Das Gothicgenre hatte lange Zeit nicht den besten Ruf. Melodramatisch, unglaubwürdig, zu opulent. Man traf es höchstens als Groschenroman am Kiosk an. Auch heute wird das Genre nicht ganz für voll genommen, auch wenn es auf dem englischsprachigen Buchmarkt eine Art Revival durchlebt – Ein weiteres Gothic Revival sozusagen. Letzten September habe ich euch zum Start der unheimlichen Jahreszeit erzählt, woher das Genre kommt und wie es sich seit seiner Entstehung im 18. Jahrhundert verändert hat.

Heute möchte ich dazu noch ein bisschen Kontext liefern, der oft unter den Tisch fällt. Denn wenn dem Genre eines in den Knochen steckt, und das von Anfang an, ist es seine Tendenz transgressiv mit Konventionen zu brechen. Mit literarischen und gesellschaftlichen. Der Schauerroman überschreitet Grenzen und bietet so seit über 250 Jahren ein Sprachrohr für Autor_innen, die an anderer Stelle nicht gehört werden. Ich möchte deshalb heute über zwei Strömungen sprechen, die Gothic zu dem machten, was es ist: Queer Gothic und Female Gothic.


Queer Gothic: Der Exzentriker & sein Strawberry Hill

Als „Erfinder“ des Genres gilt der britische Adelige Horace Walpole, der im Jahr 1764 seinen Roman „Das Schloss von Otranto“ veröffentlichte – den ersten Schauerroman. Walpole war Politiker, Kunsthistoriker, Sammler von Antiquitäten und ein queerer Mann, dessen als delikat und feminin wahrgenommenes Auftreten ihn in der britischen Oberschicht der Epoche oft anecken ließ. Walpole ist mehr oder minder für das erste Gothic Revival verantwortlich: Vor den Toren Londons ließ er das neogotische Herrenhaus Strawberry Hill errichten.

Das eigentümliche Strawberry Hill, das mit seiner mittelalterlichen Fassade ganz anders war als die nüchternen, klassisch inspirierten Herrenhäuser des Zeitalters, faszinierte genauso wie sein Besitzer. Walpoles düster-romantischer Roman, der im Mittelalter in einem von Geistern heimgesuchten Schloss spielt, ist voll von der gewissen Ästhetik, die Schauerromane bis heute ausmacht: Dunkel, unheimlich, melodramatisch. Es ist, um es knapp zu sagen, die Ästhetik von Walpole, von seinem Zirkel und von Strawberry Hill, dem real gewordenen Gothic-Schloss.

Es ist, um es knapper zu sagen, die Ästhetik dieser Gemeinschaft rund um den “exzentrischen” Walpole, die Ästhetik einer Art Counter Culture oder vielleicht sogar LGBTQ-Community, die sich von Strawberry Hill, „Das Schloss von Otranto“ und dem gesamten Genre nicht trennen lässt. Denn das Gothic-Genre mit seinem Grusel und seinen oft blutigen Darstellungen von Gewalt wird augenblicklich zum Genre, das beinahe alles darf, solang es sein Hinterfragen von Geschlechterrollen und sein Spielen mit Sexualität und Gesellschaftskritik hinter dem Übernatürlichen versteckt.

Über George Gordon Byron, der nach modernem Verständnis pan- oder bisexuell war, müssen wir gar nicht reden. Byron schrieb selbst Gothic, beeinflusste das Genre jedoch viel eher durch seine turbulente Persönlichkeit, die als Archetypus des “byronschen Helden” in die Geschichte des Genres einging, unter anderem in “Glenarvon” (1816), geschrieben von der Autorin Caroline Lamb – Byrons Exfreundin. Byron beeinflusste auch weitere Gothicautor_innen, zum Beispiel Oscar Wilde, der als Bewunderer Byrons bekannt war.


