1868. Paula Cooper führt ein zurückgezogenes Leben, bis sie einen unerwarteten Brief erhält. Ihr schwer kranker Onkel Rudy bittet eindringlich um ihren Besuch – im fernen Bonn. Voller Neugier reist Paula von England an den Rhein. Fasziniert von der malerischen Landschaft entdeckt sie eine fremde Welt und lernt den Fotografen Benjamin Trevor kennen. Aber sie ahnt, dass ihr Onkel etwas verheimlicht, und auch die Widersprüche um das Schicksal ihres verstorbenen Vaters mehren sich. Welcher dunklen Wahrheit über ihre Familie muss sich Paula stellen?


Inhaltswarnung
Tod einer LGBTQ-Figur (sehr behutsam und mMn. unproblematisch umgesetzt), kaputte Familien, Krankheit/Tod (Herzinfarkt, Herzschwäche)

Meine Gedanken

Susanne Gogas Romane sind perfekt für den Herbst, selbst, wenn sie im Frühsommer spielen: In “Die vergessene Burg” nimmt die Autorin diesmal in eine Gegend mit, die mir persönlich nie viel gesagt hat. 1868 reist die Britin Paula Cooper nach Bonn an den Rhein, um einen Onkel kennenzulernen, der ihr ihr Leben lang verschwiegen wurde, und um mehr über ihre Familiengeschichte zu erfahren, besonders über ihren jung verstorbenen Vater, an den Paula sich kaum erinnern kann und auf dessen Spuren sie Bonn und die Umgebung bewandert.

“Die vergessene Burg” ist eine gelungene Mischung aus spannender Familiengeschichte und gemütlichem Mysteryrroman, der – wie eigentlich alle Romane der Autorin – durch eine sehr eigene, dichte Atmosphäre besticht. Gemeinsam mit Paula lernt man die Universitätsstadt Bonn kennen, wie es sie heute in dieser Form nicht mehr gibt, sowie die Weinberge, Burgen und Schlösser der Rheingegend. “Die vergessene Burg” überzeugt mit alten Rheinlegenden, interessanten Figuren und lebendig beschriebenen historischen Details.

Spannende Figuren und atmosphärisches Setting

Sehr gut gefallen hat mir auch, dass es Susanne Goga gelingt einen subtil feministischen und vor allem authentischen Blick auf Frausein im 19. Jahrhundert zu werfen: Paula Cooper ist 32 Jahre alt und lebt das einsame, zurückgezogene Leben einer Gesellschafterin. Immer wieder wird ihr gesagt, dass sie ihrer gesellschaftlichen Stellung wegen weder auf eine Heirat, noch auf Selbstständigkeit hoffen darf. Doch Paula sprengt die Fesseln dieses trostlosen Alltags und wagt sich auf eine Reise ins Ausland, die ihr Leben für immer verändern wird.

Susanne Goga schildert die oft erdrückenden gesellschaftlichen Konventionen und Moralvorstellungen in Deutschland und England in der Mitte des 19. Jahrhunderts authentisch, aber ohne unnötiges Drama. Vor allem schildert sie jedoch, wie ihre Figuren Wege finden trotz dieser Konventionen und Diskriminierungen glücklich zu werden. Das gilt für Paula selbst als mittellose Frau, aber auch für die LGBTQ-Figuren im Roman, deren sehr positive komplexe Darstellung mir auch im Kontext des gut recherchierten historischen Hintergrunds wieder sehr gut gefallen hat.

“Die vergessene Burg” ist die spannende Geschichte einer Frau auf der Suche nach ihrem unbekannten Vater, aber es geht auch viel um Verlust und die Bewältigung von Trauer und vor allem um Selbstverwirklichung. Ob das nun Paula selbst ist, die entdeckt, dass ihr das Leben viel mehr zu bieten hat, als man ihr zugestehen wollte, oder Benjamin Trevor, der als Fotograf durch die Welt reist, oder Paulas Onkel Rudy, der als Bohemien in Bonn lebt und sein Leben trotz einer schlimmen Herzkrankheit in vollen Zügen genießt und auskostet.

Familiengeschichte mit Mystery-Flair

Es gelingt Susanne Goga hier einmal wieder eine gemütliche, emotionale Geschichte zu erzählen, die jedoch gleichzeitig komplex ist und düstere Momente zulässt. Hier ist Platz für romantische Rheinwanderungen, urige Gasthöfe und ausgedehnte Teestunden, gleichzeitig aber auch für dunkle Legenden, hässliche Geheimnisse und die Aufarbeitung von Verlust und Trauer. Wer gemütliche Mystery-Geschichten mag, am besten mit ganz viel Lokalkolorit und historischen Details, ist bei Susanne Goga immer richtig und bei “Die vergessene Burg” besonders.

Neben der spannenden Geschichte bietet der Roman auch einen tollen Einblick in das historische Bonn und die Rheingegend, gespickt mit Gastauftritten von historischen Persönlichkeiten, Heine-Zitaten und manchmal emotionalen, manchmal witzigen Dialogen, besonders zwischen Paula und Benjamin und/oder Onkel Rudy. Ich wusste vor dem Lesen nichts über die “englische Kolonie” in Bonn und wie britische Touristen zum heutigen romantischen Ruf der Gegend beigetragen haben und habe die atmosphärisch eingebundenen Infos sehr gemocht.

Am Ende würde ich “Die vergessene Burg” allen Fans von gemütlichen, ruhigen Mystery-Familiengeschichten empfehlen, die atmosphärische, gut recherchierte Settings mögen. Susanne Gogas Roman ist dicht und emotional erzählt und überzeugt auch durch seine komplex geschriebenen Frauen- und LGBTQ-Figuren. Alles in allem ist “Die vergessene Burg” einfach ein sehr gut erzählter, mehr als solide recherchierter historischer Roman, der gemütlich-düster eine spannende Familiengeschichte erzählt und zudem Figuren mitbringt, die man ins Herz schließt und nicht so schnell wieder vergisst.


Die vergessene Burg | Diana, 2018 | 978-3-453-35972-7 | 448 Seiten | deutsch