Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, Anno Domini 1606. Der Schatten des drohenden Dreißigjährigen Krieges legt sich wie ein Leichentuch über das Reich. In der Reichsstadt Schwäbischwerd leben zwei angesehene Familien, die eng miteinander befreundet sind.

Die katholischen Heidfeldts und die protestantischen Ackermanns scheinen alles zu teilen: Geschäft, Wohlstand und Liebe. Sie haben Macht und Einfluss, doch gleichzeitig werden sie bedroht von Neidern, die sie im aufkommenden Religionsstreit zu Fall bringen wollen. Niemand ahnt, dass sie mit einem niederträchtigen Verrat den Grundstein für ihr Vermögen gelegt haben. Während der Sturm des Krieges sich ankündigt, geraten die beiden Familien in einen Strudel aus Intrigen, Macht und Leidenschaft …


Inhaltswarnung
Krieg, Gewalt/Tod/Mord, sexueller Missbrauch, Fehlgeburt, unreflektierte LGBTQ- und Fremdenfeindlichkeit, sowie Rassismus. 

Meine Gedanken

Ich hatte vielleicht einfach falsche Erwartungen an dieses Buch. Was ich lesen wollte? Eine Fehde zwischen zwei Familien, die einst befreundet waren, die eine katholisch, die andere lutherisch. Intrigen, Verrat und großes Kino vor der Kulisse der späten Reformationszeit, kurz vor Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges. An sich verspricht der Klappentext auch genau das, weshalb ich den Roman überhaupt erst angefragt habe. Ich mag die Frühe Neuzeit, besonders das 17. Jahrhundert, besonders im Moment, da so viele historische Romane im 19. und frühen 20. Jahrhundert spielen.

Leider entpuppte sich „Tränen der Erde“ jedoch für mich als Enttäuschung. Denn tatsächlich ist es mit der Reformation und den Religionskonflikten zu dieser Zeit in diesem Roman nicht weit her, und auch spannende Intrigen, politische Verstrickungen und das Flair des beginnenden Barock sucht man hier leider vergeblich. Stattdessen liest sich „Tränen der Erde“ eher ein bisschen so, wie zum Beispiel „The Tudors“ aussah: Ein vage gehaltener Hintergrund, ein bisschen Drama, ein paar auf Hochglanz polierte Fakten und vor allem mehr Klischee als interessante historische Details.

Von Passierwörtern und schlauen Plänen

Zu Beginn treffen wir die „Held_innen“ des Romans in Deutz bei Köln um 1588: Sie sind alle erst um die siebzehn Jahre alt, aber natürlich schon miteinander verheiratet, eine von ihnen ist schwanger, und sie benehmen sich generell deutlich älter. Dann ist die Rede davon, dass ja eh niemand alt wird. Diese Klischees der Mittelalterfiktion sind nicht besonders hieb- und stichfest, und natürlich auch in der Frühen Neuzeit nicht richtiger. Dass immer wieder gewollt archaisch von „meinem Weib“ gesprochen wird, während der Schreibstil ansonsten sehr modern ist, fand ich besonders unangenehm zu lesen.

Die beiden Ehepaare wollen aus Deutz flüchten, weil dort gerade der Truchsessische Krieg wütet: Der Kölner Erzbischof ist zum Protestantismus übergetreten und daraufhin seines Amtes enthoben und exkommuniziert worden. Den neuen Kölner Erzbischof aus einem bayrischen Adelsgeschlecht erkennt er allerdings nicht an und so kommt es zum Krieg zwischen kölnischen und bayrischen Truppen. Das alles weiß ich leider nicht aus „Tränen der Erde“, das sich mit solchen Informationen leider sehr zurückhält, sondern von meiner kurzen Internetrecherche, ohne die ich nicht verstanden hätte, was genau im Roman eigentlich gerade passiert.

Als der erste Fluchtversuch scheitert, fällt Johannes dann ein, dass er die ganze Zeit das „Passierwort“ für eins der Stadtore kannte. Er heckt einen schlauen… naja, er heckt einen Plan aus. Er will die bayrischen Truppen eigenhändig in die Stadt führen, denn dann besetzen sie Deutz bestimmt friedlich und zünden nichts an und bringen auch niemanden um. Quelle surprise, so läuft das dann nicht ab, Deutz wird dem Erdboden gleichgemacht und die beiden Ehepaare sind zwar durch den Verrat zu reichen Leuten geworden, müssen aber nun mit ihrer Tat leben. So weit so gut, der Roman springt ins Jahr 1606 und die Haupthandlung beginnt.

