Rügen, 1924. Weiß und prächtig steht es an der Uferpromenade von Binz: das imposante Grand Hotel der Familie von Plesow. Vieles hat sich hier abgespielt, und es war nicht immer einfach, trotzdem blickt Bernadette voller Stolz auf ihr erstes Haus am Platz. Hier hat sie ihre Kinder großgezogen: den ruhigen Alexander, der einmal der Erbe des Grand Hotels sein wird; Josephine, die rebellische Künstlerin, die ihren Weg noch sucht; und den umtriebigen Constantin, der bereits sein eigenes Hotel, das Astor, in Berlin führt.

Alles scheint in bester Ordnung. Natürlich gibt es hier und da Streitigkeiten mit ihrer Tochter, und irgendetwas stimmt auch nicht mit dem sonst so fröhlichen Zimmermädchen Marie –, aber all das ist nichts gegen das, was der unangekündigte Besuch eines Mannes auslösen könnte, der Bernadette damit droht, ihr dunkelstes Geheimnis aufzudecken …


Inhaltswarnung
Graphisch dargestellte Gewalt und Mord, Drogen- und Alkoholmissbrauch, Rassismus (N-Wort, Blackface), sexualisierte Gewalt/Vergewaltigung, Krieg, schwieriges Mutter-Tochter-Verhältnis, negative Darstellung von Sexwork

Meine Gedanken

Manche Bücher lassen sich nur mit einem “Was habe ich da gerade gelesen?” zusammenfassen. “Das Grand Hotel” gehört leider dazu. Cover und Klappentext dieses über 500 Seiten starken Romans versprechen eine heimelige Familiengeschichte, wie sie im Moment im Trend liegen. Dieses Marketing finde ich überhaupt nicht gelungen, denn “Das Grand Hotel” ist alles, aber nicht das. Am Ende liest der Roman sich als seien “Der Denver-Clan” und “Babylon Berlin” irgendwo auf der Höhe von Rügen volle Elle mit “Peaky Blinders” kollidiert.

“Das Grand Hotel” handelt von den von Plesows, angeführt von Matriarchin Bernadette, die zwei Luxushotels führen: Eins in Binz auf Rügen, eins in Berlin. Was ist dieser Familie wichtig? Geld, Ansehen und Macht – und dafür kämpfen sie mit allen Mitteln. Am Anfang fand ich das noch ganz amüsant, aber nach knapp der Hälfte des Romans haben mich die vielen graphischen Schilderungen von Gewalt, seelischer und körperlicher Natur, nur noch müde gemacht. Die Szenen sind reißerisch erzählt, aber haben kaum mal emotionalen Impakt, man stumpft sehr schnell ab.

Der Binz-Clan: Lügen, Mord und Korruption

An sich hätte “Das Grand Hotel” als Familiengeschichte im Stil von “Der Denver-Clan” tatsächlich funktionieren können. Intrigen, Lügen, falsches Spiel und vor allem ganz viel Manipulation bringt der Roman nämlich auch innerhalb der Familie von Plesow mit. Gefehlt hat mir aber leider der rote Faden. Der Mann, der Bernadettes dunkles Geheimnis enthüllen will, aus dem Klappentext taucht erst im letzten Viertel des Romans auf und davor geht es mal um diese Intrige und dann um jenes Problem, aber eine richtige Handlung gibt es einfach nicht.

Leider funktionieren die Figuren auch nicht als Anti-Held_innen. Nur mit Bernadette konnte ich hin und wieder mitfühlen, denn obwohl auch sie berechnend und kalt ist, hat sie noch eine menschliche Seite. Diese fehlt ihren Söhnen Constantin und Alexander aber vollkommen. Alexander ist ein Faschist, ohne, dass daraus ein Hehl gemacht wird: Er unterstützt die NSDAP. Er war mir deshalb von Anfang an einfach egal, denn bei solchen Figuren interessieren mich keine Beweggründe, besonders nicht, wenn sie wie Alexander von Plesow reiche, privilegierte Männer sind, die einfach Angst haben, dass andere ihnen was wegnehmen könnten.

Sein Bruder Constantin ist kaum besser, denn er ist so eiskalt, dass ich ihn abstoßend fand. Er führt ein “Varieté”, das eigentlich ein Bordell ist, und spricht so abfällig über die Frauen, die dort arbeiten, dass es mich geschüttelt hat. Wenn ihm jemand im Weg steht, wird er einfach getötet und in der Ostsee oder im Wannsee versenkt (der, so oft wie das im Buch passiert, eigentlich mittlerweile voll belegt sein müsste). Constantin akzeptiert kein Nein und keine Grenzen. Und was bei Tommy Shelby aus “Peaky Blinders” funktioniert, geht hier nicht auf, weil Constantin eben gar nichts menschliches mehr an sich hat. Nix und niemand ist ihm wichtig.

