Italien, März 1899. Die junge Nell reist mit ihrem Mann Oliver an die ligurische Küste, um in Bordighera ihre Flitterwochen zu verbringen. Das Paar logiert im luxuriösen Grandhotel Angst. Nell ist von dem großartigen Gebäude, dem exotischen Hotelpark und dem Blick aufs funkelnde Meer fasziniert. Doch zu ihrer Überraschung kennt Oliver nicht nur bereits das Personal und einige Gäste, sie scheinen auch Geheimnisse zu teilen.

Als ein Hotelgast überraschend verstirbt, beginnt Nell, nachzuforschen. Und stößt auf eine Geschichte von Schuld und Verrat – und auf eine unheimliche Legende, die sie in ihren Bann zieht. Bis sie plötzlich selbst im Verdacht steht, ein Verbrechen begangen zu haben …


Inhaltswarnung
Gewalt/Blut, Suizid, Unfalltod durch Ertrinken, Zugunfall, Tod durch Verbrennen, Psychische und körperliche Gewalt durch einen Ehepartner und Eltern, Roma-Feindlichkeit (Z-Wort und klischeehafte Darstellung)

Meine Gedanken

Das Grandhotel mit dem ungewöhnlichen Namen Angst, das diesem Roman seinen Titel und Schauplatz gibt, gab es wirklich: Es war eines der vielen Luxushotels entlang der italienischen und französischen Riviera, in denen Europas High Society in der Belle Époque überwinterte. Benannt ist das Hotel ganz unspektakulär nach Hotelier Adolf Angst. Nachdem das Hotel lange leer stand und mehr und mehr zur Ruine verfiel, wird es seit 2017 renoviert: Es ist auf jeden Fall ein Zeitzeuge der Belle Époque, der uns – gerade noch so – erhalten geblieben ist.

Emma Garnier suchte sich diesen interessanten Ort als Setting für ihren Belle-Époque-Schauerroman aus: Im Jahr 1899 reist die 21-jährige Nell mit ihrem älteren Ehemann, dem Kunsthändler Oliver Dickinson, nach Bordighera. Hier möchte das Paar eigentlich unbeschwerte Flitterwochen verbringen, doch schon bald entdeckt Nell dunkle Geheimnisse: Des Hotels, aber auch ihres neuen Ehemanns, den sie eigentlich kaum kennt. Denn angeblich spukt ein rachsüchtiger Geist im Hotel – den Oliver besser kennt, als er vor Nell zugeben möchte.

Schillernde Belle Époque und Italien-Feeling

Das Grandhotel Angst bei Bordighera auf einer Postkarte, ca. 1900

Der Roman besticht ganz klar mit seiner düster-bunten Atmosphäre: Emma Garnier beschwört gekonnt lebendige Bilder der ligurische Riviera herauf: Die bunten Blumen, die Hitze, die Straßen von Bordighera und Sanremo, genauso wie heftige Frühlingsstürme, ein eindrücklich beschriebenes Palmsonntagsfest und die Casinos von Monte Carlo. Das habe ich gern gelesen. Das sommerliche, helle Ligurien ist ein ungewöhnliches Setting für einen Schauerroman, aber eben genau deshalb auch ein interessantes. Diese Balance gelingt Garnier sehr gut.

Ebenso wird das fin de siècle bei ihr richtig lebendig. Ja, es gab ein paar Ausrutscher (über die “zurückgegelten” Haare eines Mannes musste ich kurz schmunzeln), aber alles in allem steckt in “Grandhotel Angst” sehr viel schillernde Belle Époque, sehr viel Dekadenz und vor allem Liebe zum Detail: Bordighera und der Rest der Riviera als aufblühendes Urlaubsparadies für reiche Europäer_innen ist sehr gut getroffen. Handwerklich ist “Grandhotel Angst” also ein wirklich gutes Buch, das ich auch allein für seine Beschreibungen von Setting und Epoche gern gelesen habe.

“Enthüllungen” und “Überraschungen”

Trotzdem war der Roman für mich eher ein durchwachsener Spaß. Das liegt daran, dass man über die Handlung wirklich nicht zu viel nachdenken darf, denn sie ergibt leider nicht allzu viel Sinn. Emma Garnier hat einen guten Ansatz gewählt: “Grandhotel Angst” ist ein klassischer Gothicroman. Im Hotel Angst spukt es, ein grausames Verbrechen soll nicht vergessen werden, und die Heldin gelangt ans Ende ihrer Kräfte. Wem kann sie trauen? Was ist an den Geistergeschichten dran und was geschieht am Ende doch durch (lebendige) Menschenhand?

Das Problem ist, dass die Autorin schockierende Enthüllungen leider logischen Entwicklungen vorzieht. Die ersten 200 Seiten waren richtig spannend und haben mir sehr gefallen: Nell erzählt in Rückblenden wie ihre harmonischen Flitterwochen sich langsam in einen Albtraum verwandeln, während sie auf der Flucht vor der italienischen Polizei ist. Ich hatte richtig Spaß mit dem Buch, wollte mitraten, was Nell getan hat und was im Hotel vorgefallen ist, und wie alles mit dem Geist der unheimlichen Lucrezia zu tun hatte.

