1847: Eine brutale Mordserie an jungen Frauen erschüttert Edinburgh. Alle Opfer sind auf dieselbe grausame Weise gestorben. Zur gleichen Zeit tritt der Medizinstudent Will Raven seine Stelle bei dem brillanten und renommierten Geburtshelfer Dr. Simpson an, in dessen Haus regelmäßig bahnbrechende Experimente mit neu entdeckten Betäubungsmitteln stattfinden. Hier trifft Will auf das wissbegierige Hausmädchen Sarah, die jedoch einen großen Bogen um ihn macht und rasch erkennt, dass er ein dunkles Geheimnis mit sich herumträgt…


Inhaltswarnung
Schwangerschaft und Geburt, Blut/Gore, Tod im Kindsbett, Tod von un- und neugeborenen Kindern, Amputation, negative Darstellungen von Sexwork und Schwangerschaftsabbrüchen

Meine Gedanken

Ich weiß nicht, woran es liegt, doch ich habe noch nie einen Victoriana-Krimi getroffen, der mir wirklich gefallen hat, obwohl ich die Epoche so liebe. Leider bildet „Die Tinktur des Todes“ da auch keine Ausnahme. Das Autorenduo Ambrose Parry – Schriftsteller Chris Brookmyre und Anästhesistin und Medizinhistorikerin Dr. Marisa Haetzman – schafft hier einen weiteren gewollt düsteren, schmutzigen Victoriana-Thriller, dem es aber deutlich an Substanz und vor allem an einem roten Faden fehlt. Ein Lesevergnügen war „Die Tinktur des Todes“ deshalb nicht.

Der 19-jährige Will Raven (ja….) ist Medizinstudent in Edinburgh und tritt zu Beginn des Romans seine Ausbildungsstelle beim renommierten Geburtshelfer und Anästhesisten Dr. Simpson an. Wie jemand wie Raven, der weder einen hohen gesellschaftlichen Rang noch ein Vermögen vorweisen kann, dazu kommt ein teures Medizinstudium und eine noch teurere Ausbildung zu finanzieren, bleibt ungeklärt. Gleichzeitig erschüttert eine Mordserie das Edinburgh von 1847: Immer wieder werden die merkwürdig verrenkten Körper junger Frauen gefunden, unter ihnen auch Ravens beste Freundin Evie.

Wenig Krimi und viel “So war das damals halt für Frauen”

„Die Tinktur des Todes“ scheint leider nicht so ganz zu wissen, ob es nun ein harter Victoriana-Thriller sein möchte, oder nicht doch eher ein historisches Medizindrama. Der Krimi konnte mich daher auch nicht überzeugen, denn er kommt verwaschen und farblos daher. Raven und das Hausmädchen Sarah Fisher, der er bei Dr. Simpson begegnet, ermitteln ein bisschen, die meiste Zeit läuft der Krimi aber auf Sparflamme und wer hier aus welchem Grund junge Frauen ermordet, habe ich mir schon nach knapp 30% des Romans zusammengereimt, Überraschungen gab es am Ende keine.

Auch als Medizindrama lässt „Die Tinktur des Todes“ jedoch viel zu wünschen übrig. Während Sarah den bereits bekannten Fake Feminism, der im Genre so beliebt ist, raushängen lässt und glaubt, sie hätte im Gegensatz zu anderen Frau mehr im Leben verdient, als nur Hausmädchen zu sein, baut der gesamte Plot auf dem Leid von Frauen auf: Frauen sterben hier so zahlreich, teils grausam und blutig, bei Operationen und Geburten, dass es mich abgestoßen hat. Alle paar Seiten unterbricht eine weitere, für die Handlung komplett belanglose Szene den Roman, in dem wieder Mutter und/oder Kind graphisch beschrieben ums Leben kommen.

Es ist richtig, dass die Medizin Mitte des 19. Jahrhunderts auch in der Hochburg der Wissenschaft, Edinburgh, noch nicht sehr weit war. Aber die Art, wie „Die Tinktur des Todes“ diesen Umstand einmal mehr auf den Schultern der weiblichen Figuren ausschlachtet und zur Schau stellt, ist in meinen Augen nicht mehr haltbar. „Die Tinktur des Todes“ lebt davon, dass es Frauen zeigt, die sterben, bluten, leiden, Schmerzen haben, umgebracht werden und/oder ihre Kinder verlieren. Beinahe schon inflationär wird dieses Leid gezeigt und ist am Ende doch wieder nur ein Gimmick, denn es geht nicht um diese Frauen, sie sind Mittel zum Zweck.