Female Gothic: Der weibliche Blick auf das Genre

„Oh! Es ist nur ein Roman!“, antwortet die junge Dame, während sie ihr Buch mit gespielter Gleichgültigkeit oder kurzzeitiger Scham weglegt. „Es ist nur Cecilia, oder Camilla, oder Belinda*“; oder, kurzgesagt, nur irgendein Werk, in dem die größten Kräfte des Verstands zur Schau gestellt sind.
Aus „Northanger Abbey“ (1817), Jane Austen

Im späten 18. Jahrhundert wird Gothic endgültig zu einer Art Sprachrohr für marginalisierte Autor_innen, besonders auch für Frauen. Autorinnen wie Ann Radcliffe oder etwas später die Brontë-Schwestern nutzen das Genre um über ihren Lebensalltag als Frauen in patriarchalen Gesellschaften zu schreiben. Das Gruselige, Erschreckende sind nicht länger Geister und Monster, sondern meistens ungleiche Machtverhältnisse und die Gewalt, die von cis Männern ausgeht, die diese Macht ausnutzen, sowie einschränkende Geschlechterrollen.

An die Stelle des Übernatürlichen tritt im “weiblichen Schauerroman” Trauma als treibende antagonistische Kraft. Das Einsperren von Frauen in die Rolle der liebenden Ehefrau und Mutter spielt genauso eine Rolle wie die erlebte Machtlosigkeit. Besonders deutlich wird das zum Beispiel in “Die Sturmhöhe” (1847) von Emily Brontë, das sich mit seelischen Abgründen, den Folgen von Grausamkeit und Trauma, aber auch mit einschränkenden Klassengrenzen auseinandersetzt, und natürlich in “Jane Eyre” (1847) von ihrer Schwester Charlotte.

Das Konzept des „Female Gothic“ stammt von der amerikanischen Literaturwissenschaftlerin Ellen Moers, die es erstmals 1976 in ihrem Buch „Literary Women“ so betitelte. Während man nicht jeder Gothicautorin der Literaturgeschichte eine feministische Grundhaltung zuschreiben kann, haben diese Geschichten doch gemeinsam, das sie den Lebensalltag und die Probleme und Sorgen von Frauen ungeschönt behandeln, in einer Epoche, in der es außerhalb der Literatur kaum möglich war, diese zu thematisieren.

Das Gothicgenre gibt diesen Autor_innen die Möglichkeit codiert über die Dinge zu schreiben, die sie beschäftigen, auch die hässlichen Dinge, über die nicht gesprochen wird. Genau das macht das Genre so transgressiv: Der Schauerroman wird ein Stück weit zur Repräsentation für Autor_innen und ihre Leser_innen, die sich selbst im Geschilderten wiedererkennen und sich gesehen fühlen. Der Schauerroman wird im 19. Jahrhundert zum Medium für Gesellschaftskritik und für die Thematisierung sozialer Tabus aller Art und gibt Marginalisierten eine Stimme.


Victorian Gothic: Gesellschaft und Grusel

In diesem Sinne ist das fin de siècle eine Art Höhepunkt des Schauerromans als Sprachrohr. 1891 veröffentlicht Oscar Wilde seinen einzigen Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“, ein Gothicroman, der bis heute als Meilenstein der LGBTQ-Literatur gilt. In der unbearbeiteten Version des Textes steckt neben viel scharfer Kritik an Wildes zweischneidiger Gesellschaft im spätviktorianischen England auch unverblümte Repräsentation queerer Männer, vor allem in der Figur des Basil Hallward, aber auch in Dorian Gray selbst.

Obwohl Wilde den Roman auf Wunsch des Verlegers bearbeitete und die expliziten Szenen, in denen Hallward Dorian zum Beispiel seine Liebe gesteht, herausnahm, wurden diese Passagen sogar vor Gericht gegen ihn verwendet. Die Wilde-Prozesse in der Mitte der 1890er und die damit einhergehende Moralpanik wirkten sich auch auf den Schauerroman aus: 1897 erscheint Bram Stokers Vampirklassiker „Dracula“, in dem Stokers eigene Ängste und Zweifel als nicht geouteter queerer Mann im Kontext zur Verurteilung seines guten Freundes Oscar Wilde mitschwingen.

Die wohl am wenigsten subtilste Darstellung von LGBTQ Figuren findet sich in Sheridan Le Fanus “Carmilla” (1872), in dem die Beziehung zwischen der titelgebenden Vampirin und der Heldin Laura eindeutig eine romantische Komponente hat, ungewertet vom Autor. Der Einfluss von “Carmilla” auf Stokers “Dracula” ist übrigens genauso wenig von der Hand zu weisen, wie der Einfluss von John Polidoris “Der Vampyr” (1819) – Dessen Vampir wiederum auf keinem geringeren als George Gordon Byron basiert: Die “Counter Culture” Gothic beeinflusst sich immer wieder auch selbst.