Die Auflösung, die einem dann auf den letzten ca. 100 Seiten geboten wird, ist aber leider nur absurd. Die “schockierenden” Wendungen wirken konstruiert und ergeben auch nicht immer Sinn, Figuren tun Dinge, die ebenfalls aller Logik entbehren, weil sie es eben tun müssen, damit die Leser_innen denken, sie kennen die Wahrheit, obwohl es eigentlich nochmal ganz anders ist. Leider habe zumindest ich die eigentliche Auflösung von Anfang an am Horizont kommen sehen, weshalb das ganze Hin und Her für mich dann gar nicht mehr funktioniert hat.

Leider stützt sich die Autorin für meinen Geschmack auch zu oft auf müde Genreklischees, ohne diesen einen frischen Anstrich zu geben. Darunter ist leider auch das rassistische Bild der mysteriösen Roma, die ihre Feinde verflucht. Aber auch der unheimliche Spiegel ist dabei, das lügende Hausmädchen, gruselige Ereignisse bei Sturm, einfach so verschwindende Gegenstände… Natürlich ist es okay die klassischen Gruselelemente zu benutzen, aber ich hätte mir einfach dazu ein bisschen mehr Originalität (und vor allem weniger -ismen) gewünscht.

Naiv ist gar kein Ausdruck

Dasselbe gilt für Nell als Heldin. Für den Großteil des Romans funktioniert sie als klassische “gothic heroine”: Gutherzig aber naiv heiratet sie einen älteren Mann, den sie kaum kennt, um ihren überfürsorglichen Eltern und der Langeweile ihres Alltags zu entkommen. Der Kunsthändler Oliver bietet ihr Reichtum und Luxus, doch gleichzeitig hütet er Geheimnisse vor ihr und ist manchmal kalt und abweisend. Nells Situation erinnert oft an “Rebecca” von Daphne du Maurier, was ich mochte.

Allerdings hat mir Nell zum Ende hin immer weniger gefallen. Nach einer besonders unglaubwürdigen Szene, in der Nell einen handfesten Beweis für die Mitschuld einer Person findet und einfach nicht versteht, was sie da in den Händen hält, musste ich das Buch kurz weglegen und in die Kamera gucken, als wäre ich bei “The Office”, es war so offensichtlich. Nell entwickelt sich angeblich vom naiven Mädchen zur selbstbewussten Frau, doch davon habe ich leider nicht sehr viel gesehen, es wurde mir nur erzählt.

Richtig unschön fand ich außerdem Nells Rechtfertigungen des missbräulichen Verhaltens der Männer in ihrem Leben. Bei ihrem Mann Oliver wirkt das noch recht reflektiert: Es gehört zu ihrer Entwicklung als Romanfigur zu erkennen, was ihr in ihrer Ehe mit ihm passiert. Aber dass sie ihren Vater bis zum Ende dafür in Schutz nimmt, sie eingeengt und sogar geschlagen zu haben, weil er sich ja nur Sorgen gemacht hat, ging für mich einfach nicht. Generell werden Missbrauch und Manipulation oft von Nell nicht erkannt und demnach eben auch nicht reflektiert.

Wunderbares Setting, wunderlicher Plot

Am Ende ist “Grandhotel Angst” für mich nicht Fisch, nicht Fleisch. Der Roman funktioniert als Belle-Époque-Roman auf ganzer Linie. Epoche und Setting sind wunderschön beschrieben und durch viele Details in Szene gesetzt, allein dafür habe ich den Roman gern gelesen. Zu zwei Dritteln hat er mir auch tatsächlich sehr gut gefallen. Er war spannend, interessant und brachte auch ein paar subtile Gruselmomente mit, die sich aber eher aus Nells und Olivers psychischen Abgründen ergeben, als aus der Geistergeschichte rund um Lucrezia und das Hotel.

Trotzdem kann ich natürlich nicht darüber hinwegsehen, wie verworren die Auflösung ist. Am Ende passiert mir einfach zu viel und nichts davon hat mir so richtig gefallen, vor allem, weil vieles nicht allzu viel Sinn ergeben hat und nur auf den Überraschungsfaktor ausgelegt wirkte – Der dann nicht einmal funktionierte, weil die “Überraschungen” vorhersehbar waren. Für die ersten zwei Drittel hätte ich deshalb fast die volle Punktzahl gegeben, aber im Großen und Ganzen wäre “Grandhotel Angst” ein klassisches Drei-Punkte-Buch, würde ich Punkte vergeben.

Der kurze Roman lohnt sich für sein gut recherchiertes Setting und für sein Auflebenlassen der Riviera im fin de siècle. Er lohnt sich auch für die Geschichte, aber eben nicht bis ganz zum Ende. Trotzdem lässt sich “Grandhotel Angst” sehr gut weglesen und macht auch – zum größten Teil – Spaß – Wenn man nicht allzu viel über die Handlung und die Entscheidungen der Figuren nachdenkt. Am Ende wirkt der Roman unausgegoren, als hätte daraus mehr gemacht werden können, und das ist immer schade.


Grandhotel Angst | Penguin, 2017 | 978-3-641-20151-7 | 321 Seiten | Deutsch