Im Mittelpunkt stehen Männer wie Will Raven, Dr. Simpson oder auch Simpsons Kollegen Keith, Duncan und Beattie, die mit kaltem, „professionellem” Blick das Leid dieser Frauen schildern, gemütlich am Esstisch diskutieren und teilweise herbeiführen. „Die Tinktur des Todes“ stammt nicht komplett aus der Feder eines männlichen Autoren, doch es treibt den (natürlich cis) männlichen Blick auf weibliches Leid auf die Spitze und reflektiert gar nicht, wie diese Männer als Retter und Helden dieser Frauen inszeniert werden, die nur helfen wollen – und sich gleichzeitig karrieretechnisch am Leid dieser Frauen bereichern.

Kalte Fakten statt lebendigen Figuren

Irgendwo in „Die Tinktur des Todes“ steckt das Potential für einen spannenden Medizin-Thriller. Der Roman hätte die Chance gehabt, die misogyn gefärbte Medizin des 19. Jahrhunderts zu reflektieren und diese Ungleichheiten auf den Tisch zu bringen, doch das tut er nicht, nicht einmal in Sarahs Perspektive, denn Sarah ist damit beschäftigt darüber zu lamentieren, dass sie nicht selbst Ärztin werden darf, obwohl sie doch genauso schlau ist wie Raven und vor allem schlauer und selbstständiger als Frauen wie Mina Grindlay, deren Suche nach einem Ehemann und drohende Abhängigkeit von der Gunst ihrer Familie als eine Art Running Gag hergenommen wird.

Dazu kommt, dass „Die Tinktur des Todes“ vollkommen blutleer erzählt ist. Die Sprache ist gewollt archaisch und gestelzt, was schon beinahe unfreiwillig komisch wirkt, wenn vom Bettler über die Köchin bis zum Hausmädchen und Arzt alle Figuren sprechen wie die hochadelige Großmutter aus „Downton Abbey“. Es liest sich, als würden sie gerade ein Stück von Oscar Wilde aufführen, komplett mit dramatischer Gestik und Betonung. Aber lebendig wirken hier weder das faszinierende Setting Edinburgh um 1850, noch die Figuren.

Es gibt viele, leider oft trockene Exkurse in die Welt der Medizin und Technik im 19. Jahrhundert. Fotografie, Medizin, Geburtshilfe, Anästhesie und so weiter und so fort, gespickt mit kalten Fakten und Gastauftritten historischer Persönlichkeiten, Fachwörtern und langen Monologen von schlauen Menschen, aber was es nicht gibt, sind Emotionen. Raven ist ein kalter Protagonist. Uns wird gesagt, dass ihm die tote Evie leid tut, es wird gesagt, dass er den Tod einer Patientin bereut, aber beides vergisst er nach ein paar Seiten wieder, beides beschäftigt ihn nicht wirklich, außer es geht ihm um seine Karriere.

Vielleicht etwas für Genrefans…

Am Ende vereinen sich in „Die Tinktur des Todes“ viele Elemente des Genres, die mich stören. Der Plot fußt auf dem Leid von Frauen und weiß nicht genau, was er nun sein möchte: Historisches Medizindrama oder grim-and-gritty-Thriller. Der Held ist kalt und unsympathisch, der Feminismus der Heldin leer und vorgeschoben, Mörder und Motiv leicht zu erraten, und die durchaus umfangreiche Recherche fließt nicht in ein lebendiges, überzeugendes Setting, sondern in trockene Exkurse, die die Handlung ausbremsen und nichts zum Plot beitragen.

Ich bin immer auf der Suche nach historischen Krimi-Reihen, doch „Raven, Fisher & Simpson“ wird keine Reihe sein, die ich weiterlesen werde. Ambrose Parry haben in einem Interview gesagt, sie wollten die faszinierende und düstere Geschichte von Edinburgh als Hauptstadt der medizinischen Forschung im 19. Jahrhundert lebendig machen. Das haben vor ihnen aber schon ganz andere besser gemacht – sogar der Comedy-Horrorfilm „Burke & Hare“ von 2010, der sich nicht so ernst nimmt, wie dieser Roman.

„Die Tinktur des Todes“ reiht sich deshalb beinahe nahtlos in das Genre ein: Übertrieben düster und blutig, mit „coolen“ Helden mit dunkler Vergangenheit und maßloser Intelligenz ausgestattet, eine Prise typischer Histo-Feminismus dazu, und sehr viele leidende, sterbende Frauen, weil „damals war das ja so“, fertig. Ich denke, dass der Roman Fans des Genres tatsächlich gefallen könnte, auch, wenn ich das nicht nachvollziehen kann. Aber ich erwarte von historischen Krimis spannende, verzwickte Fälle und einen roten Faden und beides konnte ich hier leider nicht entdecken.


Ich habe die englischsprachige Originalfassung gelesen, weshalb ich leider nicht beurteilen kann, wie gut die deutsche Übersetzung gelungen ist.


Weitere Meinungen:

Histolicious | Kritische Rezension


Die Tinktur des Todes | Raven, Fisher & Simpson #1 | Pendo, 2020 | 978-3-86612-472-1 | 464 Seiten | deutsch | Übersetzer: Hannes Meyer | OA: The Way of All Flesh, 2018