Auch darüber hinaus ist das Genre im späten 19. Jahrhundert längst nicht mehr von Gesellschaftskritik oder Ausdruck des “Andersseins” zu trennen. Das Groteske, das Traumatische, als Ausdruck des Nichtdazugehörens zur Gesellschaft mit ihren strikten Regeln und starren Ideen von Sexualität und Geschlecht schlägt sich in den Darstellungen von Vampiren, Geistern oder Monstern nieder. Ein gutes Beispiel ist auch Charlotte Perkin Gilmans Kurzgeschichte “Die gelbe Tapete” (1892) über das Zusammenspiel von Misogynie und Mental Health, für das symbolisch eine Art Phantom steht.


Gothic heute: Zusammenfassung und Ausblick

Natürlich ist nicht jeder Gothicroman des 18. und 19. Jahrhunderts im Kern gesellschaftskritisch, auch in dieser Zeit gibt es bereits Gothic- und Horrorromane, die einfach unterhalten sollen. Trotzdem ist das Genre nicht von seiner Geschichte als Medium für Gesellschaftskritik und/oder für marginalisierte Stimmen zu trennen. Besonders im englischsprachigen Raum wird dieser Aspekt von Literaturwissenschaftler_innen schon seit einigen Jahrzehnten erforscht und er findet sich besonders in britischen und amerikanischen Gothicromanen des 21. Jahrhunderts noch immer.

Laura Purcells Horrorroman “Die stillen Gefährten”, der am 03. Dezember auf Deutsch erscheint, ist feministischer Victoriana-Grusel. In “Die stummen Wächter von Lockwood Manor” erzählt Jane Healey eine von “Jane Eyre” inspirierte, queerfeministische Geistergeschichte. Silvia Moreno-Garcia geht das Spukhausgenre in “Mexican Gothic” aus der Perspektive einer woman of colour an und schreibt über soziale Unterschiede, Misogynie und Rassismus vor der Kulisse eines unheimlichen Herrenhauses im Mexiko der 1950er Jahre.

Das Transgressive, Gesellschaftskritische ist also damals und heute kein zufälliges Nebenprodukt des Gothic- und Horrorgenres, sondern am Ende sein Ursprung und in weiten Teilen zumindest für mich auch der Ursprung seiner Faszination: Denn eine Geistergeschichte für sich ist schön und gut, aber eine Geistergeschichte, die dunkle Seiten unserer Gesellschaft, unserer Geschichte und unserer Psyche aufzeigt ist wirklich unheimlich. Gothic, als literarisches Genre und als Baustil, war von Anfang an Counter Culture: Die Dunkle Romantik gegen die nüchterne Aufklärung, das melodramatische Strawberry Hill gegen schlichten Klassizismus.

Deshalb ist das Genre zumindest in meinen Augen auch heute noch dann am besten, wenn es nicht einfach gruselig oder schockierend sein möchte, sondern subversiv, inklusiv und kritisch. Im Verlauf des Gothic-Herbsts hier auf Zeitfäden werde ich mir bald noch einen weiteren Faktor ansehen, ohne den Gothic nicht funktioniert: Die (britische) Landschaft und Architektur, Aberglauben und “folk horror”. Bis dahin: Was ist euer Lieblingsgothicroman, ob historisch oder modern, und warum? Lasst es mich ruhig in den Kommentaren wissen.


* Meint die Romane “Cecilia” und “Camilla” von Frances Burney, sowie “Belinda” von Maria Edgeworth


Mehr zum Thema:

Haggerty, George E.: Queer Gothic. 2006.

Showalter, Elaine: Dr. Jekyll’s Closet. In: Haas, Smith [Hg.]: The Haunted Mind. The Supernatural in Victorian Literature. 1999.

Wallace, Diana: Female Gothic Histories. Gender, Histories and the Gothic. 2013.


Beitragsbild: “Romantic Novel”, Santiago Rusiñol, 1894