Die einzige Figur, die ich wirklich gemocht habe, war Josephine von Plesow, die Künstlerin werden möchte, sehr modern denkt und sich in Binz gefangen fühlt. Dass sie für diese “Extravaganz” durchgängig als kindisch und unreif dargestellt wird, fand ich ziemlich schade. Die 24-jährige Josephine muss sich außerdem ständig nach ihrer Mutter Bernadette richten und braucht für alles ihre Erlaubnis, während sie – wie sie auch erkennt – von Bernadette nach Strich und Faden manipuliert wird. Natürlich löst sich diese Erkenntnis aber bald in Wohlgefallen auf, ohne, dass dieser Konflikt wirklich auf den Tisch kommt.

Die farblosen Zwanziger

Hinzu kommen die üblichen Problematiken des Genres: Sexworker_innen werden durchgängig behandelt, als seien sie weniger wert als andere, und die einzigen beiden PoC, zwei Artisten aus Nordafrika, die in Constantins Varieté auftreten, werden durchgängig als “anders” gezeigt und fallen ständig allen ihrer Hautfarbe wegen auf, als wäre das Berlin der 1920er nicht multikulturell gewesen, als hätte es keine afrodeutsche Community gegeben. Mehrmals wird beinahe schon mit Freude das N-Wort genutzt, was kein Roman von einer weißen Autorin jemals nötig hat.

Hätte der Roman wenigstens durch 1920er-Ästhetik bestechen können, aber auch das ist nicht der Fall. Hier und da klingen die Folgen des ersten Weltkriegs an, es wird angedeutet, was nach den 1920ern folgen wird, aber lebendige Details sucht man vergebens. Die Feierlust der 1920er sieht man nur in Constantins Varieté, wenn wieder gesagt wird, aber nie gezeigt, wie die Gäste trinken und tanzen. Josephine trägt angeblich Kleider, die nicht einmal bis zum Knie gehen, was in den 1920ern niemand gemacht hat. Bunte Details zur Gesellschaft und Kultur der 1920er gibt es hier einfach nicht, der Roman kommt leider sehr farblos daher.

Der historische Hintergrund hat bei mir daher auch öfter Fragen aufgeworfen als mich begeistert. Hat ein riesiges Luxushotel wie das Grand auf Binz wirklich nur acht Zimmermädchen? Wieso wohnen diese nicht im Hotel (wie es historisch authentisch gewesen wäre), sondern gehen jeden Abend relativ früh nach Hause? Wie funktioniert das logistisch? Wieso ist es für Josephine normal zum Herrenfriseur zu gehen? Natürlich ist das im Vergleich zu den anderen Problemen Erbsenzählerei, aber “Das Grand Hotel” möchte ein historischer Roman sein. Eine dichte Atmosphäre und gut recherchierte Details kann man da denke ich erwarten.

Gewaltorgien ohne Tiefgang

Am Ende möchte “Das Grand Hotel” knallhart sein: Gangs bekriegen sich, Leute werden wie am Fließband ermordet, es wird erpresst und betrogen was das Zeug hält. Gleichzeitig ist der Roman aber einfach sehr bieder. Von der sich im Wandel befindenden Kultur der 1920er Jahre, von neuen Ideen und dem Aufbrechen alter Ideale und Geschlechterrollen sieht man herzlich wenig. Nur Josephine lässt das ganz selten mal anklingen, wird dafür aber – als Frau Mitte 20 – wie ein Kind behandelt, bevormundet und getadelt, bis sie sich selbst so wahrnimmt.

Deshalb kann ich nur wiederholen, was ich am Anfang gesagt habe: Was habe ich hier eigentlich gerade gelesen? Was möchte “Das Grand Hotel” mir sagen? Bei mir bleibt leider nicht viel hängen, außer einem unangenehmen Nachgeschmack, der größtenteils vom unreflektierten Rassismus der Figuren kommt, aber auch von den Werten, die hier durchschimmern. Ich war mir nie sicher, was das Buch mir eigentlich sagen möchte und das ist nie ein gutes Zeichen. Falls der Roman irgendetwas ausdrücken sollte, ist es zumindest bei mir nicht angekommen.

Ein großes Problem ist auch der saloppe Umgang mit dem beginnenden Nationalsozialismus und wie wenig dieses Gedankengut reflektiert wird. Spätestens nach der Rede, in der Alexander die NSDAP und einen gewissen späteren Diktator in den höchsten Tönen lobt, hätte ich eine klare Verurteilung dieses Gedankenguts durch die anderen Figuren erwartet, aber nichts kam. Was kann man sich also von “Das Grand Hotel” erwarten? Sehr viel Gewalt. Einiges Problematisches. Aber leider wenig Tiefgang und weniger 1920er-Flair und vor allem eben auch leider keine kohärente, spannende Handlung.


Vielen Dank an BloggerPortal und den Blanvalet-Verlag für das Bereitstellen eines Rezensionsexemplars.


Das Grand Hotel: Die nach den Sternen greifen | Das Grand Hotel #1 | Blanvalet, 2020 | 978-3-7645-0707-7 | 528 Seiten | Deutsch