An sich finde ich diese Prämisse gar nicht schlecht: Der Verrat, der zwei Familien ein Leben lang verfolgt, politische Intrigen, das ist eigentlich genau mein Ding. Ich fand es hier aber leider viel zu platt gemacht. Dass Johannes‘ Plan nicht aufgehen kann, ist doch von Anfang an klar und vor allem funktionieren so Religionskonflikte in der Frühen Neuzeit nicht. Städte funktionieren so in der Frühen Neuzeit nicht. Die Politik funktioniert so in der Frühen Neuzeit nicht. Leider geht der Roman jedoch genau so weiter: Nicht besonders gut durchdacht wirkende “Action”-Sequenzen statt interessanter, verzwickter Intrigen.

Damals war das nicht so… 

Darüber hinaus fand ich die Darstellung der Frauenfiguren sehr unangenehm zu lesen, auch über das abwertende und zudem schlicht und ergreifend falsch verwendete “Weib” hinaus. Während die Männer die eigentlichen Helden sind, die Schurken jagen und Geschäfte machen, sind die Frauen damit beschäftigt Kinder zu bekommen und Geliebte oder gute Mütter zu sein, oder zu sterben, unter anderem durch Schwangerschaften. Dieses Frauenbild wird natürlich nirgends reflektiert, stattdessen dürfen Helene und Agnes hin und wieder schlagfertige Antworten geben, um ihnen zumindest einen oberflächlichen Anstrich von “starken Frauen” zu geben.

An sich steckt in “Tränen der Erde” sehr viel unangefochtenes “Damals war das halt so“, wenn Figuren, die eigentlich doch die Guten sein sollen, einfach mal nebenbei LGBTQ- oder fremdenfeindliches Gedankengut äußern, ohne, dass das aufgearbeitet wird, weil “So war das damals halt, was soll man machen?” Dass ich davon kein Fan bin, weil historische Romane von modernen Autor_innen für moderne Leser_innen geschrieben sind, ist ja allgemein bekannt. Hier kommt hinzu, dass es nicht einmal Bewandnis für die Handlung hat. Es wird einfach so eingestreut, nach dem Motto “Weil ich es halt kann”, und das muss schon gar nicht sein.

Am Ende war “Tränen der Erde” für mich leider eine Enttäuschung. Anstelle von politischen Details zu den Wirren der späten Reformationszeit, verzwickten Intrigen und komplexen Figuren ist der Roman komplett auf Kopfkino angelegt: Brennende Städte, Passierwörter, Geheimgänge, finstere Gestalten, die verfolgt werden müssen, Schlägereien und erwachsene Männer als Protagonisten, die sich streiten und beschimpfen wie Schulkinder (“Leck mich am A*sch!” – “Nein, leck du mich!”). Das wäre an sich ja nicht unbedingt etwas Schlimmes, wenn darunter nicht die Handlung so sehr leiden würde.

Gut recherchiert, aber nicht gut umgesetzt

Ich möchte gar nicht behaupten, dass “Tränen der Erde” nicht gut recherchiert ist, denn das würde nicht stimmen. Die Umsetzung dieser Recherche in einen spannenden Roman hat jedoch zumindest für mich nicht funktioniert. Infos werden zum Beispiel auch selten in den Text eingewoben, sondern einfach als Fußnoten angehängt. Und über allen noch so gut recherchierten Fakten hängen die vielen Klischees, die unglaubwürdige Handlung, die sich eher nach Action-Film liest, und die leider eher platten Figuren, deren Beziehungen oberflächlich wirken, weshalb auch der Konflikt um die Freundschaft, die zur Fehde wird, für mich nicht gezündet hat.

Und da fällt der Roman dann zumindest für mich flach. Er möchte eine Geschichte über den Vorabend des Dreißigjährigen Krieges und die späte Reformationszeit sein. Er möchte eine epische Familiensaga sein und eine Geschichte über den Konflikt zwischen Katholiken und Lutheranern. Dafür ist der Roman aber einfach nicht komplex genug aufgezogen, weder die Handlung, noch die vielen Figuren, noch die Einbindung historischer Umstände. Wer historische “Action”-Romane mit Geheimgängen, Schlägereien und Verfolgungsjagden mag, wird hier sicherlich ganz gut unterhalten. Aber das komplexe Familienepos voller Intrigen, das der Klappentext verspricht, ist “Tränen der Erde” nicht.


Vielen Dank an BloggerPortal und den Heyne-Verlag für das Rezensionsexemplar.


Tränen der Erde | Heyne, 2019 | 978-3-453-43978-8 | 560 Seiten | Deutsch