verwitwete Mrs. Ayres mit ihren erwachsenen Kindern Caroline und Roderick. Als der Landarzt Dr. Faraday wegen eines Notfalls herbeigerufen wird, ist er wie gebannt von der geheimnisvollen Atmosphäre des Hauses. Schon bald erfährt er, dass in Hundreds Hall merkwürdige Dinge geschehen: Möbelstücke, die ein Eigenleben führen, kryptische Zeichen, die plötzlich an den Wänden auftauchen, bedrohliche Geräusche, die unerklärbar scheinen…


Inhaltswarnung
Unfälle [Hundebiss, tödlicher Sturz], Blut, Tod von Kindern, Krankheit, Suizid, selbstverletzendes Verhalten, PTBS, Depression

Meine Gedanken

“Der Besucher” ist, knapp zehn Jahre nach seinem Erscheinen, eine Art moderner Klassiker der britischen Gothicliteratur: Kurz nach dem zweiten Weltkrieg findet sich der Arzt Faraday eher zufällig in Hundreds Hall wieder: Dem langsam zerfallenen Herrenhaus der Landadelsfamilie Ayres in den West Midlands. Faraday freundet sich langsam mit der enigmatischen Familie an, doch bald muss er feststellen, dass hinter dem Charme und dem alten Pomp der Familie und des Hauses etwas Dunkles lauert, das eng mit seinem eigenen Leben verbunden ist.

Nach und nach tun sich die Geheimnisse der Familie vor ihm auf: Der drohende Bankrott, Verlust und Trauer, nicht zuletzt das Haus, das nicht mehr länger instand gehalten werden kann. Doch während die Fassade von Hundreds Hall und der Familie Ayres langsam bröckelt, verliebt sich Farady, der selbst aus ärmlichen Verhältnissen stammt, immer mehr in das Haus und den alten Lebensstil des Landadels, ohne zu sehen, dass die Familie und er auf eine Katastrophe zuschlittern.

Hundreds Hall: Verfall und Veränderung

Darum geht es im Kern: In den 1940ern, kurz nach dem zweiten Weltkrieg, fiel es vielen britischen Adelsfamilien schwer mit der Zeit zu gehen, sich von ihren alten Privilegien zu lösen und einer neuen Zukunft entgegen zu sehen. Genau für diesen Wandel stehen die Familie Ayres und das Anwesen Hundreds Hall aus dem 18. Jahrhundert, das von innen heraus langsam verrottet: Die Tapete aus dem frühen 19. Jahrhundert schimmelt, die schöne Stuckdecke hat einen Wasserschaden, die Gärten sind verwildert.

Sarah Waters gelingt es sehr eindringlich den Kontrast zwischen der für den Landadel tristen Nachkriegszeit und den letzten Jahren des edwardianischen Zeitalters, die für Mrs Ayers eine Art glänzende Zeit – die Belle Époque eben – waren, in die sie sich in Gedanken zurückzieht, darzustellen. Diese Geschichte über ein England, das langsam verschwindet und einem neuen Zeitalter weicht, hat mir an “Der Besucher” am besten gefallen. Denn was in Hundreds Hall wirklich spukt, ist eigentlich der Geist einer Ära, die endgültig vorbei ist.

Der Ich-Erzähler, Dr. Faraday, ist kein angenehmer Erzähler. Er schleicht sich beinahe in das Leben der Familie Ayres, und beginnt immer mehr die Geschicke in Hundreds Hall lenken zu wollen. Generell gibt es hier keine sympathischen Figuren. Einzig Caroline Ayres habe ich gemocht, aber selbst sie hatte Momente, in denen doch wieder durchschimmerte, dass sie eine an ihre Privilegien gewöhnte Tochter des britischen Adels ist. Das ist natürlich Absicht, denn genau darum geht es ja, und es hat mich nicht davon abgehalten mit Caroline mitzufühlen. Sie ist so gesehen die eigentliche Heldin des Romans.

Dunkle Atmosphäre, lauwarmer Spuk

Die Geistergeschichte hat für mich im Gegensatz leider nicht ganz so gut funktioniert. Die erste Hälfte des Romans fand ich großartig. Ich habe es geliebt die Familie Ayres kennenzulernen und langsam hinter ihre Geheimnisse zu kommen, während die Atmosphäre immer düsterer wurde. Als es in der zweiten Hälfte des Romans dann tatsächlich zu unerklärlichen Ereignissen kam, fand ich diese aber leider etwas zu plakativ, zu greifbar, um sie wirklich unheimlich zu finden. Durch das Zimmer fliegende Spiegel und Wörter, die an den Wänden auftauchen, gruseln mich leider nicht, aber das ist natürlich sehr subjektiv.

Gleichzeitig fand ich schade, dass man die unheimlichen Ereignisse immer nur nacherzählt bekommt, man ist nie wirklich dabei. Faraday trifft zum Beispiel Mrs. Ayres im Salon an – man weiß also, dass ihr nichts passiert ist – und dann wird nacherzählt, was im Haus Merkwürdiges vor sich ging. Das macht den Grusel sehr distanziert und emotionslos. Man ist nie dabei, man erfährt alles aus zweiter Hand, sodass das Unheimliche, Düstere nie wirklich nah an einen herankommt. Was bleibt ist trotzdem die düstere, beinahe erdrückende Atmosphäre.

Waters erzählt in sehr bildgewaltiger Sprache vom Verfall des Herrenhauses und der Ayres’ und das war es am Ende, was mich fast 600 Seiten an drei Nachmittagen hat verschlingen lassen. “Der Besucher” ist kein wirklich unheimlicher Roman und die vage Auflösung habe ich tatsächlich kommen sehen, doch der Roman nimmt einen mit seiner dunklen Atmosphäre und vor allem den vielschichtigen Figuren gefangen. “Der Besucher” ist viel mehr klassischer britischer Schauerroman als moderne Mystery- oder gar Horrorgeschichte. Aber genau das ist das Tolle an dem Buch.

Am Ende hat die Geistergeschichte für mich leider kaum gezündet, doch als dunkle Familiengeschichte rund um ein verschwindendes, langsam in sich zusammenfallendes ländliches England hat “Der Besucher” mich voll überzeugt. Wer diese Art von Gothic mag – Geschichten über Veränderung und Verfall, erzählt in düsteren Metaphern und bildgewaltiger Sprache – wird “Der Besucher” lieben. Es ist keine herkömmliche Spukhausgeschichte, denn was hier vor allem sehr subtil spukt ist eine vorbeigegangene Epoche, aber genau das macht “Der Besucher” lesenswert.


Der Besucher | Lübbe, 2011 | 978-3-8387-0424-1 | 573 Seiten | deutsch | Übersetzerin: Ute Leibmann | OA: The Little Stranger, 2009